KÜSS MICH SPÄTER...

INHALT

Kapitel 1

Ab in den Süden

Kapitel 2

Das grüne Paradies

Kapitel 3

Liebe auf den ersten Hass

Kapitel 4

Die Scheune

Kapitel 5

Gefühlsausbrüche

Kapitel 6

Schweigen

Kapitel 7

Schnaps

Kapitel 8

Der Tag danach

Kapitel 9

Entschuldigen für Anfänger

Kapitel 10

Liebe auf den zweiten Blick

Kapitel 11

Gestatten, O´Shay

Kapitel 12

Blind vor Eifersucht

Kapitel 13

Kalt erwischt

Kapitel 14

Kennenlernen

Kapitel 15

Von A(bschied) bis Z(ukunft)

 

 

 

Kapitel 1

Ab in den Süden


 

Eine unüberhörbar schrille Glocke läutete den Beginn der Sommerferien ein.

Unzählige Schüler gaben sich draußen am Schulhof mit nervenschwachen Lehrern ein Stelldichein.

Beide Seiten, seien sie sich auch noch so fremd, verfolgten denselben Plan, raus aus der Schule und endlich Urlaub.

Der Menschenauflauf verlief sich allmählich und zurück blieben zwei Mädchen, die sich im hintersten Winkel des Hofes eine Bank teilten.

Blauer Zigarettendunst stieg über den Köpfen der Beiden auf. Ein lautes Gelächter verstummte langsam.

>>Was für eine Ironie, das ganze Jahr über zählen wir jede Minute bis zum Unterrichtsende und jetzt wo uns zwei Monate Freiheit erwarten, sitzen wir hier wie die Streber vom Dienst!<<

>>Wundert dich das?<<, erwiderte die große Blonde mit einem teils genervten, teils auch deprimierten Gesichtsausdruck.

>>Ach, zieh nicht so ein Gesicht Sam, du lässt dir doch auch sonst nicht so schnell die Stimmung vermiesen<<, versuchte die zierliche Brünette ihre Freundin aufzuheitern.

>>Ja, sonst geht es aber auch meistens nur um irgendwelchen ignoranten Lehrer, mit denen man über sowieso ungerechtfertigte Dinge debattiert, die sich letzten Endes als irrelevant erweisen. Außerdem hast du gut Lachen, dir wird dein Leben nicht von deinen Eltern zerstört.<<

Pia lachte, sie liebte es wenn ihre Freundin Sam ihren Groll wegzureden versuchte und ohne Frage, wegreden war eine ihrer Spezialitäten.

>>Mach dir doch nichts draus! Vielleicht wird´s ganz toll, du weißt ja; gerade dann, wenn man nicht damit rechnet hat man den größten Spaß.<<

>>Ja, das gilt für eine Party auf die man von einer Freundin geschleppt wurde - eine die dermaßen langweilig war, dass sogar der Papst himself weggenickt wäre - man sich dann zwecks grober Sinnlosigkeit volllaufen lässt und aus purem Zufall, beinahe einem süßen Typen vor die Füße kotzt, der einen dann nachhause bringt, aber das gilt nicht für meine Sommerferien!<<

Pia lachte und musste sich eingestehen, dass Sam Recht hatte. Solange hatten die beiden Freundinnen ihre Sommerferien geplant. Seit Weihnachten wussten sie schon, dass sie ihre Tage im Freibad verbringen wollten, mit all den Jungs aus den höheren Klassen, mit denen sie dann abends in den Bars feiern wollten. Sie hatten vor viel zu essen, noch mehr zu schlafen und nicht einen einzigen Gedanken an irgendwelche Tests oder Referate zu verschwenden. Sie wollten sich über all Jene lustig machen, die gezwungen waren mit ihren Eltern ihre Ferien in irgendeinem Club in der Türkei zu verbringen, in dem sich stümperhafte Animateure daran versuchten, die genervten Touristen dem Wahnsinn stets ein Stück näher zu bringen.

So lautete der Plan, zumindest solange, bis Sam von den Plänen ihrer Eltern erfuhr. Obwohl sich die Beiden schon vor Jahren getrennt hatten, brachten sie es noch immer zustande, ihrer Tochter im Doppelpack das Leben kontinuierlich ein bisschen schwerer zu gestalten

>>Du hast ja Recht, aber was willst du machen? Du kannst deinen alten Herrn schließlich nicht alleine lassen.<<

>>Nein, kann ich nicht<<, erwiderte Sam einsichtig.

>>Wäre ja auch nicht so schlimm, wenn er gesagt hätte: „Hey Sam, was hältst du von sechs Wochen Ibiza? Wir haben schon ewig keinen Urlaub mehr gemeinsam verbracht, und dieses tropische Paradies eignet sich prächtig dazu.“<<

Pia schmunzelte, sie konnte nachvollziehen wie sehr Sam unter den eigenwilligen Urlaubsvorstellungen ihres Vaters zu leiden hatte. Auch sie selbst musste schließlich ihre Pläne über Bord werfen und nun sehen, wie sie ohne ihre Freundin zurechtkam.

>>Hey ihr zwei qualmenden Launen der Natur, seid ihr noch nicht auf dem Weg in die heiß ersehnten Ferien?<<

Die Mädchen waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht gemerkt hatten, wie sich Bastian von hinten näherte.

Er war ein ziemlich außergewöhnlicher Typ, nicht nur aufgrund seiner reichen Eltern, sondern vielmehr wegen seiner großen Klappe. Bastian war bekannt für seine, oft sarkastischen Bemerkungen und bei den Mädchen vor allem für sein gutes Aussehen.

Er vereinte eigentlich alle Eigenschaften in sich, die sich Sam an einem Jungen wünschte, nur war ihr dass noch nie wirklich bewusst geworden. Sie waren seid dem Kindergarten befreundet und trafen sich auch heute noch regelmäßig, nicht nur in der Schule. Bastian war, wenn man es denn so nennen wollte, neben Pia ihr bester Freund. Dieser Umstand, machte ihn für Sam bislang so androgyn wie ein Seepferdchen.

>>Gegenfrage, was hast du denn noch hier verloren? Solltest du nicht schon in einem Flieger Richtung Dubai sitzen und dir südländische Frauen im Bikini vorstellen, die dir bunte Cocktails mit Papierschirmchen reichen?<<

>>Schön wärs.<<

>>Was denn, fallen deine Ferien auch anders aus als geplant?<<, wollte Pia wissen und musterte Bastian, der sich mehr verträumt als gewohnt lässig über die Bank gelehnt hatte.

>>Ja, mein Vater hat den Urlaub abgeblasen weil es zurzeit mit seiner Arbeit Probleme gibt, aber was heißt hier auch? Wolltet ihr nicht im Freibad Typen aufreißen bis der Arzt kommt?<<

>>Ich würde es vielleicht anders formulieren, aber im Großen und Ganzen hast du Recht<<, gab Sam zur Antwort und zündete sich noch eine Zigarette an.

>>Wie jetzt? Sind euch die Typen weggelaufen oder ist das Wasser im Freibad ausgegangen?<<, scherzte Bastian und wartete neugierig auf eine Antwort.

>>Ja genau, als die Anderen erfahren haben was wir vor haben, haben sie den Stöpsel im Freibad gezogen und alle Jungs ins Kloster geschickt<<, entgegnete Sam, bereits wieder leicht genervt von der harten Realität.

>>Sam kann nicht<<, nahm Pia die Antwort vorweg.

>>Mein Vater macht einen auf sentimental, aus irgendeinem, mir wirklich schleierhaften, Grund<<, murmelte Sam.

>>Und was heißt das im Klartext?<<, wollte Bastian wissen.

>>Das heißt, dass ich wegfahre. Für vier lange Wochen. Irgendwo ins Nirgendwo!<<

>>O Gott, muss man dir wirklich alles aus der Nase ziehen?<<

>>Mein Vater hat mich dazu verdonnert mit ihm die Ferien zu verbringen. Dann, wenn Andere nach Mallorca oder nach Italien fahren, werde ich Freundschaft mit den Kühen schließen!<<

Bastian konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

>>Das heißt du fährst aufs Land? Sam macht Ferien am Bauernhof?<<

Er tat schwer daran die Fassung wiederzugewinnen.

>>Dann stehst du jeden Tag um fünf auf, bindest dir so ein schickes Tuch um die Haare und melkst Kühe, schwarz-weiße Kühe!<<

Bastian hielt sich den Bauch vor lauter Lachen, während sich Sam um Klarstellung bemühte.

>>Niemand hat was von Urlaub am Bauernhof gesagt, die Kuh war mehr bildlich gemeint. Ich fahr aufs Land. In irgendein Dorf, in dem gestresste Stadtmenschen ein wenig Landluft schnuppern. Dort gibt es einen See und schnuckelige kleine Ferienhäuser...<<

Sams Tonfall wurde immer sarkastischer.

>>Es wird dir schon Spaß machen und wenn du es nicht mehr aushältst, dann kannst du mir ja schreiben, das lenkt dich ab<<, versuchte Pia ihre Freundin aufzuheitern.

>>Ja, schreib mir auch, aber nur wenn eine Brieftaube frei ist<<, bat Bastian grinsend.

>>Dann kannst du mir beschreiben wie es so ist, den langsamen und bitteren Langeweiletod zu sterben, ich muss das unbedingt aus zweiter Hand erfahren!<<

Sam reichte es, sie drückte ihre Zigarette aus und schulterte den giftgrünen Rucksack.

>>Macht euch nur lustig über mich, über Kolumbus haben sie auch gelacht. Wir sehen uns dann in vier Wochen, wenn ich neues Land entdeckt habe, oder eine neue Art von Gänseblümchen...<<

Mit diesen Worten verabschiedete sich Sam und machte sich auf den Weg.

Zuhause angekommen, ignorierte Sam gekonnt ihre nörgelnde Mutter, die ihr versuchte zu erklären, sie habe nicht mehr genügend Zeit zu packen. Was würde sie denn schon groß brauchen, mitten im Nirgendwo? Einen Bikini falls sie sich entschließen würde im See unterzugehen, ein paar T-Shirts und vielleicht etwas Make-up falls Bambi mal vorbeischaut.

Missmutig stopfte sie ihre Klamotten in den kleinen, roten Koffer, sich weiterhin dem Sarkasmus hingebend.

Zu ihrem eigenen Schutz vor unerwünschten Gesprächen, steckte sie sich noch schnell ihren Mp3 Player in die Tasche und machte sich auf den Weg.

>>Machs gut Schätzchen und mach deinem Vater nicht allzu viele Schwierigkeiten<<, hörte sie ihre Mutter noch sagen, die einen ungewohnt strengen Tonfall angenommen hatte.

>>Was soll ich denn bitte für Schwierigkeiten machen? Den Wald werd ich schon nicht abfackeln<<, murmelte Sam und schloss genervt die Tür hinter sich.

>>Vielleicht wird es besser als du denkst!<<, vernahm sie noch die Stimme ihrer Mutter eher sie die Treppen hinunter trottete.

Draußen erwartete sie auch schon ihr Vater.

>>Na, freust du dich schon auf die Ferien?<<

>>Natürlich Papa, wie ignorant müsste man sein, um sich nicht vier Wochen lang der Schönheit der Einöde hingeben zu wolle?.<<

Ihr Vater lachte.

>>Dort wo wir hinfahren ist es wunderschön, du wirst schon sehen. In der Feriensaison ist dieses kleine Paradies immer ausgebucht. Wir haben Glück, dass wir noch ein Häuschen mieten konnten und es steht auch noch direkt am See.<<

Wortlos stieg Sam ins Auto und fügte sich ihrem Schicksal. Was sollte sie soviel blindem Enthusiasmus entgegensetzen?

Auf der Fahrt kam es ihr so vor, als entfernte sie sich immer weiter von Allem, was auch nur annähernd Spaß und Freude bereitete. Die Häuser der Stadt wichen endlosen Wäldern und Wiesen. Ab und an fuhren sie durch Dörfer, die von Mal zu Mal kleiner zu werden schienen.

Auf was hatte sie sich da bloß eingelassen? Sie war nicht der Typ Mädchen, der sich an Blumen und Grashalmen erfreute. Na gut, wer war dass schon – vielleicht Heidi. Sie konnte auch nichts mit schmutzigen Tümpeln die sich als See tarnten anfangen und schon gar nichts mit prüden Dorfbewohnern.

Sie galt doch schon in der Stadt als ein wenig außergewöhnlich, aber auch wenn sie nicht sonderlich viele Freunde hatte, war sie doch sehr beliebt. Sam hatte etwas an sich, dass sie trotz ihres Sarkasmus und der Besserwisserei sympathisch aber unnahbar erscheinen ließ. Vielleicht, oder gerade deshalb, hatte sie nur wenige gute Freunde.

Meistens war sie sowieso mit Pia unterwegs. Sie saßen in der Schule nebeneinander und gestalteten auch gemeinsam ihre kostbare Freizeit. Wenn sie nicht gerade auf irgendwelche Partys gingen, verbrachten sie auch gerne Abende zuhause, sahen sich Filme an und redeten über Gott und die Welt.

Sam malte sich gerade aus, wie schön diese Ferien hätten werden können, während sie ein weiteres Dorf hinter sich ließen. Eigentlich war es gar nicht so schlecht, einmal ein bisschen Abstand von Pia zu bekommen. Sam mochte sie, aber es war auf Dauer doch sehr anstrengend, ihr ihre unzähligen Verliebtheiten in irgendwelche Spinner auszureden. Was Jungs anging, hatte sie wirklich einen seltsamen Geschmack. Sam war da anders, sie war wirklich selten verliebt gewesen, und wenn es sie einmal erwischt hatte, stellte sie nach höchstens zehn Tagen unüberbrückbare Differenzen fest, die sich in diesem Leben sicher nicht aus der Welt schaffen ließen.

Natürlich hatte sie ab und an jemanden mit dem sie sich traf, aber es nahm jedes Mal dasselbe bittere und zügige Ende.

Der einzige Junge mit dem sie wirklich viel Zeit verbrachte, war Bastian. Auf seiner Flucht vor all den kleinen, naiven Mädchen die ihm Liebesbriefe in die Schultasche steckten, kam er oft zu Sam und Pia. Sie pflegten vielleicht eine seltsame, aber intensive und langjährige Freundschaft.

Sam und Bastian hatten sich auch schon mal geküsst, auf einer Party vor einem Jahr.

Damals mussten sie ihre ersten bösen Erfahrungen mit dem Alkohol machen.

Da die Erinnerungen an diesen Abend sowieso sehr spärlich gesät waren, beschlossen Beide, das Ganze als „im Delirium geschehene Nichtigkeit“ abzutun.

Sam versuchte sich gerade so halbwegs an den Kuss zu erinnern, als sie ihr Vater unsanft aus den Gedanken riss.

>>Wir sind da! Sieh dir das an Sam! Hab ich dir zu viel versprochen?<<

Sam brauchte ein paar Sekunden um wieder vollständig in die Realität zurückzukehren, doch als sich ihr diese zu erkennen gab, bereute sie den Schritt sofort. Ihr Vater hatte wirklich nicht übertrieben. Eine grüne Hölle erstreckte sich vor Sams Augen. Eine kleine Holzhütte, inmitten eines beinah schon pervers genau gepflegten Blumenbeetes. Zwei hohe Eichen schienen das Grundstück von der restlichen Grünfläche abzutrennen. Vor der Hütte glitzerte ein - gar nicht allzu kleiner - See vor sich hin. Zumindest war es kein Tümpel. Das änderte aber leider auch nichts an der Tatsache, dass kleine, furchteinflößende Gartenzwerge das Grundstück zu umzingeln schienen und somit das Postkartenbild endgültig abrundeten.

>>Gehen wir erst mal rein und packen unsere Sachen aus!<<, schlug Sams Vater beängstigend vergnügt vor.

Sam folgte ihm unauffällig, schlimmer konnte es schließlich nicht mehr kommen. Als sich die schmale Holztür mit dem üppigen Blumenschmuck knarrend öffnete, wurde sie jedoch eines Besseren belehrt.

Im unglaublich kitschigen Inneren der immerhin zweistöckigen Hütte, saß an einem mit Blümchen verzierten Holztisch, eine Frau die fröhlich vor sich hin grinste. Sam befürchtete das Schlimmste, ein Begrüßungsritual der Eingeborenen, die nur gekommen waren, um irgendwelche selbstgebackenen Kekse dazulassen und einen zu fragen, ob man denn schon einen Freund hätte. Bei näherer Betrachtung, erschien Sam dieser Gedanke trotz der Umstände ziemlich abwegig. Die Frau war viel zu gut gekleidet, um diesen Kaff entsprungen zu sein. Sie trug ein hellgraues Kostüm und hatte die Haare zu einem strengen Zopf gebunden. Erstmal planlos starre Sam die Frau an, bis ihr Vater endlich begann das intrigante Rätsel zu lösen.

>>Sam, das ist Sophie, du kennst sie vielleicht von der letzten Weihnachtsfeier, wir arbeiten in der selben Firma und haben uns, nun ja…<<

Sam blieb der Mund offen stehen. Als die Frau auf sie zukam um ihr die Hand zu schütteln, fühlte sie sich wie ein Fisch im Trockenen. Daher wehte also der Wind. Sie war einzig und alleine als Vorwand für ihre Mutter hier. Ihre Eltern waren zwar schon lange getrennt, aber scheinbar brachte es ihr Vater nach all den Jahren noch immer nicht übers Herz, ihrer Mutter von der Existenz der anderen Frau zu berichten. Sam gab ein wirklich ziemlich wahnsinniges Lachen von sich, für das sie sich selbst im Übrigen gelobt hätte, hätte sie es bewusst wahrgenommen. Sie nahm ihre Tasche und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, nach oben um ihr Zimmer zu beziehen. Dort angekommen, ließ sie sich auf das viel zu weiche Bett fallen.

>>Der Mann hat Nerven!<<, murmelte sie erbost.

>>Faselt irgendwas von Grüner Idylle und dann so was!<<

Sie war zwar froh, dass ihr Vater scheinbar endlich eine neue Frau gefunden hatte, war zugleich aber schrecklich wütend über die Tatsache, dass sie ihre Ferien dafür opfern sollte.

Es klopfte an der Tür.

>>Darf ich hereinkommen?<<, hörte sie ihren Vater sagen, der seinen Worten sogleich Taten folgen ließ.

Sam blickte auf und sah in ein von Unsicherheit geprägte Gesicht.

>>Hör mal Sam, es tut mir Leid, dass ich dir nichts von Sophie erzählt habe, aber ich dachte es wäre besser, wenn du sie persönlich kennen lernst, damit du besser verstehst…<<

>>Schon in Ordnung<<, murmelte sie, auch wenn es ihr viel lieber gewesen wäre, sie hätte diese Frau „persönlich“ auf einen Kaffee bei ihrem Vater getroffen, als gleich die ganzen Ferien mit ihr verbringen zu müssen.

>>Ob zu zweit oder zu dritt, ist doch egal, schlimmer als die Gartenzwerge wird sie wohl kaum sein<<, scherzte Sam.

Ihr Vater lachte.

>>Du wirst sehen, Sophie ist sehr nett wenn du sie erst mal kennen gelernt hast.<<

Sam nickte.

>>Stört es dich, wenn ich mir mal ein bisschen die Gegend ansehe? Vielleicht gibt es hier doch noch etwas mehr außer Blümchen und Gras.<<

>>Geh nur wenn du möchtest, aber sei zum Abendessen zurück, dann können wir uns unterhalten.<<

Sie willigte ein, solange ihr ein sofortiges Gespräch erspart bleiben würde, war ihr jedes Mittel recht.

Ihr Vater ging wieder nach unten und Sam ließ den Kopf in das mit Blümchen verzierte Kissen fallen.

 

 

 

Kapitel 2

Das grüne Paradies


 

Ohne einen weiteren Gedanken an die neuen, zwanghaft verursachten Umstände zu verschwenden, raffte sich Sam auf und entdeckte die erste wirklich schöne Begebenheit in dieser grünen Hölle. Das Zimmer das sie sich ausgesucht hatte, besaß einen separaten Eingang. Über den Balkon führte eine kleine Treppe Richtung Freiheit. Diese winzige aber nicht unwichtige Tatsache, ersparte ihr also wenigstens den Gang durch das untere Stockwerk und somit unerwünschte Fragen.

Unter den neugierigen Blicken der Gartenzwerge lud Sam ihr Rad aus dem Auto. Sie hatte zwar keine Ahnung wohin sie sich in dieser tristen Einöde flüchten sollte, aber irgendwohin würde sie der schmale Steinweg schon bringen. Spätestens bei der großen Fichte wo sich die Hasen gute Nacht sagen, würde sie umkehren.


 

Sam folgte dem Weg, während sie leise zur Musik aus ihrem MP3 Player summte.

Sie fuhr ungefähr 20 Minuten bis die Wildnis endlich spärlicher Zivilisation wich. Einige bunte Häuser und Straßenlaternen aus Vorkriegszeiten, lösten Sträucher und Büsche ab. Es schien als hätte sie tatsächlich das Zentrum von Nirgendwo erreicht. Ein kleiner Supermarkt, ein Gasthaus und sogar ein Kino.

>>Wow, fast wie zuhause<<, verarschte sich Sam selbst und lehnte ihr Fahrrad an die Mauern des blauen Gebäudes mit der Aufschrift „Gasthof zur Post“. Schon alleine dieser Name war eine Satire mehr als wert, nur schade, dass niemand da war, der diese auch zu schätzen gewusst hätte. Sämtliche Leute schienen nämlich wie in Trance die sauberen Straßen entlang zu schlendern. Unverkennbar handelte es sich hierbei um Urlauber, die kurzen Hosen mit den Adidas Turnschuhen und den Gucci Sonnenbrillen schrien es förmlich zum Himmel. So sahen also gestresste Stadtmenschen aus, die ihre Appartements für ein paar Wochen gegen kleine Holzhütten eingetauscht hatten. Sie musste sich eingestehen, dass ihr Vater ihr nicht zu viel versprochen hatte.

Während sie die Musik etwas lauter drehte, mischte sich Sam so unauffällig wie möglich unter die Urlauber. Zugegeben, mit ihren Jeans und dem schwarzen T-Shirt tanzte sie nicht ganz so aus der Reihe wie diese Pseudo-Dorfbewohner, aber so riskierte sie wenigstens keine Konfrontationen mit den Einheimischen.

Sam hielt vor der Auslage des wohl einzigen Supermarktes im Umkreis von 200km. Das Angebot war nahezu riesig. Lebensmittel, natürlich so Bio dass einen die Zutaten noch förmlich entgegen sprangen. Außerdem hatten sie eine rege Auswahl an Sonnenmilch und Badezubehör. Sam beschloss, trotz des kalkulatorisch hohen Risikos, Benjamin Blümchen zu begegnen, im Inneren des Geschäftes nach etwas Nikotinhaltigem zu suchen. Auch wenn die Chancen gering standen, dass Menschen in dieser Dorfwelt Laster hatten wie das Rauchen oder gar Alkoholismus. Entgegen ihrer eigentlichen Erwartung, wurde sie schnell fündig. Im Gang mit den Medikamenten für Heuschnupfenallergiker und Pessimisten, die dieses ländliche Ambiente nur trüben würden, standen auch die Zigaretten. Sie schnappte sich eine Packung und eilte Richtung Kasse, die von einer netten, alten Dame mit zweitklassiger Dauerwellenfrisur besetzt war.

Sam vermied jeden Augenkontakt und nickte provokant mit dem Kopf zur Musik aus ihrem MP3 Player.

Als die Dauerwelle die Zigaretten über die Kasse zog, stutzte sie.

>>Junge Dame!<<, rief sie Sam zu und gestikulierte dabei unübersehbar mit den Armen.

>>Ja<<, antwortete sie, ohne Widerstand zu leisten, jedoch in der Gewissheit, dass alles was sie jetzt zu hören bekam, in die Kategorie „Dinge die so überflüssig sind, dass sie Kopfschmerzen bereiten“ fallen würde.

>>Wenn sie rauchen, dann werden sie aufhören zu wachsen! Das ist für so ein junges Mädchen nicht gesund!<<

Sam biss sich energisch auf die Zunge, ohne Erfolg.

>>Ich bin über einem Meter zweiundsiebzig groß! Glauben sie wirklich ich will noch wachsen? Ich war nie gut im Basketball und an einer Karriere als Zirkusclown hab ich auch kein Interesse.<<

Kopfschüttelnd verließ Sam den Laden.

Ohne das Zentrum von Nirgendwo noch eines Blickes zu würdigen, schwang sie sich auf ihr Fahrrad und folgte dem Weg den sie gekommen war, wieder zurück Richtung Gartenzwerge. Ehe sie in ihrem Ferienzuhause ankam, stoppte sie noch für eine wachstumshemmende Zigarette am Ufer des Sees.

Sie legte ihr Fahrrad ins Gras und tat es diesem gleich.

Das Wetter war wirklich herrlich. Die Sonne schien als gebe es kein Morgen und ein angenehmer Wind machte die herrschende Hitze gut erträglich. Am Himmel war kein Wölkchen zu sehen, sodass auch für den näher rückenden Abend das Wetter gutes im Sinn zu haben schien.

Während Sam ihre Zigarette rauchte, musste sie an Pia denken. Hoffentlich überstand sie die Ferien ohne sich in irgendeinen Taugenichts zu verlieben, der ihr schneller das Herz brach als sie „Beziehung“ sagen konnte. Ein Drama nach den Sommerferien konnte Sam nun wirklich nicht gebrauchen, vor allem kein Liebesdrama. Sie verließ sich einfach auf die Gewissheit, dass Bastian, der schließlich auch zuhause geblieben war, die unnützen Typen schon fernhalten würde. Bei diesem Gedanken musste sie lachen. War es nicht genau Bastian, dessen Freundeskreis aus nichts weiter als Taugenichtsen bestand?

Es würde schon alles gut gehen, zumindest besser als bei ihr.

Sam holte ihr Handy aus der Hosentasche und beschloss einen kurzen Anruf in die Heimat zu tätigen, eher sie sich auf den Weg in die Gartenzwerghochburg mit integriertem Drachen machte.

Es klingelte, doch Pia ging nicht ran. Sie versuchte es bei Bastian, der sich nach dem dritten Klingeln auch meldete.

>>Na? Schon am Rande des Wahnsinns du Naturfreak?<<

>>Gartenzwerge, fremde kleine Frauen in Kostümen, Dauerwellen die mich über die Gefahren des Rauchens aufklären und überall nackte Workaholic-Waden, spotte also nicht über mich!<<

Den letzten Teil des Satzes sprach Sam ziemlich drohend.

>>Wow, das klingt ja wahnsinnig vergnügt und was gedenkst du dagegen zu tun?<<

>>Was soll ich schon machen, ausharren und warten bis ein Prinz auf einem weißen Pferd kommt und mich rettet!<<

>>Tut mir leid, mein Pferd lahmt, sonst wär ich natürlich sofort gekommen.<<

>>Schon klar, und was treibt ihr so?<<

>>Pia und ich gehen heute in diese neue Bar, mal sehen wer noch alles von den Leiden des Familienurlaubes verschont wurde. Und was machst du heute noch? Fischen?<<

>>Ich werde versuchen Alle um mich herum so gut es geht zu ignorieren und morgen kauf ich mir eine Flasche Tequilla und ersäufe mein Leid, alleine und einsam.<<

>>Mein Mitleid!<<

>>Danke, meldest du dich, wenns was neues gibt?<<

>>Klar doch.<<

Sam wäre nur zu gerne auch in diese neue Bar gegangen und hätte sich über all Jene lustig gemacht, die dazu verdonnert waren, den Urlaub mit ihren Eltern zu verbringen, doch das Einzige das ihr übrig blieb, war Selbstironie und eher sie dieses letzte Ass gegen sich selbst ausspielte, beschloss sie sich einfach auf den Weg nachhause zu machen. Dort angekommen war Sophie gerade dabei das Abendessen zuzubereiten. Es sah wirklich sehr amüsant aus, wie sie da stand, in ihrem Kostüm und den Kochlöffel schwang. Ihr Vater hatte es sich auf der blümchenverzierten Couch gemütlich gemacht und blätterte in einem Wirtschaftsblatt.

>>Ah, Sam, da bist du ja! Und, wie hat dir die Gegend gefallen?<<, fragte er und legte die Zeitung zur Seite.

>>War okay.<<

Ihre Antwort viel kurz und knapp aus, so ging man am besten jeglicher Konfrontation aus dem Weg.

>>Wir hatten eben gar keine Zeit uns richtig vorzustellen<<, klang es aus der Küche von Sophie.

>>Es freut mich wirklich deine Bekanntschaft zu machen. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du noch so klein<<, gestikulierte die Frau und hatte dabei etwas sehr tantenhaftes an sich.

Die „du bist ja gewachsen“ Floskel hatte Sam sowieso erwartet, auch wenn sie sich keineswegs an die dunkelblonde Frau mit den kurzen Beinen erinnern konnte.

>>Du gehst ja noch zur Schule, nicht wahr Sam? Du bist sicher eine fabelhafte Schülerin oder?<<

>>Es geht, ich bin nur durchschnittlich<<, erwiderte Sam in der Hoffnung, dass das Verhör bald zu einem unblutigem Ende kommen würde.

>>Schön, dass du bereit bist die Ferien mit uns zu verbringen.<<

>>Nicht freiwillig<<, dachte Sam während sie begann den Tisch zu decken.

>>Aber, sag mal<<, setzte Sophie zum ultimativen Vernichtungsschlag an.

>>Vermisst dich denn dein Freund nicht, wenn du solange weg bist?<<, sie sprach diesen Satz mit einem dermaßen schmierigen Grinsen im Gesicht, dass Sam sich beinahe übergeben hätte.

>>Ich habe keinen Freund<<, antwortete sie und musste aufpassen, dass sie nicht noch so etwas hinzufügte wie, >>Ich pflege meine Männerbekanntschaften auf das Wesentliche zu beschränken, sollten Sie auch mal versuchen, erspart einen den ganzen Stress drum herum.<<

Stattdessen deckte sie brav weiter den Tisch.

Nur ein paar unangenehme Fragen später, wurde auch schon das Essen serviert. Es gab Nudeln, für Sam ein kleiner Lichtblick am ach so finsteren Horizont.

Im Laufe des Essens erfuhr sie Dinge, die sie eigentlich nie wissen wollte; wie sich ihr Vater und Sophie kennen gelernt hatten, was sie zu diesem Urlaub bewegt hatte und warum Sophie Gartenzwerge so mochte. Das war Sam natürlich völlig klar.

Nach dem Essen versuchte sie sich so schnell als nur irgend möglich zu verabschieden.

>>Wohin willst du denn noch so spät?<<, wollte ihr Vater - wahrscheinlich aus einem Anflug väterlicher Fürsorge - wissen.

>>Verdauungsspaziergang<<, gab Sam zur Antwort und log dabei nicht einmal. Sie hatte wirklich vor ein wenig am See entlang zu spazieren.

>>Komm aber nicht allzu spät wieder, wir wollen morgen einen kleinen Ausflug machen.<<

>>Okay<<, sprach sie und war auch schon verschwunden.

 

 

 

Kapitel 3

Liebe auf den ersten Hass


 

Es war bereits dunkel draußen und das Wasser des Sees glitzerte im Mondlicht ruhig und besinnlich vor sich hin. Auch Sams Gemütszustand ließ sich von der Umgebung gut und gerne beeinflussen. Sie merkte, wie allmählich die Anspannungen des Essens von ihr abfielen und sie zum ersten Mal an diesem Tag entspannt durchatmen konnte. Auch wenn sie für die nächsten vier Wochen erst mal in dieser Einöde festsitzen würde, entschädigte sie dieser Moment doch für einiges. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr, die die Zeiger ziemlich genau auf viertel nach neun stehen hatte, dachte Sam wieder an zuhause. Pia und Bastian amüsierten sich bestimmt gerade prächtig. Vielleicht dachten sie auch ein wenig an sie und lachten dabei. Möglicherweise waren sie auch froh, mal etwas Abstand von ihr zu haben. Diesen Gedanken verwarf sie so schnell wieder wie er gekommen war. Sam wusste genau, dass die Freundschaft die die Drei pflegten schon seit Jahren Bestand hatte und sich bestimmt nicht so schnell erschüttern lassen würde.

Sie setzte sich ganz nah ans Seeufer und legte den Kopf in den Nacken. Über ihr erstreckten sich tausende und abertausende von kleinen, funkelnden Sternen. Sie hatte ihnen zwar noch nie wirklich Beachtung geschenkt, aber sie war sich sicher, dass der Sternenhimmel der sich ihr in dieser Nacht bot, einzigartig war.

Während sie so dasaß, den Kopf in den Himmel gestreckt, vernahm sie mit einem Mal ein seltsames Geräusch. Es war ein Plätschern, ein Glucksen aus weiter Entfernung und dennoch deutlich zu hören. Es kam aus dem Wasser und wurde kontinuierlich lauter. Sam raffte sich auf und starrte auf den See, der, der vor wenigen Sekunden noch so ruhig und friedlich im Mondlicht schimmerte und nun äußerst suspekte und wirklich gruselige Geräusche von sich gab.

Sam wich einige Schritte zurück und trat dann wieder nach vorne. Die Neugier schien wie immer über die Angst zu siegen. Es dauerte einige Sekunden, doch dann konnte sie die Geräusche auch ihrer Quelle zuordnen. Das Plätschern und Gluckern kam von einem Schwimmer. Da schwamm tatsächlich jemand im See und das sogar ziemlich schnell und zu allem Überfluss noch direkt auf sie zu. Sie konnte nicht genau erkennen wer da so zügig seine Bahnen zog, aber eines konnte sie zu ihrer Erleichterung feststellen - es war kein fieser zum Leben erwachter Gartenzwerg, der nun Rache für all die bösen Blicke und Gedanken nehmen wollte. Sam war sich nicht ganz sicher, ob es nicht besser gewesen wäre sich aus dem Staub zu machen, solange sie noch die Gelegenheit dazu hatte, aber sie beschloss abzuwarten. Diese verdammte Neugier!

Es dauerte nicht lange, bis sich die schwimmende Gestalt so nah am Ufer befand, dass sie sich aus dem Wasser erhob.

>>Wieso siehst du so erschrocken drein? Wen hast du erwartet? Nessi?<<, verkündete eine männliche, etwas außer Atem gekommene Stimme. Sam musterte einen, im Mondschein glitzernden und wirklich nicht zu verachteten Körper. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Je näher er kam, desto genauer konnte sie ihn erkennen. Er war ziemlich groß, sein blondes Haar hing ihm strähnig ins markante aber dennoch sanft wirkende Gesicht und obwohl es dunkel war, leuchteten seine Augen in einem unfassbar tiefen Blau. Sam war fasziniert von dem Anblick der sich ihr bot, so fasziniert, dass sie ganz vergaß auf die Frage des Unbekannten zu Antworten. Zum ersten Mal in Ihrem Leben, blieb ihr tatsächlich die Luft weg.

>>Bist du stumm oder einfach nur dämlich?<<

Mit diesen Worten, riss er Sam ziemlich unsanft aus ihrer Trance. Aus schlichter Bewunderung wurde binnen einer Millisekunde tiefe Empörung.

>>Entschuldige bitte, ich bin nicht diejenige, die um zehn Uhr abends völlig sinnfreie Bahnen im See zieht. Außerdem hab ich in diesem ländlichen Ambiente zu so später Stunde keinen Besuch mehr erwartet!<<

Sam bemühte sich um einen möglichst unhöflich klingenden Tonfall. Der Junge lachte auf und fuhr sich durchs nasse Haar.

>>Schon gut Prinzessin, ich wollte dich nicht erschrecken<<, sprach er und trat noch ein Stück näher.

>>Dich hab ich in diesem „ländlichen Ambiente“ noch nie gesehen. Bist du zum ersten Mal hier?<<

Sam trat einen Schritt zurück und stolperte dabei beinahe über die eigenen Beine.

>>Was interessiert dich das?<<, antwortete sie, setzte sich wieder ins Gras und drehte den Kopf provokant zur Seite.

Interessiert beobachtete der Junge sie.

>>Strafst du mich jetzt mit Schweigen?<<, wollte er, scheinbar amüsiert über die Situation, wissen.

>>Was hält dich noch hier? Spring wieder ins Wasser oder verschwinde über den Landweg, wie auch immer du es anstellen willst, tu es!<<

Sams Herz schlug ihr bis zum Hals, teils aus Wut, teils auch aus für sie undefinierbaren Gründen, die sie nur noch wütender machten.

Ohne auf ihre Aufforderungen auch nur ansatzweise einzugehen, setzte sich der Junge neben Sam ins Gras.

>>Ich warte noch auf jemanden, nett dass du mir Gesellschaft leisten willst Prinzessin. Du bist zum ersten Mal hier, oder?<<, fragte der Unbekannte mit anhaltender Gelassenheit erneut.

Sam wusste nicht wie ihr geschah. Vor wenigen Minuten saß sie noch alleine am See, genoss den Augenblick und war erleichtert, endlich die ersten Momente ihrer Sommerferien genießen zu können. Nun saß sie hier, mit einem Typen der vor kurzem wie aus dem Nichts aus dem Wasser gestiegen war und scheinbar nicht von alleine wieder verschwinden wollte.

>>Was willst du eigentlich von mir?<<

Mehr fiel ihr einfach nicht ein.

>>Vielleicht erst mal eine Zigarette?<<

Sein Blick wurde etwas weicher. Er fixierte sie förmlich mit seinen stahlblauen Augen und ließ ein unschuldiges Lächeln über die schönen Lippen huschen.

>>Verschwindest du dann?<<

>>Versuchs doch mal.<<

Natürlich hätte Sam auch selbst aufstehen und gehen können, doch nachgeben wollte sie auf keinen Fall, das hätte gegen sämtliche ihrer Prinzipien verstoßen. Seufzend holte sie das Päckchen Zigaretten, das sie im Kampf gegen die Dauerwelle siegreich ergattert hatte, aus der Tasche und streckte es dem Fremden entgegen.

>>Danke!<<

Während er den blauen Dunst hinaus in die Nacht blies, musterte er Sam. Ausgiebig. Er schien gefallen an ihrer großen, zierlichen Erscheinung und dem Porzelanpuppengesicht zu finden.

>>Du bist nicht sehr gesprächig oder?<<

>>Tut mir Leid, was plötzlich auftauchende Fremde, nachts aus dem See angeht, bin ich ziemlich schüchtern. Wieso schwimmst du eigentlich um diese Zeit?<<

>>Ich wohne auf der anderen Seite des Sees und bin hier verabredet. So kann man Freizeitvergnügen mit Sport verbinden.<<

>>Und wo willst du halb nackt und nass hin?<<

>>Komm mit und siehs dir an. Oder bist du dazu auch zu schüchtern?<<

Sam begann fast schon reflexartig den Kopf zu schütteln, während sich der Blonde amüsiert durchs Haar strich.

>>Hey Chris!<<

Eine männliche Stimme meldete sich aus der Dunkelheit.

>>Ich hab dich schon überall gesucht wo...<<

Der neu dazu gestoßene Junge stockte.

Er sah seinen Freund zwar wie jeden Abend in seinen Badeklamotten am Seerand auf ihn warten, aber das Mädchen dazu war neu.

>>Deine neue Freundin?<<, fragte er mit einem hämischen Grinsen im Gesicht.

>>Ich bin alles, aber sicher nicht seine Freundin!<<, verteidigte sich Sam, um weiteren Vermutungen dieser Art vorzubeugen.

>>Keine Sorge Prinzessin, ich würde das auch nie behaupten.<<

Mit diesen Worten stand Chris auf und schnippte seine Zigarette in den See. Er ging auf den anderen Jungen zu und reichte ihm zum Gruß die Hand.

>>Hast du vielleicht ein paar Klamotten für mich?<<

>>Benutz doch mal zur Abwechslung wie jeder normale Mensch, den Weg außerhalb des Wassers<<, gab sein Gegenüber zur Antwort.

Sam fühlte sich währenddessen richtig ignoriert. Nicht, dass sie nicht sowieso ihre Ruhe gewollt hätte, aber irgendetwas in ihr schrie penetrant nach Aufmerksamkeit.

>>Kommst du mit Prinzessin?<<, fragte Chris und warf ihr einen Blick zu, der sich unwiderruflich ewig in ihr Gedächtnis brannte.

>>Ja klar und morgen ersäuf ich mich im See!<<

Aus irgendeinem Grund, konnte sie nicht aufhören Gemeinheiten von sich zu geben.

>>Falls du es dir anders überlegst, wir sind ganz in der Nähe<<, sprach er und verschwand in der Dunkelheit.

Sam war wieder alleine. Sie versuchte nicht weiter über diese seltsame Begegnung nachzudenken, sah aber gleich wieder diese schrecklich schönen blauen Augen vor sich.

Wütend über ihre eigene Schwäche schüttelte sie den Kopf. Sie war nicht eines dieser Mädchen, die sich von Bauchmuskeln und ein Paar blauen Augen, den Verstand rauben ließen. Diese Beschreibung passte vielleicht auf Pia, aber nicht auf sie.

Langsam aber sicher machte sie sich wieder auf den Weg in die Gartenzwerghochburg. Es war wirklich Zeit ins Bett zu gehen eher sie noch begann sich Boy Band Poster übers Bett zu hängen und wie eine dumme Kuh zu grinsen wenn im Radio Kuschelrock gespielt wurde.

In ihrem Zimmer angekommen, begann sie erst mal ihre Sachen auszupacken. In dem ganzen Wirrwarr aus neuen Stiefmüttern und blonden Schwimmern, war sie bisher nicht dazu gekommen.

Außer Kleidung und den üblichen Kosmetikartikeln, hatte sie auch ein paar Bücher und ihren giftgrünen Schlafsack mitgenommen. Sie vermochte schließlich bis vor kurzem noch nicht einzuschätzen, was ihr Vater unter „Landluft schnuppern“ verstand.

Der Schlafsack war noch ziemlich neu. Sie hatte ihn extra für den Campingausflug mit der Schule gekauft, den Bio-Mayer organisiert hatte um die Schüler Blätter und Raupen beobachten zu lassen. Sam erinnerte sich noch wie froh sie war, an diesem Ausflug teilnehmen zu dürfen, sie war in ihrem bisherigen Leben schließlich noch nie Blättern oder Raupen begegnet. Die ganze Busfahrt lang hatte sie geschmollt, während Bastian versucht hatte, sie durch mäßig lustige Witze aufzuheitern. Pia hatte sich wieder mal mit ihrem Handy verschworen, welches alle zehn Sekunden eine neue Nachricht des angesagten Taugenichts verkündete.

Sie waren in irgendeinen Wald gefahren und hatten dort ihre Zelte aufgeschlagen. Ein ganzer Tag reichte natürlich nicht für die Beobachtungen, es mussten zwei sein. In der Nacht hielt sie der ungemütliche Waldboden und das ständige Geschwafel von Pia - die mit ihrem Handy verwachsen schien – wach. Irgendwann flüchtete sie dann zu Bastian ins Zelt. Sie hatten beinahe die ganze Nacht geredet, über Gott und die Welt und sich dabei richtig amüsiert.

All diese Gedanken schossen ihr beim Betrachten des giftgrünen Schlafsackes durch den Kopf und zwangen sie zu einem Lächeln.

Nachdem Sam all ihre Sachen mehr oder weniger gut verstaut hatte, gab sie sich einer angenehm kühlen Dusche hin. Das Bad befand sich gleich im nächsten Raum. Dieser Umstand half ihr weder ihren Vater noch Sophie zu wecken – insofern sie überhaupt schon schliefen. Im unteren Stockwerk des Hauses brannte jedenfalls kein Licht mehr. Das einzige Licht, das nun jeden Raum erhellte, war der Vollmond. Er strahlte prächtiger und heller als in jeder anderen Nacht in der Sam ihn wahrgenommen hatte. Einerseits erfreute sie sich an dem schönen Himmelsschauspiel, andererseits wusste sie, dass sie heute Nacht kein Auge zu tun würde. Der Vollmond setzte ihr immer ziemlich zu. Manchmal vermutete sie, sie müsse im letzten Leben ein Werwolf gewesen sein.

Wie bereits vermutet wälzte sich Sam eine Stunde später im Bett. Leise Musik aus dem MP3-Player erfüllte den Raum, während draußen die Grillen ein Konzert für die Gartenzwerge gaben.

Es nützte alles nichts, Sam verwarf den unrealistischen Wunsch nach Schlaf und setzte sich auf den Balkon. Mit Papier und Bleistift bewaffnet wollte sie das tun, was sie Pia und Bastian – vorerst im Scherz – versprochen hatte, einen Brief schreiben.

Natürlich hätte sie auch anrufen können, oder eine SMS schreiben, doch da sie sowieso nicht schlafen konnte und von Natur aus eine Vorliebe für diese altmodische Methode der schriftlichen Kommunikation hatte, tat sie es.


 

~Liebe Zurückgebliebene!

Hier in Bauernhausen ist es herrlich! Inmitten einer von fleißigen Gartenzwergen bewachten Wiese, steht das schönste Holzhaus, dass ihr euch vorstellen könnt! An den Wänden gibt es Blümchen, die einen ständig das Gefühl vermitteln draußen in der Natur zu stehen, auch wenn diese dauerhaft vor der Haustür lauert. In meinem Zimmer gibt es auch Bettwäsche mit Blümchen drauf!

Mein Vater plant fleißig Ausflüge in die Natur – wobei noch nicht ganz klar ist ob er nun die echte oder die im Haus meint.

Ich werde natürlich auch kulinarisch verwöhnt!

Während ich draußen – von fröhlichen Gartenzwergen umringt – Blumenkränze flechte, bereitet Sophie – das ist übrigens die neue Frau meines Vater – immer ein leckeres Essen vor. Während des Essens unterhalten wir uns dann über die außergewöhnliche Tatsache dass Kinder auch wachsen trotzdem sie rauchen, sowie über die traurige Begebenheit, dass ich keinen pubertätsbedingt verwirrten Freund habe, der zuhause auf mich wartet.

Insgeheim hoffe ich, dass Sophie vielleicht einen Sohn hat, der ihre Vorliebe für Gartenzwerge teilt und möglicherweise – erwarten wir lieber nicht zu viel – auch ihre sexy kurzen Beine geerbt hat.

Den könnte sie mir dann vorstellen und das Familienglück wäre perfekt.

Ich habe übrigens vor mit Yoga anzufangen!

Das beruhigt Körper und Geist und welche Umgebung eignet sich hierzu wohl besser?

Während ich morgen früh meditiere und mein Inneres Ich finde, werde ich an euch denken!

Ich würde mich natürlich auf eine Antwort freuen, da ich mich sonst wahrscheinlich erschieße!


 

Mit freundlichen Grüßen eure Sam


 

Seufzend und doch stolz auf ihre gelungene Beschreibung dieser Ferienidylle legte Sam den Stift zur Seite um ihn gegen eine Zigarette auszutauschen.

Sie sah in Gedanken bereits die knallroten Köpfe ihrer Freunde, die sich vor lauter Schadenfreude und Gelächter, welches einzig und allein ihrem erbärmlichen Schicksal galt, nicht mehr einkriegen konnten. Gleich morgen würde sie sich auf die Suche nach einem mit Blümchenmuster verzierten Briefkasten machen.

Sam schloss für eine Weile die Augen und ließ ihre Gedanken in Richtung zuhause schweifen. Sie vermisste ihr viel zu kleines Zimmer, die nervigen Beschreibungen von Pias Schwärmereien und sogar Bastians kindische Anwandlungen. Während sie sich nach all diesen banalen Dingen sehnte, verfiel sie ungewollt den süßen Verlockungen des Schlafes.

Sie träumte von der Schule und Bio-Mayer der im Unterricht einen Gartenzwerg sezierte. Auf dem Platz neben ihr saß nicht wie sonst Pia sondern Sophie, die gespannt Bio-Mayer anstarrte. Zu ihrer Rechten konnte sie Bastian erkennen. Sie war froh wenigstens einen ihrer Freunde zu sehen. Als sie zur Tür blickte sah sie dort ein ebenfalls bekanntes Gesicht. Chris, der Junge vom See stand dort in Badehosen, völlig nass und grinste sein atemberaubendes Lächeln.

>>Wer ist das?<<, vernahm sie Bastians Stimme ganz nah an ihrem Ohr.

>>Nessi<<, antwortete Sam die wie gebannt auf den Jungen neben der Tür starrte.

Sie wollte zu ihm hin gehen, auf ihn zu gehen, doch ihre Beine bewegten sich keinen Zentimeter. Bio-Mayer, Sophie, der Gartenzwerg und der Rest der Klasse starrten alle wie gebannt in Richtung Tür.

Der Besucher trat langsam ein, sein nasses Haar tropfte. Direkt vor Sams Tisch hielt er Inne und starrte ihr tief in die Augen. Seine Stimme war so leise, dass sie sie kaum wahrnahm. >>Aufwachen…<<, drangen die Worte wieder und wieder aus seinem Mund.

Verwirrt öffnete Sam die Augen, schloss diese in Anbetracht des gleißenden Tageslichts schnell wieder. >>Ein Traum...<<, schoss es ihr plötzlich ein.

>>Träumst du noch immer Prinzessin?<<, drang es diesmal unüberhörbar laut an ihr Ohr. Träumte sie etwa wirklich noch? Verdutzt öffnete sie die Augen und blickte in das Gesicht mit diesem atemberaubenden Lächeln und den strahlend weißen Zähnen, in das sie auch Sekunden zuvor im Traum geblickt hatte.

>>Waah..was willst du denn hier?<<, erschrocken raffte sich Sam auf.

>>Schläfst du immer auf der Terrasse?<<, amüsierte sich Chris, der sich neben sie gekniet hatte.

>>Nein…ich…<<, stotterte Sam, die ihre fünf Sinne immer noch nicht ganz koordinieren konnte. Die Sonne schien unglaublich hell vom Himmel und es schien ein noch heißerer Tag als gestern zu werden.

>>Bauernhausen? Da benutzt aber wer harte Worte.<<

Der Blonde hatte sich aufgrund der sowieso unzusammenhängenden Sätze, die Sam ihm als Antworten auf seine Fragen präsentierte, dem Brief, den sie gestern Nacht geschrieben hatte, zugewandt.

>>Du findest es wohl wirklich furchtbar hier, oder?<<

Erst jetzt begann Sams Kopf die Situation, in der sie sich gerade befand, zu begreifen.

>>Was willst du hier?<<, fuhr sie den ungebetenen Gast an und entriss ihm das Stück Papier, das er nun schon eine ganze Weile grinsend musterte.

Mit einem Ruck raffte sie sich auf und fuhr sich durchs zerzauste Haar. Sie war gestern wohl doch schneller weggenickt als gedacht.

>>Du siehst echt niedlich aus, wenn du so verwirrt bist<<, entgegnete ihr ein noch immer breit lächelnder Chris.

>>Was hast du hier verloren?<<

Sam war nicht in der Stimmung für Besucher und schon gar nicht in der Stimmung für seltsame Anmachsprüche, die als Komplimente getarnt daherkamen.

>>Naja, ich hab mir gedacht, ich rette dich aus der absoluten Einöde, eher du tatsächlich mit Yoga anfängst.<<

Eiserne Blicke trafen ihn, er zeigte sich von ihnen jedoch gänzlich unbeeindruckt..

>>Komm mit und ich zeig dir alles, was es in Bauernhausen zu entdecken gibt. Ein kleiner Ausflug sozusagen!<<

Sams Synapsen schlugen mit einem Mal Alarm. Hatte ihr Vater gestern nicht auch irgendetwas von einem Ausflug erwähnt? Ohne sich weiter um die Anliegen oder gar die Anwesenheit des ungebetenen Gastes zu kümmern, lief sie hinunter in die Küche. Dort angekommen fand sie weder ihren Vater noch Sophie, dafür aber einen kleinen Zettel am Küchentisch.


 

Liebe Sam,

Sophie und ich haben beschlossen, dich noch etwas länger schlafen zu lassen und uns alleine auf den Weg zu machen. Zum Abendessen sind wir wieder zurück. Wenn du Hunger bekommst, unten im Dorf gibt es ein reizendes Gasthaus – Geld liegt auf dem Tisch.

Küsschen, Papa


 

Erleichtert über ihr einfaches Entkommen, aber schockiert über die grotesk fröhliche Wortwahl ihres Vaters, ließ sie sich auf den Esszimmerstuhl fallen. Sie war wirklich nicht scharf darauf gewesen, mit ihrem Vater und Sophie den ganzen Tag durch irgendwelche Wälder zu laufen.

>>Sieht so aus als hättest du Zeit<<, ertönte es plötzlich hinter ihr.

>>Du bist ja noch immer da! Was willst du?<<

>>Reg dich ab Prinzessin, sonst kriegst du noch ein Magengeschwür.<<

Lässig ließ sich Chris neben Sam auf einen Stuhl nieder und streifte sich durchs Haar.

>>Komm schon, das könnte spaßig werden. Was willst du denn sonst machen? Die Blumen an der Tapete zählen?<<

Grummelnd saß Sam da. Auch wenn Chris in diesem Augenblick unglaublich arrogant auf sie wirkte, er hatte Recht. Was hatte sie schon groß zu verlieren?

>>Und was willst du mir zeigen?<<

Enthusiastisch erhob sich der Blonde von seiner Sitzgelegenheit und grinste triumphierend.

>>Das wirst du schon noch sehen Prinzessin!<<


 

 

Kapitel 4

Die Scheune


 

 

Ein leichter, angenehmer Wind wehte über die grünen Gräser und machte die herrschende Hitze annähernd erträglich. Der See glitzerte in all seiner Pracht und am Himmel war kein einziges Wölkchen zu erkennen. Ein Sommertag, wie er im Buche stand.

>>Ist doch schön hier, oder?<< meinte Chris, der Sam ganz gentlemanlike die Haustür aufhielt und dabei das malerische Idylle präsentierte.

>>Wenn das alles ist, was du zu bieten hast, zähl ich doch lieber die Blumen auf der Tapete.<<

Sam streckte provokant die Nase in die Höhe, während sie nach draußen schritt.

>>Dann muss ich mir wohl mehr einfallen lassen, um dich zu beeindrucken<<, antwortete er gelassen und fuhr sich erneut durchs dichte Haar.

>>Wo kommst du eigentlich her, Prinzessin?<<

>>Aus einer weit entfernten Stadt, in der es große Maschinen gibt, die Menschen von A nach B transportieren und in der kein Gartenzwerg an der Spitze der Macht steht!<<

Sam grinste in sich hinein während Chris seiner Belustigung lautstark Ausdruck verlieh.

Er führte sie eine Weile durch Wald und Wiesen, bis sie vor einer großen Scheune zum stehen kamen.

>>Das ist es!<<, verkündete Chris schwungvoll und deutete auf den Holzbau.

>>Das sind Bretter…du willst mir einen Haufen Bretter zeigen und freust dich auch noch darüber?<<

Sam konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

>>Das Konstrukt, das du da vor dir siehst, nennt sich nicht „ein Haufen Bretter“ sondern Scheune und außerdem will ich dir nicht die Scheune zeigen, sondern das, was darin ist!<<

>>Kühe?<<

Eher Sam noch weiter über das Bild, das sich ihr bot, herziehen konnte, nahm Chris ihren Arm und zerrte sie in Richtung Tor. Sie war in der Zwischenzeit in schallendes Gelächter ausgebrochen. Dieses Kaff war wirklich die Mutter aller Klischees.

>>Bin wieder da<<, verkündete Chris während er in die große Scheune trat. Sie hatte zwei Stöcke und wirkte von Innen noch imposanter als von außen. Heuballen türmten sich neben den Wänden auf und provisorisch angebrachte Neonröhren hingen von der Decke. Stattliche Musikboxen standen in den hinteren Ecken und eine passende Anlage gleich daneben. In der Mitte des Raumes thronte ein hölzerner Tisch an dem zwei Jungs saßen.

Das hatte Sam nun wirklich nicht erwartet.

Perplex musterte sie die Unbekannten und identifizierte einen der Beiden als den Jungen, mit dem sich Chris neulich getroffen hatte. Er hatte haselnussbraunes Haar und sehr weiche Gesichtszüge. Der Andere blieb vorerst ein Unbekannter.

>>Hey Chris, willst du uns deine Freundin nicht vorstellen?<<

>>Sie ist nicht seine Freundin<<, fiel der Braunhaarige dem Schwarzhaarigen ins Wort.

>>Vorher würde sie sich nämlich im See ersäufen<<, fügte er noch hinzu und zitierte Sam dabei ziemlich treffend.

Der Schwarzhaarige lachte auf.

>>Sieh an, dann ziehen deine blauen Augen wohl nicht bei Jeder.<<

Zielsicher steuerte der Schwarzhaarige auf Sam zu und streckte ihr die Hand entgegen.

>>Ich bin Sev und die Tatsache, dass du dich nicht so einfach von unserem Chris hast abschleppen lassen, gibt mir meinen Glauben an die Menschheit wieder.<<

>>Hey Sev, ich bin Sam und die Tatsache dass ich mich nicht so einfach von Chris habe abschleppen lassen, sagt mir nur, dass ich noch vollends zurechnungsfähig bin.<<

Der Junge lachte auf und musterte Sam von oben bis unten. Er war groß, sein schwarzes mittellanges Haar brachte die grünen Augen wunderbar zur Geltung und seine Zähne funkelten mindestens genau so weiß wie die von Chris. Anscheinend hatten alle in diesem Kaff den gleichen Zahnarzt.

>>Ich hab dich hier noch nie gesehen, du bist zum ersten Mal hier, nicht?<<

Sam nickte bejahend, während sie sich neugierig umsah. Trotz des großen Durcheinanders das hier herrschte, wirkte es doch irgendwie gemütlich.

>>Na, was sagst du zu unserem Clubhaus?<< scherzte der Braunhaarige. Auch er reichte Sam zum Gruß die Hand.

>>Matthias, freut mich.<<

Matthias war etwas kleiner als die Anderen, jedoch überragte er Sam immer noch um einiges. Seine Augen wirkten warm und waren in einem wunderschönen Braunton gehalten.

Da stand Sam nun, inmitten von drei Tommy Hilfiger Unterwäschemodels, umgeben von tonnenweise Heu und dem schwachen Geruch von Pferden in der Luft. Pia würde ausrasten. Sie stellte sich vor wie ihre Freundin hyperventilierend nach Luft schnappen würde und dabei nicht aufhören könnte, doof zu grinsen. Der Gedanke ließ sie merklich schmunzeln.

>>Sieh mal an, mich versuchst du ständig mit deinen Blicken zu töten und jetzt grinst du freundlich vor dich hin<<, kommentierte Chris den plötzlichen Gemütswandel von Sam.

Diese verfinsterte ihre Miene wieder und zog provokant eine Augenbraue nach oben.

>>Sicherlich nicht deinetwegen.<<

Sam konnte sich nicht erklären, warum sie so extrem abweisend auf Chris reagierte. Auch wenn sie ein eher kühler Typ war, sah ihr diese Abneigung gegenüber Fremden eigentlich nicht ähnlich.

>>Setz dich Prinzessin und entspann dich, hier gibts auch garantiert keine Gartenzwerge.<<

Die Vier setzten sich und Matthias holte ein paar Getränke aus einer Ecke der Scheune.

>>Erzähl mal Sam, was verschlägt dich in diese Gegend?<<, wollten Sev wissen und ließ seine grünen Augen funkeln.

>>Was verschleppt mich in diese Gegend würde wohl eher passen.<<

>>Ah, deine Eltern haben dich gezwungen, stimmts, oder hab ich Recht?<<

>>Mein Vater hielt diesen Urlaub wohl für eine gute Gelegenheit, mir seine neue Freundin vorzustellen.<<

>>Das kenn ich, mein Vater ist schon zum dritten Mal verheiratet, irgendwann gewöhnt man sich dran<<, versicherte Sev aus reichhaltig gesammelter Erfahrung.

>>Darf man hier drin rauchen?<<, wollte Sam wissen und deutete auf das Heu.

>>Solange du die Hütte nicht abfackelst, so wie Chris vor zwei Jahren<<, ermahnte sie Matthias im Scherz, während er einen Aschenbecher auf den Tisch stellte.

Der Blonde verschluckte sich beinahe an seinem Getränk, eher er Stellung zu der Anschuldigung nahm.

>>Ich hab hier gar nichts abgefackelt…<<

Er schluckte.

>>…es gab lediglich ein kleines Feuer.<<

Sev und Matthias warfen sich wissende Blicke zu, während Chris immer kleiner wurde.

>>Das kommt davon wenn man betrunken und mit einer Rothaarigen im Arm versucht, im dunklen eine Zigarette zu rauchen!<<

Sam lachte, Chris hatte mit einem Mal jegliche Arroganz abgelegt und wirkte nun eher peinlich berührt von den Anekdoten seiner Freunde.

>>Das wirft jetzt ein ganz tolles Bild auf mich, danke Leute!<<

>>Keine Angst<<, entgegnete Sam.

>>Es ist nicht sonderlich schwer dich einzuschätzen, auch ohne diese Geschichte.<<

Chris‘ Miene wurde mit einem Mal ganz ernst.

>>Was willst du damit sagen?<<

Sam drückte ihre Zigarette aus, erhob sich und streckte sich ausgiebig, eher sie auf die Frage des Schönen einging.

>>Man sieht es dir eben an, dass du deine Freundinnen wechselst, wie deine Unterwäsche, oder ist der „Prinzessinenschwachsinn“ dein Ernst?<<

Sie lächelte milde und drehte sich um.

>>Danke für das Getränk, man sieht sich!<<

Ohne ein weiteres Wort ließ Sam die große Scheunentür knarrend hinter sich zufallen.

>>Weg ist sie<<, kommentierte Sev teils belustigt, teils enttäuscht die Situation.

>>Was hat die denn geritten?<<, wollte Chris wissen und spürte regelrecht die Klauen, die an seinem Ego kratzten.

>>Vielleicht lässt sie sich einfach nicht von dir verarschen<<, entgegnete Matthias seinem langjährigen Freund gelassen und klopfte ihm dabei tröstend auf die Schulter.

Sam hörte währenddessen nicht auf, innerlich den Kopf zu schütteln. Was für ein Idiot Chris doch war, zu glauben, sie würde auf so eine billige Nummer anspringen. Pia würde wahrscheinlich wie ein Fisch am Haken zappeln, doch sie war nicht so, auf keinen Fall.

Wieso sollte sie sich auch auf so ein pubertäres Spiel einlassen, so nötig hatte sie es nun wirklich nicht.

 


 

Kapitel 5

Gefühlsausbrüche


 

Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht und kündigte gleißend die Mittagszeit an.

Sam war eine ganze Weile durch den Wald gelaufen, sie wollte sich abreagieren und wieder einen klaren Kopf gewinnen, doch das Einzige, dass ihr dieser Ausflug bescherte, war der dringliche Wunsch nach einer kalten Dusche, den sie sich zuhause angekommen auch sogleich erfüllte.

>>Was für ein arroganter Idiot…<< murmelte sie den weißen Fließen im Bad entgegen, während sie sich energisch die Haare bürstete.

SIe beschloss der einzigen Beschäftigung nachzugehen, die sie stets zu besänftigen schien – Musik hören. Sie legte sich auf ihr Bett, drehte den MP3-Player voll auf und schloss die Augen. Bereits nach wenigen Minuten wurde ihre Stimmung merklich besser, zumindest hatte sie sich insofern beruhigt, als dass sie nicht mehr das starke Bedürfnis verspürte, Chris so lange zu würgen, bis das dümmliche Zahnpastalächeln aus seinem Gesicht verschwunden war.

Sie hätte noch stundenlang so daliegen können, um einfach alles um sie herum zu vergessen, doch ihr Magen hatte da andere Pläne, er knurrte unweigerlich vor sich hin und beschwerte sich über die mangelnde Zufuhr an Nahrung in den letzten Stunden.

Seufzend öffnete Sam die Augen, schaltete die Musik ab und erhob sich vom Bett, in das es sie im nächsten Moment beinahe wieder zurückgeworfen hätte. Just in dem Moment als sie nämlich den Blick durch ihr Zimmer schweifen ließ, blieb er auch schon an einem finster blickenden Chris hängen.

Er hatte auf der hölzernen Truhe neben dem blümchenverzierten Vorhang platz genommen und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust.

>>Du bist sowas von eingebildet!<<, schmetterte er der total verwirrten Sam entgegen. Eher sie sich besinnen konnte prasselten auch schon weitere Vorwürfe auf sie ein.

>>Du kennst mich doch gar nicht und dann machst du sowas! Ich war total nett zu dir, hab dir meine Freunde vorgestellt, was willst du denn noch?!<<

Ungestüm erhob sich Chris von seiner notdürftigen Sitzgelegenheit und hastete aufgeregt von einer Ecke des Zimmers in die andere.

>>Nicht nur, dass du glaubst mich zu kennen, du bildest dir auch noch ein, dass ich Interesse an dir hätte und hältst mir das dann auch noch vor!<<

>>Das hab ich nie behauptet!<<, fuhr eine nun wieder äußerst aufgebrachte Sam dazwischen.

>>Und außerdem…<<

Sie schnappte nach Luft

>>…wenn du mich für so eingebildet hältst, wieso zum Teufel läufst du mir dann ständig hinterher!<<

Ihre letzten Worte begleitete ein äußerst genervter und vor allem lautstarker Unterton.

>>Ich lauf dir nicht hinterher!<<

>>Ach und wie nennst du das dann? Jedes mal wenn ich die Augen zu mache und sie wieder öffne, stehst du irgendwo in meinem Zimmer! Du bist ja noch schlimmer als meine Mutter!<<

Die Situation, die sich in diesem Moment in dem kleinen, kitschigen Zimmer abspielte, nahm eine ungewollte und doch deutlich spürbare Komik an. Aufgescheucht rannte Chris im Kreis während Sam sich intuitiv übertrieben aufgebaut hatte. Beide schrien sich an, wobei jeder darauf bedacht war, die Worte des jeweils anderen in jedem Fall zu übertönen.

>>Als ob ich Interesse an so einer verbitterten, arroganten Besserwisserin hätte!<<

>>Du nennst mich arrogant? Mister „wenn ich mit meinen Augen klimpere und Schwachsinn rede, lege ich jede flach“!<<

>>Na und?! Auch wenn es so wäre, was geht dich das eigentlich an?!<<

>>Nichts! Es interessiert mich auch gar nicht! Du läufst mir doch nach!<<

>>Ich wollte nur nett sein und dir helfen, damit du nicht in diesem Kaff versauerst! DU behauptest, dass ich dich nur flachlegen will!<<

>>Hab ich gar nicht!<<, entgegnete Sam trotzig und wirkte dabei ungewollt wie ein kleines, schüchternes Mädchen, dem man gerade unterstellt hatte, sie hätte sich verliebt.

>>Na dann…<<, antwortete Chris, der in der Zwischenzeit wohl auch ein wenig den Faden verloren hatte.

>>Wenn ich nicht auf dich stehe und dir das auch klar ist, dann ist es ja auch kein Problem, wenn wir zusammen was unternehmen!<<

Chris‘ Stimme war noch immer nicht leiser geworden.

>>Matthias, Sev, du und ich…<<, fügte er noch hinzu.

>>Natürlich ist das dann kein Problem!<<

>>Na dann! Wir treffen uns um zwei auf der anderen Seite des Sees!<<

>>Schön!<<

>>Schön!<<, äffte Chris Sam nach, eher er stampfend über den Balkon verschwand und die aufgebrachte Besserwisserin zurückließ.

Alles um Sam herum schien sich mit einem Mal zu drehen. Auf was für ein merkwürdiges Wortgefecht hatte sie sich da nur eingelassen? Eigentlich hatte sie sich bis zum heutigen Tag für einen halbwegs ausgeglichenen Menschen gehalten, doch dieser Eindruck war vor wenigen Minuten, zusammen mit dem angemessen Tonfall flöten gegangen.

>>Als ob ich ein Problem damit hätte!<<, murmelte sie, so wie bereits schon einmal an diesem Tag, in die weißen Badezimmerfliesen, während sie in ihren violetten Bikini schlüpfte.

Natürlich würde sie sich um zwei mit Chris und den Anderen am See treffen, denn täte sie das nicht, würde sie zugeben, dass Mr. Zahnpastalächeln im Recht war und das würde ihr automatisch Unrecht geben. Diese verdrehte Logik verfolgend, knotete sie ihre langen Haare zu einem aufwendigen Zopf zusammen.

Kritisch betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel.

Die Tatsache, dass Chris es vehement abgestritten hatte, dass er sie flachlegen wollen würde, verunsicherte die sonst so vor Selbstbewusstsein strotzende Sam.

Warum wollte er sie eigentlich nicht flachlegen? So schnell ihr dieser Gedanke gekommen war, so schnell verwarf sie ihn auch wieder, indem sie sich selbst maßregelte.

>>Reiß dich zusammen, sonst endest du noch so wie Pia – schmachtend vor einem Boy-Band Poster und weich in der Birne von einer Überdosis Kuschelrock.<<

Das war für Sam ein wahrhaft abschreckendes Beispiel, das ihr ein wenig der Vernunft, die ihr heute verloren gegangen war, wiedergab.

Während sie sich ein schwarzes Top und ihre Jeans überzog, schwor sie sich selbst, wieder zu gewohnt lässigen Mustern zurückzufinden und die Sache mit den Gefühlsausbrüchen lieber ihrer besten Freundin zu überlassen.


 


 

Kurz nach zwei machte sich Sam auf den Weg zum verabredeten Ort. Sie versuchte so wenig wie möglich über den Ablauf des vergangenen Tages nachzudenken, um sich nicht wieder unnötig in Rage zu denken. Das einzige positive, das der ganze Trubel mit sich gebracht hatte, war die Tatsache, dass sie bisher keine Gelegenheit hatte das Anhängsel ihres Vaters besser kennen zu lernen. Dieser fröhliche Gedanke vertrieb für kurze Zeit das komische Gefühl in der Magengegend, das sich jedes mal breit machte, wenn sie an Chris dachte.

>>Schön, dass du da bist Sam<<, ertönte es schwungvoll, als Matthias sie erblickte. Er und Sev hatten ihr schon von weitem gewunken, während Chris stur seinen Blick auf den See richtete.

>>Hatte ja sonst nichts vor.<<

Lässig setzte sie sich neben Chris ins Gras und ignorierte seine Ignoranz gekonnt.

>>Kommt ihr eigentlich von hier?<<, wollte Sam wissen während sie sich von Sev Feuer für ihre Zigarette geben ließ.

>>Nein, wir verbringen hier nur die Ferien, das machen wir schon seit Jahren<<, erklärte Matthias und stieß Chris dabei unauffällig in die Seite. Er war es nicht gewohnt, seinen Freund so still zu erleben, schon gar nicht in Anwesenheit von einem Mädchen, doch trotz des anhaltenden Smalltalks verlor er kein Wort.

Seine blauen Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt hielt er das Schweigen aufrecht.

Sam erzählte ein bisschen von zuhause, der Schule und ihren Freunden. Vor allem ihre Pia Imitation erntete schallendes Gelächter.

Sie erfuhr, dass Matthias Architektur studierte und Sev ein leidenschaftlicher Hobbyfotograph war. Stolz präsentierte der Schwarzhaarige ihr seine Kamera und schoss zur Veranschaulichung gleich ein paar Fotos.

Eigentlich – so musste sich Sam eingestehen – genoss sie diesen ausgelassenen Nachmittag. Sev und Matthias waren genau auf ihrer Wellenlänge und das Wetter konnte herrlicher nicht sein. Sie hatte sich ins Gras gelegt und schloss für ein paar Minuten friedlich die Augen.

Prüfende Blicke musterten sie dabei.

>>Was zum Teufel ist denn mit dir los?<<, hörte sie Sev mit einem Mal flüstern.

>>Gar nichts, was soll denn bitte los sein?<<, antwortete Chris genervt.

Die Drei dachten wohl, sie sei eingeschlafen.

>>Du verhältst dich wie der letzte Idiot!<< entgegnete Matthias und gestikulierte dabei aufgeregt mit den Händen.

>>Zuerst schwärmst du so von ihr und jetzt kriegst du die Klappe nicht auf!<<

Nervös zischte Chris ein leises, >>Shhh<< und deutete dabei auf Sam.

Diese dachte nicht im Traum daran auch nur die geringste Regung von sich zu geben und das, obwohl ihre Nase höllisch juckte. Zu interessant war das was sie zu hören bekam.

>>Ich hab kein Interesse an ihr!<<

Sev und Matthias lachten auf. Sam musste sich anstrengen um überhaupt etwas zu verstehen – die Drei flüsterten unglaublich leise.

>>Nein Chris, an den anderen unterbelichteten Tussis hattest du kein Interesse. Zum ersten Mal hast du dir ein Mädchen ausgesucht, das was im Kopf hat und witzig ist und jetzt tust du so, als wär sie dir scheiß egal!<<

Sevs Ausführungen machten Chris nicht nur verlegen, sondern auch wütend.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stapfte er in Richtung Wasser um sich abzureagieren.

Provokant streckte sich Sam kurze Zeit darauf, um zu zeigen, dass sie wieder „aufgewacht“ war.

>>Vollidiot<<, hörte sie Matthias noch murmeln, eher er ihr wieder seine Aufmerksamkeit schenkte.

>>Du bist wohl eingeschlafen<<, stellte der Braunhaarige fest und lächelte dabei milde.

>>Ja, muss wohl so sein…<<, entgegnete Sam, die inzwischen in Gedanken das gehörte verarbeitete. Der Gedanke, Chris könnte vielleicht Interesse an ihr haben, verschaffte ihr ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Konnte jemand wie Chris überhaupt Interesse an etwas, außer sich selbst haben?

>>Du musst Chris entschuldigen…<<, riss Sevs Stimme Sam plötzlich aus ihren Gedanken.

Die beiden Jungs hatten sich schon die längste Zeit fragende Blicke zugeworfen und scheinbar im Stillen darüber verhandelt, wie sie das Verhalten ihres Freundes am besten rechtfertigen konnten.

>>Er ist nicht immer so…<<

>>…seltsam<<, ergänzte Matthias und ließ seinen Blick auf dem See ruhen.

>>Mir doch egal, wie der sonst so ist<<, entgegnete Sam trotzig.

Der kindliche Tonfall in ihrer Stimme, der diesen Satz begleitete war unüberhörbar.

>>Er ist ein echt netter Kerl, aber er hatte eine nicht gerade leichte Kindheit<<, fuhr Matthias unbeirrt fort und ließ jegliche Belustigung aus seiner Stimme weichen.

>>Er ist bei weitem nicht so ein großes Arschloch, wie er es gerne sein möchte…<<, lockerte Sev die nun angespannte Situation etwas auf. Sam wirkte nachdenklich und ließ ihren Blick verstohlen auf den schwimmenden Chris ruhen.

>>Und was hab ich damit zu tun?<<, wollte sie schließlich wissen.

Sev und Matthias verdrehten beinahe gleichzeitig die Augen und blieben Sam die Antwort nicht lange schuldig.

>>Er steht total auf dich!<<


 


 

Kapitel 6

Schweigen


 

Es dämmerte bereits, als sich Sam auf den Weg zurück nachhause machte. Nachdem sie Sev und Matthias noch über die „Eroberung“ der Scheune - in der sich die Drei oft aufhielten - aufgeklärt hatten und Chris sich weiterhin ausgeschwiegen hatte, verabschiedete sie sich fürs Erste von der mehr oder weniger illusteren Runde.

Eigentlich hatte sie vor, sich den lieben, langen Weg nachhause über die ungerechtfertigte, infantile Ignoranz von Chris aufzuregen. Sie wollte sich so richtig schön in Rage denken und bei ihrer Ankunft möglicherweise einen dieser suspekten Gartenzwerge in den Keramikarsch treten, aber stattdessen war sie einfach nur nachdenklich.

Mit einem ungewohnt mulmigem Gefühl schritt sie am Seeufer entlang. Ihre Gedanken kreisten um Chris, den Chris mit den tiefblauen Augen und dem Zahnpastalächeln. Einerseits hatte er diese selbstverliebte, machomäßige Art, die ihn arroganz und unnahbar machte, andererseits wurde er von seinen Freunden sehr geschätzt und in Schutz genommen. Sam imponierte diese Tatsache ungemein, sie musste darüber nachdenken, was Bastian und Pia wohl über sie gesagt hätten, hätte jemand sie für einen cholerischen Idioten gehalten. Wahrscheinlich würden sie einfach nur lächelnd beipflichten und die Szene aus der letzten Mathestunde zum Besten geben, in der sie den Professor als „die Saat des Bösen“ bezeichnet hatte. Absolut gerechtfertigt natürlich, nur das ultimative Böse hatte die Macht aus seltsamen Zahlenreihen Matrizen zu formen und diese dann in zweckfreie Ergebnisse zu verwandeln. Wenn sie darüber nachgedacht hätte, hätte sie viel von sich selbst in Chris erkannt, doch dazu sollte es nicht kommen, denn ein penetrantes und fast schon eunuchenartiges, >>Hallo!<< drang an ihr Ohr und riss sie aus ihren Gedanken. Sophie und ihr Vater saßen draußen im Garten und die Gartenzwergliebhaberin war auch die Quelle der Störgeräusche, die Sams Gedankenfluss unterbrachen.

>>Hattest du einen schönen Tag?<<

Dröhnte es weiter an ihr Ohr. Mit einem >>Mhm<< versuchte sie den Schwall aus Fragen zu entkommen, der unweigerlich auf sie zu käme, würde sie die Wahrheit erzählen.

>>Du musst letzte Nacht am Balkon eingeschlafen sein. Wir wollten dich nicht wecken, darum sind wir alleine losgegangen. Ich hoffe du hattest keine Langeweile.<<

>>Hab mich irgendwie beschäftigt wie du siehst<<, entgegnete sie ihrem Vater und gähnte provokant.

>>Ich geh dann mal nach oben und leg mich hin, das Spazieren macht einen echt müde.<<

Hastig trat Sam die Flucht ins obere Stockwerk an. Sie hatte weder die Lust noch die Zeit, sich auf irgendwelche unsinnigen, nichtssagenden Gespräche einzulassen. Vielmehr war sie damit beschäftigt ihre Gedanken zu ordnen und sich zu fragen, was Sev wohl damit gemeint hatte, als er behauptet hatte, dass Chris keine leichte Kindheit gehabt hätte. Trotzdem sie ihn in Sachen Frauen gut einschätzen konnte, hatte sie keinen blassen Schimmer, in welchen Verhältnissen er aufgewachsen war. Sie wusste ja noch nicht mal wo er eigentlich her kam. Seine Kleidung und die Art, wie er sich gab, deuteten nicht gerade auf ärmliche Verhältnisse hin. Wahrscheinlich war er einfach nur ein verzogener reicher Schnösel, der sich über die Alltäglichkeiten des Lebens langweilte und seine Zeit mit Affären und Nichtigkeiten tot schlug. Sam konnte sich nicht vorstellen, dass hinter einem dermaßen großen Ego etwas tiefgründiges verborgen war, zumal sie selbst nie Erfahrung mit Schicksalsschlägen gemacht hatte – ihr Temperament war einfach nur Gottgegeben.


 

Knarrend öffnete sich die Holztür zum kleinen Zimmer im oberen Stockwerk. Erschöpft ließ sich Sam auf das schmale Bett fallen und atmete tief durch. Ein leichter Sonnenbrand hatte sich auf ihrer Schulter gebildet und schmerzte ein wenig.

Prüfend ließ sie ihren Blick auf das Display ihres Handys fallen und bemerkte einen Anruf in Abwesenheit von Pia. Es war relativ ungewöhnlich, dass ihre Freundin sie anrief. Natürlich verbrachten sie viel Zeit miteinander, aber die gute Pia hatte eine fast schon krankhafte Schwäche für Kurznachrichten und verpackte jede nur erdenkliche Information gekonnt in nur 15 Wörtern.

Sam wollte gerade zurückrufen, als ihr Blick plötzlich an dem weißen Zettel hängen blieb, der an ihrer Balkontür klebte.

Sie war sich absolut sicher, dass dieser vor zwei Minuten noch nicht dagewesen war und fragte sich ob ihr die Landluft einfach nur zu Kopf gestiegen war, oder ob sie langsam wirklich verrückt wurde. Sie konnte sich schon ausmalen, wer ihr auf diese unkonventionelle Weise eine Nachricht zukommen ließ, zumindest konnte sie es auf drei mögliche Täter eingrenzen.

Neugierig ließ sie den Blick über die Wörter schweifen.


 

Hey Sam!

Wir veranstalten heute um 22:00 Uhr eine kleine Scheunenparty.

Getränke gehe auf mich!
Chris ist nach spätestens drei Vodka Cola bestimmt gesprächiger!

Grüße Sev


 

Einen Augenblick lang dachte sie darüber nach, ob sie sich wirklich darauf einlassen sollte, doch die Entscheidung war schnell getroffen. Womit sollte sie sich denn sonst die Zeit vertreiben? Außerdem verstand sie sich mit Sev und Matthias wirklich gut und gegen einen kleinen Schlummertrunk mit Freunden hatte sie noch nie etwas einzuwenden.


 


 

Kapitel 7

Schnaps...

 

Laut dröhnten „The Offspring“ aus dem Inneren der großen Scheune.

Die Musik war schon von weitem zu hören, die Drei mussten die Anlage wirklich bis zum Anschlag aufgedreht haben.

Sam war spät dran, es hatte diesmal wirklich lange gedauert, bis sie fertig war.

Abgesehen davon, dass ihre Haare durch die viele Sonne ganz strohig waren, war es auch ziemlich zeitintensiv, einen Look hinzubekommen der nicht nach „seht mich an, ich bin die Königin der Nacht“ aussah.

Nach reiflicher Überlegung und einer ausgiebigen Haarkur, hatte sie sich für ein paar Jeans und ein schlichtes dunkelgraues Top entschieden.

Einmal noch atmete sie tief durch und rief sich ihre Taktik der schlichten Ignoranz nochmal in Erinnerung, eher sie das große Scheunentor knarrend öffnete.

Um den Tisch in der Mitte hatten sich Mickey, Donald und Goofy versammelt – jeder ein Bier in der Hand.

>>Schön dass du da bist!<<, hörte sie Matthias durch die dröhnenden Bässe rufen.

>>Wo soll ich denn sonst hin?<<, brüllte Sam zurück und deutete auf die Anlage.

>>Sorry, war wohl ein wenig laut<<, entschuldigte sich der Schwarzhaarige und drehte am Lautstärkeregler.

>>Willst du was trinken?<<

>>Nein danke, ich hab grad keine Lust auf Bier.<<

>>Das dachte ich mir schon, deshalb hab ich auch noch ein paar andere Sachen eingekauft.<<

Sev deutete auf die Flaschen, die neben dem Tisch standen, Vodka, Malibu, Bacardi, es war alles da.

>>Wow, wie hast du die denn an dem Drachen der im Supermarkt an der Kasse sitzt vorbeigeschleppt?<<

>>Alles reine Willenssache!<<, scherzte Sev und gestikulierte Sam sich zu setzen.

Musternde Blicke begleiteten sie dabei.

>>Du hast da einen Sonnenbrand!<<, tönte es urplötzlich von Rechts. Chris, der sein Schweigen scheinbar gebrochen hatte, deutete auf die Rötungen an Sams Arm.

Völlig perplex starrte sie ihn an. Sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass der Blonde nach seiner Interpretation eines beleidigten Stummen nun auf Smalltalk machte. Ihm eine Antwort schuldig bleibend, nahm Sam das Glas, das Sev ihr hinhielt entgegen und nippte daran. Ein kalter Schauer durchfuhr ihren Körper.

>>Was es auch ist, es ist zu stark!<<, hauchte sie und entlockte den Dreien ein amüsiertes Lächeln.

>>Sev neigt dazu, das Mischverhältnis zwischen alkoholischen und antialkoholischen Getränken ein wenig zu verzerren, darum trinken wir auch nur Bier<<, erwiderte Matthias.

>>Gut zu wissen…<<, hauchte Sam.

>>Und was macht ihr hier immer so, außer Bier trinken und The Offspring hören?<<

>>Für gewöhnlich spielen wir „Arschloch“<<, erwiderte Chris und erntete dafür schallendes Gelächter von Sam.

>>Das ist mir schon klar, aber…<<, sie rang nach Luft >>…aber beschäftigt ihr euch auch irgendwie während ihr „Arschloch“ spielt?<<

Der Blonde rollte mit den blauen Augen.

>>Das ist ein Kartenspiel und keine Charaktereigenschaft.<<

>>Aja und lass mich raten, du hasts erfunden!<< Sam kriegte sich einfach nicht mehr ein und steckte auch Sev und Matthias mit ihrem Lachen an.

Chris wiederum fand das Ganze weniger amüsant. Provokant hielt er Sam einen Stoß Karten vor die Nase.

>>Und wie spielt man das?<<

Während Chris ihr die nicht allzu komplizierten Spielregeln erklärte, kramte Matthias vier kleine Gläser hervor und stellte sie zusammen mit einer verdächtig klaren Flüssigkeit in die Mitte des Tisches.

>>Was wäre eine Runde „Arschloch“ ohne den guten Schnaps von Opi!<<

Sam grinste in sich hinein. Mal sehen was der gute Chris zu sagen hatte, nachdem er den einen oder anderen Schnaps intus hatte. Die Spielregeln hatte sie soweit verstanden und Fortuna stand bei solchen Dingen meistens auch auf ihrer Seite.

>>Na dann lasst uns „Arschloch“ spielen!<<


 

****

Es war genau zehn Minuten vor Mitternacht als Sam den Kopf auf die Tischplatte knallen ließ.

>>Auha…<<, kommentierte sie ihr Malheur mehr oder weniger geschickt und kicherte vor sich hin.

>>Ich glaub isch hab verloooorn…<<

>>Das glaub ich auch!<<, entgegnete Chris triumphierend, der die letzten vier Runden eine wahre Glückssträhne hatte.

>>Willst du einen Schluck Wasser?<<, wollte Sev wissen und klopfte ihr auf die Schulter.

>>Wassa is was für Mädchen….<<, entgegnete Sam.

>>Ich glaube der gute Schnaps von Opi war zu viel für sie<<, lachte Matthias, auch nicht mehr allzu nüchtern. Die klare Flüssigkeit hatte ihre Spuren an den Vieren hinterlassen, doch Sam war die unangefochtene Königin der Betrunkenen.

>>Fortuna had mich im Stich gelassn…<<, bemerkte sie kichernd und raffte sich auf.

>>Ich brauch Lufd…<<, rief sie noch eher sie

sich - ihren Linksdrall ergebend - nach draußen begab.

>>Hey, Sam auf der Flucht!!<<, schrie Sev und deutete ihr nach.

>>Fang sie ein!<<, befahl Matthias Chris, der wohl mit Abstand der nüchternste in dieser illusteren Runde war.

Schnell eilte er der beschwipsten Sam hinterher in die Dunkelheit.

>>Sam! Bleib stehen! Wo willst du denn hin?<<

Es dauerte nicht lange bis er sie eingeholt hatte. Ihr Beine führten sie mehr im Kreis herum als geradeaus.

>>Frische Lufd…<<, seufzte sie und ließ sich ins Gras fallen.

>>Du hättest nicht so viel Schnaps trinken sollen, dir wird bestimmt schlecht.<<

>>Ohhh, Mister Zahnpastalächeln macht sich Sorgen um mich…<<

>>Mister Zahnpastalächeln?<<, fragte Chris grinsend nach und ließ sich neben Sam ins Gras fallen.

>>Sorry, bin betrinkt…<<

>>Fällt fast nicht auf.<<

Chris starrte eine Weile in die funkelnden Sterne am schwarzen Nachthimmel, während Sam unmotiviert vor sich hin summte.

>>Es tut mir leid…<<, unterbrach er schließlich das Summen.

>>Was tud dir leit?<<

>>Ich wollte dich nicht anschreien oder anschweigen, aber du bist auch…<<

Chris stockte

>>…irgendwie ein merkwürdiges Mädchen.<<

>>Danke! Jede Frau will hörn, dass sie irgendwie merkwürdig iss!<<

>>Versteh mich nicht falsch, du bist nur irgendwie schwierig.<<

>>Ich weiß…<<, erwiderte Sam, schloss für einen kurzen Moment die Augen und öffnete sie dann wegen des aufkommenden Schwindels schnell wieder.

>>Ich werd versuchen mich zu bessern, schließlich will ich dir nicht den Sommer verderben<<, versprach Chris uns drehte sich auf die Seite damit er Sam im Blick hatte.

In ihrem Kopf hallte seine Stimme wieder. Das helle Mondlicht ließ seine blauen Augen wunderschön schimmern und der Duft, den er ausströmte, war unglaublich berauschend.

Hätte Sam sich in dieser Situation selbst beobachten können, hätte sie sich wahrscheinlich geohrfeigt. Sie hatte einen dermaßen perfekten Kuhblick aufgesetzt, dass selbst Pia vor Neid erblasst wäre.

In diesem Moment war ihr jedoch alles egal. Diese Augen ließen sie einfach alles vergessen. Geschickt überbrückte sie die kurze Distanz, die sich noch zwischen ihr und Chris befand und schloss seine leicht geöffneten Lippen mit ihren. Perplex von Sams Handeln versteifte Chris sich kurz, ließ sich aber dann auf ihren Kuss ein. Sie sah so schön aus im Mondlicht und ihre Lippen waren so unglaublich weich, dass er es einfach geschehen ließ.

Noch nie hatte Sam einen Kuss so genossen. Langsam ließ sie ihre Finger durch sein dichtes, blondes Haar gleiten, ehe sie ihn am Nacken weiter zu sich zog – sie wollte ihn spüren. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt und dann auch schwindelig. Sie konnte sich gerade noch von Chris lösen ehe sie neben ihm ins Gras kotzte.


 


 

Kapitel 8

Der Tag danach


 

Dröhnend und schmerzend meldete sich Sams Kopf am nächsten Morgen und erklärte sich damit solidarisch mit ihren Magen.

Langsam und von einem leisen grummeln begleitet öffnete sie die Augen. Es war hell, viel zu hell und es roch verdächtig stark nach Heu. Vorsichtig tastete sie ihre Umgebung ab – ja definitiv Heu.

Sie hatte es wohl gestern Nacht nicht mehr nachhause geschafft. Der Begriff Schlummertrunk ergab plötzlich mehr Sinn als je zuvor.. Milde schmunzelnd über diesen Gedanken versuchte sich Sam aufzurichten. Ihr ganzer Körper schmerzte und der fahle Geschmack auf ihrer Zunge ließ sie erschauern. Sie ließ ihren Blick durch die spärlich und doch für ihren Geschmack viel zu hell erleuchtete Scheune schweifen und erblickte Sev der tief und fest schlafend ein pfeifendes Geräusch von sich gab. Wenige Meter entfernt, konnte sie auch Matthias erkennen. Der Braunhaarige hatte sich zusammengerollt und brabbelte fröhlich vor sich hin. Sam grinste in sich hinein, als ihr plötzlich Bastian in den Sinn kam, der auch leidenschaftlich gerne im Schlaf vor sich hin plapperte.

Während sie versuchte den dritten im Bunde ausfindig zu machen, läuteten plötzlich sämtliche Alarmglocken in ihrem Inneren auf.

Angestrengt nachdenkend starrte sie auf die hölzerne Decke. Wie kam sie eigentlich hier auf den Heuboden?

Sie konnte sich noch an dieses Kartenspiel erinnern, an diesen widerlichen Schnaps und an die Tatsache, dass sie gestern sämtlichen Glücksspielen abgeschworen hatte. Da waren The Offspring, die Übelkeit, die Sterne, der Kuss, das Kotzen…

>>O mein Gott! Sag, dass ich das nicht getan habe!<<

Kreischend richtete sich Sam auf.

>>Was ist denn los?<<, murrte Sev vor sich hin und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

>>Was ist mit Gott?<<, fragte Matthias verwirrt, der auch durch das Geschrei von Sam wach geworden war.

>>Nein, Nein, Nein, Nein….<<

Sam wankte noch immer nicht ganz ausgenüchtert hin und her während die Erinnerungen an die gestrige Nacht immer klarer wurden.

>>Was zum Teufel ist denn mit dir los?<<, wollte Sev wissen und richtete sich auf.

>>Was ist mit dem Teufel?<<, murrte Matthias, noch immer mit geschlossenen Augen.

>>Sag bitte, dass ich das nicht getan hab!<<

>>Was denn?<<

>>Wo ist Chris?<<

>>Wahrscheinlich nachhause gegangen, der war noch ziemlich nüchtern im Gegensatz zu dir.<< Sev grinste.

>>Was soll das heißen? Was weißt du!?<<

>>Nur, dass du gestern plötzlich nach draußen gestürmt bist und irgendwas von „Luft“ gelabert hast. Chris ist dir dann hinterher und eine halbe Stunde später hat er dich dann rein getragen – da warst du aber schon ziemlich weggetreten.<<

Sam ließ sich wieder auf den Heuboden fallen. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte war, dass sie Chris beinahe vollgekotzt hätte. Danach herrschte Finsternis.

>>Der Boden möge sich bitte auftun!<<, flehte Sam und vergrub das Gesicht in den Händen.

>>Ach was, beim ersten Kontakt mit dem Schnaps von Matthias‘ Opa ist so etwas vorprogrammiert. Ging uns allen schon mal so, mach dir nichts draus.<<

>>Aber SOWAS ist euch sicher noch nicht passiert.<<

>>Was, glaubst du wir haben noch nie einen über den Durst getrunken?<<

>>Schon aber…..o mein Gott ich glaub Pia ist ansteckend!<<

>>Was redest du denn da?<<

>>Ach, gar nichts….ich muss weg.<<

Seufzend richtete sich Sam auf und ließ einen verwirrten Sev und einen paralysierten Matthias zurück.

Hastig und noch immer wackelig auf den Beinen schleppte sie sich den Waldweg entlang. Wie konnte sie nur dermaßen die Beherrschung verlieren?

Wieso musste sie auch soviel trinken, wieso mussten diese Augen auch so verdammt blau sein und wieso zum Teufel passierten ihr so ekelige Dinge? Was war bloß aus diesen Märchenküssen geworden, an denen einfach alles perfekt schien?

>>Hey Sam!<<

Eine wohlbekannte Stimme riss sie plötzlich aus ihren Gedanken.

>>Hallo Papa…<<

Ihr Vater und Sophie kreuzten mit einem Mal ihren Weg.

>>Na, wo kommst du den her?<<

Die Stimme ihres Vaters wirkte etwas mürrisch. Ob ihm aufgefallen war, dass seine Tochter heute Nacht nicht nachhause gekommen war? Sam versuchte so gut es ging den Restalkohol, der sie noch beherrschte zu verdrängen.

Eigentlich wollte sie ihrem Vater gerade eine nette, annehmbare Lüge auftischen um ihn nicht unnötig in Rage zu bringen, doch Sophie durchkreuzte diesen Plan.

>>Reg dich nicht auf Schatz, Sam wird schon ihre Gründe gehabt habe, sie ist schließlich ein gutes Kind!<<

Sams Puls beschleunigte sich mit einem Mal auf das Doppelte.

>>Gutes Kind, gutes Kind sagt sie…<<

Sophie hatte sie herausgefordert, das konnte sie haben!

>>Naja, ich hab letzte Nacht mit drei Jungs aus der Gegend Karten gespielt und Schnaps getrunken. Ich war total betrunken und hab dann einen von ihnen einfach geküsst und ihn danach beinahe vollgekotzt. Das war ziemlich peinlich und deshalb würd ich jetzt am liebsten im Erdboden versinken!<<

Perplex starrte die kleine Frau Sam an während ihr Vater einfach nur den Kopf schüttelte. Er kannte seine Tochter viel zu gut, als dass er versucht hätte, sie nun irgendwie zu belehren oder zu bestrafen. Im Grunde genommen war Sam wirklich ein gutes Kind und auch vernünftig genug, um zu wissen wie weit sie gehen konnte. Der Mittvierziger war in seinen jungen Jahren auch ein Wildfang gewesen und brachte stets viel Verständnis für solche Geschichten auf. Das Sam ihnen die Wahrheit so unverfroren entgegen geschmettert hatte, hatte jedoch andere Gründe, wie er nun verstand.

>>Na dann solltest du zusehen, dass du ihn findest und ihm erklärst, dass du nicht wegen dem Kuss gekotzt hast, sonst wird das nichts mit deiner Sommerromanze.<<

Mit einem Zwinkern nahm er die verdutzte Sophie zur Seite um seinen Sparziergang fortzusetzen.

Ihr Vater war zwar ein Arbeitstier und auch manchmal ziemlich zerstreut, doch alles in allem ein echt feiner Kerl, wie Sam nun einmal mehr feststellte. Das mit der Sommerromanze hätte er sich jedoch sparen können, auch wenn er mit der Sache mit dem Gespräch vielleicht Recht hatte. Wie würde sie sich fühlen wenn sie so ein verrückter Typ einfach geküsst hätte, um sich dann, keine zwei Sekunden später zu übergeben – verarscht wahrscheinlich.

Eher sie sich aufmachte, Chris zu suchen, wollte sie sich erst mal eine ausgiebige Dusche gönnen um ihn mit ihrer zerzausten Erscheinung nicht ein zweites Mal zu schocken.


 

Zuhause angekommen beseitigt Sam die äußerlichen Spuren der letzten Nacht. Sie gönnte sich eine ausgiebige Dusche und ein paar neue Klamotten. Während sie ihre Reisetasche nach einem einigermaßen brauchbaren T-Shirt durchwühlte, fragte sie sich, seit wann sie eigentlich so eitel geworden war. In den letzten 24 Stunden, hatte sie nicht nur ihre Prinzipien über Bord geworfen, nein sie war auch noch zu einer Art Mädchen geworden, die stundenlang im Bad brauchten um der sinnlosen Frage nachzugehen, welche Art von Scheitel sie tragen wollten und welcher Nagellack am besten mit dem kleinen roten Top harmonierte und das alles nur um irgendeinen dahergelaufenen Typen zu gefallen. Das musste nun wirklich ein Ende haben. Es war Zeit, die ganze Sache zu klären, um endlich wieder zu gewohnten Mustern zurückzufinden. Sie würde sich einfach entschuldigen und alles auf die drei Promille schieben, die ihr letzte Nacht die Sinne benebelt hatten, sie entschuldigte sich schließlich nicht zum ersten Mal wegen eines Kusses. Damals auf dieser Party vor zwei Jahren, hatte sie es mit der Flüssigkeitszufuhr auch etwas übertrieben und danach mit Bastian geknutscht. Am nächsten Morgen konnte sie sich an fast nichts mehr erinnern, aber die Sache war dann auch ziemlich schnell vom Tisch, schließlich war Bastian ihr bester Freund und da regelten sich solche Lappalien irgendwie ganz von alleine. Diesmal würde es sich auch irgendwie regeln lassen.


 

 

 

Kapitel 9

Entschuldigen für Anfänger


 

Mental noch immer etwas zerknirscht, stand Sam eine Stunde später wieder draußen vor dem Haus. Von zwei Gartenzwergen beobachtet starrte sie auf den See. Sie wollte zu Chris, aber wo genau dieser wohnte wusste sie nicht. Bisher hatte sie ihn nur in der Scheune und als ungebetenen Gast in ihrem Zimmer vorgefunden, aber wie schwer konnte es schon sein MC Beauty in einem 300 Seelen Dorf zu finden?

Eine weitere Stunde später musste sie feststellen, dass es doch irgendwie schwer war. Die vielen Ferienhäuser in der Gegend glichen sich wie ein Ei dem anderen und die kleinen Fenster eigneten sich nicht sonderlich gut für Detektivarbeiten. Auch die Scheune stand mittlerweile leer, von Matthias oder Sev keine Spur.

Enttäuscht ließ sich Sam nahe jener Stelle ins Gras fallen, an der gestern Nacht das Übel seinen Lauf genommen hatte.

Obwohl der größte Teil dieses Abends in den unendlichen Weiten ihrer Gehirnwindungen verschwunden war, erinnerte sie sich noch genau an den Teil mit dem Kuss. Seltsam, dass sich gerade die kuriosen Ereignisse so hartnäckig ins Gedächtnis brannten. Als Sam für einen kurzen Moment die Augen schloss, konnte sie sogar das Parfum von Chris riechen. Der angenehme Duft stieg ihr in die Nase, es fühlte sich beinahe wie gestern an. Ein breites Grinsen huschte ihr übers Gesicht, als sie feststellte, dass die Macht der Suggestion wohl keine Grenzen kannte.

>>Was grinst du denn so breit?<<, riss sie mit einem mal eine wohlbekannte Stimme aus ihren Erinnerungen. Suggestion hin oder her, das klang ziemlich echt. Sam öffnete die Augen und Blickte in ein paar funkelnde, blaue Augen, die sie streng musterten.

>>Ich naja, hab dich gesucht!<<

>>Aha und deshalb liegst du im Gras und grinst blöd vor dich hin?<<

Der beleidigte, bockige Ton in Chris‘ Stimme war kaum zu überhören.

Mit einem genervten Kopfschütteln drehte er sich um und ging wortlos in Richtung Scheune.

Etwas zögernd raffte sich Sam auf und folgte ihm.

>>Ach komm schon, als hätte sich noch nie jemand übergeben, den du geküsst hast<<, scherzte Sam und lachte dabei ziemlich gequält. Ja, in unangenehmen Situationen neigte sie tatsächlich dazu nur Schwachsinn zu reden, Pia hatte Recht. Mit aufgerissenen Augen machte Chris auf dem Absatz kehrt und baute sich vor Sam auf.

>>Jetzt hör mal zu du Schnapsdrossel, es gibt zwei Dinge auf dieser Welt die ich nicht ab kann, das sind zum Einen Oberflächliche Tussis, die glauben, sie sind dem Rest der Menschheit moralisch und intellektuell überlegen und zum Anderen – und das weiß ich seit gestern – Mädchen, die mich, nachdem sie mir ihre Zunge in den Hals gesteckt haben, beinahe vollkotzen!<<

>>Wow, dann musst du mich ja jetzt richtig hassen<<, lachte Sam noch immer gequält. Ihr Sarkasmus meldete sich aber auch wirklich immer zu den unpassendsten Zeitpunkten. Eigentlich wollte sie sich ja entschuldigen und nicht irgendwelche dämlichen Sprüche loslassen, aber die Sache mit dem Entschuldigen war irgendwie gegen ihre Natur.

>>Sieh das Ganze mal positiv, ich hab dich nur b~e~i~n~a~h~e vollgekotzt!<<

>>Oh, danke dass du die Größe besessen hast, dich vorher noch von mir abzuwenden! Warum küsst du mich eigentlich wenn dir schlecht ist?<<

>>Naja, vor dem Kuss war mir ja auch noch nicht schlecht…<<

Furchtbar böse Blicke, die wahrscheinlich auch töten hätten können, trafen Sam.

>>Nein, nein…versteh das nicht falsch! Ich wollte damit sagen, dass mir ganz plötzlich schlecht geworden ist, nicht wegen dem Kuss oder so, ich war einfach betrunken und dann die ganze frische Luft. Ich fühl mich echt mies deswegen und es tut mir auch leid.<<

Die letzten Worte sprach Sam so leise und vorsichtig, als ob sie einen illegalen Inhalt wiedergeben würden.

>>Und das soll ich dir jetzt glauben oder was?<<, überging Chris die geflüsterte Entschuldigung einfach und behielt den genervten Tonfall bei.

Sam machte diese Ignoranz wütend. Jetzt entschuldigte sie sich und dieser nervige Typ schenkte ihr noch immer keinen Glauben.

Nun war endgültig Schluss mit lustig.

Beherzt zog sie ihren Gegenüber am T-Shirt an sich heran und presste ihre Lippen auf seine.

Das ganze Spektakel dauerte ungefähr drei Sekunden, dann löste sich Sam wieder von ihrem verdutzten Opfer.

>>Siehst du, ich kann dich auch küssen ohne zu kotzen!<<

Triumphierend grinste das Mädchen während Chris sie einfach nur anstarrte.

>>Ha! Ich hatte Rech…..<<

Noch bevor sie ihren Satz beenden konnte, schloss Chris ihren Mund mit seinen Lippen.

Eigentlich diente ihr Kuss nur der Demonstration ihrer Sturheit, aber nun hatte sie ein Déjà-vu. Ihr wurde genau wie gestern wieder heiß und kalt nur diesmal eben ohne die Übelkeit. Seine weichen Lippen auf ihren, raubten ihr wieder den Verstand, obwohl sie angestrengt darüber nachzudenken versuchte, was sie da eigentlich gerade geschehen ließ. Sie fühlte Chris‘ kühle Hände um ihre Hüften die sie näher an ihn heranzogen und kämpfte mit den beiden Stimmen in ihrem Kopf die abwechselnd Dinge schrien wie, >>Na toll, jetzt bin ich wirklich genau wie Pia!<<, oder, >>Hoffentlich hab ich zusammenpassende Unterwäsche an!<<

Bevor Sam aber weiter auf die Zwischenrufe ihrer inneren – scheinbar gespaltenen – Persönlichkeit eingehen konnte, fühlte sie auch schon das kratzige Heu unter sich auf dem sie heute Morgen aufgewacht war.

>>Du bist die mit Abstand anstrengendste und emotional verwirrteste Person, die mir je begegnet ist!<<, keuchte Chris, der sich kurz von Sams Lippen gelöst hatte.

>>Sagt der, der mich vor zwei Minuten noch mit seinen Blicken töten wollte<<, entgegnete Sam etwas außer Atem, während sie die kleinen Küsse, die Chris auf ihren Hals verteilte genoss.

>>Ich hab nicht behauptet, dass ich weniger emotional beeinträchtigt bin, als du…<<, lachte er und gab sich wieder ganz dem Moment hin.


 

******


 

Es dämmerte bereits als Sam Chris die Zigarette aus den Fingern nahm und genüsslich den blauen Dunst inhalierte.

>>So intensiv hat sich auch noch Keine bei mir entschuldigt!<<, scherzte Chris während er sich das Heu aus den Haaren fummelte.

>>Sehr witzig!<<, entgegnete Sam und schloss entspannt die Augen. Auch wenn nun das letzte bisschen Würde winkend an ihr vorbei zog, fühlte sie sich doch irgendwie gut. Jetzt wusste sie auch wo Pia diesen Blöde-Kuh-Blick her hatte, der stellte sich nämlich ganz automatisch ein.

Knarrend öffnete sich das große Scheunentor. Perplex starrten die zwei Blonden – die gerade noch damit beschäftigt waren, sich das Heu aus den Haaren zu fummeln - in Richtung Eingang, durch den ein vor sich hin pfeifender Matthias stolzierte.

>>Chris, bist du schon d…<<

Der Braunhaarige stockte und musterte perplex die Beiden noch immer ziemlich spärlich bekleideten Personen im Heu. Ein paar Sekunden des Schweigens vergingen, eher Matthias mit den amüsierten Worten, >>Ich hab absolut nichts gesehen…<<, auf dem Absatz kehrt machte.


 

Schweigend spazierten Sam und Chris am Seeufer entlang. Draußen war es bereits wieder dunkel geworden und am Himmel funkelnden tausende kleine Sterne um die Wette. Ein Anblick, der mit Sicherheit atemberaubend gewesen wäre, hätte man ihm nur ein klein wenig Beachtung geschenkt. Viel zu sehr waren die Beiden aber damit beschäftigt, ihren Blicken gegenseitig auszuweichen und das Geschehen zu verarbeiten. Während Chris darüber nachdachte, was er eigentlich an Sam so anziehend fand, kreiste in Sams Kopf wiedermal alles um sie selbst. Einerseits verfluchte sie sich für diese seltsame Spontanaktion und andererseits gestand sie sich ein, dass es sie irgendwie glücklich gemacht hatte, für einen kurzen Moment diese Mauer um sie herum einstürzen zu lassen. Sie war nie eine von diesen Mädchen gewesen, die ihr Leben nach irgendwelchen Zeitschriften oder Klischees ausrichteten, sie hatte eigentlich immer nur das getan was sie auch wirklich wollte und wann sie es wollte, auch wenn das den meisten Menschen in ihrer Umgebung so gar nicht passte und sie sich dadurch ein ziemlich dickes Fell zulegen musste, hinter dem sie sich auch gern mal versteckte. Auch diesmal hatte sie getan, nach was ihr war und sie wollte in diesem Moment einfach nichts mehr, als Chris.

>>Ich muss da lang<<, brach er das Schweigen und deutete auf die andere Seite des Sees.

>>Ja, mach das. Ich sollte mich auch mal wieder zuhause blicken lassen.<<

Ganz wie nach einem beiläufigen Kaffeekränzchen, trennten sich die Wege der Beiden mit einem banalen Winken. Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt für eine Aussprache, zu viele persönliche Dinge, die man nur mit sich selbst vereinbaren konnte, waren noch ungeklärt.

Zuhause angekommen erwarteten Sam auch schon ihr Vater und eine noch immer ziemlich verdutzte Sophie, deren Blicke eindeutig verrieten, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, das Bild, das diese Frau von ihr hatte, mit einem einzigen Satz zu zerstören – Sieg auf der gesamten Linie.

>>Und?<<, fragte ihr Vater und blickte kurz von seiner Zeitung auf.

>>Hast du dich bei dem Jungen entschuldigt?<<

>>Ja, sogar zweimal…<<, entgegnete Sam und grinste dabei in sich hinein.

Sie verbrachte den Rest des Abends notgedrungen mit ihrem Vater und Sophie. Die unsinnigen Unterhaltungen, hinderten sie daran, ständig an den Verlauf des Tages zu denken und natürlich auch an Chris. Sie wollte sich nicht auf ihrem Zimmer verkriechen und stundenlang darüber nachdenken wo er gerade war und was er tat. Er war zuhause und tat wahrscheinlich genau das Selbe wie sie. Er saß mit seinen Eltern bei einer Tasse Tee inmitten von diesen scheußlichen Tapeten und beantwortete stumpfsinnige Fragen zum Thema Uni und Freizeit – was gab es schon groß darüber nachzudenken.

>>Du wirkst nachdenklich, Sam.<,< warf ihr Vater ihr vor und musterte sie wissend.

>>Nein, sicher nicht, ich denke nicht mehr, hab ich aufgegeben<<, entgegnete Sam mit gespielter Belustigung und erntete dafür noch wissendere Blicke. Wie schaffte es ihr Vater nur immer wieder, so genau zu wissen, was in seiner Tochter vorging?

Manchmal mochte man wirklich glauben, dass dieser konservative Mann, der seine Nase ständig in irgendwelchen Wirtschaftszeitungen vergrub, zuhause heimlich Räucherstäbchen anzündete und seine mentalen Begabungen trainierte – denn Gedankenlesen war die einzige Erklärung für die Fähigkeiten ihres Vaters.

>>Du solltest es dir nicht allzu schwierig machen Sam. Du bist doch sonst nicht so unentschlossen. Wenn es etwas gibt, das du haben möchtest, dann geh und hol´s dir und verschwände deine Zeit nicht mit „was-wäre-wenn-Fantasien“.<<

Faszinierend, dieser Mann schaffte es in drei Sätzen, Sam eine Richtung zu weisen, für die sie selbst wahrscheinlich die ganzen Sommerferien gebraucht hätte. Fehlte nur noch der lange Bart und ein Holzstock und Gandalf der Weiße könnte einpacken.

>>Schlaf doch einfach eine Nacht darüber. Morgen kannst du dich dann ja wieder darum bemühen das Nachdenken endgültig sein zu lassen.<<

Mit einem leisen, >>Ja…<<, verabschiedete sich Sam auf ihr Zimmer und ließ sich dort seufzend auf das Bett fallen.

Hinderte sie sich wirklich selbst daran, auf diese altmodische und irgendwie kitschige Art, glücklich zu werden? Vielleicht stand sie ihrem Glück wirklich die ganze Zeit selbst im Weg. Je mehr sie nachdachte und versuchte bewusst zu Handeln, umso mehr verbaute sie sich immer das, was sie eigentlich wirklich wollte. Aber was wollte sie denn eigentlich wirklich? Wonach sehnte sie sich, wenn sie die Augen schloss und was war es, was sie am meisten genoss, wonach sie sich verzehrte?

Die Antwort blieb sich Sam nicht lange schuldig und fühlte sich irgendwie befreiter als sonst als sie endlich einschlief.



 

Kapitel 10

Liebe auf den zweiten Blick


 

Das penetrante klingeln ihres Handys holte sie am nächsten Morgen aus dem Bett.

Das Display verriet den Anrufer der versuchte sie zu so unchristlicher Stunde zu erreichen.

Seufzend schaltete sie den Ton aus und warf das Handy in die nächstbeste Ecke. Sie hatte nun wirklich keine Nerven jetzt mit Pia über irgendwelche Typen zu quatschen und schon gar nicht so früh am Morgen. Genervt schleppte sie sich in Richtung Badezimmer und gönnte sich erst mal einen muntermachenden Schauer aus der Dusche.

Hätte Sam dem kleinen, silbernen Gerät mehr Beachtung geschenkt, wären ihr vielleicht die unzähligen verpassten Anrufe aufgefallen die in ihrer Abwesenheit stattgefunden hatten, aber dazu sollte es nicht kommen.

>>Willst du mit uns frühstücken?<<, wollte Sophie wissen, als Sam in alter frische die Treppen hinunter trampelte.

>>Keine Zeit, ich muss endlich aufhören zu denken! Sag Gandalf eine lieben Gruß von mir!<<

>>Gandalf?<<, fragte Sophie noch ehe Sam das Schloss der Haustür wieder in die Angeln fallen ließ.


 

Eilig lenkte Sam ihre Schritte in Richtung Scheune und begrüßte dabei sogar die suspekten Gartenzwerge die ihren Weg säumten. Sie wusste sie würde Chris dort finden, schließlich war er immer dort wenn sie gerade nach ihm suchte.

Es war Zeit für eine Aussprache. Schluss mit Schweigen und Schluss mit dem Gezanke. Sam musste einfach loswerden was ihr letzte Nacht alles durch den Kopf gegangen war.

Etwas zögerlich öffnete sie die Tür und trat ein.

Suchend ließ sie ihren Blick durch den großzügigen Raum gleiten.

>>Suchst du mich?<<, ertönte es mit einem Mal aus der hintersten Ecke.

>>Du bist aber auch immer hier, man könnte fast glauben du wohnst hier<<, scherzte Sam während Chris näher kam.

>>Ich bin eigentlich nur wegen dir hier<<, sprach er vorerst völlig unbedacht während im nächsten Moment eine leichte Röte sein Gesicht zierte.

>>Ehm, ich meine ich…hab gedacht du kommst hierher und naja dann hab ich gedacht du willst vielleicht mit mir reden und deshalb bin ich eigentlich hier…<<

Hektisch versuchte er sich die Röte wieder aus dem Gesicht zu reden, ohne Erfolg.

>>Ja, deshalb bin ich auch hier und ich würde dir gerne sagen, dass…<<

>>Warte!<<, unterbrach sie Chris der jetzt noch angespannter wirkte als zuvor. Die kühle und lockere Art die ihn sonst auszeichnete war wie weggeblasen. Er wirkte nun eher wie ein Kind das versuchte einen Streich zu beichten.

>>Ich weiß wir kennen uns noch nicht lange und die Hälfte der Zeit in der wir uns kennen haben wir uns gestritten und außerdem bist du ein echt seltsames Mädchen aber…<<

Chris stockte

>>…aber du sollst wissen, dass ich das was letzten Abend hier passiert ist echt schön fand und auch das mit dem Kuss – natürlich nicht das mit dem Kotzen aber das tut jetzt nichts mehr zur Sache - und dass du obwohl du echt ein Ding an der Waffel hast irgendwie total faszinierend bist.<<

Sam grinste.

>>Also, ich weiß jetzt nicht ob ich mich geschmeichelt oder beleidigt fühlen soll.<<

>>Genau dass ist ja das Problem!<< entgegnete Chris und wurde nun etwas ruhiger und bedachter.

>>Obwohl du mich fast jedes Mal auf die Palme bringst wenn ich dich sehe, liege ich nachts wach und krieg dich einfach nicht aus meinem Kopf! Ich denke einfach ständig an dich – auch wenn ich mich die meiste Zeit davon über dich aufrege – und das verwirrt mich! Du nennst mich ein Arschloch und spottest mit Vorliebe über meine Zähne – die im Übrigen ganz natürlich sind – und trotzdem fühl ich mich zu dir hingezogen! Ich weiß du hältst mich für einen arroganten Playboy und damit hast du wahrscheinlich auch recht aber ich hab noch nie ein Mädchen wie dich getroffen. Glaub es oder lass es aber ich fand es toll mit dir zusammen zu sein und das sag ich nicht einfach so daher.

Ich kann schon erahnen was du mir jetzt an den Kopf werfen willst aber bitte versuch mir einfach zu glauben, dass ich dich auf eine bizarre und psychologisch echt bedenkliche Weise gerne um mich habe auch wenn du mich für ein sexistisches Arschloch hältst und gleich durch diese Tür verschwinden wirst.<<

Mit einem tiefen Seufzen beendete Chris seinen Vortrag und richtete ein Paar strahlend blaue und erwartungsvolle Augen auf seine Gegenüber.

Schweigend sah Sam durch Chris hindurch und ließ die vielen Worte und Erläuterungen auf sich wirken.

>>Schon gut, du musst nichts sagen…ich wünsch dir noch einen schönen Sommer…<<, hauchte Chris der das Schweigen lange genug über sich ergehen lassen hatte und machte auf dem Absatz kehrt.

Er war bereits nach draußen verschwunden, als Sam endlich aus ihrer Schockstarre erwachte.

>>Warte!<<, rief Sam und lief auch nach draußen.

>>Ich will nicht, dass du gehst!<<

Perplex starrte Chris in ein Paar glitzernde Iriden.

>>Jetzt hörst du mir mal zu, weißt du, dass du echt egoistischer bist als ich - erklärst mir lang und breit wie du die Sache siehst und läufst dann einfach davon.<<

Sam fasste noch einmal allen Mut zusammen und legte dann los.

>>Du hast Recht! Ich bin schwierig und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern. Ich hab nicht viele Freunde weil die meisten einfach nicht mit mir zurecht kommen, aber das ist mir echt egal. Ich bin eben wie ich bin und manchmal nervt mich das auch selbst aber ich kann einfach nicht aus meiner Haut. Weißt du, in den letzten Tagen hab ich mich einfach nur selbst sabotiert. Ich wollte krampfhaft etwas verhindern was mir irgendwie Angst gemacht hat und darum hab ich mir selbst Steine in den Weg gelegt.<<

Verwirrt musterte Chris sie.

>>Ich versteh ehrlich gesagt nicht auf was du hinauswillst…<<

>>Kannst du auch gar nicht, denn ich bin ja, wie du so treffend formuliert hast „emotional verwirrt“. Ich will dir eigentlich nur eines klar machen, ich halte dich nicht für einen dummen Playboy, auch wenn ich glaube, dass du nie ein Kostverächter warst und ich hab dich nicht nur geküsst weil ich betrunken war, sondern weil…naja weil…<<

Sam wurde mit einem Mal nervöser als sie gedacht hatte.

>>…naja eben aus dem selben Grund aus dem du dich mit mir gestern im Heu gewälzt hast – was übrigens auch sehr schön war.<<

Chris lachte und fuhr sich mit spontan wiedergewonnener Lässigkeit durchs Haar.

>>Und das heißt jetzt?<<

>>Naja wir könnten ja noch ein bisschen mehr Zeit miteinander verbringen…<<, antwortete Sam die sich bei diesem Satz ziemlich dämlich vorkam.

>>Damit ich dich nicht falsch verstehe…<<, wollte Chris in einem belustigtem aber erleichternden Tonfall bestätigt haben.

>>…du schlägst gerade vor, dass wir zusammen sein sollten?<<

Sam seufzte genervt und verdrehte dabei die Augen. Dieser Typ schaffte es sogar in solchen Momenten ihre Nerven zu strapazieren und war zu allem Überfluss auch noch verdammt sexy dabei.

>>O mein Gott, erwarte ja nicht, dass wir jetzt händchenhaltend durch die Gegend laufen uns Kuschelrock reinziehen und unser Eis teilen! Ich hab doch nur vorgeschlagen, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten, wie auch immer.<<

>>Okay, dann lass und einfach Zeit miteinander verbringen – mein Eis würde ich sowieso mit niemanden teilen!<<, willigte Chris lächelnd ein und besiegelte dieses Versprechen mit einem sanften Kuss.

Die Erleichterung die in diesem, lang herbeigesehnten, Moment in der Luft lag, war beinahe greifbar. Sam fühlte sich einfach fantastisch. Sie genoss jede kleinste Berührung und erst recht diesen Kuss. Es war als ob ihr der oft zitierte Stein vom Herzen fallen würde und all den Ballast und die Unsicherheiten mit sich nahm, da sie sich endlich eingestehen konnte, dass sie verliebt war.

>>Eine Frage hab ich aber noch…<<, hauchte Sam als sie sich von Chris‘ weichen Lippen löste.

>>Was immer du wissen willst.<<

Sie blickte ihm tief in diese wunderschönen blauen Augen die nun endlich ganz auf sie gerichtet waren.

>>Die Zähne sind doch gebleicht, oder?<<, lachte Sam und lief lachend Richtung See.

>>Du kannst es einfach nicht seinlassen, hm?! Du musst mich verarschen, sonst kriegst du Kopfschmerzen oder?!<<

>>Tut mir leid, die Macht der Gewohnheit!<<


 

 

 

Kapitel 11

Gestatten, O´Shay


 

Zufrieden lagen Sam und Chris nebeneinander am Seeufer und ließen sich von der Sonne bräunen. Nun wo die Sache zwischen ihnen mehr oder weniger geklärt war, sollte alles ein wenig einfacher werden – zumindest für die nächsten Stunden.

Beherzt zog der Blonde Sam an sich heran.

>>Jetzt wo wir ungezwungen ein wenig Zeit miteinander verbringen…<<, hauchte er leise in ihr Ohr und spürte dabei die Gänsehaut die seine Worte bei ihr verursachten.

>>…sollten wir uns vielleicht ein wenig besser kennenlernen.<<

Fragende Blicke in denen auch ein leichtes Funkeln zu erkennen war, trafen Chris.

>>Ich hab dir doch schon gestern alles von mir gezeigt, was willst du denn noch?<<, wollte Sam wissen und grinste breit.

>>Ich rede doch nicht von Sex...<<

Chris stutzte

>>…obwohl?<<

Er erwiderte Sams Grinsen und gab ihr einen Kuss.

>>Eigentlich hab ich mir gedacht, dass wir uns auf der geistigen Ebene besser kennenlernen sollten. Dass wir physisch zusammenpassen, wissen wir ja bereits.<<

Nachdenklich raffte sich Sam auf und ließ ihren Blick auf dem vor sich hin glitzernden See ruhen. Sie wusste wirklich beinahe gar nichts über ihn.

>>Du hast Recht, ich kenne ja noch nicht einmal deinen Nachnamen.<<

Chris setzte wieder sein Zahnpastalächeln auf eher er antwortete.

>>Christian O´Shay.<<

>>Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?<<

>>Doch, der Nachname ist irisch, meine Mutter war Irin.<<

Sam musterte Chris ausgiebig. Irgendwie hatte er so gar nichts typisch irisches an sich.

>>Und für was steht Sam?<<, wollte der halbe Ire wissen.

>>Samira<<, antwortete Sam und fügte noch lächelnd ein, >>Mit dem hättest du jetzt nicht gerechnet!<<, hinzu.

>>Nicht wirklich, aber der Name ist schön und er passt zu dir – irgendwie ausgefallen.<<

Ausgefallen war wohl das richtige Wort um sie zu beschreiben. Die meisten Mädchen die nur annähernd so wie Sam aussahen, waren arrogante, eingenommene Zicken mit dem Intelligenzquotienten eines Toastbrotes, diese Erfahrung hatte zumindest Chris gemacht. Er hatte sich noch nie auf etwas emotional ernsthaftes eingelassen, sich nicht einmal im Traum ausgemalt mit einem Mädchen einfach so am See zu liegen, völlig fasziniert von ihrer Erscheinung und jeder noch so kleinen Geste. Eigentlich war er ein ziemlich berechnender, kühler Mensch doch jedes mal wenn er mit ihr zusammen war, vergaß er alles um sich herum.

>>Samira<<, sprach er ihren Namen zum ersten Mal aus. Für Sam fühlte sich das komisch an. Schon seit Jahren hatte sie niemand mehr bei ihrem vollen Namen gerufen.

>>Und, was gibt´s sonst noch über dich zu wissen?<<

Sam überlegte. Eigentlich gab es nicht wirklich viel interessantes über ihr Leben zu berichten.

>>Naja, mein Sternzeichen ist Löwe, ich steh auf Linkin Park, ich hasse Gartenzwerge und mein Vater ist Gandalf.<<

Verwirrt musterte Chris sie.

>>Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?<<

>>Naja, ich bin auch noch ziemlich geheimnisvoll<<, meinte Sam, zwinkerte und legte sich wieder ins Gras.

>>Und was sollte ich noch über dich wissen, außer dass du ein halber Ire bist?<<

Chris stutzte kurz, wurde etwas nachdenklich und wendete sich ab.

>>Naja, ich…mein Leben ist etwas kompliziert.<<

Die Ernsthaftigkeit die Chris mit diesen Satz an den Tag legte, ließ Sam aufmerksam werden.

Sie erinnerte sich, dass Sev ihr erzählt hatte, Chris habe eine schlimme Kindheit gehabt. Noch immer konnte sie sich nichts darunter vorstellen, sie hatte keine Erfahrung mit Dingen wie Schicksalsschlägen gemacht und kannte auch niemanden der ähnliches zu berichten hatte. Dass sie ein Scheidungskind war, empfand sie zwar nie als sonderlich angenehm, doch Vater und Mutter waren ihr gleichermaßen erhalten geblieben und irgendwann hatte sie auch verstanden, dass die Scheidung unumgänglich war und sich damit abgefunden.

>>Du musst es mir nicht erzählen wenn du das nicht möchtest<<, erklärte Sam die Chris‘ Unbehagen deutlich spüren konnte. Sie war zwar stur, aber Neugier ließ sie sich nun wirklich nicht nachsagen.

>>Schon gut, es ist ja nicht so schlimm, es ist schließlich schon lange her dass…<<

>>Hey ihr!<<, unterbrach ihn plötzlich eine wohlbekannte Stimme. Matthias und Sev kamen gerade auf sie zu und Sam hätte sie dafür töten können. Wie aus dem Nichts tauchten die Beiden mit einem Mal auf – pure Absicht – wie Sam zu wissen glaubte.

>>Na, was gibts neues?<<, wollte Matthias wissen und hatte dabei ein dermaßen breites und wissendes Grinsen im Gesicht, dass sogar der Joker vor Neid erblasst wäre.

>>Wir haben uns erst gestern getroffen, also gibt es nicht all zu viel Neues!<<, entgegnete Chris, dem dieses Grinsen zu einem ziemlich genervten Tonfall verhalf.

>>Schon, aber diesmal seid ihr nicht nackt!<<, konterte Matthias noch immer grinsender Weise.

>>Soviel dazu, dass du absolut nichts gesehen hast und außerdem, kannst du denn nicht einmal etwas für dich behalten!<<, fauchte Chris und deutete dabei auf Sev.

>>Naja, wollte ich ja auch, aber dann…konnte ich irgendwie nicht<<, rechtfertigte sich Matthias ziemlich stümperhaft aber ehrlich.

>>Du weißt, dass er immer alles sofort mit jemanden teilen muss was er weiß, sonst wird er ganz quirlig und unerträglich<<, meinte Sev während Matthias neben ihm wie ein Wackeldackel nickte und dabei einen wehmütigen Blick aufgesetzt hatte.

Sam musste lachen. Die Drei waren auf ihre eigene, seltsame Weise furchtbar liebenswert.

>>Ich bin so froh, dass du es endlich mal was auf die Reihe bekommen hast! Wirklich, das ist echt toll!<<, freute sich Matthias und klopfte Chris lachend auf die Schulter.

>>Hätte auch nicht gedacht, dass ich das noch erleben darf<,< fügte Sev belustigt hinzu und tat es dem Braunhaarigen gleich.

Chris ertrug das Gefasel seiner Freunde tapfer und ließ sich auch von Sams Gelächter nicht aus der Ruhe bringen. Irgendwie hatten sie auch Recht, schließlich fühlte er sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder richtig glücklich.


 

Eine Weile saßen die Vier noch zusammen, erzählten von vergangenen Sommern und anderen Belanglosigkeiten. Sam lauschte zwar den teilweise lustigen Ausführungen der Drei, war in Gedanken aber ganz woanders. Auch wenn er nun wieder sein Zahnpastalächeln präsentierte, hatte sich dieser nachdenkliche Gesichtsausdruck von Chris in ihr Gedächtnis gebrannt. Was auch immer er zu erzählen hatte, es musste wichtig gewesen sein.


 

Ein paar beiläufig erzählte Geschichten später, spazierten die Vier wieder in Richtung zuhause. Sam sollte sich wirklich mal wieder in der Zwergenhochburg sehen lassen, eher sie den kommenden Abend sowieso wieder mit Chris und den Anderen verbrachte und die Chance heute noch einmal mit Chris in Ruhe zu reden, bekam sie wohl sowieso nicht.

>>Dort vorne wohnst du, oder?<<, wollte Sev von Sam wissen und deutete auf das Häuschen, dass hinter der Böschung - auf der sie gerade entlang spazierten - zum Vorschein kam. Sam nickte.

>>Gehört der schwarze Porsche deinem Vater?<<, fragte Chris und beäugte dabei neugierig den Sportwagen der genau vor der Haustür parkte.

Sam schüttelte energisch den Kopf.

>>Nein, mein Vater fährt keinen schwarzen Porsche, aber…das kann nicht sein…wie…wo…wieso…<<

Sam kannte nur eine Person die der Fahrer des Fahrzeuges sein konnte und ihr Verdacht bestätigte sich auch in dem Moment, als ein vorerst noch lächelnder Bastian und eine grinsende Pia aus der hölzernen Haustür stürmten und Sam ein riesen Fragezeichen über den Kopf zauberten.

>>Was macht ihr denn hier?!<<

Mit großen Augen, starrte Sam Bastian und Pia an. Sie wurde aus diesem Bild einfach nicht schlau und irgendwie mischte sich ein starkes Unbehagen mit der aufkommenden Neugier.

Die Trockenheit die ihren Mund mit einem Mal befiel, hinderte die Blonde daran auch nur eine einzige der vielen Fragen zu stellen, die ihr in diesem Moment durch den Kopf schossen.

Das Grinsen, das Bastians und Pias Lippen zierte, verschwand augenblicklich, als diese ihre Freundin mit den drei, ihnen völlig unbekannten und ziemlich verwirrt aussehenden Jungs sahen. Während Pia nach einem kurzen Schock ihr Grinsen wiederfand und dieses auch sogleich durch ein Bilderbuch-blöde-Kuh-Grinsen abgelöst wurde, versteinerte sich Bastians Miene abrupt. Das Alles passierte binnen weniger Sekunden, Sekunden in denen sich die Sechs einfach nur hilflos anschwiegen und Pia nach Luft schnappte.

>>Hy!<<, quietschte die zierliche Brünette und klang dabei ungefähr so wie Minnie Mouse.

Alle Augen richteten sich auf sie.

>>Ich bin Pia, Sams beste Freundin und das hier ist nicht mein Freund, ich bin Single!<<

Sie deutete auf Bastian der noch immer keine Miene verzog.

>>Wir sind gekommen um Sam zu besuchen. Sie hat uns nämlich vor kurzem einen Brief geschrieben und wir dachten wir verschönern ihr die Ferien ein wenig, indem wir vorbeikommen, aber anscheinend hat sie sich die Ferien schon selbst versüßt!<<, beendete Pia ihre Ausführungen und ließ ihre grünen Augen funkeln.

Es war wirklich atemberaubend wie die Brünette es immer wieder schaffte, ihr Hirn auf Standby zu schalten, wenn sie mit hübschen, männlichen Wesen sprach. Sie hatte noch nicht mal Sam richtig begrüßt, eher sie auf Flirt-Modus umgeschaltet hatte. Es war Zeit für Sam einzuschreiten.

>>Wieso habt ihr nicht angerufen?<<

Während Pia noch immer vor sich hin grinste und dabei die Wimpern klimpern ließ, löste sich Bastian endlich aus seiner Starre.

>>Anrufen? Wir haben dich um die vierzig Mal angerufen, du meldest dich ja nie, oder rufst zurück! Was machst du da eigentlich? Ich dachte hier wäre absolut tote Hose und du langweilst dich zu Tode und stattdessen…<<

Bastian stockte und funkelte Chris wütend an, dessen skeptische Blicke er nun bemerkt hatte.

>>Tut mir leid, ich hab mein Handy nicht immer dabei<<, entschuldigte sich Sam, ziemlich überrascht von der emotionalen Ansprache ihres Schulfreundes. Eigentlich kannte sie ihn nur als ziemlich ausgeglichenen Menschen, diese Art war ihr neu.

>>Ist doch jetzt auch egal!<<, quietschte Pia, sodass es beinahe in den Ohren wehtat.

>>Willst du uns deine Freunde nicht vorstellen, Sammy?<<

Sam durchfuhr ein kalter Schauer. Sie hasste es wie die Pest, wenn Pia sie Sammy nannte, denn sie tat das ausschließlich, wenn sie ihr Gehirn ausgeschaltet hatte und auf Hormon Trip war, denn sonst hätte sie gewusst, dass Sam ihr für diesen Kosenamen später noch schlimme Schmerzen zufügen würde.

>>Matthias<<, nahm der Braunhaarige Sam dass Vorstellen ab und streckte Pia lächelnd die Hand zum Gruß entgegen. Diese erwiderte die Geste erfreut. Sev tat es ihm, wenn auch nicht allzu überschwänglich, gleich.

>>Und du bist?<<, wollte Pia wissen und richtete ihre Blicke auf den großen Blonden, der bis jetzt stumm geblieben war.

>>Chris<<, stellte er sich vor und schüttelte zuerst Pias und dann Bastians Hand.

>>Ist das dein Auto?<<, wollte er wissen während er Bastians kräftigen Händedruck erwiderte.

>>Ja<<, antwortete dieser kurz und knapp.

>>Nett.<<

>>Danke.<<

Sams Magen meldete sich währenddessen wieder zwickender Weise. Irgendetwas an dieser Situation oder besser Konstellation bereitete ihr großes Unbehagen.

>>Und woher kennt ihr euch?<<, wollte Pia neugierig wie immer wissen.

>>Wir machen jedes Jahr Urlaub hier, Chris hat Sam am Seeufer aufgegabelt und seitdem schlagen wir zusammen die Zeit etwas tot<<, erklärte Sev.

>>Dass ist ja toll! Dann ist unsere Sammy gar nicht so alleine wie wir dachten! Und was macht ihr immer?<<

>>Sam kann euch ja heute Nacht zur Scheune mitnehmen, dann könnt ihr euch selbst ein Bild machen<<, schlug Matthias vor und zwinkerte dabei.

>>Das ist eine tolle Idee! Wir kommen bestimmt, oder Sam?<<, wollte die Brünette von ihrer Freundin mehr bittend als fragend wissen.

>>Ja doch…<<, antwortete Sam etwas genervt von der Gesamtsituation.

>>Gut, dann sehen wir uns ja heute Abend<<, entgegnete Chris trocken und machte auf dem Absatz kehrt. Matthias uns Sev folgten ihm, etwas perplex von dem abrupten Abgang des Blonden. Auch Sam starrte Chris noch eine Weile nach eher sie von Pias, nun wieder normalisierten und nicht mehr ganz so quatschigen Stimme aus den Gedanken gerissen wurde.

>>O mein Gott, wo hast du DIE denn her? Ist hier irgendwo ein Nest? Ich dachte du wärst allein? Wieso zum Teufel rufst du nicht an! Du kannst nicht alle Drei für dich beanspruchen, das ist unfair, wir sind doch Freundinnen! Gib mir wenigstens einen davon ab!<<

>>Beruhig dich mal!<<, forderte Sam und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

>>Es tut mir echt Leid, dass ich nicht erreichbar war, aber ich dachte ihr würdet euch zuhause amüsieren.<<

>>Und wir dachten, du stirbst hier fast vor Langeweile! Spar dir in Zukunft die Briefe wenn du sowieso zu beschäftigt bist!<<

Bastians Tonfall war noch immer ungewohnt genervt.

>>Jetzt reg dich mal ab! Ich hab mein Handy ja nicht extra ausgemacht! Was ist denn überhaupt mit dir los? Du kommst an und stänkerst nur rum!<<

>>Auf der Fahrt hier her war er noch nicht so drauf<<, warf Pia unpassender Weise ein.

>>Es ist gar nichts los!<<, verteidigte sich Bastian trotzig und ging wieder in Richtung Eingangstür. >>Ich bring mal unsere Sachen hoch.<<

>>Sachen? Wie lange wollt ihr denn bitte bleiben?<<, wollte Sam wissen und wurde von einer üblen Vorahnung beschlichen.

>>Naja, solange du eben auch hier bist!<<, erklärte Pia fröhlich, während sie sich amüsiert bei ihrer Freundin unterhackte.


 

 

 

Kapitel 12

Blind vor Eifersucht


 

Nachdenklich standen die Drei kurze Zeit später in Sams kleinem, blümchenverziertem Zimmer im ersten Stock.

Egal wie man es auch drehte und wendete, drei Personen konnten niemals hier übernachten.

>>Das ist ja ziemlich…<<

>>…gemütlich!<<, vollendete Pia, Bastians Satz und war dabei sogar noch enthusiastischer als üblich.

>>Und sollte es wirklich zu eng werden…<<, fügte die Brünette zwinkernd hinzu, während Sam bereits eine schlimme Vorahnung bezüglich dem Ende des Satzes beschlich.

>>…wenn es wirklich zu eng wird, dann haben die Jungs sicher noch das ein oder andere Bett für uns frei!<<

Bastian wich sichtlich die Farbe aus dem sonst so gebräunten Gesicht.

>>Kannst du auch mal an was anderes denken als an irgendwelche dahergelaufenen Bauerntrampel?<<, knurrte er und ließ seinen Koffer auf das kleine schmale Sofa neben Sams Bett fallen.

>>Von mir aus schlaf doch wo und mit wem du willst, ich bleibe jedenfalls hier<<, stellte Bastian noch fest eher er sich genervt auf dem provisorischen Bett niederließ und bockig die Arme vor der Brust verschränkte.

>>Und was wollt ihr hier bitte machen?<<, fragte Sam in der sicheren Gewissheit die beiden ungebetenen Gäste so schnell wohl nicht loszubekommen.

>>Das Selbe wie du<<, antwortete Pia die sich bereits ins Badezimmer verzogen hatte um an ihrer Frisur herumzufummeln und ihr Make-up aufzufrischen.

>>Erzähl schon, von welchem von den Dreien muss ich mich fernhalten?<<, hallte es aus dem Bad.

>>Wieso fernhalten?<<

Sam hatte beschossen sich einfach dumm zu stellen. Sie würde jetzt sicher nichts von Chris und der Scheune erzählen, das würde Pia vor lauter Neugier lediglich zu nervösen Erstickungsanfällen führen und Bastians Ader - die jetzt schon auf seiner Stirn pulsierte - zum platzen bringen.

>>Wen von den Dreien hast du dir ausgesucht? Du warst schließlich zuerst hier.<<

>>Nimm doch wen du willst, ist mir doch egal<<, antwortete Sam und versuchte dabei möglichst gleichgültig zu klingen. Die drei Jahre Schauspielunterricht machten sich nun wirklich bezahlt.

>>Ach komm schon Sammy! Sei nicht immer so verhärmt! So ein kleiner Urlaubsflirt würde dir auch keinen Zacken aus der Krone brechen!<<

Pia war wirklich hartnäckig.

>>Können wir bitte endlich das Thema wechseln!<<

>>Dein Wort in Gottes Ohr!<<, pflichtete Bastian mürrisch bei, doch ohne Erfolg.

Pia zu stoppen während sie über Jungs sprach war ungefähr so wahrscheinlich wie einer Kuh erfolgreich das Zitter spielen beizubringen.

>>Nein können wir nicht! Irgendwo da draußen zwischen Kuhmist und Heuballen, laufen drei Unterwäschemodels durch die Gegend und warten auf uns!<<

>>Wie schön…<<, antwortete Bastian sarkastischer Weise und raffte sich auf.

>>Vielleicht war es ja doch keine so gute Idee hier her zu fahren.<<

>>Dann fahr doch wieder nachhause! Sam und ich bleiben auf alle Fälle hier!<<

Pia war aufgekratzt wie schon lange nicht mehr, was ihren schroffen Ton Bastian gegenüber mehr oder weniger erklärte.

>>Ich werde nirgendwo hinfahren! Jedenfalls nicht alleine!<<, fauchte der Braunhaarige zurück.

Sam schwante währenddessen unglaublich böses wenn sie versuchte sich den Verlauf des heutigen Abends und der Nacht auszumalen.

Während sie sich so ihre Gedanken machte, wie sie Pia davon abhalten konnte zu hyperventilieren und Bastian dazu bringen konnte, den Kampfhund-Blick abzusetzen, rückte das Unheil unaufhaltsam näher.

Sam duschte extra lange um die drohende Apokalypse noch ein wenig hinauszuzögern, während Pia und Bastian sich unten mit ihrem Vater und Sophie unterhielten.

Wie in Zeitlupe bürstete sie ihre Haare, sorgfältig wie noch nie und ließ sich auch beim putzen ihrer Zähne ungewöhnlich lange Zeit. Egal wie sie es auch drehte und wendete, das Ganze konnte nur in einer mittelschweren Katastrophe enden.

Die Suche nach einem Ausweg erwies sich ironischer Weise sehr schnell als ausweglos, denn selbst wenn plötzlich die Schweinegrippe über alle hereingebrochen wäre, wäre Pia nicht aufzuhalten gewesen.

Sich ihrem Schicksal fügend, trottete Sam letzten Endes nach unten. Es war bereits viertel nach neun als sie sich zu den Anderen ins Wohnzimmer gesellte. Um neun startete für gewöhnlich bereits das mehr oder weniger „gemütliche“ Zusammensein in der Scheune, aber das wusste schließlich niemand außer ihr.

Sich ihre Nervosität nicht anmerken lassend, ließ sie sich auf den letzten freien Stuhl nieder und versuchte sich in das Gespräch einzugliedern.

Mit einem, >>Solltet ihr nicht langsam mal los, eure Freunde warten bestimmt schon<<, durchkreuzte Sams Vater jedoch schnell ihren Plan. Wie von der Tarantel gestochen sprang Pia sofort von ihrem Stuhl auf und packte den noch immer etwas säuerlich dreinblickenden Bastian am Arm.

>>Ja, wir sollten wirklich gehen! Komm schon Sam, auf, auf!<<

Mit einem banalen Winken, das aber von bösen Blicken begleitet war, verabschiedete sich Sam von ihrem Vater und Sophie und folgte den Beiden nach draußen. In etwa 0,3 Sekunden nachdem die hölzerne Haustüre in ihre Angeln gefallen war, holte Pia plötzlich so tief und abrupt Luft, das Sam dachte sie würde jetzt jeden Moment patzen.

>>O mein Gott, du bist die fieseste Freundin die man sich vorstellen kann! Ich erzähl dir immer alles und du, du tust so als wäre absolut nichts gewesen und dann muss ich von deinem Vater erfahren dass…<<

>>Halt mal die Luft an!<<, unterbrach Sam energisch Pias Standpauke.

>>Was in aller Welt hat euch mein Vater denn bitte erzählt?<<

>>Na all das, das ich vorher von dir schon erfahren wollte! Ich wusste ja nicht das du was mit diesem Chris am laufen hast!<<

Sams Miene verfinsterte sich. Sie musste sich ernsthaft zusammennehmen um nicht noch einmal auf dem Absatz kehrt zu machen und ihrem Vater einen Vortrag über den Umgang mit privaten Informationen zu halten. Zuhause faselte dieser seltsame alte Mann ausschließlich von Börsenkursen und Inflation und in den Ferien entpuppte er sich mit einem mal als Talk-Show-Master.

>>Du musst mir alles bis ins kleinste Detail erzählen!<<, forderte Pia lautstark während Bastian schweigend neben den Beiden her trottete.


 

Es dauerte nicht lang bis die Drei an der alten Scheune ankamen. Bereits von weitem vernahm man die Musik die im Inneren aufgedreht war und auch das Licht, das durch die kleinen, schmutzigen Fenster nach außen drang, verriet die Anwesenheit von Sev, Matthias und Chris.

Sam hatte es mit schlichtem Schweigen geschafft, Pias Fragen vorerst auszuweichen doch ihr graute es bereits vor dem bevorstehenden Zusammentreffen. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen die Karten auf den Tisch zu legen und alles zu erzählen was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte, doch dazu war es jetzt schlichtweg zu spät.

Knarrend verkündete das Scheunentor die Ankunft der neuen Gäste.

Gastfreundlich wie immer grinste Matthias den Neuankömmlingen freundlich entgegen. Auch Sev schloss sich der Geste an, während Chris angestrengt und mit ernster Miene versuchte seine Bierflasche zu Tode zu starren.

>>Hey! Ihr kommt ganz schön spät. Wir haben schon mal ohne euch angefangen<<, verkündete Matthias und machte eine einladende Geste in Richtung der freien Stühle rund um den Tisch.

>>Wow, das ist ja richtig cool hier!<<, log Pia scheinbar trunken vor Begeisterung für den Braunhaarigen, denn normalerweise wusste das Mädchen nun wirklich nichts mit Scheunen und Heu anzufangen.

Während sich Sam, Pia und Bastian zu den Anderen gesellten, kramte Matthias bereits die nächsten Flaschen mit hochprozentigem Inhalt aus einer Ecke hervor.

Pia hatte sich gleich auf den freien Platz neben Matthias gesellt. Es war faszinierend zu beobachten, wie das Mädchen binnen weniger Sekunden einen dermaßen komplexen Kuppelplan ausarbeitete, während sie in der Schule für die Division zweier Brüche Stunden benötigte. Es entsprach wohl tatsächlich der Wahrheit, dass jeder Mensch in irgendetwas richtig gut war.

Sam hatte sich intuitiv jenen Platz ausgesucht, der am weitesten von Chris entfernt war. Nicht dass sie dem Blonden nicht nah sein wollte, sie wollte sich lediglich dumme Bemerkungen von Pia ersparen. Was sie bei ihrem ausgeklügelten Master-Plan jedoch nicht bedacht hatte war, dass sich Bastian nun zwangsläufig auf den einzigen freien Platz neben Chris setzen musste.

Während sich angesichts dieser Tatsache sämtliche Gedärme in Sams Inneren zu verkrampfen begannen, stütze sie sich auf das einzig positive an dieser Sitzkonstellation; sie hatte die Beiden nun gut im Blick.

>>Ich finde es wirklich schön hier am Land, man kann sich so richtig vom Stress in der Stadt erholen<<, log Pia erneut und entfachte damit eine vorerst harmlose Diskussion über den unglaublich interessanten Unterschied zwischen Stadt- und Landleben.

Dass niemand der hier Anwesenden wirklich in diesem Kaff wohnte, machte dabei keinen Unterschied.

Während Sev irgendetwas über Feinstaubbelastung erzählte, ließ Sam, Bastian und Chris keine Sekunde aus den Augen. Pia konnte sie für heute Abend sowieso abschreiben, die hatte nur noch Augen für Matthias und war damit beschäftigt, jedes mal wenn der Braunhaarige lächelte suspekte Glucksgeräusche von sich zu geben.

Während die Anderen also weiterhin hitzige Diskussionen über die Beschaffenheit von Luft führten, beäugte Sam ihre Beiden gegenüber angespannt.

Auf der anderen Seite des Tisches herrschte ein Klima in dem sich wohl ausschließlich Pinguine wohlgefühlt hätten.

Abwechselnd nippten Chris und Bastian ernsten Blickes an ihren Bier und waren während dem trinken damit beschäftigt den jeweils Anderen abtrünnige Blicke zuzuwerfen.

Sam versuchte Bastians durchaus ungeselliges und feindseliges Verhalten irgendwie zu erklären. Er war sonst Fremden gegenüber immer sehr aufgeschlossen und nur selten um Worte verlegen, doch seid seiner Ankunft schien er wie ausgewechselt.

Vielleicht hätte Sam sich wirklich mal bei den Beiden melden müssen, aber Pia nahm ihr das Ganze doch auch nicht krumm. Ein ungutes Gefühl breitete sich wiedermal in ihrer Magengegend aus und hielt sie davon ab, weiter über die Beweggründe von Bastian nachzudenken. Auch wenn der Grund bereits auf der Hand lag und offensichtlicher nicht hätte sein können, es war noch zu früh es sich einzugestehen.

>>Und wie lange kennt ihr Drei euch schon?<<

Pia hatte sich endlich von Matthias‘ Lächeln abgewandt – wenn auch nur für einen kurzen Moment.

>>Wir fahren schon seit Jahren hierher, dementsprechend sind wir sozusagen zusammen aufgewachsen<<, gab Sev zur Antwort und holte unbewusst zur vernichtenden Gegenfrage aus.

>>Und wie lange kennt ihr euch schon?<<

Pia holte gerade Luft als Bastian sich zum ersten Mal an diesem Abend zu Wort meldete.

>>Wir kennen uns seit dem Kindergarten, wir waren schon immer zusammen.<<

Sam stockte aufgrund des energischen Klanges in Bastians Stimme kurz der Atem.

>>Also seit ihr sozusagen auch alte Freunde<<, stellte Chris mit einem gespielt süffisanten Lächeln im Gesicht fest. Und Bastian ließ sich mit seiner Antwort nicht lange Zeit.

>>Mehr als das<<, stellte er schroff fest und suchte zum ersten Mal gezielt Augenkontakt mit seinem Sitznachbarn, der diesen auch sogleich erwiderte.

Die Spannung die in diesem Moment in der alten Scheune lag war beinahe greifbar, so offensichtlich dass sogar Pia sich schlagartig von Matthias‘ hübschen Gesicht losriss und geistesgegenwertig versuchte die Dinge klarzustellen.

>>Ja, wir Drei sind nicht nur alte Freunde, wir sind sehr gute Freunde.<<

Das letzte Wort sprach sie so betont und langsam, dass auch der Kontext ihres Satzes keine Fragen offen lassen sollte.

>>Ist doch schön so alte und vor allem gute Freunde zu haben.<<, stellte Chris in einen unglaublich arrogant wirkenden Ton fest ohne dabei Bastians Blicken auszuweichen.

>>Ja, es ist wirklich schön alles miteinander teilen zu können, über Jahre<<, verkündete Bastian und übernahm dabei gewollt Chris‘ Tonfall.

Sam die währenddessen versuchte den Kontext ihrer Beiden gegenüber zu folgen verlor kein Wort. Einerseits war sie noch immer nicht in der Lage die Situation richtig einzuschätzen – und das obwohl sich ihr Magen schon längst gegen ihren Kopf verschworen hatte – und andererseits weil sie zu diesem Zeitpunkt einfach noch keinerlei Partei ergreifen konnte oder besser wollte. Weder für Chris noch für Bastian. Das sonst so wortgewandte Mädchen schwieg, hielt sich im Hintergrund während ihr Kopf versuchte die Geschehnisse so rational als nur irgend möglich zu analysieren.

>>Und?<<, holte Chris zum ultimativen Vernichtungsschlag aus.

>>Wann hast du das letzte Mal mit Sam geschlafen? Ihr habt doch was miteinander oder warum zickst du hier so rum?<<

Pia, Sev und Matthias verschlug es in Anbetracht der Unvorhersehbarkeit dieser Aussage schlichtweg die Sprache und Sam hatte ihr Hirn vorerst auf Standby geschaltet. Das Einzige, auf das sie im Moment hoffte war, dass sich schnellstmöglich die Erde unter ihr auftun würde. Sie hätte diese Aussage dementieren können, es abstreiten, schließlich entsprach es nicht der Wahrheit, aber jedes mal wen ihr Kopf den ersten Impuls in Richtung der Stimmbänder versandte beschlich sie ein ungeahnt schlechtes Gewissen.

>>Das geht dich einen Scheißdreck an was ich oder Sam tun, du kennst sie gerade mal ein paar Tage!<<

Energisch erhob sich Bastian vom Tisch und hätte dabei beinahe den selbigen umgeworfen. In Sams Kopf schrillten die Alarmglocken auf Hochtour. Irgendjemand musste ganz schnell etwas tun oder sagen doch weder Matthias, Sev noch Pia machten irgendwelche Anstalten einzugreifen.

>>Wir müssen reden!<<, meldete sich nun endlich auch Sam zu Wort und fixierte Bastian streng mit den Augen.

So konnte es einfach nicht weiter gehen, es war wirklich an der Zeit für eine Aussprache.

>>Wir sollten kurz vor die Tür gehen<<, schlug Sam mit energischem Unterton in der Stimme vor und ging voraus.

Bastian folgte ihr schweigend und würdigte Chris keines Blickes mehr.

Draußen funkelten tausende von Sternen um die Wette und die kühle Nachtluft entspannte auch die hitzigen Gemüter ein wenig.

Sam und Bastian entfernten sich einige Schritte von der Scheune, so dass sie außer Hörweite der Anderen waren.

>>Was zum Teufel ist dein Problem?<<, fauchte Sam und gestikulierte dabei wild mit den Armen.

Trotz der herrschenden Dunkelheit war die aufsteigende Wut in Bastians Augen nicht schwer zu erkennen.

Er wirkte verkrampft, unruhig und rang nach Worten.

>>Was ist eigentlich mit dir los, Sam? Du bist doch sonst nicht so. Warum in aller Welt wirfst du dich so einem Möchtegern Brad Pitt um den Hals?<<

Seine Stimme bebte vor Aufregung.

>>Du kennst ihn doch überhaupt nicht! Du bist hier angekommen und hast nur gestänkert! Vielleicht ist er ein furchtbar netter Kerl, jemand der mich gern hat so wie ich bin! Es spielt keine Rolle ob er gut aussieht oder nicht!<<

>>Mach doch was du willst…<<, entgegnete Bastian und ließ Sam einfach stehen. Eine Weile stand sie noch so da, starrte in die Dunkelheit und fühlte sich einfach nur miserabel.

Es dauerte eine Weile bis sie sich wieder in der Lage fühlte zu den Anderen zurückzukehren. Im Inneren der Scheuen herrschte bedrücktes Schweigen als Sam eintrat. Es war einer jener Momente in denen man mit Sicherheit wusste, dass das Gespräch in das man gerade hineingeplatzt war, sich um einen selbst drehte und die Konversation deshalb ein plötzliches Ende fand. Eine durchaus unangenehme Situation, die auf Grund des vorher erlebten aber bereits jeglichen Schrecken verloren hatte.

>>Wo ist er hin?<<, wollte Pia wissen.

>>Keine Ahnung…<<, antwortete Sam knapp und setzte sich wieder auf ihren Platz.

Einig Sekunden des Schweigens vergingen.

Chris würdigte weder Sam noch einen der übrigen Anwesenden eines Blickes. Seine Miene war immer noch verfinstert.

>>Er ist manchmal etwas schwierig, aber er wird sich bestimmt schnell wieder einkriegen<<, versuchte Pia das Verhalten von Bastian zu entschuldigen.

>>Habt ihr geredet?<<, wollte Sev wissen und musterte Sam neugierig.

>>Ich hab keine Ahnung was mit ihm los ist oder über was ich mit ihm reden sollte<<, belog Sam die Anderen und sich selbst.

>>Geh ihm doch hinterher.<<

Die Kälte die in diesen Worten lag ließ Sam für einen kurzen Moment den Atem anhalten.

Noch nie hatte sie Chris in einer solchen Tonlage sprechen gehört, er klang kühl und fremd.

>>Wieso sollte ich?<<

>>Weil Freunde so was tun, erst recht wenn man mehr als nur befreundet ist<<, zitierte Chris Bastian und richtete sich auf.

>>Wir sind nur Freunde!<<

>>Hast du schon mal mit ihm geschlafen?<<

>>Nein!<<

>>Habt ihr euch geküsst?<<

Sam schwieg und starrte in diese wunderschönen blauen Augen, die sie so kalt und wissend musterten, dass es ihr die Sprache verschlug.

>>Hab ich´s mir doch gedacht…<<

Beinahe lautlos verschwand Chris durch die große Scheunentür hinaus in die Nacht.

Noch immer stand Sam wie angewurzelt da, verfluchte sich für ihre Dummheit, verfluchte diese ganze Situation.

>>Wieso hast du ihm nicht gesagt, dass dieser Kuss schon lange her ist und dass er absolut nichts zu bedeuten hatte!<<

Pia klang wirklich verzweifelt. Sogar für ihre Verhältnisse hatte dieser Abend eine zu dramatische Wendung genommen.

>>Ich kann das alles einfach nicht<<, antwortete Sam unsicher, während sie sich fragte, wann ihr Leben eigentlich so furchtbar kompliziert geworden war. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte auch sie auf dem Absatz kehrt und verschwand in die Dunkelheit. Zurück blieben Pia, Matthias und Sev.

>>Wieso klärt sie die Sache nicht einfach? Erklärt Bastian, dass sie mit Chris zusammen ist und Chris, dass sie für Bastian nichts empfindet<<, schlug Sev vor und wendete sich gleichzeitig mit fragenden Blicken an Pia.

>>Dann müsste sie sich eingestehen, dass sie hoffnungslos verliebt ist und dafür auch einstehen, aber insofern sie das tut, würde sie sich auch verletzbar machen. Unsere Sammy ist nicht immer so stark wie sie vielleicht sein möchte…<<

>>Außerdem…<<, fuhr Pia fort ,>>…will sie Bastian nicht verletzen. Sie hat anscheinend erst jetzt geschnallt, dass er ihr schon seit Jahren hinterherläuft. Unbewusst hat Sam das sehr genossen und hat deshalb jetzt ein schlechtes Gewissen.<<

Fasziniert betrachteten Sev und Matthias die Brünette. Sie kannten sie zwar erst seid einigen Stunden aber soviel psychologisches Talent, hätten sie dem Mädchen niemals zugetraut.


 

Sam eilte mit großen Schritten durch die ungewöhnlich kühle Nacht. Immer wieder ließ sie ihren Blick suchend schweifen. Insgeheim hoffte sie, Chris noch irgendwie einzuholen um mit ihm zu reden. Sie wollte ihm sagen, dass sie an keinem Anderen Interesse hatte, nicht mal an Bastian. Sie wollte wieder in diese schönen, warmen, blauen Augen blicken und verdammt, sie wollte das arrogante Zahnpastalächeln wieder!

Sie verfluchte sich für ihre Feigheit, das Schweigen dass sie nicht brechen konnte.

Noch nie war sie bereit gewesen, sich emotional auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie hatte einfach angst, sich emotional abhängig zu machen, verletzbar zu werden, doch genau das war passiert. Sie war Chris bedingungslos verfallen, hatte sich unbewusst in ihn verliebt und genoss jeden noch so kleinen Moment den sie zusammen verbrachten. Je mehr sich Sam eingestand, wie gerne sie den Blonden an ihrer Seite wusste, umso schmerzlicher war die Erkenntnis dass jede Minute die sie einsam durch die Nacht lief einer Tortur glich. Das ungute Gefühl in der Magengegend mischte sich mit dem starken Drang nach einem Wiedersehen – Sehnsucht. Immer schneller trugen sie ihre Beine am Seeufer entlang. Der Mond spiegelte sich im dunkelblauen Wasser während ein kühler Wind kleine Wellen brach.

Sam hatte keine Ahnung wo sie nach Chris suchen sollte, schließlich war er in den letzten Tagen immer nur an der Scheune anzutreffen.

Deprimiert von der Aussichtslosigkeit ihrer Situation ließ sich Sam kurz bevor sie zuhause ankam am Seeufer ins Gras fallen. Sie konzentrierte sich darauf, ruhig und gleichmäßig zu Atmen, schloss dabei die Augen und versuchte die Bilder die ihr durch den Kopf schossen zu verdrängen. Ihre Emotionen schienen sie zu übermannen und schnürten Sam die Kehle zu. Sie wusste schon lange, dass ihr Gehirn auf eine sehr seltsame Weise arbeitete aber sie verfluchte ihren Verstand trotzdem, als ihre Gedanken plötzlich um Aerosmith´s „I don´t wanna miss a thing“ kreisten. Sie war nie ein sonderlich großer Fan von Kuschelrock gewesen, aber just in diesem Moment beschloss sie, das zumindest in diesem einen Song ein Fünkchen Wahrheit stecken musste.

Ein leises – nicht zuzuordnendes – Geräusch riss Sam – die gerade versuchte sich an den Refrain zu erinnern - aus den Gedanken.

Es war kaum zu hören und für einen kurzen Moment glaubte sie jetzt endgültig den Verstand zu verlieren, denn wer nachts mutterseelenallein am Seeufer lag und dabei über Songtexte resignierte, konnte nicht mehr ganz richtig im Kopf sein. Sie wollte sich gerade wieder dem Innere-Stimmen-Karaoke hingeben als sie abermals dieses Geräusch vernahm.

Es war ein Glucksen, ein Plätschern ein Geräusch das sie schon einmal vernommen hatte, vor gar nicht all zu langer Zeit.

Suchend ließ sie ihren Blick über den See gleiten und konnte in gar nicht so weiter Entfernung den Verursacher der Geräusche ausfindig machen.

Eilig raffte sich Sam auf und schickte ein schnelles Stoßgebet in Richtung Himmel, so viel Glück konnte kein Zufall sein.

Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, bis die schwimmende Gestalt sich Gottgleich aus dem Wasser erhob. Es war weniger ein Auftreten als eine Erscheinung als Chris sich aus dem Wasser erhob. Die kleinen Tropfen die sich auf seinem Körper angesammelt hatten glitzerten im Mondschein und sein nasses Haar hing ihm strähnig ins markante Gesicht, in dem seine blauen Augen funkelten. Sam vergaß in diesem Moment alles um sie herum. Ihr Herz machte einen riesengroßen Sprung und die Freude über diese zufällige Begegnung ließ für kurze Zeit die Schuldgefühle und dem Klos im Hals verschwinden.

>>Chris!<<

Sams Stimme überschlug sich vor Freude und nahm einen piepsigen Pia-Klang an. Schweigend näherte sich Chris ließ seine blauen Augen aber unentwegt auf Sam ruhen.

>>Ich muss mit dir reden!<<, quietschte Sam und bemerkte nun selbst den unerträglichen Tonfall in ihrer Stimme. Nach einem kurzen Räuspern schenkte sie Chris den besten Dackelblick den sie auf Lager hatte und hoffte auf eine Reaktion.

>>Was willst du?<<, erwiderte Chris kühl und strich sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht.

>>Ich muss mit dir reden und dir so einiges erklären…<<, gestand Sam und versuchte sämtliche Alarmglocken in ihrem Inneren - die sich automatisch meldeten wenn sie kurz davor war mit jemanden über ihre Gefühle zu sprechen – zu ignorieren.

>>Wenn du reden willst dann rede, dich kann man sowieso nicht davon abhalten…<<

Sam schluckte schwer und verabschiedete sich noch schnell von ihrem Stolz ehe sie Luft holte.

>>Zwischen Bastian und mir läuft absolut gar nichts! Wir haben uns einmal geküsst, da war ich sternhagelvoll und…<<

>>Das kenn ich irgendwoher<<, unterbrach Chris und setzte sein süffisantestes Lächeln auf.

>>Aber das hat absolut nichts zu bedeuten, ich will nichts von ihm!<<

>>Aber er von dir und du genießt das auch noch, so gleichgültig wie du tust, kann er dir nicht sein!<<

>>Wir sind nur Freunde!<<

>>Weiß er das auch?<<

>>Er sollte es zumindest wissen! Ich habe niemals irgendwas getan was ihn glauben machen könnte dass zwischen uns mehr ist als nur Freundschaft! Für den Kuss hab ich mich entschuldigt und dann haben wir die Sache auf sich beruhen lassen. Ich hab es nie bewusst wahrgenommen und dass es mir unbewusst gefallen hat kann ich nicht abstreiten. Ich lasse mich aber auch bestimmt nicht dafür von dir verurteilen!<<

Sam sprach so energisch und laut, dass ihre Stimme zu beben begann. Sie wollte nicht laut werden, Chris nicht anschreien, bemühte sich aber um Klarstellung.

>>Ich hatte keine Ahnung, dass Pia und Bastian hierher kommen. Es tut mir wirklich leid wie der Abend verlaufen ist aber du darfst mir nicht die Schuld dafür geben! Ich würde dir nie absichtlich das Gefühl geben du wärst mir gleichgültig oder ich würde etwas für einen Anderen empfinden, weil das einfach nicht stimmt. Ich will mit dir zusammen sein, nur mit dir und wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst oder glaubst ich würde dich nicht gern haben, dann…könnte ich das nicht ertragen…<<

Schweigend starrte Chris durch Sam hindurch.

>>Bitte sag doch was<<, flehte die Blonde und konnte diesmal das beben in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und mit jeder Sekunde des Schweigens fühlte sie sich elender.

>>Ich verstehe!<<, schrie Sam und machte auf dem Absatz kehrt. Sie ertrug das Schweigen nicht mehr, die Blicke die sie durchbohrten. Sie wollte weg hier, weg von Chris der ihr nicht antwortete und scheinbar nichts mehr von ihr wissen wollte. Sie wollte einfach nur nachhause und weinen wie sie noch nie in ihrem Leben geweint hatte.

>>Warte!<<, erlöste sie eine sanfte Stimme von ihren Qualen eher sie ihnen gänzlich verfallen konnte.

>>Ich weiß du kannst nichts dafür und ich verstehe das ihr befreundet seid aber…<<

Chris‘ Augen funkelten.

>>…aber ich will dich einfach nicht teilen.<<

Ein sanftes Lächeln umspielte die schönen Lippen und ging nahtlos in ein wohlbekanntes Lächeln über. Schnell hatte er die Blonde wieder eingeholt und hielt sie sanft am Arm fest.

>>Du gehörst nur mir – Prinzessin!<<


 


 

Kapitel 13

Kalt erwischt


 

Eine ganze Weilen standen Chris und Sam noch vor dem atemberaubenden Ambiente des dunkelblauen Sees. Auch wenn der Abend ihnen eine beachtliche Menge an Nerven geraubt hatte, entschädigte sie dieser Moment jedoch für vieles.

>>Es tut mir leid…<<, flüsterte Chris sanft in das Ohr seiner Gegenüber, wohl in dem Bewusstsein, dass sein heißer Atem Gänsehaut auslösen würde.

>>Es tut mir leid, dass ich eifersüchtig war.<<

Sam schauderte, jedoch keineswegs vor Entsetzen. >>Schon gut, vergeben und vergessen<<, flüsterte sie zurück und besiegelte ihre Worte mit einem sanften Kuss.

Die Lippen die sie dabei spürte, waren so unglaublich weich und kühl, dass sie sich beinahe in dem Kuss verloren hätte. Langsam fuhr sie mit den Fingerspitzen über seinen nassen Rücken und fühlte dabei jeden einzelnen Muskel der sich unter der makellosen Haut erhob. Das Nacht-Schwimmen machte sich wohl wirklich bezahlt, auch wenn es etwas seltsam war.

Ihre Sinne waren wie benebelt. Nur all zu gern, hätte sie sich diesem Moment hingegeben, doch es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt – nicht hier und nicht jetzt!

>>Warte…<<, forderte Sam und drückte Chris, der bereits gefährlich nahe gerückt war, ein wenig von sich.

>>Was heißt hier „warte“, schließlich befummelst du mich<<, stellte Chris fest und wirkte dabei fast ein wenig enttäuscht.

>>Auch wenn du das jetzt bestimmt nicht hören willst…<<, schnitt Sam ein unumgängliches Thema an.

>>Ich muss mit ihm reden…<<

Chris wich einige Schritte zurück, drehte Sam kurz den Rücken zu ehe er antwortete.

>>Hmm…ein guter Freund würde jetzt sagen; geh und rede mit ihm, ihr seid schließlich schon lange befreundet.<<

>>Und was würdest du sagen?<<, wollte Sam wissen und legte den Kopf in den Nacken.

>>Ich würde sagen; geh und rede mit ihm, er soll schließlich wissen das du nur mir gehörst.<<

Sam lächelte und legte ihre Arme um Chris‘ Nacken.

>>Danke…<<, hauchte sie, ließ wieder von ihm ab und machte auf dem Absatz kehrt.

>>Hey!<<, protestierte Chris.

>>Willst du keinen Abschiedskuss?<<

Ohne sich noch einmal umzudrehen antwortete Sam merklich amüsiert >>Noch lange nicht!<<


 

Einige Minuten danach, saß Sam auf dem hölzernen Balkon vor ihrem Zimmer und rauchte ihre letzte Zigarette. Sie wollte noch einmal kurz durchatmen und sich überlegen wie sie die Dinge am besten und diplomatischsten klarstellen konnte, ohne Bastian zu verletzen. Auch wenn Chris sich schneller als gedacht wieder beruhigt hatte und bereit wahr einzusehen, dass Sam nichts außer Freundschaft für den Braunhaarigen übrig hatte, musste es bei Bastian nicht ebenso unkompliziert ablaufen. Sam hatte Angst seine Gefühle zu verletzen, und noch größere Angst ihre langjährige Freundschaft zu gefährden. Natürlich war die Wahrheit immer der richtige Weg, aber es stand schließlich nirgends geschrieben, wie man diese verkaufen sollte.

Noch einmal atmete Sam tief durch, ehe sie die Türe öffnete und eintrat. Das Zimmer war dunkel und es herrschte absolute Stille. Für einen kurzen Moment war sie sich nicht einmal sicher Bastian überhaupt hier anzutreffen doch dann erinnerte sie sich an den schwarzen Porsche der bei ihrer Ankunft noch immer vor dem Haus parkte.

>>Bastian?<<, flüsterte Sam und fürchtete den Braunhaarigen aufzuwecken.

>>Was ist?<<, tönte es aus Richtung des Bettes.

>>Schläfst du?<<

Ein grummeln ging der sarkastischen Antwort voraus.

>>Ja, natürlich schlafe ich, hörst du das nicht?<<

Sam ignorierte den Unterton und knipste das Licht an. Bastian kniff die Augen zusammen und richtete sich auf.

>>Was willst du? Solltest du nicht bei deinem Edward Cullen für Arme sein?<<

>>Ja sollte ich! Aber wir müssen reden!<<

>>Und über was willst du reden? Verhütung oder doch lieber sexuell übertragbare Krankheiten?<<

>>Ich will über uns reden.<< ignorierte Sam Bastians Anspielung und trat näher.

>>Hör zu Sam, ich glaube mittlerweile kennst du meine Meinung zu deiner Eroberung und ich weiß, dass du sowieso nicht auf mich hören wirst, aber was zum Teufel hat das mit uns zu tun?<<

Sam wusste nun wie sich totale Hilflosigkeit anfühlte. Stammelnd stand sie da, verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere und hätte nur allzu gern so etwas gesagt wie, >>naja du stehst auf mich und deshalb müssen wir reden<<, aber das Ganze hätte sich in Anbetracht von Bastians plötzlich auftretender Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, sehr, sehr seltsam angehört.

Durchdringende und fragende Blicke durchlöcherten Sam, die noch immer hilflos hin und her zappelte. Sie war sich mit einem Mal selber nicht mehr sicher ob sie Bastians Verhalten richtig gedeutet hatte und kam sich plötzlich ziemlich verlegen vor.

>>Sam?<<

>>Ehm…ja?<<

>>Was ist jetzt?<<

>>Ehm…nichts?<<

>>Und warum bist du dann hier? Willst du mir das Händchen halten bis ich eingeschlafen bin? Ich brauch keine Gesellschaft beim einschlafen ich bin schließlich schon groß.<<

>>Ehm…ja.<<

>>Was jetzt?!<<

Sam nahm all ihren Mut zusammen und ignorierte die Möglichkeit sich nun bis auf die Knochen zu blamieren.

>>Warum hast du dich so aufgeführt? Du bist doch sonst nicht so unfreundlich Fremden gegenüber.<<

>>Ach komm schon Sam! Du verwandelst dich langsam in Pia und ich soll dabei zusehen und auch noch freundlich nicken?<<

>>Das hat überhaupt nichts mit Pia zu tun und das weißt du! Das hat alleine was mit dir zu tun!<<

>>Ach und was?<<

>>Hör endlich auf damit! Gerade eben warst du noch rasend vor Eifersucht und jetzt tust du so, als wäre ich dir völlig egal!<<

Bastian lachte auf.

>>Rasend vor Eifersucht? Ich wollte nur nicht wortlos zusehen, wie meine beste Freundin ihr Herz an irgendeinen Macho verliert und du glaubt ich wäre eifersüchtig?<<

Sam wurde rot. Es war wirklich nicht leicht jemanden zu unterstellen er würde mehr für einen empfinden, vor allem nach so einer Ansprache.

>>Mach doch was du willst mit diesem Chris, aber komm nicht bei mir an wenn er dir das Herz bricht.<<

>>Und du empfindest gar nichts für mich?<<, wollte Sam bestätigt haben, schließlich war ihr Stolz schon lange winkend an ihr vorbei gezogen.

>>Soll ich dir zeigen, was ich für dich empfinde?<<, fragte Bastian und ließ seine wunderschönen, grünen Augen funkeln eher er auf Sam zuging und diese schloss. Sanft und doch bestimmend drückte er seine Lippen auf ihre und wich nach einigen Sekunden wieder zurück.

>>Gar nichts!<<

Völlig perplex stand Sam da, wagte es nicht einmal zu atmen. In ihrem Kopf herrschte ein reges durcheinander das es ihr vorerst unmöglich machte zu reagieren.

Bastian drehte ihr den Rücken zu machte eine abfällige Handbewegung und legte sich wieder ins Bett.

>>Mach das Licht aus wenn du gehst.<<, sprach er so beiläufig, als ob nichts geschehen wäre.

Einige Sekunden stand Sam noch wie angewurzelt da, spürte Wut und Verlegenheit in ihr aufkommen eher sie auf dem Absatz kehr machte und über den Balkon verschwand. Der kühle Wind wehte ihr sanft ins Gesicht und half ihr dabei allmählich die Contenance wiederzuerringen. Der Abend hatte einen Grad an Absurdität erreicht, bei dem selbst die hartgesonnenen Damen von Desperate Housewives aufgesprungen wären um lauthals ein, >>das gibts nicht!<<, loszuwerden.

Desorientiert stolperte Sam wieder in Richtung See, während sie versuchte abzuwägen, wie viel unverblümte Wahrheit sie Chris zumuten konnte. Einerseits wollte sie ein für alle mal Schluss mit den Geheimnissen und dem Schweigen machen und andererseits war die Wahrheit so verwirrend, dass Sam sie selbst nur schwer begreifen konnte. Es wäre vielleicht das Beste die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen, Bastian vorerst aus dem Weg zu gehen und Chris einfach zu versichern, dass die Sache zwischen den Beiden Freunden sich nun endgültig und für immer geklärt hatte. Es wäre der einfachste Weg gewesen, der niemanden der Involvierten verletzt oder unglücklich gemacht hätte, zu mindestens theoretisch, aber die Tatsache, dass es schier unmöglich war Bastian in diesem Kaff aus dem Weg zu gehen und noch viel unmöglicher diese strahlend blauen Augen anzulügen, verwandelte den „einfachen“ Weg in einen steinigen.

>>Na das ging ja schnell!<<

Die tiefe, aber doch klare Stimme drang prägnant an Sam´s Ohr. Chris lag seelenruhig am Seeufer, die Hände über den Kopf verschränkt und den Blick in den klaren Sternenhimmel gerichtet.

>>Und? Hast du alles mit ihm geklärt?<<

>>Ja.<<

Sam hoffte mit dieser kurzen aber doch eindeutigen Antwort, Chris das Interesse am genauen Vorgang des Gesprächs zu nehmen.

Trotz des leicht hektischem Untertons in ihrer Stimme, der bei genauerem hinhören wahrscheinlich nicht im Verborgenen geblieben wäre, schien er sich mit der Antwort zufrieden zu geben. Erleichtert raffte er sich auf und schlang seine Arme um Sams Taille ehe er ihr einen ausgiebigen Kuss schenkte. Noch immer brannten ihre Lippen wie Feuer. Es fühlte sich so unendlich falsch an Chris mit jenen Lippen zu küssen, die vor wenigen Minuten noch auf Bastians ruhten. Hartnäckig versuchte sie sich den Ablauf immer wieder vor Augen zu führen, um sich das eigenen Gewissen zu Erleichtern in der einfachen Erkenntnis, da sie schlicht keine Schuld an dem Kuss trug.

Bastian wollte ihr lediglich beweisen, dass er keinerlei Gefühle für sie hatte und besaß in solchen Dingen leider das selbe Bedürfnis für Veranschaulichung wie Sam.

>>Alles ok? Du wirkst so als wärst du mit den Gedanken woanders<<, stellte Chris fest und fixierte sie neugierig mit den Augen.

Sam musste sich beherrschen um nicht zusammenzuzucken. Sie war zwar immer eine gute Schauspielerin gewesen aber nie eine sonderlich gute Lügnerin.

>>Mir geht viel durch den Kopf<<, gab sie zu und lehnte ihren Kopf gedankenverloren an Chris‘ Oberarm.

>>Wegen ihm?<<

Es schien so, als würde der Blonde mit Absicht einen gewissen Namen ignorieren. Sam versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen und sprach so überlegt und bedacht wie schon lange nicht mehr.

>>Ich habe einfach das Gefühl, ihn zu verlieren. Versteh mich nicht falsch, es wäre natürlich nicht damit vergleichbar…dich…zu…verlieren, aber er war mir immer ein guter Freund und der einzige mit dem ich reden konnte, wenn Pia mal wieder hoffnungslos verschossen war – dementsprechend haben wir immer sehr viel geredet.<<

Chris lächelte milde, blieb jedoch aufmerksam um Sam die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie in diesem Moment so dringend brauchte.

>>Auf einmal ist da diese Distanz zwischen uns und ich weiß das ich ihn verlieren werde. Es klingt vielleicht komisch aber ich glaube sogar, dass er mich auf einmal hasst…<<

Sam fühlte sich seltsam befreit, als sie ihre Gedanken verbal ordnete. Es fühlte sich tatsächlich nach Hass an so wie Bastian ihr in dieser Nacht begegnete. Sanft fuhr sie mit der Zunge über ihre Lippen. Es beruhigte sie ungemein das sie Chris‘ Lippenpflegestift auf ihnen schmeckte – Vanille.

>>Es tut mir leid, dass ich dich hier vollquatsche.<<

>>Schon in Ordnung, ich versteh dich.<<

Sam überdrehte leicht die Augen und lächelte sanft.

>>Das musst du nicht sagen nur um mich zu trösten.<<

>>Hältst du mich für so abgedroschen?<<

Chris‘ Tonfall wirkte mit einem Mal hart obwohl er sehr leise sprach.

>>Nein, ich meinen nur dass du nicht sagen musst dass du verstehst wie ich mich fühle, wenn du es nicht tust.<<

>>Und wenn ich dich verstehe? Wenn ich weiß wie es ist verlassen zu werden, gehasst zu werden?<<

Sam blickte verwirrt in Chris‘ kalte Augen. Er wirkte ruhig, nachdenklich und irgendwo ganz tief im Inneren des Azurs unendlich traurig. Seine Miene war versteinert und gab eine tiefsitzende Bitterkeit preis, die wohl niemanden bei einem derart lebensfrohen Menschen wie Chris vermutet hätte.

>>Was meinst du damit…<<

Sam sprach so leise und vorsichtig als hätte sie Angst, dass die funkelnden Diamanten in Chris Augen im nächsten Moment erlöschen könnten.

>>Wieso sollte dich jemand hassen?<<

Ein tiefes Seufzen entkam ihm, gefolgt von einer abwertenden Handbewegung.

>>Schon gut, vergiss es einfach. Eine Geschichte aus meiner Kindheit ist hier wirklich fehl am Platz.<<

Sanft legte er den Arm wieder um Sams Taille und zog sie näher an sich.

>>Du hattest keine schöne Kindheit…oder?<<

Sam erinnerte sich wieder daran, was ihr Matthias und Sev vor einigen Tagen erzählt hatten.

>>Matthias kann seine Klappe wirklich nie halte.<<, stellte Chris mit gespielter Belustigung fest und ließ den Blick in Richtung See schweifen.

>>Du musst es mir nicht erzählen wenn du nicht möchtest…<<

>>Das hatten wir doch schon mal, oder?<<

Prüfend sah sich Sam um, um sicherzugehen, dass diesmal wirklich niemand die Zweisamkeit stören würde.

>>Ich glaub die Luft ist rein<<, stellte sie zufrieden fest und konzentrierte sich nun voll und ganz auf Chris.

>>Es ist nicht der Rede wert…<<, versuchte er Sams durchdringenden Blick ein wenig zu entschärfen.

>>Meine Mutter starb als ich noch sehr klein war, genauer genommen...starb sie bei meiner Geburt.<<

Sam lief es eiskalt den Rücken herunter.

>>Schon gut! Sieh mich bitte nicht so an! Ich habe einen anderen Bezug zu meiner Mutter als du zu deiner. Ich habe sie ja nie kennengelernt.<<

Die Worte hallten dumpf in Sams Kopf wieder. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie schrecklich es sein musste seine eigene Mutter zu verlieren, niemals kennenzulernen. Der Gedanke schien ihr so absurd und unrealistisch, als lauschte sie einer fiktiven Geschichte.

>>Kannst du bitte aufhören mich anzusehen als ob du mir gleich über den Kopf tätschelnd würdest – ich bin kein von seinem Herrchen verlassener Dackel.<<

Chris grinste breit und ausgelassen und legte sich ins kühle Gras.

Er schien nicht sonderlich überrascht von Sams Reaktion, so als hätte er sie schon viele Male gesehen.

>>Man vermisst etwas, dass man nie kannte nicht so wie Menschen die etwas verlieren zu dem sie einen Bezug hatten<<, analysierte Chris und klang dabei als würde er einen Satz aus einem Psychologie Lehrbuch zitieren.

>>Es tut mir trotzdem leid, dass du deine Mutter nicht kennenlernen konntest<< gestand Sam und versuchte ihre Stimme so sanft und ruhig als möglich klingen zu lassen. Es tat ihr wirklich unendlich leid und am liebsten hätte sie Chris in diesem Moment tatsächlich über den Kopf getätschelt. Seine Argumentation klang zwar logisch aber trotzdem hatte sie einen dicken Klos im Hals, der ihr das Atmen zur Qual machte.

>>Es muss dir nicht leid tun, es war schließlich nicht deine Schuld, dass meine Mutter gestorben ist.<<

>>Ich weiß das niemand daran schuld hatte, trotzdem ist es…traurig.<<

>>Dass niemand daran schuld hatte…<<, wiederholte Chris nachdenklich während sein Grinsen noch breiter wurde. Er hatte die Arme über den Kopf verschränkt, die Augen geschlossen und obwohl kleine Grübchen das Grinsen begleiteten, hatte sein Ausdruck etwas furchtbar quälendes an sich.

>>Ich kann dir nicht folgen…<<, gestand Sam und hoffte, dass Chris diesen Ausdruck nicht lange beibehalten würde, er sah beängstigend einstudiert aus.

>>Mein Vater sieht das mit der Schuld ein wenig anders als du<<, sprach er so beiläufig und leise, dass die Worte ihren Schrecken erst preisgaben, als Sam sie in Gedanken wiederholte.

>>Was soll das heißen?<<

Insgeheim hoffte sie auf eine vernünftige Erklärung, die das plötzlich auftretende drückende Gefühl in ihr wieder verschwinden ließ.

>>Sagen wir mal so, mein Vater hatte schon immer ein etwas distanzierteres Verhältnis zu mir. Ich habe fünf Jahre bei meiner Großmutter in Irland gelebt, aber als sie starb hatte mein Vater keine andere Wahl als mich zu sich zu nehmen. Er hatte meine Mutter wahrscheinlich wirklich geliebt, jedenfalls hat er mir nie verziehen, dass sie bei meiner Geburt ums Leben kam. Glaub mir, das waren 11 furchtbare Jahre.<<

>>Aber dafür kann er dich doch nicht verantwortlich machen!<<, schrie Sam, ihre Stimme bebte vor Zorn.

>>Wieso überhaupt elf Jahre? Ich versteh das alles nicht.<<

>>Ich habe mit sechzehn beschlossen, dass es das Beste für ihn und mich war, wenn ich ausziehe, meine eigenen Wege gehe.<<

>>Du wohnst alleine seit du sechzehn bist?!<<

>>Beruhig dich Sam, das klingt schlimmer als es ist. Hey, ich war jahrelang der coolste Typ der Schule, ich hatte schließlich eine eigene Wohnung. Natürlich bin ich auch unverschämt gutaussehend. Wenn du mal auf einer meiner Partys gewesen wärst, würdest du jetzt nicht so ein trauriges Gesicht machen.<<

Lachend richtete sich Chris auf, streckte sich kurz und wendete sich dann einer ziemlich verstörten Sam zu.

>>Wenn du jetzt heulst, werd ich dich noch jahrelang damit aufziehen – willst du das?<<

Er lächelte sein Zahnpastalächeln schöner und breiter als jemals zuvor. Es wirkte nicht aufgesetzt wenngleich es unpassender nicht sein hätte können.

>>Komm schon Prinzessin, ich zeig dir mein Schloss.<<

Mit einem Ruck riss er Sam auf die Beine und ließ ihr keine Gelegenheit, sich dem dumpfen Gefühl das sie empfand hinzugeben.

>>Denk einfach nicht darüber nach, es hat alles eine verquere und absurde Logik die du nicht verstehen musst. Ich liebe die Art wie ich lebe und ich liebes hier mit dir zu sein, also mach mir das bitte nicht kaputt indem du mich die ganze Nacht mitleidig ansiehst, das ist unnötig!<<

Sam schluckte schwer und ließ sich von Chris mitreisen. Sev und Matthias hatten wirklich nicht übertrieben.


 

In Sam´s Kopf hallten die Gespräche des Tages unaufhaltsam wieder. Die bitteren Erinnerungen wurden von einem stechenden Schmerz in der Brustgegend begleitet. Während sie sich von Chris durch die Nacht führen ließ, versuchte sie so gut es ging das Erlebte zu verdrängen. Es hatte keinen Sinn lange darüber nachzudenken, weder über Bastians Kuss, noch über Chris‘ Vergangenheit. Anscheinend hatten Beide ihre Entscheidung über den Umgang mit ihren Problemen getroffen und fühlten sich gut dabei. Auch wenn dieser Gedanke Sam noch so absurd erschien, sie hatte keinen Einfluss auf diese Entscheidungen, auch wenn es noch so frustrierend war.

Chris hielt erst nach ungefähr 20 Minuten Fußmarsch vor einem kleinen, schmucken Häuschen, dass jenem das Sam bewohnte glich wie ein Ei dem anderen. Es lag am anderen Ufer des Sees umgeben von einer Vielzahl bunter Blumen, die Sam – hauptsächlicher wegen mangelnder botanischer Kenntnisse – nicht zuordnen konnte. Sanft lächelnd, öffnete Chris die Tür und machte eine einladende Geste.

>>Welcome to my estate<<

>>Du hast ja wirklich einen irischen Dialekt.<<

Sam ignorierte das ihr unbekannte Vokabel gekonnt, auch wenn sie nie Probleme in Englisch hatte, kam sie gegen den Wortschatz von jemanden, der Englisch als zweite Muttersprache beherrschte nicht an.

Im inneren des Häuschens erinnerte rein gar nichts, an die blümchenverzierte Hölle die Sam kannte. Die Einrichtung war in einem dunklen, edel wirkenden Holzton gehalten, die Wände erstrahlten in einem satten Weiß und auch auf den Vorhängen war nicht ein einziges Blümchen zu erkennen. Das Ganze war schlicht die noble, stilvolle Variante von Sams Ferienhäuschen. Die Blonde seufzte.

>>Sogar in Bauernhausen herrscht eine Zweiklassengesellschaft - grotesk.<<

Grinsend umarmte sie Chris und fuhr ihr mit den Fingern durchs dichte Haar.

>>Müde?<<

>>Ja<<, hauchte Sam und legte den Kopf schief. Sie war wirklich müde. Das Verlangen nach einem weichen, gemütlichen Bett, mischte sich mit der Vorfreude auf das baldige Ende dieses nervenaufreibenden Tages.

>>Darf ich bei dir schlafen?<<

Chris zog Sam näher an sich heran und grinste ein an Arroganz grenzendes Lächeln.

>>Glaubst du wirklich ich würde es zulassen, dass du neben einem Typ schläfst, der dich tagsüber schon mit den Augen auszieht?<<

>>Das stimmt nicht.<<

>>Du hast ja keine Ahnung Sam.<<

>>Er will nichts von mir!<<

>>Ja genau, er will nur dein Freund sein, deshalb auch diese Eifersuchtstiraden.<<

>>Ich hab keine Ahnung was mit ihm los ist aber er ist definitiv nicht in mich verliebt!<<

Sam dröhnte der Kopf, als die Erinnerungen die gerade in einem Nebel aus aufkommender Müdigkeit verschwinden wollten zurückkamen.

>>Nein, du hast Recht, er ist nicht in dich verliebt, er ist in dich vernarrt! Stellst du dich dumm oder merkst du das wirklich nicht?<<

>>Ich hab mit ihm gesprochen und er will nichts von mir!<<

>>Tzz, glaubst du das etwa?<<

>>Er hätte es jedenfalls nicht deutlicher ausdrücken können.<<

Sam sprach die Worte vorsichtig und bedacht und so nah an der Wahrheit wie es möglich war ohne die Situation eskalieren zu lassen.

>>Hör mal zu Sam…<< behutsam hob Chris ihr Kinn an, sodass sie direkt in diese unbeschreiblichen Augen blickte die sie ernst aber doch liebevoll musterten.

>>Egal was er dir erzählt oder was er getan hat, er will dich und das sieht nun wirklich ein Blinder. Es zu leugnen war der einzig mögliche Schluss aus dieser Situation. Er hatte Angst du würdest ihn abweisen, somit hätte er dich verloren. Nachdem er es geleugnet hat und du ihm auch noch glauben geschenkt hast, gewinnt er nicht nur Zeit, sondern profitiert auch noch von deinem schlechten Gewissen.<<

Sam starrte noch immer in das tiefe Blau. Wieder klangen seine Worte wie aus einem Psychologie-Lehrbuch.

>>Siegmund Freud lässt Grüßen!<<

>>Dazu muss man nun wirklich kein Psychoanalytiker sein.<<

Mit einem Ruck zog der Blonde nachwuchs Therapeut Sam auf seine Arme, verdutzte Blicke musterten ihn.

>>Ich leg dich jetzt schlafen, bevor du noch im Stehen wegnickst.<<

>>Aber..<<

>>Shh…schon gut, wenn du willst kann ich morgen auch noch Pia für dich analysieren, aber jetzt wird schlafen gegangen!<<

Behutsam trug Chris Sam hinauf in den ersten Stock in ein mehr als großzügiges Schlafzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein großzügiges Bett, das einladender nicht hätte sein können. Sogleich versank Sam in den weichen Kissen während ihr der sanfte Duft von Jasmin und Veilchen in die Nase stieg. Auch wenn sie nur zu gerne über Chris‘ Ausführungen nachgedacht hätte, waren die Verlockungen die dieses Bett versprach einfach zu groß.

Noch einmal spürte sie weiche Lippen die ihre liebkosten eher sie dem Drang nach Schlaf endlich nachgab.

>>Schlaf gut Prinzessin…<<

Kapitel 14

Kennenlernen


 

Ein lautes Donnern entriss Sam unsanft dem Traumland. Noch im Halbschlaf versuchte sie sich zu erinnern wie sie in dieses unverschämt weiche Bett gelangt war. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte war Chris, der einen Vortrag über irgendwelche verschwörerischen Absichten von Bastian hielt. Davon hatte sie dann auch geträumt. Chris war ihr Klassenlehrer und diktierte die ganze Zeit etwas - scheinbar hochtrabendes - in Englisch. So sehr sich Sam auch anstrengte, sie verstand kein Wort von dem irischen Kauderwelsch. Als sie neben sich blickte, erkannte sie Bastian. Er saß viel näher als er es eigentlich sollte, so nah, dass Sam seinen warmen Atem plötzlich am Hals spürte. Sie wollte etwas sagen, sich bewegen aber ihr Körper gehorchte ihr – wie so oft im Traum – einfach nicht. Im nächsten Moment spürte sie schon Bastians Lippen auf ihren. Er küsste sie so leidenschaftlich und fordernd, wie es sonst nur Chris tat. Dieser unterbrach sein Kauderwelsch abrupt.

>>Ich hab Ihnen ja gesagt, dass es so enden wird!<<, sprach er in gewohnter Lehrermanier.

>>Ab zum Direktor!<<

Hier endete der Traum.

Erst jetzt bemerkte Sam ihren Bettpartner. Chris streckte sich einmal ausgiebig und raffte sich auf. Seine Augen strahlten trotz des düsteren Ambientes im Zimmer in einem kühlen Blauton.

>>Alles ok mir dir? Du siehst etwas…verwirrt aus<<, fragte eine gar nicht mehr nach Lehrer klingende Stimme.

>>Du hast mich zum Direktor geschickt<<, scherzte Sam und erntete dafür verwirrte Blicke.

>>Schon gut, ich hatte nur einen etwas konfusen Traum.<<

Ein heller Blitz durchzuckte das Zimmer. Nach all diesen sonnendurchfluteten Tagen, schien der Himmel heute in einer denkbar schlechten Stimmung. Regentropfen prasselten an die Fensterscheibe und es war spürbar kälter geworden. Sam fröstelte ein wenig, als sie sich aus dem wärmenden Bett erhob.

>>Kann ich schnell mal in dein Badezimmer? So eine heiße Dusche ist bei so einem bescheidenem Wetter genau das Richtige.<<

Chris lächelte als er sich dem großen Schrank zuwandte.

>>Du kannst dir auch ein Bad einlassen, ich mach uns in der Zwischenzeit Frühstück.<<

Zwei Angebote, die Sam keineswegs ausschlagen konnte. Mit einem Kuss verabschiedete sie sich ins Badezimmer.

Das heiße Wasser weckte die Lebensgeister wieder und betäubte die Ereignisse des gestrigen Tages.

Was gestern geschehen war, ließ sich nicht mehr verändern, jetzt war es an der Zeit sich dem Heute zu widmen. Sams Kopf war klar und bereit sich neuen Dingen anzunehmen – was zugegebenermaßen nicht sehr oft vorkam.

Sie wollte sich heute voll und ganz Chris zuwenden und all das was sie noch nicht über ihn wusste in Erfahrung bringen. Seufzend gestand sich Sam ein, dass sie eigentlich nicht wirklich viel über Chris wusste. Seinen Nachnamen, seine Herkunft, seine Vorliebe für nächtliches Schwimmen, mehr Dinge standen noch nicht auf der „Christian O´Shay“ Liste.

>>Sam?<<

Chris Stimme riss Sam aus den Gedanken die durch eine viel zu hektische Bewegung das Badewasser zum überschwappen brachte.

>>Was ist?<<

Zögernd trat der Blonde ein. Auch wenn Chris sonst immer eine Jack Norris mäßige Coolness ausströmte wirkte er jetzt eher wie ein Schuljunge der versehentlich in die Mädchenumkleide gegangen war.

In der Hand hielt er ein kleines silbernes Handy, dass er Sam mit abgewandtem Blick entgegenstreckte.

>>Ist für dich.<<

Verwirrt nahm Sam das Handy und somit auch das Gespräch entgegen.

>>H~a~l~l~o?<<

>>Sag mal warum bist du gestern einfach so abgehauen? Was zum Teufel ist passiert? Ist Bastian überhaupt noch ganz bei Trost, ich meine einfach so eine Szene machen und dann…<<

>>Stop!<<, unterbrach Sam eine vor sich hin plappernde Pia die ansonsten wohl mindestens eine Stunde ein Selbstgespräch geführt hätte.

>>Woher hast du bitte Chris‘ Nummer?<<

>>Mathias hat für mich angerufen. Ich hab mir gedacht, dass du bei Chris bist nachdem was passiert ist. Was ist überhaupt passiert? Hast du Bastian noch mal gesprochen? Hat er sich entschuldigt? Er wollte mir heute morgen nichts erzählen, hat nur irgendetwas vor sich hin gemurrt bevor er gefahren ist.<<

Sams Synapsen spielten verrückt, zu viele Fragen, zu viele Informationen – auf nimmer wiedersehen Klarheit im Kopf.

>>Was heißt Matthias hat für dich angerufen? Wo steckst du überhaupt?<<

>>O mein Gott Sam, wach endlich mal auf, das ist doch jetzt gar nicht das beherrschende Thema!<<

>>Doch für mich schon. Wo steckst du?!<<

Ruhe auf der anderen Seite der Leitung. Eine gefährliche Ruhe, wie Sam wusste, denn wenn Pia schwieg hieß es etwas zu vertuschen über dass sich Sam bestimmt aufregen würde.

>>Naja…du bist gestern einfach abgehauen und ich hatte echt keine Lust mit Bastian in einem Zimmer zu schlafen. Ich bin genauso sauer auf ihn! Da lernst du endlich mal einen netten Typen kennen, DU die ewige Grummlerin…<<

>>Lenk jetzt nicht ab!<<

>>Schon gut, beruhig dich…ich hab bei Matthias geschlafen.<<

In Sams Schläfen pulsierte es.

>>O mein Gott, sag bitte dass du nur bei ihm geschlafen hast und nicht mit ihm!<<

>>Reg dich ab, ich hab ihn ja nicht vergewaltigt!<<

>>Pia bitte! Matthias ist ein echt netter Kerl und du hast spätestens am Schulanfang wieder den nächsten Seelenpartner gefunden!<<

>>Du musst dich aufregen! Wenn ich nach DEINEM typischen Muster gehen würde, würde ich sagen du kotzt Chris spätestens morgen vor die Füße, redest dich wegen irgendeiner Nichtigkeit in Rage und vergraulst ihn weil du dich wiedermal aufführst als wärst du der Nabel der Welt!<<

Das hatte gesessen. Sam wäre beinahe im Badewasser abgesoffen. Obwohl ihr immer bewusst war, dass sie nicht gerade der unkomplizierteste Mensch auf Erden war, war ihr nicht klar wie offensichtlich ihre Verbissenheit sich in den Augen Dritter widerspiegelte.

>>Tut mir leid…ich wollte nicht<< piepste Pia am anderen Ende.

>>Schon gut…du hast recht…mir tut es leid.<<

Pia hatte Recht, es war nicht nur schäbig von Sam ihrer Freundin so etwas vorzuwerfen sondern auch noch vollkommen klischeebehaftet. Was wusste Sam schon groß über Liebe? Jedenfalls nicht genug um jemand anderen solche Dinge an den Kopf zu werfen.

>>Du hast mit Bastian gesprochen?<<

>>Ja heute Morgen bevor er gefahren ist. Er wollte wissen ob er mich mitnehmen soll. Ansonsten hat er eigentlich gar nichts gesagt, er macht noch immer auf Miesepeter.<<

>>Er ist gefahren?<<

>>Ja, ich dachte du wüsstest das. Hast du nicht mit ihm geredet?<<

Sam erinnerte sich nur ungern an die letzte Begegnung mit Bastian.

>>Doch, aber er hat nicht erwähnt, dass er wieder nachhause fährt.<<

>>Was hat er zu dir gesagt? Hat er sich entschuldigt?<<

>>Nein, aber er hat mir auf eine sehr bizarre Art und Weise zu verstehen gegeben, dass er nichts von mir will.<<

>>Hmm…<<

>>Was?<<

>>Glaubst du ihm das?<<

>>Ich hab keine Ahnung was ich glauben soll…<<

>>Irgendwie tut er mir leid.<<

>>ER tut dir leid? Und was ist mit mir? Ich hätte gestern fast einen Knoten im Gehirn vor lauter grübeln bekommen!<<

>>Ja, aber er ist schon so lange…ich meine er hat immer geglaubt dass…<<

>>Was? Erzähl schon! Du bist doch sonst nicht so schweigsam.<<

Sam beschlich wieder eine üble Vorahnung was Pias Schweigen betraf, die Antwort würde ihr sicher nicht gefallen.

>>Bastian ist doch schon ewig in dich verschossen Sam. Er hat immer geglaubt, dass ihr euch irgendwann mal zusammen in der blauen Lagune rekelt.<<

Sam schluckte schwer. Die Offensichtlichkeit von Bastians Gefühlen war erschreckend. Nicht nur, dass sogar Pia – die sonst wirklich schwer von Begriff war – den vollen Durchblick hatte, auch Chris, der Bastian gerade mal ein paar Stunden erlebt hatte wusste sofort Bescheid. Sam zweifelte stark an ihrer Menschenkenntnis und während sie darüber nachdachte was in ihrem Leben aufgrund ihrer emotionalen Beschränktheit noch alles an ihr vorbei gezogen war, plapperte Pia munter weiter aus dem Nähkästchen.

>>Seit ihr euch damals auf dieser Party geküsst habt ist es besonders heftig. Für dich lag es vielleicht nur am Korn aber für Bastian war das der perfekte Ansporn für eben solche Eifersuchtstiraden.<<

>>Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt?<<

>>Ach komm schon Sam, als ob du mir das geglaubt hättest. Du bist so ein Sturkopf und noch dazu ziemlich blind was Gefühle angeht.<<

Pia hatte Recht. Sam hätte es wahrscheinlich nicht wahrhaben wollen. Selbst jetzt war es schwer das Ganze zu glauben, vor allem nach Bastians Dementi.

>>Ich will in aber nicht verlieren…als Freund.<<

>>Lass ihm einfach ein wenig Zeit, er beruhigt sich schon wieder. Es kam alles nur ein wenig plötzlich für ihn. Wenn du dich vorher mal bei uns gemeldet hättest, hätte er das Ganze wohl leichter verdauen können. <<

>>Meinst du er kommt damit klar?<<

>>Ach komm schon Sam, du kennst ihn, er kommt schon drüber weg und außerdem ist er viel zu gerne mit dir zusammen um ewig zu schmollen.<<

>>Hmm…<<

Das Badewasser wurde langsam aber sicher kühl und Sam knurrte bereits der Magen.

>>Können wir später weiter reden? Ich bin nämlich gerade am verhungern und Chris macht unten Frühstück!<<

>>Klar! Chris kann echt gut kochen, dass darfst du dir nicht entgehen lassen, sagt zumindest Matthias.<<

Sam musste schmunzeln. Es war typisch für Pia das höchstmögliche an Informationen in kürzester Zeit aus jemanden herauszuholen, vor allem wenn sie jemanden wirklich mochte. Sam hatte da noch Aufholbedarf.

>>Hören wir uns später?<<

>>Klar!<<

Mit einem Ruck stieg die Blonde aus der Wanne.

Ein angenehmer Duft schwebte Sam entgegen, als sie die Treppe hinunter schlenderte.

>>Das riecht echt lecker, wo hast du denn kochen gelernt?<<

Lächelnd wendete sich Chris vom Herd ab und drückte Sam einen kleinen Kuss auf die Stirn.

>>Ich würde das Braten von zwei Eiern zwar nicht gerade als hohe Kochkunst bezeichnen, aber fürs Frühstück reicht es wohl aus.<<

Mit einer einladenden Geste signalisierte der Blonde Sam sich zu setze. Der Tisch war gedeckt und das Essen sah einfach zu himmlisch aus. Sam musste sich nicht zweimal bitten lassen und machte sich nur all zu gerne an den Frühstückseiern zu schaffen.

>>Schmeckt es dir?<<

>>Besser gehts gar nicht. Kochst du öfter?<<

>>Naja, wenn ich mich nicht gerade von Junk Food ernähren will muss ich wohl oder übel kochen.<<

Sam hatte vergessen, dass der Blonde schon ziemlich lange auf sich gestellt war. Es war seltsam wie locker und ungezwungen er über diese Tatsache sprach, aber daran würde sich Sam wohl gewöhnen müssen.

>>Und was machst du wenn du nicht am Herd stehst?<<

Es war der perfekte Zeitpunkt um ein wenig mehr über Chris in Erfahrung zu bringen. Das Wetter war absolut prädestiniert dafür den Tag im Haus zu verbringen.

>>Wenn ich nicht koche oder putze mach ich natürlich nur furchtbar männliche Dinge, schnelle Autos fahren, Bier trinken, naja du weißt schon.<<

>>Und mit was verdienst du dein Geld?<<

>>Bis ich mit meinem Studium fertig bin, lebe ich von dem Geld das mir meine Mutter hinterlassen hat.<<

>>Was studierst du?<<

>>Ah ich verstehe, heute ist der wir-lernen-uns besser-kennen-Tag<<, scherzte Chris und goss sich noch eine Tasse Kaffee ein.

>>Wenn du nicht willst musst du nicht antworten. Diese Sache mit dem „miteinander Reden“ wird sowieso tendenziell überbewertet.<<

Chris lachte auf ehe er weitersprach.

>>Ich studiere Kunstgeschichte.<<

>>Kunstgeschichte? Wie kommt man dazu so etwas zu studieren?<<

>>Gute Frage. Eigentlich habe ich mich schon immer für Kunst interessiert, ich wollte etwas studieren für das ich mich auch wirklich begeistere und nachdem ich betriebswirtschaftlichen Analysetechniken oder forensischen Ermittlungen nicht allzu viel abgewinnen kann, bin ich am Ende dann bei der Kunstgeschichte gelandet.<<

Sam kam sich mit einem Mal ziemlich dumm vor. Da saß sie, das kleine Schulmädchen das sich Sorgen um so banale Dinge wie Hausaufgaben und Referate machte und deren einziges Bestreben es war, ihre Matura ohne gröbere Komplikationen über die Bühne zu bringen. Ihr gegenüber Chris, der über Kunstgeschichte philosophierte und schon auf eigenen Beinen stand, als Sam es gerade mal schaffte, ihren Goldfisch – Raphael den 5ten - länger als drei Wochen am Leben zu erhalten.

Erst jetzt begriff sie, wie überlegen ihr Chris eigentlich war und obwohl sich Sam nicht gern eingestand jemandem - in welcher Hinsicht auch immer - unterlegen zu sein, war es diesmal doch anders. Sie genoss es irgendwie zu dem Blonden aufzusehen, zumal die ganze Überlegenheitssache auch verdammt sexy war.

>>Wieso starrst du mich so an? Hey, ich bin kein Freak, auch wenn ich Kunstgeschichte studiere! Das ist ein verdammtes Klischee!<<

Sam stutze. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie Chris wohl ungewollt ziemlich dämlich musterte.

>>Nein, nein! Das mit der Kunst ist spitze, auch wenn ich keine Ahnung davon habe.<<

>>Schon gut, es reicht wenn einer von uns sich mit Impressionismus auskennt.<<

Ein kurzer Moment des Schweigens verging. Auch wenn Sam den unwiderruflichen Drang verspürte noch mehr Fragen zu stellen, tat sie sich mit dem formulieren schwer. Eigentlich wollte sie wissen, wieso Chris mit seinem Vater gebrochen hatte oder ob er sich manchmal einsam fühlte, aber irgendwann zwischen Bad und Kaffee hatte sie der Mut dazu einfach verlassen.

>>Du bist heute ziemlich in Gedanken versunken, hmm? Gerade starrst du mich so mitleidig an, was ist los?<<

Chris ertappte Sam bereits zum zweiten Mal beim grübeln. Diese Feinfühligkeit seinerseits konnte ganz schön anstrengend sein.

>>Gar nichts<<, log sie und versuchte den Blick so unauffällig wie möglich abzuwenden.

>>Seit wann bist du eigentlich so wortkarg? So kenn ich dich noch gar nicht.<<

>>Ich bin nicht wortkarg! Wenn du es genau wissen willst, ich hab keine Ahnung über was ich mit dir reden kann und über was nicht.<<

Chris stutzte kurz eher er sein Zahnpastalächeln aufsetzte.

>>Du kannst über alles mit mir reden, Prinzessin.<<

>>Wenn das nur so einfach wäre<<, seufzte Sam die Chris‘ eigenwilligen Kosenamen für sie stillschweigend akzeptiert hatte.

>>Wovor hast du Angst? Ich schmeiß dich schon nicht raus nur weil du eine unangenehme Frage stellst.<<

>>Das nicht aber…<<

>>Was aber?<<

>>Weißt du das du ziemlich anstrengend bist?<<

Chris lachte auf.

>>Du nennst mich anstrengend? Dir muss man doch hier alles aus der Nase ziehen.<<

>>Ich wollte ja nur wissen, wie du dich so fühlst.<<

>>Jetzt gerade? Etwas verwirrt aber glücklich.<<

>>Nicht jetzt! So im Allgemeinen, weil du ja schon so lange alleine wohnst und naja…<<

>>Ach daher weht der Wind! Wieso fragst du das nicht gleich?<<

>>Naja du hast gestern so niedergeschlagen gewirkt, als du mir das mit deinen Eltern erzählt hast und ich war mir nicht sicher ob du mir davon erzählen willst.<<

>>Natürlich bin ich nicht gerade glücklich über den – sagen wir mal unglücklichen – Verlauf den mein Leben ein paar mal genommen hat, aber das heißt nicht, dass ich nicht darüber reden kann.<<

Chris streckte sich ausgiebig eher er sich erhob und Sam sanft in Richtung Couch führte. Draußen prasselte der Regen immer noch unaufhaltsam auf die Erde nieder und die düsteren Wolken sorgten für eine teils gemütlich teils aber auch bedrückende Atmosphäre.

Behutsam legte der Blonde einen Arm um Sam, behielt dabei stets ein Lächeln auf den schönen Lippen.

>>Ich glaube ich habe schon erwähnt, dass ich ganz gut damit zurecht komme, dass ich alleine lebe, oder?<<

>>Ja, aber fühlst du dich nicht manchmal ziemlich einsam?<<

Chris überlegte kurz ehe er antwortete.

>>Die ersten Jahre schon.<<

Sam legte schweigend den Kopf an seine Schulter. Er fühlte sich warm an, stark und roch unbeschreiblich gut.

>>Am Anfang war ich ziemlich euphorisch was meine Selbstständigkeit anging. Ich war froh niemanden mehr Rechenschaft schuldig zu sein, aber nach den ersten paar Monaten wurde es schwer. Ich konnte nicht einfach alleine zuhause sitzen und nichts tun, dann kam einfach zu viel in mir hoch. Ich hab mich auf die Schule konzentriert und am Wochenende mit Partys abgelenkt. Ich bin viel umher gezogen und habe wahrscheinlich versucht das Ganze irgendwie zu kompensieren. Wenn ich mich einsam gefühlt habe, hab ich mich mit irgendwelchen Frauen getroffen.<<

Sam stutzte. Sie erinnerte sich wieder an den ersten Eindruck den Chris bei ihr hinterlassen hatte. Natürlich war er was diese Sache anbelangte, kein Kind von Traurigkeit.

>>Das war alles bedeutungslos, glaub mir. Es dauert seine Zeit bis man merkt, wie stumpfsinnig und kontraproduktiv diese Art der Beschäftigung ist.<<

Sam grinste angestrengt.

>>Das musst du wohl jetzt sagen.<<

>>Gar nichts muss ich<<, entgegnete Chris und fuhr der Blonden durchs Haar.

>>Irgendwann hab ich es dann doch begriffen und mich auf das konzentriert was ich habe. Meine Ausbildung, meine Freunde – im Grunde war ich nie wirklich alleine.<<

>>Und deine Ablenkungen? Waren die wirklich alle bedeutungslos?<<

>>Also jetzt stellst du wirklich unangenehme Fragen<<, scherzte Chris und drehte Sams Kopf so, dass sie ihm direkt in die Augen blickten musste.

>>Ich war fast ein Jahr mit einem Mädchen zusammen, das ich glaubte wirklich zu mögen.<<

>>Und? Was ist mit ihr passiert?<<

Sam spürte einen unangenehmen Stich in der Brustgegend.

>>Sie ist nach Barcelona gezogen, studiert dort weiter, deshalb haben wir uns getrennt.<<

Der Stich wurde zu einem stumpfen aber krampfartigen Schmerz. Sam fühlte sich ziemlich dumm. Hatte sie tatsächlich daran geglaubt jemand mit Chris‘ Vergangenheit war noch nie verliebt gewesen? Natürlich gab es Andere, und da gab es anscheinend auch diese eine Andere von der er sich nur getrennt hatte weil sie sich entschlossen hatte nach Barcelona zu gehen und nun saß er hier mit ihr – diesem infantilen und scheinbar viel zu leichtgläubigen Mädchen das sie anscheinend war. In diesem Moment wünschte sie sich die alte Sam zurück. Die, die sie vor ein paar Tagen noch gewesen war. Die Sam die nicht diesen blauen Augen verfallen war und die keine Ahnung von Dingen wie Eifersucht oder Unsicherheit hatte. Die alte Sam war stark, nicht so verletzlich und würde sich jetzt nicht wie ein Idiot fühlen.

>>Hör sofort auf so einen Mist zu denken<<, drohte Chris energisch und zog Sams Gesicht noch näher an seines heran.

>>Jetzt hör mir mal zu Sam. Du hast mir eine Frage gestellt und ich hab sie ehrlich beantwortet. Meine Vergangenheit kann ich nicht ändern aber egal was ich wann mal mit wem auch immer getan habe, jetzt bin ich hier.<<

>>Ja<<, hauchte Sam und versuchte diesen durchdringenden Blick, der beängstigender Weise anscheinend auch ihre Gedanken durchblicken konnte, zu entkommen.

>>Und wenn sie nicht nach Barcelona gegangen wäre, ich wäre trotzdem hier. Es spielt keine Rolle wie du meine Vergangenheit zu ändern versuchst, das Hier und Jetzt bleibt das Selbe. Außerdem hab ich mir nur eingebildet, sie würde mir was bedeuten, sie war nicht annähernd...wie du.<<

Mit einem Kuss verlieh Chris seinen Worten Nachdruck.

>>Und glaub mir, ich müsste das nicht sagen, wenn ich es nicht wirklich so meinen würde, denn wie du ja sicherlich bemerkt hast, hab ich dich schon ins Bett bekommen.<<

Sam konnte nicht anders und musste in Chris‘ Lachen einstimmen. Das beklemmende Gefühl verstummte langsam, auch wenn es nicht sofort verschwand. Dinge wie Unsicherheit und Eifersucht gehörten wohl oder übel dazu wenn man eine Beziehung mit jemand wie Chris führen wollte. Zufrieden über ihre Einsicht machte es sich Sam auf der großen Couch gemütlich. Den Kopf auf Chris‘ Schoß gebettet genoss sie die Streicheleinheiten die sie erfuhr.

>>Hab ich jetzt all deine Fragen beantwortet?<<

>>Fürs Erste schon.<<

>>Und hab ich deine Unsicherheit was andere Frauen in meinem Leben angeht zerstreuen können?<<

>>Fürs Erste<<, wiederholte Sam und schnurrte zufrieden vor sich hin.

>>Und könntest du jetzt vielleicht meine zerstreuen?<<

Sam machte große Augen.

>>Wie meinst du das?<<

>>Naja schließlich läuft dir dieser andere Typ hinterher der seine Eifersucht scheinbar nicht im Griff hat, das ist doch kein Dauerzustand oder?<<

Sam hatte die Sache mit Bastian schon so gut verdrängt, dass sie sich vor Schreck beinahe an der eigenen Zunge verschluckt hätte.

>>Nein, dass ist kein Dauerzustand. Ich hab zwar noch keine Ahnung wie aber irgendwie werde ich ihm schonend klar machen, dass ich absolut kein Interesse an ihm habe – körperlich gesehen.<<

>>Hmm, manchmal muss man jemand einfach mit der Nase auf etwas stoßen, vor allem wenn er es nicht wahrhaben will.<<

>>Vielleicht hast du Recht…<<

Das Läuten von Chris‘ Telefon unterbrach das Gespräch fürs Erste.

>>Was gibts?<< meldete sich der Blonde bei dem scheinbar gut bekannten Anrufer.

>>Aha…ja, von mir aus gerne….einen Moment. Für dich<< wie schon einmal an diesem Tag streckte Chris Sam das Handy entgegen. Diesmal konnte sie den Anrufer der nach ihr verlangt jedoch schon erahnen.

>>Pia?<<

>>Knapp daneben<< antwortete eine belustigte und durch und durch männliche Stimme – Matthias.

>>Entschuldige bitte.<<

>>Kein Problem, ich wollte nur fragen ob ihr Beide vielleicht Lust habt euch heute Abend mit uns zu treffen. Du, Chris, Ich, Pia, Sev.<<

>>Das hört sich gut an, insofern du den Schnaps von deinem Vater zuhause lässt.<<

>>Natürlich. Dann so um sieben?<<

>>Okay, bis dann!<<

Mit einem freudigen Grinsen im Gesicht, gab Sam Chris sein Handy zurück und legte den Kopf wieder auf seinen Schoß. Wenn man die durchwegs komplizierte Situation mit Bastian außer acht ließ, war Sams Leben in diesem Moment sehr, sehr schön.


 


 


 


 


 

Kapitel 15

Von A(bschied) bis Z(ukunft)


 

Den Rest des Tages verbrachten Chris und Sam damit sich noch ein bisschen besser kennenzulernen. Chris erzählte von seiner Wohnung, seinem Studium, seiner Liebe zum Schwimmen und seiner Aversion gegen Fischgerichte. Sam berichtete von der Schule, ihren Eltern, Sophie und ein paar anderen Belanglosigkeiten aus ihrem Leben. Es tat gut sich auch mal auf Nichtigkeiten zu konzentrieren. Zu Mittag zauberte Chris einen Auflauf bei dem selbst Jamie Olliver vor Neid erblasst wäre. Sam telefonierte währenddessen mit ihrem Vater und versprach gut auf Pia aufzupassen. Nachdem Chris für das kulinarische Wohl gesorgt hatte und Sam in einem unüberlegten Anflug von Dankbarkeit angeboten hatte abzuwaschen, machten es sich die Zwei wieder auf der Couch gemütlich.


 

******


 

Zehn Minuten nach sieben fanden sich Sam und Chris mit den Köpfen unter der Couch wieder.

>>Wo zum Teufel ist mein verdammtes Shirt?<<

>>Du fluchst ganz schön viel für ein Mädchen.<<

>>Das ist mir verdammt noch mal egal!<<

>>Schon okay, ist auch irgendwie sexy<<, stellte Chris fest und fuhr der – mit dem Kopf noch immer unter der Couch steckenden Sam – sanft über den Rücken.

>>Hey, hör auf – so hat das Ganze doch angefangen. Willst du das wir noch später kommen?<<

>>Was kann ich dafür wenn du dein Shirt verlierst<<, stellte Chris grinsend fest und setzte, in Anbetracht der bösen Blicke die ihm Sam auf seine Aussage hin schenkte, die Suche konzentriert fort.

>>Du hast es mir doch ausgezogen, wenn du es nicht aufgegessen hast, muss es hier irgendwo sein.<<

>>Wir suchen jetzt schon ewig, wahrscheinlich ist es aufgestanden und weggelaufen.<<

>>Wirklich sehr realistisch.<<

>>Vergiss das Shirt, du kannst eines von mir anziehen und jetzt komm, sonst sind die Anderen viel zu betrunken um noch ein annähernd sinnvolles Gespräch mit ihnen zu führen.<<

Schmollend folgte Sam Chris nach oben zum Kleiderschrank. Nachdem er eine Weile den Inhalt des gut gefüllten Schrankes durchforstet hatte, stutzte er.

>>Ich hatte doch irgendwo noch ein schwarzes, schlichtes Shirt das fast so aussieht wie deines.<<

>>Vielleicht haben sie sich gemeinsam versteckt und machen jetzt ganz viele kleine schwarze Baby-Shirts.<<

>>Hmm, vielleicht dematerialisiert sich ja auch alles schwarze.<<

>>Klingt sehr logisch.<<

Einige realitätsnahe Theorien später, wurden Chris und Sam dann doch fündig, auch wenn sie in seinem dunkelblauen Shirt ein wenig unterging.


 

Es war kurz nach halb acht, als die Scheunentür knarrend die letzten Gäste ankündigte.

Sev, Matthias und Pia, hatten sich bereits um den großen Tisch in der Mitte eingefunden.

>>Na endlich! Wo wart ihr denn so lange?<< wollte Pia wissen und mustere Sam, die anscheinend den Schlabberlook für sich entdeckt hatte, skeptisch.

>>Sorry aber wir hatten ein kleines Problem mit dematerialisierenden Klamotten.<<

Matthias grinste breit.

>>Das Problem kenn ich.<<

>>Können wir vielleicht das Thema wechseln? Nicht jeder hier hat das Problem, dass sich die Klamotten seiner Freundin in Luft auflösen<<, protestierte Sev während er den beiden Neuankömmlingen Getränke vorsetzte.

>>Stell dich nicht so an Sev! Du siehst deine Anna ja sowieso morgen wieder<<, konterte Matthias und löste somit in Sams Kopf ein leichtes Druckgefühl aus welches sich binnen weniger Sekunden in eine Frage entlud.

>>Du hast eine Freundin?<<

>>Ja, eigentlich schon ziemlich lange wenn ich so darüber nachdenke<<, scherzte Sev und hatte dabei ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.

>>Und sie kommt morgen nach?<<

>>Ehm, nein. Ich reise morgen wieder ab. Wir sind eigentlich immer nur zwei Wochen hier.<<

Sam stutze. Dieses „wir sind eigentlich immer nur zwei Wochen hier“ klang weitaus bedrohlicher als es sollte.

>>Und was heißt das? Reist ihr auch morgen ab?<<, wollte Sam an Matthias aber vor allem an Chris gewandt wissen. Das krampfartige Gefühl in ihrer Brust meldete sich wieder. Sie hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht, was nach diesem Sommer kommen würde, sie hatte schließlich auch noch nicht viel Zeit dafür. Chris wirkte in ihren Gesprächen immer sehr zuversichtlich was die Zukunft betraf jedoch ziemlich wage. Er wohnte zwar nicht am anderen Ende der Welt, jedoch trennten die Beiden knapp eine Stunde Autofahrt voneinander.

Matthias meldete sich als erstes zu Wort.

>>Ich bleibe noch zwei Wochen hier. Die Uni fängt erst in einem Monat wieder an, deshalb hab ich meine Ferien spontan verlängert.<<

Pia grinste triumphierend und schüttete sich eine verdächtig klare Flüssigkeit die Kehle hinunter.

>>Und du? Bleibst du auch noch?<<

Sam versuchte ihre Stimme einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, was ihr nur teilweise gelang. Chris, der irgendwie nervöser wirkte als sonst, grinste ein angestrengtes Lächeln.

>>Ja, darüber wollte ich eigentlich schon früher mit dir reden.<<

Zwei Augenpaare waren mit einem Mal gespannt auf die beiden Blonden gerichtet, das Dritte starrte etwas geistesabwesend in ein Schnapsglas.

>>Ich muss spätestens übermorgen abreisen<<

Ein dicker Klos bildete sich in Sams Hals und ließ das folgende, >>Aha<<, ziemlich verzerrt klingen.

>>Ich würde wirklich gerne hier bleiben, aber ich arbeite den Rest der Ferien in einem Museum, solange bis die Uni wieder anfängt und das lässt sich leider nicht verschieben.<<

>>Ist doch schön<<, stellte Sam gespielt lässig fest und kippte sich ihr Getränk die Kehle runter.

>>Dann wünsch ich dir viel Spaß – oder was man einen eben wünscht der in einem Museum arbeitet. War echt nett mit dir, ein wenig anstrengend vielleicht aber naja.<<

>>Ach Sam…<<

Chris Mimik wirkte mit einem Mal ziemlich verzweifelt. Sein Blick verriet, dass ihm dieses Thema mindestens genauso zu schaffen machte wie Sam – er ging nur anders damit um.

>>Schon in Ordnung! Ich meine du hättest mir auch früher davon erzählen können, aber es geht mich ja auch schließlich nichts an!<<

Betroffenes Schweigen breitete sich in der Scheune aus.

>>Hör sofort auf mit dem Schwachsinn! Natürlich geht dich das was an, aber durch den ganzen Trubel mit diesem verrückten Möchtegern-Romeo und allem was sonst so passiert ist, habe ich selbst nicht daran gedacht.<<

>>Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen!<<, fauchte Sam zurück. Eine unendliche Leere breitete sich in ihr aus, eine Leere die sich einfach nur mit Wut füllen ließ.

Sie wollte sich gerade abwenden, als Chris sie mehr oder weniger unsanft am Arm zu sich zog.

>>Jetzt hör mal zu Prinzessin; wir reden jetzt über das ein oder andere und zwar draußen!<<

Beherzt zog er eine verdutzte aber dennoch brav folgende Sam nach draußen. Chris hatte mit einem Mal wieder etwas verdammt Lehrerhaftes an sich und er machte nicht den Eindruck als würde er irgendeine Form des Widerspruchs dulden.

>>Siehst du das?<<. wollte Chris wissen und deutete energisch auf den Boden.

>>Das Gras?<<

>>Das ist nicht nur Gras, das ist die Stelle, an der mich dieses komplett verrückte aber faszinierende und wunderschöne Mädchen zum ersten Mal geküsst hat, genau das selbe Mädchen das jetzt vor mir steht und so tut als wäre ihr auf einmal alles egal und ich frage mich wieso?<<

Sam wollte antworten, Chris klar machen wie weh es tat das der Abschied so kurz bevor stand und dass sie sich nur deshalb so komisch verhielt, aber sie konnte nicht. Sie starrte auf die nachtschwarze Wiese während die vergangenen Tage abermals an ihr vorbei zogen. Es wirkte alles so surreal, unwirklich wie ein Traum den bei Tagesanbruch die Realität in Vergessenheit geraten lässt.

>>Wovor hast du Angst?<<

>>Vor dem Alltag<<, brachte Sam leise hervor, den Blick noch immer abgewandt.

>>Ach Sam…auch wenn wir die Zukunft nicht zwischen Heuballen und Gartenzwergen verbringen werden, brauchst du wirklich keine Angst zu haben. Ich dachte du wärst froh Bauernhausen hinter dir zu lassen.<<

>>Schon aber…<<

>>Aber was?<<

>>Dich will ich nicht hinter mir lassen.<<

Jetzt war es raus. Sam hatte etwas gesagt, das sie verletzlich machte wie nie zuvor.

>>Du bist ganz schön dämlich, wenn du noch immer denkst das hier wäre nur eine Sommerromanze<<, antwortete Chris und hob dabei Sams Kinn so an, dass sie ihm in die Augen sehen musste.

>>Weißt du noch, in dem Land außerhalb dieses Kaffs gibt es große Maschinen die die Menschen von A nach B bringen und ich besitze eine dieser zauberhaften Maschinen. Wir sehen und jedes Wochenende, in den Ferien, an Feiertagen – wer weiß, vielleicht geh ich dir sogar unter der Woche auf die Nerven.<<

>>Und wenn dich meine Gesellschaft irgendwann anödet?<<

>>Das kann gar nicht passieren.<<

>>Wieso nicht?<<

>>Weil ich dich liebe.<<

Ehe Sam antworten oder etwas erwidern konnte, wurden ihre Lippen durch einen Kuss versiegelt.

>>Schlaf heute Nacht wieder bei mir. Morgen machen wir uns einen wunderschönen Tag und wenn du ein braves Mädchen bist, kauf ich dir auch ein Eis<<, scherzte Chris während er Sam dichter an sich zog. Die Angst vor dem verletzt werden die sie einen Moment zuvor noch verspürt hatte, war wie weggeblasen. Egal wie umständlich oder schwierig sich diese Fernbeziehung auch gestalten würde, Sam hatte die Gewissheit, dass Chris genauso angestrengt an dieser Beziehung festhielt wie sie.

>>Komm lass uns reingehen, sonst kotzt deine Freundin noch Matthias voll und das ist doch unser Ding.<<


 

**************


 

>>Hast du alles?<< wollte Sam wissen die hektisch den letzten Rest von Chris‘ Gepäck in den Kofferraum des kleinen Sportwagens packte.

>>Zumindest alles was ich mitnehmen kann<<, antwortete Chris und zog Sam beherzt an sich. In den letzten achtundvierzig Stunden waren die Beiden keine Minute getrennt gewesen und nun stand ein Abschied bevor der wohl länger dauern würde als bloß ein paar Tage.

Sam hatte so gut es ging versucht diesen Moment zu verdrängen, ihn hinauszuschieben aber die bedrückende Stimmung die seit gestern in der Luft lag, war unwiderruflich vom bitteren Geschmack des Abschieds bestückt. Sam konnte sich gar nicht vorstellen, den Rest ihrer Ferien alleine mit Matthias und Pia zu verbringen – nicht dass sie es nicht gewöhnt war, Pia mit einem Anderen zu teilen aber diesmal fühlte es sich doch irgendwie merkwürdig an.

>>Mach nicht so ein Gesicht<<, ermahnte Chris Sam die gedankenverloren ins Leere starrte.

>>In zwei Wochen bist du wieder zuhause und dann hohl ich dich ab und wir verbringen ein wunderschönes Wochenende bei mir. Ich zeig dir meine Wohnung, stell dir meine Freunde vor und du darfst dich auch jederzeit und so oft du willst über meine Zähne lustig machen – das ist ein Deal oder?<<

Sam lächelte. Chris hatte etwas unglaublich zuversichtliches an sich wenn er über die Zukunft sprach. All die Pläne die die Beiden in den letzten Tagen geschmiedet hatten ließen die bevorstehenden zwei Wochen gar nicht mehr allzu lange erscheinen.

>>Versprich mir, dass du dich von diesem verrückten Bastian fern hältst, sonst komm ich aus dem Museum zurück und verklopp ihn mit einem verdammt schweren Bilderrahmen! Und pass auf Matthias und Pia auf, die zwei brauchen dich.<<

>>Mach ich…<<

>>Na dann…<<

Noch einmal spürte Sam diese unglaublich weichen Lippen auf ihren, atmete diesen betörenden Vanilleduft ein und blickte ein letztes Mal in diese tiefblauen Augen, ehe sie hinter einer schwarzen Sonnenbrille verschwanden.

>>See ya soon, Prinzessin!<<


 

Noch eine Weile sah Sam dem schwarzen Wagen hinterher. Sie verlor sich ein letztes Mal in all den Erinnerungen und Eindrücken der letzten Zeit. Etwas hatte sich in ihr verändert, sie hatte sich verändert und wenngleich ihr diese Gewissheit zu Beginn ihrer Ferien mit Sicherheit einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hätte, genoss sie in diesem Augenblick jede noch so kleine Veränderung in ihrem Leben. Sam konnte es kaum erwarten ein neues Kapitel aufzuschlagen, ein unbeschriebenes in dem sie und Chris die Hauptrolle spielen würden.

Während die Sonne langsam hinterm Horizont verschwand, wandte sich auch Sam wieder ihrem kleinen, schmucken Ferienhäuschen zu und auch wenn es kitschig war, musste sie sich eingestehen, dass sich diese grüne Hölle mit einem Mal in ein wirklich malerisches Idyll verwandelt hatte – natürlich abgesehen von diesen noch immer grausam, suspekten Gartenzwergen.


 


 

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