KÜSS MICH NICHT

INHALT

Kapitel 1

Ein neuer Lebensabschnitt

Kapitel 2

Unverhofft kommt oft

Kapitel 3

WG-Leben für Anfänger

Kapitel 4

Stimmungsschwankung 

Kapitel 5

Workaholic 

 

 

 

Kapitel 1

Ein neuer Lebensabschnitt

 

Die Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das gläserne Dach des Flughafens. Viele Menschen aus aller Herren Ländern tummelten sich in der weitläufigen Halle. Fernweh lag in der Luft, ebenso wie Wiedersehensfreude – eine ganz besondere Atmosphäre.

Gelangweilt stand er vor dem Laufband der Gepäckausgabe und wartete auf seinen Koffer. Sein Flug hatte Verspätung, eigentlich sollte er schon vor einer Stunde landen, aber das schlechte Wetter in Dublin, hinderte den Flieger lange am Starten.

Als sein Koffer endlich an ihm vorbei zog, zögerte er nicht lange ihn sich zu greifen und sich seinen Weg zum Ausgang zu bahnen. Hier war es ungewöhnlich warm für Anfang Oktober. Die Sonne schien und am Himmel waren nur vereinzelt Wolken zu erkennen. Er versteckte seine tiefblauen Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille und nahm das nächste Taxi.

Während die wohlbekannte Umgebung an ihm vorbei zog, stellte er fest, dass sich absolut nichts verändert hatte. Das ein oder andere Gebäude war neu, die ein oder andere Straße etwas umgebaut, aber im Grunde war alles genau so geblieben, wie es auch vor sieben Jahren gewesen war. Es stimmte ihn keinesfalls wehmütig wieder hier zu sein, vielmehr war es ein Pflichtbesuch. Von sich aus wäre er nicht zurückgekehrt, aber wenn er schon mal hier war, würde er es sich nicht nehmen lassen alte Rechnungen zu begleichen.

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Völlig außer Atem kam Sam endlich an der Uni an. Sie hatte verschlafen und den Bus verpasst. Eigentlich wäre sie trotzdem pünktlich gewesen, hätte sie sich nicht verlaufen. Einen Monat wohnte sie nun schon bei Chris und hatte es noch immer nicht geschafft, sich halbwegs zu orientieren.

Am Tag als sie sich auf der Uni immatrikuliert hatte, fühlte sie sich, als wäre sie der glücklichste Mensch der Welt. Sie hatte ihre Matura über die Bühne gebracht – sogar besser als erwartet – war endlich bei Chris eingezogen und führte nun ein vollends selbstständiges Leben. Einen Monat lang blieb ihr diese Freude auch wirklich erhalten, bis sie der Ernst des Lebens schließlich doch wieder einholte. Sam liebte es zwar noch immer bei Chris zu wohnen und unabhängig zu sein, aber seit die Uni angefangen hatte, kam sie sich schlichtweg vor, wie der dümmste Mensch auf diesem Planeten. Sie verlief sich beinahe jeden Tag auf dem viel zu großen Gelände, fand aus Prinzip keinen der Hörsäle beim ersten Anlauf und verstand in den Vorlesungen meistens nur Bahnhof. Am liebsten hätte sie sich einfach in ihrem Zimmer verkrochen und geheult, aber diese Blöße, konnte sie sich vor Chris und auch vor sich selbst einfach nicht geben.

Mit hochrotem Kopf öffnete Sam die Tür zu ihrer Fakultät, rannte hinein und knallte mit voller Wucht gegen die nächste gläserne Tür. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass keine Blutfontänen aus ihrer Nase schossen, lief sie ohne sich umzusehen weiter. Sie wollte gar nicht wissen, vor wem sie sich gerade alles zum Deppen gemacht hatte.

Nach ungefähr zwanzig Minuten suchen, fand sie schließlich auch den richtigen Hörsaal.

Nach der Vorlesung schwirrte Sams Kopf. Zum einen vor lauter hochtrabenden Akademiker-Blabla und zum anderen weil sie anscheinend doch härter gegen die Glastür geknallt war, als gedacht. Zum Glück hatte dieser Tag nicht noch weitere geistige Herausforderungen zu bieten, sodass sich Sam gleich auf den Weg in die Mensa machen konnte. Wenn sie ehrlich war, war ihr diese auch zur Zeit der Liebste Ort im ganzen Gelände, zumal er der einzige war, an dem ihr Fragen gestellt wurde, die sie auch verstand. Seufzend setzte sich an einen der freien Tische und bestellte sich erst mal etwas zu trinken. Ein Blick auf die Uhr, verriet ihr, dass sie noch ein bisschen Zeit hatte, bis zu ihrer Verabredung. Seufzend kramte Sam ihre Unterlagen hervor und versuchte aus dem juristischen Kauderwelsch, dass sich ihr bot, schlau zu werden. Wie war sie eigentlich auf die Idee gekommen Jus zu studieren? Anscheinend hatte sie diese Entscheidung in einem vollkommen unzurechnungsfähigen und überschwänglich dämlichen Zustand getroffen.

Sie war so vertieft in ihre Skripten, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich jemand zu ihr setzte und sie penetrant anstarrte.

>>Du bist ein Streber, weißt du das?<<

Sam erschrak kurz, fasste sich aber schnell wieder und strafte ihren Gegenüber mit finsteren Blicken.

>>Ach so ein Blödsinn! Wieso bist du überhaupt so lässig drauf? Ist dein Studium so einfach, dann fang ich auch an BWL zu studieren!<<

Bastian lachte kurz und nippte dann an Sams Cola. Auch er war umgezogen um auf die Uni zu gehen und da Pia sich auch einen Arbeitsplatz in der Nähe gesucht hatte, damit sie mit Matthias zusammenziehen konnte, wohnten sie nun alle in der selben Stadt. Für Sam war dieser Umstand mehr als erfreulich, zumal sie ihre besten Freunde, noch immer alle an ihrer Seite wusste. Chris war zwar nicht gerade begeistert, dass Bastian auch hier studierte, aber er verstand sich mittlerweile gut darin, sein Missfallen vor Sam zu verstecken. Im letzten Jahr hatte sich wirklich viel verändert, aber die Freundschaft zwischen Pia, Bastian und Sam, fühlte sich noch immer genauso an wie immer. Auch wenn sie sich nicht mehr täglich ein Klassenzimmer teilten und seltener sahen als früher, war alles beim Alten geblieben. Pia quasselte nach wie vor wie ein Wasserfall und hatte eine Stelle als Sekretärin bei einen renommierten Anwalt angenommen. Auch sie war bereits in den Sommerferien zu Matthias gezogen und obwohl die Beiden sich nun tagtäglich sahen, waren sie noch immer ein Herz und eine Seele – ein dauer-plapperndes Herz und eine piepsige Seele, aber immerhin.

Bastian wohnte seit Studienbeginn in einer Wohnung in der Innenstadt, die ihm seine Eltern finanzierten. Im Gegensatz zu Sam war er keinesfalls gestresst von der Uni. Jedes mal wenn sie sich trafen – und sie trafen sich beinahe täglich in der Mensa, wirkte Bastian ruhig und entspannt – Sam hätte ihn dafür töten können. Natürlich hatte er im Gegensatz zu ihr schon Ahnung, von dem was er da Studierte, sein Vater hatte ihn von klein auf darauf vorbereitet ins Familiengeschäft einzusteigen, aber trotzdem war es unfair.

>>Was machst du heute Abend?<<, wollte der Braunhaarige wissen und winkte nach der Kellnerin.

>>Ich schau mit Chris fernsehen, wieso?<<

>>Na dann will ich eure traute Zweisamkeit nicht stören.<<

>>Ich dachte du fährst nachhause zu deinen Eltern.<<

>>Nein, ich bleibe übers Wochenende hier.<<

>>Wieso?<<

>>Na eben deshalb.<<

>>Du bist manchmal furchtbar trotzig, weißt du das?<<

>>Und du bist ein Streber,<< konterte Bastian zwinkernd.

>>Stimmt was bei dir zuhause nicht, oder wieso willst du nicht dort hin fahren?<<, hackte Sam nach. Wenn sie schon ein Streber war, konnte sie auch penetrant sein.

>>Meine Eltern sind wieder nach China geflogen, es gibt irgendwie Stress mit der Firma, keine Ahnung.<<

>>Gabs nicht schon letztes Jahr Stress?<<

>>Ja, aber diesmal ist es glaub ich wirklich ernst.<<

Sam versuchte noch ein paar Informationen aus Bastian rauszuquetschen, aber er schien wirklich nichts Genaueres zu wissen. Vielleicht wollte er auch einfach nicht darüber reden. Sam nahm sich fest vor, Pia bald auf ihn anzusetzen – wenn es jemand schaffen konnte, unangenehme Informationen aus Bastian herauszupressen, dann sie.

Die Zeit verging wie immer viel zu schnell. Sam wäre gerne noch länger sitzen geblieben, aber Chris hatte versprochen sie abzuholen und da wollte sie zur Abwechslung pünktlich sein.

Nachdem Bastian hundertmal abgelehnt hatte, ihr und Chris beim Fernsehen Gesellschaft zu leisten und sie sich für morgen Nachmittag verabredet hatten, verabschiedete Sam sich. Die Glastür diesmal öffnend und nicht rammend, machte sie sich auf den Weg nach draußen. Chris war noch nicht da, also stellte sich sie sich an den Straßenrand und wartete.

 

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Die Universitätsbibliothek war gut besucht. Er brauchte länger als gedacht, um endlich das Buch zu finden, dass er suchte. Auch wenn er die nächsten Wochen hier verbringen würde, wollte er sein Studium nicht schleifen lasse, zumal er beinahe damit fertig war.

Es war seltsam für ihn hier zu sein und mittlerweile nervten ihn die vielen Fremden, die ihn so freundlich entgegengrinsten und grüßten. Er hatte zwar damit gerechnet, nicht gerade ein unbekanntes Gesicht zu haben, aber dass es so vielen bekannt war, war überraschend. Zum Glück half seine desinteressierte und leicht wütend anmutende Miene, die vielen grinsenden und grüßenden Kommilitonen auf Abstand zu halten.

Ein unangenehmes Gefühl, dass ihn schon seit Jahren nicht mehr beschlichen hatte, überkam ihn, als er die Bibliothek wieder verließ. Er würde sich bestimmt bald wieder daran gewöhnen, dass ihn fremde Menschen überschwänglich freundlich begrüßten, aber heute nervte es lediglich.

Die Augen hinter der schwarzen Sonnenbrille versteckt, machte er sich auf den Weg in Richtung Bushaltestelle. Er hatte noch keine Zeit sich um ein Auto zu kümmern, zumal er erst gestern angekommen war, aber das würde er heute noch ändern. Er hasste es Bus zu fahren, schon gar nicht hier und mit diesem Gesicht. Zum Glück standen nicht viele Studenten an der Haltestelle. Interessiert aber unauffällig ließ er seinen Blick schweifen bis er schließlich an einem blonden Mädchen hängen blieb. Sie stand ein wenig abseits am Straßenrand, trotzdem konnte er die Konturen ihres Gesichts und die blauen Augen gut erkennen. Sie war wirklich auffallend schön, groß, sehr schlank aber nicht dürr und ihre goldblonden Haare reichten ihr weit über die Schulter. Gezielt machte er ein paar Schritte näher auf sie zu, um sie besser mustern zu können. Noch immer stand sie still da und schien auf jemanden zu warten. Ihr Gesicht war wirklich makellos, wie er nun feststellen konnte. Selten hatte er ein so schönes Mädchen gesehen. Natürlich umgaben ihn zuhause viele schöne Anhängsel, aber mit der Zeit ödeten ihn die vielen aufdringlichen und aufgedonnerten Zicken einfach an. Er konnte meistens schon an ihrer Körperhaltung und ihren Gesten erkennen, wie selbstverliebt sie waren – sein Erfahrungsschatz war groß genug und seine Alarmglocken nur allzu gut ausgebildet. Beim Anblick dieses Mädchens, überkam ihm jedoch ausschließlich das Verlangen, zu ihr hinzugehen. Auch wenn sie vielleicht dämlich war, würde sie für einige Zeit ausreichen, um ihm ein wenig der Langeweile zu entreißen und er war ein Mensch der sich wirklich schnell langweilte. Sie würde eine ganz besondere Trophäe seiner Sammlung werden, über die er schon lange den Überblick verloren hatte. Sie würde sich bestimmt schnell darauf einlassen, schließlich war es selten jemanden gelungen, sich diesen tiefblauen Augen lange zu widersetzten. Leider wusste er schon jetzt, dass er bald das Interesse an ihr verlieren würde, aber ihre Schönheit, würde sie schon für ein paar Tage interessant machen. Ein schiefes Lächeln auf den Lippen ging er direkt auf sie zu, blieb jedoch abrupt stehen, als sich die Miene des Mädchens plötzlich veränderte. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als ein silberner Mercedes vor ihr hielt. Skeptisch zog er eine Augenbraue nach oben. Anscheinend war sie vergeben, aber diese Tatsache würde sein Spiel nur interessanter machen und es vielleicht ein wenig länger spannend halten. Aus reiner Neugier ging er noch ein paar Schritte näher, um zu sehen, wie sein Gegenspieler aussah. Interessiert schob er die Sonnenbrille ein wenig nach unten und verweilte dann mehrere Sekunden in dieser Position. Als er durch die Windschutzscheibe des Autos blickte, war er schockiert. Er hatte schon so lange nicht mehr in dieses Gesicht gesehen und das, obwohl es sein eigenes war.

 

 

 

Kapitel 2

Unverhofft kommt oft

 

Sam freute sich, als endlich der silbernen Mercedes um die Ecke bog. Freudestrahlend öffnete sie die Beifahrertür und setzte sich ins Auto.

>>Hey Prinzessin<<, begrüßte Chris sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Egal wie bescheiden Sams Tag auch gewesen war, diese blauen Augen schafften es immer wieder, sie jegliche Sorgen vergessen zu lassen.

>>Wie war die Uni?<<

>>Frag nicht.<<

>>Ach Prinzessin, am Anfang ist es immer schwierig. Du bist noch zu sehr an das Schulsystem gewöhnt, aber bald hast du Routine und dann wirst du ein richtiger Student – so mit Sandalen und Dredlocks.<<

>>O bitte nicht<<, meinte Sam gespielt gequält und lächelte. Natürlich würde sie sich daran gewöhnen, sie würde sich daran gewöhnen dumm zu sein, dümmer als alle Anderen, aber das brauchte Chris ja nicht zu wissen.

>>Wie war dein Tag?<<

>>Arbeit, Uni, eine kleine Auseinandersetzung mit einem inkompetenten Assistenten, eigentlich okay.<<

Seit Chris nicht mehr im Museum arbeitete, hatte er sich nach einer anderen Stelle umgesehen. Er war zwar nicht auf ein Gehalt angewiesen, aber er arbeitete einfach gerne und war sichtlich unglücklich, wenn er nicht ausgelastet genug war. Sam hielt Chris mittlerweile sowieso für übermenschlich was seine Aktivitäten betraf. Hätte sie neben dem Studium so viel zu tun, würde sie sich wahrscheinlich freiwillig mit einem dicken Kodex bewusstlos schlagen lassen, aber Chris schien der glücklichste Mensch der Welt zu sein, wenn jede Minute seines Tages verplant war. Er arbeitete jetzt als Antiquitätenprüfer für ein Auktionshaus und schien sichtlich Spaß daran zu haben. Abgesehen von Sams ausgeprägter Unsicherheit, was ihr Studium anging, war wirklich alles perfekt. Es war unbeschreiblich schön, jede Nacht neben Chris einzuschlafen und irgendwie hatte sie das Gefühl, das absolut nichts mehr schief gehen würde. Einzig Chris beschlich an diesem Abend ein seltsames Gefühl, das er zu diesem Zeitpunkt einfach als leichte Magenverstimmung abtat.

Wenig später saßen die Beiden zusammen vor dem Fernseher und lauschten Günther Jauchs A, B, C, oder D Fragen. Sam hatte es mittlerweile Aufgegeben, entgegen Chris’ Meinung auf einer Antwort zu bestehen, zumal sie dann sowieso jedes Mal falsch lag. Seufzend legte sie ihren Kopf an seine Schulter und genoss die Streicheleinheiten, die sie erfuhr. Seine Hände waren noch immer magisch und brachten sie jedes Mal aufs Neue dazu, alles um sie herum zu vergessen. Sam liebte diese Abende, die sie gemeinsam auf der Couch verbrachten und mittlerweile hatte sie sich auch an die Hygienehochburg mit ihrer supermodernen, weiß-blauen Einrichtung gewöhnt. Vor zwei Wochen hatte sie – in einem Anflug aus reiner Überschwänglichkeit – ihre schwarze Tagesdecke, die sie von zuhause mitgebracht hatte, über die schneeweiße Couch gelegt. Als Chris nachhause kam, hätte Sam schwören können, dass er jede Sekunden einem Herzinfarkt erliegen würde. Er äußerte zwar keinerlei Einwände, aber einzig allein sein schockierter Gesichtsausdruck und das spürbare Unbehagen, dass er fortan ausstrahlte, trieben Sam dazu, die Tagesdecke schnellstmöglich wieder zu entfernen. Chris’ Hygiene- und Perfektionsfimmel hatte für sie sowieso einen gewissen Grad an Komik angenommen. Sam amüsierte sich nur allzu gern darüber. Je länger sie ihn kannte und umso mehr sie seine Gestik und Mimik verinnerlicht hatte, desto amüsanter wurde es. Einem Anderen wäre es wahrscheinlich nicht aufgefallen, aber wenn sie Chris beim Zähneputzen oder beim Aufräumen beobachtete, hätte sie sich wegschmeißen können. Dass er auch jedes Mal auf eine sehr amüsante Art unruhig wurde, wenn er irgendwo Unordnung entdeckte, wusste Sam mittlerweile gezielt für ihre Unterhaltung einzusetzen. Wenn sie mal eine kleine Ablenkung vom Lernen brauchte, oder ihr schlichtweg langweilig war, schuf sie gerne Unordnung in Form von zusammengeknüllten Taschentüchern oder Resten von der Schockoladenverpackung, die sie irgendwo in der Wohnung versteckte und abwartete, bis Chris sie fand. Meistens dauerte das nicht länger als ein paar Minuten – er hatte wirklich einen sechsten Sinn für so etwas. Sam hatte sich diesen Spaß schon so oft gegönnt, dass sie insgeheim befürchtete, Chris würde irgendwann paranoid werden, zumal er sich nie erklären konnte, wie Alufolienreste es bis in seine Sockenschublade schafften.

Heute genoss sie aber lediglich seine Anwesenheit und gönnte ihn seine heiß geliebte Ordnung. Langsam fuhr er mit den Fingerspitzen ihren Arm auf und ab während Sam schläfrig wurde. Das Piepsen ihres Handys ließ sie schließlich aufschrecken. Neugierig las sie die eingegangene Kurznachricht und grinste dabei breit.

>>Was komisches?<<, wollte Chris wissen und hoffte insgeheim, dass seine Frage gleichgültig genug klang, um Sam nicht das Gefühl zu geben, er sei ein Kontrollfreak, der unbedingt und sofort wissen musste, wer seiner Freundin eine SMS schrieb und andererseits geschickt genug formuliert, um doch zu erfahren, wer der Verfasser war.

>>Ach, nur Bastian. Wir waren eigentlich für morgen verabredet, aber anscheinend hat er keine Zeit.<<

>>Und das ist witzig?<<

>>Nein, nur seine Formulierung<<, entgegnete Sam und setzte sich wieder zu Chris. Es war mehr als süß, wie angestrengt er es jedes Mal versuchte, ihr nicht das Gefühl zu geben, es würde ihn stören wenn sie sich mit Bastian traf oder eine SMS von ihm bekam. Die Beiden waren sich seit beinah einem Jahr so gut es ging aus dem Weg gegangen. Sie trafen sich zwar oft, wenn alle gemeinsam Essen, Kaffeetrinken oder ins Kino gingen, aber Bastian und Chris hatten eine dermaßen komplexe und ausgeklügelte Technik entwickelt, sich trotzdem aus dem Weg zu gehen, dass es schon beinahe bewundernswert war. Wenn die Beiden im letzten Jahr zehn Sätze miteinander gesprochen hatte, dann auch nur, wenn Sam sie dazu mehr oder weniger nötigte.

>>Also trefft ihr euch morgen nicht?<<, wollte Chris wissen, legte seinen Arm um Sam und schaute wieder in Richtung Fernseher.

>>Wenn du noch breiter in dich rein grinst, wird dir noch schlecht vor lauter Freude<<, meinte Sam lachend während sie eine SMS zurück tippte. Keine zwei Sekunden nachdem sie auf Senden gedrückt hatte, wurde sie auch schon von Chris ihres Handys entledigt.

>>Hey!<<, protestierte sie gespielt empört eher ihre Lippen versiegelt wurden.

>>Du hängst dauernd auf der Uni mit ihm herum, aber wenigstens solche Dinge bleiben mir überlassen<<, meinte Chris lächelnd und trug Sam ins Schlafzimmer.

 

Es war eine verrauchte und überfüllte Bar, die er sich ausgesucht hatte. Die Einzige die er kannte, die weit genug von der Uni entfernt lag um weitere Konfrontationen mit Menschen die ihn zu erkennen glaubten zu vermeiden. Eine halbe Stunde wartete er schon und wurde langsam ungeduldig. Unpünktlichkeit war eine Eigenschaft die er mehr als verabscheute aber die Neugier besänftigte seinen Ärger ein wenig. Seit er von hier weggezogen war, hatte er so gut wie keinen Kontakt zu Leuten aus seiner Vergangenheit. Zum Glück war er klug genug gewesen und hatte in weißer Voraussicht für eben solche Fälle, doch den ein oder anderen Informanten in Petto. Völlig gehetzt kam dieser endlich durch die Tür.

>>Na, O`Shay? Lange nicht gesehen<<, meinte der Brünette und reichte die Hand zum Gruß.

>>Ja, ich war eindeutig zu lange weg.<<

>>Was führt dich zurück in die alte Heimat?<<

>>Familiäre Angelegenheiten<<, antwortete er knapp und trank sein Wasser leer. Es war ihm eigentlich zu wider diesen stumpfsinnigen Smaltalk zu führen, vielmehr wollte er Antworten auf seine Fragen, denn deshalb und nur deshalb, hatte er seinen ehemaligen Schulkameraden um dieses Treffen gebeten. Er war der Einzige, der ihm spontan eingefallen war, der ebenfalls Kunstgeschichte studierte und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, einige interessante Informationen auf Lager hatte.

>>Wie geht es meiner guten Seite?<<

>>Ich dachte ehrlich gesagt, er verarscht mich, als du angerufen hast.<<

>>Ja, wir sind ja auch für unseren Humor bekannt.<<

Der Brünette lachte über diese Aussage, er hatte Recht, die O´Shays waren für vieles bekannt, aber nicht dafür, dass sie Spaßkanonen waren.

>>Solltest du nicht besser wissen, wie es deinem Bruder geht, als ich?<<

>>Stellst du mir jetzt den ganzen Abend so pseudo-subtile Fragen?<<

>>Entschuldige<<, murmelte sein Gegenüber, der nur allzu genau um das Verhältnis der Brüder bescheid wusste. Er war lange mit ihnen befreundet gewesen, mit Chris weniger, aber seit sie begonnen hatten, zusammen zu studieren, trafen sie sich ab und an.

>>Ich kann dir nicht viel erzählen, ich glaube der gute Chris ist nicht mehr allzu gut auf mich zu sprechen. Wir haben seit gut eineinhalb Jahren keinen Kontakt mehr. Ich sehe ihn zwar gelegentlich in den Kursen, aber das Einzige das ich dir von ihm erzählen kann ist, dass er ein ganz schöner Überflieger ist, aber das wart ihr ja schon immer.<<

Genervt schloss er kurz die Augen um sich zu mäßigen. Dieses „ihr“ war mehr als unangebracht und machte ihn wütend.

>>Ich bin dir keine wirkliche Hilfe, oder?<<

>>Nein.<<

Der Brünette überlegte eine Weile, ehe er sein Handy aus der Tasche zog und einige Tasten drückte.

>>Ich kenne aber glaub ich jemanden der dir weiterhelfen kann. Ich weiß nicht, ob die Informationen noch auf den aktuellsten Stand sind, aber zumindest hatte sie mehr mit Chris zu tun als ich.<<

Sein Gegenüber schrieb einen Namen und eine Nummer auf ein Stück Papier und übergab es ihm. Ohne einen Blick darauf zu werfen, steckte er es ein, stand auf und wandte sich zum gehen ab.

>>Hey, wo willst du hin, ich dachte wir trinken noch was.<<

>>Entschuldige, aber ich habe zu tun.<<

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er die Bar. Die kühle Nachtluft, einatmend, holte er den Zettel wieder hervor auf den in sauberer Schreibschrift der Name Nicole geschrieben stand.

 

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Es war zehn Uhr Vormittags, als Sam es endlich schaffte, einigermaßen wach, das Bett zu verlassen. Sie war zwar vor vier Stunden schon mal aufgestanden, um mit Chris zu frühstücken, aber dabei war sie ausschließlich physisch anwesend. Nachdem er das Haus verlassen hatte, legte sie sich sofort wieder hin.

Eigentlich beschlich sie jedes Mal ein schlechtes Gewissen wenn sie so lange schlief, aber heute verlangte ihr Körper einfach danach. Unter der Dusche fiel schließlich auch der letzte Rest von Müdigkeit von ihr ab. Erholt und voller Tatendrang setzte sie sich an den Küchentisch und breitete ihre Unterlagen darauf aus. Sie wollte gerade anfangen, richtig fleißig zu lernen, als ihr plötzlich einfiel, wie dringend sie doch Pia anrufen musste. Seufzend drückte sie die Kurzwahltaste und lauschte dem Piepsen.

>>Sam?<<, drang eine durch und durch männliche Stimme an ihr Ohr.

>>Hey Matthias, alle klar?<<

>>Ja, danke. Du willst sicher mit Pia sprechen, warte kurz…<<

Ein lautes knacken in der Leitung war zu hören, ehe sich Pia meldete.

>>Heeeyy Sam, was gibt’s?<<

>>Gar nichts, darf ich nicht meine beste Freundin anrufen, wenn mir danach ist?<<

>>Du willst dich vorm lernen drücken, oder?<<

Sam ignorierte Pias Frage einfach.

>>Und, was macht ihr heute schönes?<<

>>Wir fahren übers Wochenende zu meinen Eltern und ihr?<<

>>Nichts besonderes, Chris muss heute arbeiten und kommt erst am Abend wieder.<<

>>Oh, das ist doof. Dann triff dich doch mit Bastian.<<

>>Der hat irgendwie keine Zeit.<<

>>Wieso, fährt er auch zu seinen Eltern?<<

>>Nein.<<

>>Zu seiner Freundin?<<

>>Möglich, er hat sich letztens aber ziemlich seltsam verhalten, ich glaub er ist nicht unbedingt scharf darauf, nachhause zu fahren.<<

>>Und wieso?<<

>>Keine Ahnung, er wollte irgendwie nicht darüber sprechen. Vielleicht bekommst du ja raus, was los ist.<<

>>Ich kanns versuchen, aber wenn er dir nichts erzählt, seh ich schwarz<<, meinte Pia und klang dabei ziemlich abgelenkt. Sonst reagierte sie überschwänglicher, wenn es um Klatsch oder Geheimnise ging.

>>Was ist denn los bei euch? Du klingst als wärst du nicht wirklich bei der Sache.<<

>>Ach, gar nichts, wir…wir packen nur fürs Wochenende<<, meinte Pia und unterdrückte ein verdächtiges Kichern.

>>Na dann will ich euch nicht weiter beim „packen“ stören, du lenkst mich sowieso schon viel zu lange vom Lernen ab.<<

>>Okay, mach das! Cu!<<

Das Tüten setzte keine Sekunde nach Pias unzusammenhängender Verabschiedung ein. Wenigstens die Beiden hatten ihren Spaß.

Seufzend steckte Sam ihren Kopf in die Bücher. Sie versuchte sich wirklich zu konzentrieren auch wenn ihr Kopf nach den ersten zwei Stunden bereits zum rauchen anfing. Irgendwann war es dann wirklich soweit und ihr Hirn war nicht mehr bereits weitere Informationen zu verarbeiten. Sam quälte sich gerade durch das letzte Kapitel, als es plötzlich an der Tür klingelte. Erfreut über die willkommene Ablenkung, rannte sie in den Flur und öffnete dem Besucher. Zuerst war sie verwirrt, weil sie nicht mit ihm gerechnet hatte, aber dann freute sie sich einfach nur Bastian zu sehen.

>>Hey! Ich dachte du hast heut keine Zeit.<<

Der Braunhaarige wirkte ein wenig seltsam. Eine Mischung aus Unruhe und Apartheid, die Sam vorerst nicht bemerkte.

>>Hey, ja ich hab doch Zeit, viel Zeit.<<

Fröhlich winkte sie Bastian hinein. Er war noch nie hier gewesen. Sie freute sich, ihm endlich mal die Wohnung zeigen zu können und legte gleich los.

>>Komm nur rein, aber zieh dir die Schuhe aus, sonst muss ich Chris wiederbeleben nachdem er nachhause gekommen und kollabiert ist.<<

Bastian folgte brav und kommentarlos und schlich mit hängendem Kopf hinter Sam her.

>>Das ist das Wohnzimmer, ich weiß, die Wohnung wirkt ein wenig steril, aber Chris steht drauf. Willst du was trinken?<<

Erst jetzt bemerkte Sam Bastians seltsamen Gesichtsausdruck.

>>Alles in Ordnung? Du siehst aus, als wäre irgendetwas schief gelaufen.<<

>>Ist es auch<<, meinte er tonlos und ließ den Kopf wieder hängen.

>>Erzähl! Hat es was mit zuhause zu tun?<<

>>Ja, irgendwie schon.<<

>>Bastian! Muss ich bei dir zuerst irgendwo eine Münze einwerfen, oder fängst du jetzt endlich an zu erzählen!<<

Sam machte sich ein wenig Sorgen. Eigentlich kannte sie ihn ausschließlich gut gelaunt bis überschwänglich und manchmal auch wütend, aber Chris war nicht hier also konnte es das auch nicht sein.

>>Ich brauch Hilfe beim ausziehen.<<

>>Was?! Wieso ziehst du aus? Du bist doch gerade erst eingezogen. Hast du eine neue Wohnung?<<

>>Nein.<<

>>Wieso ziehst du dann aus? Du hörst doch nicht auf zu studieren, oder?!<<

>>Nein.<<

Wütend drehte sich Sam einmal im Kreis. Warum konnte Bastian nicht endlich aufhören Lückentext zu machen, sie verstand nur Bahnhof.

>>Und wenn du keine neue Wohnung hast und nicht aufhörst zu studieren, wieso um Himmels Willen willst du dann ausziehen?!<<

>>Will ich nicht, aber anscheinend muss ich.<<

>>Wieso?<<

>>Ich hab dir doch erzählt, dass es Stress in der Firma meines Vaters gibt…<<

>>Ja.<<

>>Naja, Stress war vielleicht ein wenig untertrieben, eigentlich sieht es ziemlich düster aus. Mein Vater ist verklagt worden, aus irgendwelchen patentrechtlichen Gründen und die Steuer sitzt ihm auch ganz schön im Nacken. Anscheinend sind alle Konten eingefroren worden, auch dass von dem meine Wohnung hätte bezahlt werden sollen.<<

Bastians Worte ließen Sam den Mund offen stehen. Hatte er wirklich gerade gesagt, seine Familie war pleite? Seit sie denken konnte, war Bastian der finanziell priviligierteste Mensch den sie kannte – abgesehen von Chris obwohl sie bei dem nicht genau wusste wie viel Geld er hatte. Niemand sonst den sie kannte, hatte zu seinem siebzehnten Geburtstag einen Porsche bekommen, oder machte es sich zum Hobby, Tommy Hilfiger Pullover zu sammeln.

>>Aber das kann doch nicht sein!<<

>>Anscheinend schon.<<

>>Und was machst du jetzt?<<

>>Ausziehen.<<

>>Hast du denn schon eine neue Wohnung?<<

>>Nein.<<

>>Okay, das kriegen wir schon hin…<<, versuchte Sam Bastian zumindest ein bisschen Hoffnung zu schenken. Er wirkte wirklich niedergeschlagen und auch ein wenig hilflos.

>>Wir suchen dir einen Job und eine neue Wohnung, eine die du dir auch selbst leisten kannst.<<

>>Ach, du meinst eine Wohnung um dreihundert Euro im Monat? Mehr werde ich wohl kaum verdienen, wenn ich mein Studium nicht schmeißen will.<<

>>Kriegst du denn gar kein Geld mehr von deinen Eltern?<<

>>Ich weiß nicht mal auf welchem Kontinent die gerade sind! Ich hab vorgestern mit meinem Vater telefoniert und da hat er gemeint, solange meine Bankomatkarte funktioniert brauch ich mir absolut keine Sorgen zu machen. Leider hat mich der lustige Mann bei der Bank ausgelacht, als ich heute Geld beheben wollte! Die Konten sind eingefroren anscheinend schon länger.<<

>>Okay, das kriegen wir trotzdem hin…du brauchst einfach einen Platz im Studentenwohnheim!<<

>>Da komm ich gerade her, die haben mich übrigens auch ausgelacht, ich habe heute ausschließlich mit lustigen Menschen zu tun! Mitten im Semester bekommt man da anscheinend keinen Platz.<<

>>Okay, auch kein Problem! Wann musst du ausziehen?<<

>>Gestern.<<

>>Was?!<<

>>Naja, der Vermieter hat mir angeblich schon vor vier Wochen einen Brief geschrieben, aber woher soll ich denn wissen, dass ich Post bekomme! Ich hab erst heute nachgesehen. Der hätte mir eine E-mail schreiben sollen, die hätte ich gleich gelesen!<<

>>Was?! Du siehst nicht mal nach ob du Post hast?! Auf welchem Planeten lebst du denn?!<<

>>Anscheinend auf dem Planeten Obdachlos!<<

>>Okay, jetzt haben wir ein Problem….<<

Seufzend fuhr sich Sam durch die Haare. Es musste furchtbar für Bastian sein, von einem Tag auf den anderen vor dem finanziellen Nichts zu stehen. Natürlich hätte er sich früher kümmern müssen und seine Post lesen sollen, aber so war er nun mal. Er hatte es nie anders gelernt, musste sich nie einen Kopf um Geld, Miete oder solche Dinge machen.

>>Hilfst du mir meine Sachen ins Auto zu packen? Der Vermieter hat gemeint, wenn ich nicht bis vier Uhr ausgezogen bin, schmeißt er mein Zeug weg und der war zur Abwechslung mal gar nicht zum Scherzen aufgelegt.<<

>>Klar!<<

Perplex folgte Sam Bastian nach draußen zu seinem Auto. Angestrengt versuchte sie eine Lösung für seine Misere zu finden.

>>Und wenn du zu deiner Freundin ziehst?<<

>>Die arbeitet knapp zweihundert Kilometer entfernt! Soll ich jeden Tag zweieinhalb Stunden mit dem Zug in die Uni fahren?<<

In Bastians Wohnung angekommen, half Sam sein gesamtes Hab und Gut in Kisten zu packen. Zum Glück hatte er noch nicht viel hier. Seine Klamotten, Cd´s, ein paar Hygieneartikel, seine Stereoanlage und seinen Laptop, all dass fand gerade noch so im Kofferraum und auf dem notdürftigen Rücksitz des Porsches platz. Die Möbel gehörten nicht ihm und sie ersparten sich zumindest diese abzubauen und dann zu bemerkten, dass sie sie sowieso nirgends verstauen konnten.

Nachdem sie fertig waren und Bastian seinen Schlüssel bei dem – wirklich ziemlich humorfreien – Vermieter abgegeben hatte, fuhren sie durch den MC-Drive und holten sich erstmal was zu essen.

>>Danke, dass du bezahlt hast<<, meinte Bastian und schenkte Sam zum ersten Mal an diesem Tag ein Lächeln.

>>Schon gut, du hast mich oft genug zum Essen eingeladne.<<

>>Ich sollte mich wohl daran gewöhnen in meinem Auto zu essen, zumindest solange, bis ein Platz im Wohnheim frei wird<<, meinte Bastian und grinste gequält.

Zugegebenermaßen hatte die Vorstellung, dass jemand weil er seine Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, in seinem Porsche hauste, etwas wirklich komisches, aber so absurd und komödiantisch der Gedanke auch war, das konnte Sam nicht zulassen.

>>Du musst nicht in deinem Auto wohnen!<<

>>Hey, es ist echt bequemer als es aussieht, außerdem hab ich eine Standheizung, das heißt die kommenden Minusgrade können mich mal!<<

>>Du spinnst doch!<<

>>Wieso, was soll ich denn machen? Ich schmeiß mein Studium bestimmt nicht.<<

>>Du wohnst bei mir!<<

Bastian lachte so sehr, dass er sich beinahe an seinem Big Mac verschluckt hätte.

>>Das ist wirklich nett Sam, aber du hast ja nicht mal eine Wohnung!<<

>>Achja? Wohn ich in einem Schuh oder was?<<

>>Nein, aber bei ihm – das ist beinah genauso schlimm.<<

>>Keine Widerrede! Ich lasse meinen besten Freund doch nicht in einem Auto wohnen!<<

>>Ich glaube ich fühle mich in meinem Auto wohler.<<

>>Red keinen Schwachsinn! Es ist ja nur für ein paar Monate und Chris hat ganz bestimmt nichts dagegen. Wenn Sev oder Matthias eine Wohnung bräuchten würde er auch nicht lange überlegen.<<

>>Danke, aber nein danke!<<

Sam wurde langsam sauer. Bastian war manchmal so unglaublich stur, dass es beinahe wehtat.

>>Jetzt mal im Ernst, du kannst nicht in deinem Auto wohnen! Es ist kalt draußen und es wird noch kälter. Außerdem wohnt kein Mensch in seinem Auto!<<

>>In einem Wohnmobil schon!<<

Sam strafte ihn mit bösen Blicken.

>>Nagut, aber ruf ihn an und frag ihn!<<

>>Ja, mach ich wenn wir zuhause sind.<<

Einsichtig startete Bastian den Wagen.

>>Sam?<<

>>Ja?<<

>>Danke…<<

 

 

Kapitel 3

WG Leben für Anfänger

 

Bepackt bis oben hin, kamen Sam und Bastian in der Wohnung an.

>>Du kannst dein Zeug ins Gästezimmer tragen und alles was du zum Duschen und so brauchst ins Badezimmer<<, erklärte Sam und ging voraus. Bereits im Wohnzimmer blieb Bastian aber stehen, drehte sich einmal im Kreis und fing an zu lachen.

>>Das ist ja hier wie Krakenhaus für zuhause! Wäre er gerne Arzt geworden oder warum sieht es hier aus wie in der Klinik?<<

Anscheinend hatte der Braunhaarige bei seinem ersten Besuch andere Sorgen als auf die Einrichtung zu achten, aber jetzt schien er sichtlich befreiter. Sam musste unweigerlich mitlachen, zum Einen, weil Bastian endlich wieder fröhlich sein konnte und zum Anderen, weil sie sich erinnerte, dass sie genau das Selbe gedacht hatte, als sie zum ersten Mal hier war.

>>Ja, hier siehts überall so aus. Wenn du dir jetzt noch etwas weißes anziehst, kannst du hier drin prima verstecken spielen<<, erklärte Sam grinsend und führte Bastian herum.

>>Das ist die Küche, dort ist das Badezimmer und daneben gleich dein Zimmer. Das Zimmer gegenüber ist unser Schlafzimmer.<<

>>Gut, ich pack mal meine Sachen aus. Vergiss nicht ihn anzurufen!<<

>>Mach ich gleich.<<

Sam setzte sich raus auf den Balkon und versuchte Chris zu erreichen. Er würde bestimmt verstehen, dass sie keine andere Wahl hatte. Eigentlich graute ihr davor ihm zu erzählen, dass Bastian von einen Tag auf den anderen hier eingezogen war und sie eigentlich nicht einmal um Erlaubnis gefragt hatte, aber was hätte sie groß machen sollen? Ihn auf die Straße setzten? Es war schließlich nur für ein paar Monate, Monate in denen sie einfach nur versuchen musste, Chris und Bastian daran zu hindern sich umzubringen – die leichteste Übung der Welt. Vielleicht war es auch gar nicht so schlecht, dass die Beiden gezwungen waren sich miteinander zu beschäftigen – immerhin war Sam irgendwo tief in ihrem Inneren noch immer überzeugt, dass sie sich irgendwann verstehen würden.

Chris hob nicht ab. Sie beschloss es einfach ein wenig später noch mal zu versuchen. Manchmal war er so in die Arbeit vertieft, dass er sein Handy gar nicht hörte.

>>Na, was sagt er dazu?<<, wollte Bastian wissen, der sich gerade zu Sam auf den Balkon gesellt hatte und anscheinend fertig mit auspacken war.

>>Ehm, ja, für Chris ist es okay.<<

Sie wollte Bastian einfach nicht schon wieder das Gefühl geben, sich nicht sicher zu sein, wo er heute Abend schlafen würde. Sie würde Chris auf jeden Fall noch anrufen und ihm alles erklären, nur eben ein wenig später.

Bastian und Sam saßen noch eine Weile auf den Balkon und amüsierten sich über die Tatsache, dass sie eigentlich schon immer mal zusammen wohnen wollten. Dass die Umstände ein wenig kompliziert waren, ignorierten sie weitgehend.

Es tat richtig gut, Bastian hier zu haben. Für Sam war es mehr als schön, auch weil zwischen ihnen wieder alles im Lot war. Es hatte zwar seine Zeit gedauert, bis sie die Blockaden die sie errichtet hatten vollkommen abgelegt hatten, aber irgendwann verdrängten sie vieles einfach und konnten sich so wieder voll und ganz auf ihre Freundschaft konzentrieren.

>>Ich geh dann schnell mal einkaufen, ich glaube wir haben nichts mehr zu essen hier.<<

Sam war die glorreiche Idee gekommen, bei einem gemeinsamen Abendessen, würden sich Chris und Bastian leichter aneinander gewöhnen.

>>Soll ich mit kommen?<<

>>Nein, ich darf schon ganz alleine zum Kiosk.<<

>>Gut, dann geh ich in der Zwischenzeit Baden. Geh aber mit niemanden mit der dir Süßigkeiten oder Drogen anbietet.<<

>>Echt? Und ich dachte immer das wären die Netten<<, scherzte sie und machte sich auf den Weg.

Bastian sah sich der Zwischenzeit noch einmal in Ruhe um. Die Wohnung war wirklich ein durchdesignedtes Krankenhaus. Auch Chris’ Cd-Sammlung entsprach so gar nicht seinem Geschmack. Einzig allein mit dem Muse Album konnte er sich anfreunden. Er stellt die Anlage an und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Er dachte eigentlich, dass es seltsam werden würde hier zu sein, aber eigentlich fühlte er sich wohler als vermutet. Wahrscheinlich lag es daran, dass er diese Umgebung bis jetzt nur mit Sam assoziierte, aber es gefiel ihm. Lange würde er nicht hier bleiben, also war es im Grunde egal.

In der Badewanne fiel endlich der Stress der letzten Wochen von Bastian ab. Auch wenn er immer bemüht war, gut gelaunt zu bleiben, war es in letzter Zeit schwer gewesen gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er wusste, es war nur eine Frage der Zeit bis alles in sich zusammenbrechen würde, aber dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht gedacht. Jetzt wo es geschehen war, hatte es keinen Sinn, sich weiter Gedanken darüber zu machen. Er musste nach vorne schauen und sehen wie er selbst zu Recht kam. Gott sei Dank liebte Bastian Herausforderungen.

 

Chris war früher als gedacht mit seiner Arbeit fertig und froh, endlich wieder zuhause zu sein. Seit Sam auch studierte, hatten sie auffällig wenig Zeit füreinander. Schon als er die Haustüre öffnete bildete er sich ein, dass es hier irgendwie anders roch. Irgendein Parfum, dass definitiv nicht seines war, lag in der Luft. Kopfschüttelnd ging er ins Wohnzimmer. Er musste sich wirklich abgewöhnen so paranoid zu sein. Die Anlage lief, aber Sam war nirgends zu entdecken. Einzig und allein eine leere Cd Hülle lag dort, wo sie auf keinen Fall hingehörte – auf den Boden. Er legte sie zurück ins Regal und stutzte als er das Wasserplätschern aus dem Bad vernahm.

>>Sam?<<

Keine Antwort aber anscheinend war sie gerade im Badezimmer. Der Umstand kam Chris eigentlich ganz gelegen, gegen ein Bad hatte er nichts einzuwenden, vor allem wenn Sam dabei war.

Vorsichtig öffnete er die Badezimmertür um sie nicht zu erschrecken. Warme, feuchte Luft kam ihm entgegen, als er eintrat.

>>Na Prin…<<, Chris stockte und hätte sich beinahe an seiner eigenen Zunge verschluckt. Er wollte nicht glauben was er da sah. Vor ihm stand nicht etwa die nackte Sam sondern der nackte Bastian der ihn wütend anfunkelte.

>>Auch wenn das dein Badezimmer ist, anklopfen wäre nicht schlecht!<<

Chris’ Hirn arbeitete auf Hochtouren. Er wurde einfach nicht schlau aus diesem Bild, sondern einfach nur verwirrt und wütend.

>>Was zur Hölle machst DU in meiner Badewanne!!?<<

>>Baden du Genie! Könntest du bitte rausgehen bis ich mich angezogen habe, oder willst du ein Foto machen?!<<

Noch immer verwirrt und wütender als zuvor, machte Chris auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter ihm zu. Er atmete zweimal tief durch und wollte irgendeine logische Erklärung für dieses Alptraumszenario finden, aber sein Vorhaben blieb erfolglos. Bevor er vollkommen mit den Nerven am Ende war, hörte er die Haustüre. Sam kam herein, bepackt mit zwei Tüten und völlig außer Atem. Ohne Zeit mit überflüssigen Begrüßungsfloskeln zu verschwenden, stellte Chris die wichtigste aller Fragen.

>>Wieso sitzt Bastian nackt in meiner Badewanne?!<<

Als Sam Chris sah, wurde sie ein wenig blass. Sie hatte vergessen noch mal anzurufen und hätte sich dafür ohrfeigen können.

>>Ehm, weil es angezogen ganz schön lächerlich wäre…<<, versuchte sie Chris Miene ein wenig zu entschärfen, ohne Erfolg. Das letzte Mal, hatte sie ihn so wütend gesehen, als er in Bauernhausen in ihrem Zimmer auf und ab gelaufen war und darauf bestanden, hatte, er würde nicht in sie verliebt sein – aber das war schon wieder so lange her, dass es gar nicht mehr wahr war.

>>Ich wollte dich anrufen, ehrlich, aber du hast nicht abgehoben und nicht zurückgerufen und da hab ichs einfach vergessen.<<

>>Und du wolltest mich anrufen um mir zu sagen, dass Bastian heute bei uns badet, oder wie darf ich das verstehen?!<<

Sam forderte Chris auf, etwas leiser zu sprechen, während sie ihn von der Badezimmertür wegzog. Sie wollte nicht, dass Bastian mitbekam, dass sie vergessen hatte, Chris bescheid zu sagen. Es kostete sie sowieso schon genug Überzeugungskraft, ihn dazu zu bewegen hier und nicht in seinem Porsche zu wohnen, jetzt musste sie nur noch dem leicht apathisch aber immer noch wütend dreinblickenden Chris von ihrer brillanten Idee überzeugen.

>>Bastian ist aus seiner Wohnung geflogen! Die Firma seines Vaters ist pleite, oder wurde verklagt, jedenfalls sind jetzt alle Konten eingefroren und er wusste nicht wo er jetzt hin soll.<<

Chris verzog seinen Mund zu einem lachen – kein freundliches, eher ein verrückt anmutendes.

>>Ha, willst du mir jetzt tatsächlich sagen, dass er bei uns wohnt?<<

Sam setzte ihren traurigsten Dackelblick auf, während sie ein zuckersüßes, >>Ja<<, hauchte.

>>Bist du heute Morgen mit dem Kopf gegen einen Schrank gerannt, oder hast du getrunken? Nein! Er soll ich eine Wohnung suchen, oder einen Platz im Studentenheim!<<

>>Aber die Heime sind voll und Wohnung kann er sich keine leisten! Es ist ja nur für eine Weile, bis er wieder auf eigenen Beinen steht!<<

>>Nein! Wenn er will ruf ich für ihm in Tierheim an, die haben bestimmt noch einen Zwinger frei, aber hier bleibt er sicher nicht, nur über meine Leiche!<<

Chris Tonfall war ungewohnt angewidert und kühl, aber Sam zeigte sich zu ihrer eigenen Überraschung gänzlich unbeeindruckt. Es ging nicht anders, ob Chris es wollte oder nicht und wenn er es darauf anlegen, würde sie ihm eben zeigen müssen, wer hier am längeren Hebel saß. Chris mochte intelligenter sein, reifer, selbstbewusster und eloquenter, aber Sam war deutlich sturer!

>>Jetzt hör mir mal zu, Bastian ist mein bester Freund und ich werde nicht zulassen, dass er in seinem Auto oder auf der Straße wohnen muss nur um weiterstudieren zu können! Das hier ist vorübergehend und ich diskutiere mit dir nicht darüber! Wenn Matthias oder Sev hier auftauchen würden, würdest du auch nicht zögern und was für deine Freunde gilt, gilt genauso für meine! Außerdem schwöre ich dir, dass wenn du Bastian raus wirfst, ich so lange nicht mehr mit dir schlafen werde, bis Arnold Schwarzenegger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird!<<

Sam drohte so gekonnt und ernst, dass sie von sich selbst überrascht war. Ihre Ansprache verfehlte ihre Wirkung nicht. Chris’ hochgezogene Augenbraue begann leicht zu Zucken und anstatt irgendetwas zu erwidern, schnaubte er zuerst nur.

>>Eine Übergangslösung, ja?!<<, wollte er schließlich bestätigt haben während er sich mit den schneeweißen Zähnen auf die Unterlippe biss.

>>Ja<<, versicherte Sam.

>>Na schön! Aber sobald ein Platz im Wohnheim frei wird, ist er weg! Oder wenn ein Zwinger frei wird.<< Den letzten Satz flüsterte Chris genervt.

>>Danke!<<

Sam fiel ihm um den Hals und küsste ihn dann. Sie musste zwar zu unlauteren Mitteln greifen aber Chris würde es nicht bereuen. Es würde auch für ihn gut sein, wenn er sich endlich mit Bastian verstehen würde – es würde vieles leichter machen.

>>Aber dafür schuldest du mir was!<<, meinte Chris lasziv während er Sams Kinn anhob. Gerade als er sie küssen wollte, ging die Badezimmertür auf und Bastian spazierte mit einem winzigen Handtuch um die Hüften heraus.

>>Hey, lasst euch nicht stören!<< Mit diesem Worten verschwand der Braunhaarige im Gästezimmer und ließ einen seufzenden Chris zurück.

 

Beim Abendessen herrschte eine arktische Stimmung. Chris kaute monoton sein Gemüse und starrte Bastian wütend an, während dieser - jedes Mal wenn er mit der Gabel ein Fleischstück aufspießte - mit den Metallzinken am Porzellan kratzte. Sam bemühte sich ein Gespräch zustande zu bringen, führte aber eigentlich einen langen ausschweifenden Monolog.

>>Das Gemüse ist total lecker, eigentlich hasse ich ja Grünzeug, aber das hier schmeckt klasse! Das Essen in der Mensa ist auch nicht schlecht, aber gelegentlich versalzen, stimmts?<<

Bastian nickte kurz und wandte sich dann wieder seinem Fleisch zu. Sam wusste, dass er nie sonderlich gesprächig war, während er aß – dafür aß er viel zu gerne – aber das Schweigen, das jedes mal einkehrte, wenn sie still war, war diesmal einfach unangenehm.

>>Chris kann total toll kochen, wirklich, das musst du probiert haben, da schmeckt sogar der Salat!<<

Immer wenn Sam ihren Satz beendet hatte musste sie ein Seufzen unterdrücken. Sollte das etwa jetzt wochenlang so weitergehen? Sollte sie sich etwa jeden Abend den Mund fusselig reden, nur damit der Anschein von Normalität gewahrt blieb? Ihr graute vor dieser Vorstellung so sehr, dass sie doch seufzte. Ihr war es nicht bewusst, aber sie setzte für einen kurzen Moment einen so betrübten Blick auf, dass Bastian und Chris gleichzeitig schwer schlucken mussten. Sam unglücklich zu sehen, konnte keiner der Beiden lange ertragen.

>>Danke dass ich hier bleiben darf....<<, murmelte Bastian schließlich so undeutlich und tief, dass es beinahe wie eine Fremdsprache klang. Stur blickte er weiter auf seinen Teller, hob aber kurz den Blick um zu sehen, dass er Sam mit seiner Aussage ein erwartungsvolles Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte.

>>Nichts zu danken, war schließlich nicht meine Idee<<, antwortete Chris, der sowieso nur auf das dahingenuschelte Dankeschön von Bastian geantwortet hatte, weil Sam ihn so voller Hoffnung anstarrte. Er ballte seine Fäuste, als er bemerkte, dass ihre Blicke noch immer auf ihn ruhten. Er hasste diesen halb traurigen, halb erwartungsvollen Blick den sie seit heute drauf hatte und dem er scheinbar zwanghaft nachgeben musste.

>>Das mit der Firmenpleite deines Vaters tut mir leid<<, meinte Chris schließlich und versuchte Sam zu liebe dabei einen halbwegs ehrlichen Tonfall anzunehmen.

>>Dankeschön<<, antwortete Bastian, der im Gegensatz zu Chris ein wirklich schlechter Schauspieler war. Alles in Allem hörte sich dieser Dialog sowieso an wie aus einer billigen nachmittags Telenovela, aber Sam gab sich vorerst damit zufrieden und nickte sich selbst bestätigend zu. Sie redete sich fest ein, dass es besser werden würde, bestimmt, vielleicht, möglicherweise.

Nach dem Abendessen fanden sich die Drei vor dem Fernseher wieder. Chris hatte seinen Arm um Sam gelegt, während Bastian unruhig hin und her rutschte. Er fand diese Couch mehr als unangenehm, sie war genau so bequem wie sie aussah. Er versuchte sich die seltsam kleinen und eckigen Polster irgendwie Komfort gewinnend hinters Kreuz zu stopfen – ohne Erfolg.

>>Alles klar?<<, wollte Sam schließlich wissen, der Bastians Verrenkungen so gar nicht gefallen wollten.

>>Ja, ja<<, meinte der Braunhaarige und grinste Sam zu. Abgesehen davon, dass es sich nicht gehörte sich als Gast über die Möbel zu beschweren, wollte er Sam nicht das Gefühl geben, dass er sich hier unwohl fühlte.

Sam zappte durch die Kanäle, bis sie schließlich bei South Park hängen blieb. Wäre sie mit Chris alleine gewesen, hätte sie wahrscheinlich weiter geschaltet aber Bastian und sie hatten früher immer nächtelang South Park Folgen im Internet angesehen und irgendwie blieb sie intuitiv dabei hängen. Es dauerte keine fünf Minuten bis sich die beiden Freunde wie gewohnt köstlich amüsierten. Das herzhafte Lachen tat gut, zumindest für einen Moment, denn während sich Bastian und Sam ihren Insider-Witzchen hingaben, verkrampfte sich Chris. Abgesehen davon, dass er dem Fernsehen an sich sowieso nicht viel abgewinnen konnte, machte es in dieser Konstellation nicht mal annähernd Spaß. Er hatte bis jetzt immer so gut es ging verdrängt, dass es jemanden gab, der Sam besser und länger kannte als er selbst und dass dieser Jemand leider Bastian war. Es war unangenehm, vor allem weil er nichts tun konnte außer Sams Lachen zu lauschen das nicht seinen Worten galt und Bastian dabei zu beobachten, wie er die ganze Zeit hin und her rutschte und anscheinend zu bescheuert war um still sitzen zu bleiben. Als er auch noch die Frechheit besaß sich mit der Schulter an Sam zu lehnen, riss Chris endgültig der Geduldsfaden.

>>Ist dieses Zappeln physisch bedingt, oder bist du einfach nur verhaltensgestört?!<<

Ehe Sam begreifen konnte was los war, fauchte Bastian auch schon zurück.

>>Ich würde ja still sitzen, aber von dieser Couch bekomm ich Rückenschmerzen, was soll ich denn bitte machen?!<<

>>Du sitzt genauso wie du stehst! Du lehnst da, als wäre deine Wirbelsäule gebrochen!<<

>>Und du siehst aus als hättest du einen Stock verschluckt!<<

>>Setzt dich normal hin, das kann doch nicht so schwer sein!<<

>>Wie denn?!!<<

Bastian rutschte hin und her während Chris ihm Anweisungen gab, wie man gerade zu sitzen hatte. Sam saß stumm in der Mitte und beäugte das Schauspiel eine Weile, bevor sie breit zu grinsen begann. In diesem Moment war sie sich sicher, dass es funktionieren würde, bestimmt. Das Gezanke war ihr tausendmal lieber, als der Telenovela-Mist vom Abendessen. Die neue errungene Gewissheit verinnerlicht, setzte sie sie sich schließlich auf, streckte sich und wandte sich zum gehen ab. Als Sam aufstand wurde es plötzlich still. Weder Bastian noch Chris waren sich sicher ob sie nicht vielleicht zu weit gegangen waren und Sam wieder die Laune verdorben hatten. Als die Blonde sich jedoch umdrehte und grinste, machte sich Erleichterung breit.

>>Macht ihr euch nur aus, wie man am besten sitzt, ich geh jetzt schlafen!<<, verkündete sie vergnügt und trabte ein ,>>gute Nacht<<, summend in Richtung Schlafzimmer.

Zwei Augenpaare starrten ihr geistesabwesend nach. Es dauerte eine Weile bis den Beiden bewusst wurde, dass sie nun nur noch zu zweit vor dem Fernseher saßen. Chris reagierte als erster und raffte sich kopfschüttelnd auf um Sam zu folgen.

>>Schalt den Fernseher aus, wenn du es leid bist dein ADS auszuleben!<<

>>Dir auch eine gute Nacht, O´Shay!<<, säuselte Bastian und schenkte Chris ein gespielt breites Lächeln. Er hätte sich im Leben nicht gedacht, dass es mal so weit kommen würde, aber nun saß er eben hier in der Wohnung von Mr. Schön und kämpfte mit der Couch, damit würde er leben müssen, zumindest in nächster Zeit – es stimmte, Armut tat weh.

Auch Chris lag dieser Abend schwer im Magen. Er versuchte ja zu akzeptieren was unvermeidlich war, aber es fiel ihm schwer. Als er ihm zum ersten Mal begegnet war, war Bastian für ihn wie ein rotes Tuch. Es war schon damals offensichtlich wie er zu Sam stand, vielleicht war das der Grund warum er ihn nicht leiden konnte. Seit diesem Tag hatte sich nicht viel verändert, zumindest was seine Antipathie betraf. Zugegeben, als Sam damals geglaubt hatte, er hätte sie betrogen, hätte er sie ohne Bastians Hilfe wohl nicht so schnell vom Gegenteil überzeugen können. Seit damals hatte sie schon etwas verändert, eine winzige Kleinigkeit, etwas das er im Moment einfach noch nicht definieren konnte. Während Chris über all das nachdachte, schlief er schließlich neben Sam ein.

 

 

 

Kapitel 4

Stimmungsschwankungen

 

Das Mondlicht brach sich durch die große Fensterscheibe und erfüllte den Raum mit weichem Licht. Langsam und lasziv nippte sie an ihrem Weißwein und ließ ihn sich genüsslich die Kehle hinunterlaufen.

>>Kann ich dich wirklich nicht für ein Glas Wein begeistern?<<, wollte sie wissen während sie näher an ihren Gegenüber herantrat. Nie im Leben hätte sie mit diesem Besuch gerechnet, sie tat schwer daran ihre Freude im Zaum zu halten.

>>Ich trinke nicht<<, antwortet er kühl während er ihren bohrend neugierigen und verführerischen Blicken ohne Probleme stand hielt. Unglaublich dicht vor ihm hielt sie schließlich Inne und musterte dieses wunderschöne Gesicht. Die tiefblauen Augen, die perfekt geschwungenen Lippen und seine markanten und doch weichen Züge machten ihn beinahe unwiderstehlich.

>>Ihr gleicht euch wirklich bis ins kleinste Detail<<, stellte Nicole schließlich amüsiert fest, wich ein paar Schritte zurück, setzte sich auf das große Fensterbrett und zündete sich eine Zigarette an.

>>Du hast gemeint, dass ich dir bei etwas behilflich sein sollte?<<, spielte sie auf die Begründung seines Besuchs an. Er hatte sie angerufen, vor ungefähr einer Stunde und jetzt stand er tatsächlich vor ihr. Sie hätte schwören können, jemand wollte sie einfach auf den Arm nehmen und auch jetzt wollte sie ihren Augen immer noch nicht trauen. Er hatte sich am Telefon als Chris' Bruder vorgestellt. Sie wusste, dass er einen Bruder hatte, der zurück nach Irland gezogen war, der ein oder Andere Kommilitone, der mit Chris zur Schule gegangen war, hatte mal etwas in diese Richtung erwähnt. Er selbst, schwieg stets zu seiner familiären Vergangenheit. Es war ihr eigentlich immer egal gewesen, dass Chris ihr nichts über seine Familie erzählt hatte, er hatte schließlich andere Qualitäten, da spielte es keine Rolle, aber wenn sie geahnt hätte, was er da vor ihr verheimlicht hatte, hätte sie bestimmt nachgehakt.

Sie hatte ihm gleich vorgeschlagen, dass sie sich bei ihr zuhause treffen könnten um zu reden. Er wollte sie persönlich sprechen um eine Bitte an sie zu richten, welche wusste sie noch nicht, aber egal was er von ihr wollte, allein seine bloße Anwesenheit entschädigte sie schlagartig für jeden Aufwand, den sie auf sich nehmen sollte. Vor ihr stand das perfekte Ebenbild von Chris.

>>Ja, du könntest dich tatsächlich als Hilfe erweisen<<, antwortete er schließlich und ging auf Nicole zu. Die braunen Rehaugen musterten jeden seiner Schritte mit Genuss. Er hatte eine besondere Art zu gehen, ruhig, lässig, selbstsicher, so wie Chris.

Kurz vor dem Fensterbrett hielt er Inne, stützte sich mit den Armen neben Nicole ab und richtete seinen Blick hinauf in den Nachthimmel.

>>Eigentlich hat es dich nicht zu interessieren, aber das Verhältnis zwischen mir und Chris ist nicht das Beste, obwohl wir Zwillingsbrüder sind.<<

Nicole lauschte dieser wunderschönen Stimme in der so viel Kälte lag.

>>Ich war lange weg und man hat mir gesagt, du wärst ihm sehr nahe gestanden.<<

Sie stutzte kurz und nickte dann. Ja, sie war Chris nah gestanden, zumindest körperlich und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sich daran auch nichts geändert, aber dem war leider nicht so.

>>Erzähl mir, was du über ihn weißt.<<

>>Das ist deine Bitte?<<

Nicole war überrascht. Sie rechnete mit etwas aufwändigerem als der schlichten Weitergabe von Informationen.

>>Ja.<<

Noch immer war sein Blick in die Sterne gerichtet. Sie konnte nicht einschätzen, was er genau hören wollte.

>>Was? Soll ich dir seine Lieblingsspeisen aufzählen, oder verraten auf welche Musik er steht?<<

Ein genervtes Seufzen entfuhr seiner Kehle.

>>Nein. Ich will wissen wie er lebt, wer ihm nahesteht, wen er liebt.<<

Nicole lachte auf.

>>Warum findest du das nicht einfach selbst heraus?<<

>>Ich denke nicht, das Chris mich gerne ins Vertrauen ziehen würde, was sein Privatleben angeht.<<

>>Und wieso willst du es trotzdem wissen? Du klingst nicht so, als wärst du an einer Versöhnung interessiert. Kann dir doch scheißegal sein wie er wohnt oder mit wem er sich vergnügt.<<

Er lächelte milde und wandte seinen Blick dann Nicole zu.

>>Ich habe meine Gründe, das soll dir als Antwort genügen.<<

Bevor sie etwas erwidern konnte überbrückte er die kurze Distanz zwischen ihnen, neigte mit seiner Hand ihren Kopf zur Seite und legte seine Lippen auf ihren Hals. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper, sie wusste nicht wie ihr geschah. Als er von ihr abließ, brauchte sie einen kurzen Moment um wieder ruhig zu atmen.

>>Erzähl mir was du weißt.<<

>>Er...er hat an der Uni keine wirklich engen Freunde – Chris ist eher distanziert. Angeblich trifft er sich aber des Öfteren mit zwei Freunden aus dem Urlaub, ich bin ihnen nie begegnet. Er lässt niemanden so wirklich an sich rann, nahe ist er auch niemanden, bis auf...<<

>>Bis auf...?<<

Nicoles Tonfall wurde nun ebenfalls kühl.

>>Sie sind seit etwas über einem Jahr zusammen. Er hat sie in den Ferien kennengelernt. Sie ist jung, achtzehn oder neunzehn und kommt eigentlich nicht von hier. Sie studiert seit diesem Semester und ist angeblich bei ihm eingezogen.<<

>>Wie heißt sie?<<

>>Sam.<<

Nicole erzählte ihm alles was sie wusste. Sie konnte diesen Augen nichts abschlagen, zumal sie sie immer intensiver musterten. Auch wenn es ihr eigentlich zu wider war, über all das zu sprechen, riss sie sich zusammen.

Er lauschte aufmerksam jedem ihrer Worte. Sie konnte ihm zwar nicht viele Details über Sam verraten, aber mit den Informationen die er hatte, würde sich einiges anfangen lassen. Für einen kurzen Moment war er überrascht zu hören, wie lange sein Bruder und dieses Mädchen schon zusammen waren. Chris war nicht der Typ für eine Beziehung, zumindest für keine längerfristige. Er hatte sich genau wie er selbst nie etwas aus Frauen gemacht, zumindest nicht mehr als einen Zeitvertreib. Hatte er sich so verändert? Es war Jahre her, seit er seinen Bruder das letzte Mal gesehen hatte, lange genug für jemanden sich zu verändern. Egal an was es auch lag, im Grunde war er froh, dass es dieses Mädchen gab, das seinem Bruder scheinbar so nah stand, denn es eröffnete ihm die Möglichkeit endlich alte Rechnungen zu begleichen.

>>Konnte ich dir weiterhelfen?<<, wollte Nicole schließlich wissen und überschlug die endlos langen Beine.

Lächelnd wandte er sich zu ihr und fuhr ihr durchs Haar. Wieder wurde ihr Atem unweigerlich schneller. Sie wollte ihn, jetzt sofort. Ohne noch einen weiteren Augenblick zu zögern, küsste sie ihn so leidenschaftlich sie konnte. Auch wenn der Kuss von ihr aus ging, gewann er schnell die Oberhand. Er trug sie hinüber zum großen Sofa und ließ sie darauf fallen. Sie war schön keine Frage, und auch wenn ihm schon lange aufgefallen war, wie verbissen und boshaft ihre Art war, würde sie für diese Nacht genügen.

Er entledigte sie schnell des schwarzen Kleides das sie trug und widmete sich abermals ihrem Hals. Nicole stöhnte unter ihm auf und vergrub ihre Hände in seinen Haaren. Seine Küsse waren leidenschaftlich, fordernd und doch ließ er sich keinen Moment die Kontrolle nehmen. Nicole genoss diese Nacht in vollen Zügen. Ihre Sinne waren benebelt, sie hatte die ganze Zeit dieses schöne, bekannte Gesicht vor Augen und es gehörte ganz ihr.

 

******

 

Sie wurde durch die ersten Sonnenstrahlen, die sich so unverschämt früh durchs Fenster brachen, geweckt. Als sie neben sich blickte, bemerkte sie, dass sie alleine war. Die dünne Decke um die Figur geschlungen, raffte sich Nicole auf um nach ihrem Gast zu suchen.

Es war kurz vor sechs Uhr, eine durch und durch unchristliche Zeit um aufzustehen und auch um die Wohnung zu verlassen.

>>Wo willst du hin?<<

Er stand im Flur und hatte seine Augen gerade hinter der schwarzen Sonnenbrille versteckt.

>>Ich habe zu tun.<<

>>Die Sache mit Chris? Ich könnte dir eine Hilfe sein, wenn du mir sagst was du vorhast.<<

In ihrer Stimme schwang wieder diese laszive Boshaftigkeit mit, die ihn nicht mehr als ein sanftes Lächeln kostete.

>>Entschuldige, aber das überschreitet deine Kompetenzen.<<

Die beleidigende Anspielung seiner Aussage, blieb Nicole nicht verborgen.

>>Was soll das denn heißen?! Bist du wirklich der Meinung, dass ich nur zum Sex tauge?!<<

>>Ich meine immer was ich sage.<<

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er durch die Haustür. Nicole war perplex, wütend und auch verletzt.

>>Du bist ein nazistischer, sadistischer Bastard, Elay!<<

Er lächelte in Anbetracht der wahren Worte und ergänzte gelassen, >>...and I'm a black rainbow, and I'm an ape of god, I got a face that's made for violence upon, and, I'm a teen distortion, survived abortion, a rebel from the waist down...<<

 

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Der Morgen lief mehr oder weniger unproblematisch ab. Chris konnte nicht länger schlafen und verließ das Bett mit den ersten Sonnenstrahlen. Sam schlief wie ein Stein, sah dabei aber unglaublich süß aus. Nachdem er sich vorerst an ihr satt gesehen hatte, wollte er sich unter die Dusche stellen. Als er sich im Bad genau umsah, hätte ihn beinahe der Schlag getroffen. Es herrschte nicht wirklich Unordnung, vielmehr lag einiges dort, wo es sonst nicht lag, und der ein oder andere Zahnpastafleck zierte das weiße Waschbecken. Sam hatte sich mittlerweile an Chris' Gewohnheiten was Ordnung betraf angepasst, das Chaos konnte, also nicht von ihr stammen. Er versuchte sich zu beruhigen, er wusste dass er einen Spleen hatte, was Ordnung betraf, aber musste man tatsächlich seinen Rasierer am Waschbecken liegen lassen? Sich ständig selbst besänftigend, begann er die heiß geliebte Ordnung wieder herzustellen, eher er sich unter die Dusche stellte und das kühle Nass genoss.

Nachdem er fertig war, setzte er sich auf die Terrasse um zu Frühstücken und sich in die Zeitung zu vertiefen. Er las die Nachrichten eigentlich gerne, nur heute schaffte er es beim besten Willen nicht sich zu konzentrieren. Chris rechnete eigentlich mit einer Migräneattacke, aber sie blieb aus. Einzig ein wirklich ungutes, beklemmendes Gefühl überkam ihn, ein Stechen, ein Ziehen in der Brust und Kopfgegend. Trotz dessen er sich etwas unwohl fühlte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Arbeit zu gehen. Er hatte heute viel zu tun und musste am Nachmittag auch noch auf die Uni um einen Aufsatz abzugeben. Eigentlich war Chris froh, dass sein Terminplan so eng war, denn diese Tatsache ersparte ihn für die nächsten zwölf Stunden jeglichen Kontakt mit Bastian – dachte er zumindest.

Bevor er ging schlich er nochmal ins Schlafzimmer und gab Sam einen Abschiedskuss. Sie wurde kurz wach, grinste ein breites, verschlafenes Grinsen und schlief schlagartig wieder ein. Leise schloss er die Schlafzimmertür hinter sich.

>>Naaa O'Schlafnixgut! Schon wach?<<

Chris erschrak kurz, als Bastian mit einem mal vor ihm stand.

>>Ja, ich muss zur Arbeit, das solltest du übrigens auch mal versuchen, da bekommt man für Leistungen Geld mit dem man zum Beispiel eine Wohnung finanzieren könnte.<<

Der Braunhaarige fuhr sich gähnend durchs Haar und legte dann – zu Chris Schock – freundschaftlich den Arm um ihn.

>>Da hast du recht, ich such mir gleich heute was. Das Gästebett ist übrigens viel bequemer als die Couch!<<

Chris rang eine Weile nach Fassung und Beherrschung und hörte nicht mal ansatzweise hin, was Bastian da von sich gab. Angewidert wich er einen Schritt zurück.

>>Fass mich nie, nie, nie wieder an, schon gar nicht, wenn du nichts an hast!<<

>>Hey, ist meine Boxershort denn nichts? Du stehst nicht sonderlich auf Berührungen, oder?<<

>>Nein!<<

>>Das ist nicht gut, du solltest dich den Menschen öffnen!<<

Wütend ging Chris an Bastian vorbei, der anscheinend gerade richtigen gefallen daran gefunden hatte, den Blonden zu verarschen.

>>Ich glaube im Grunde deines Herzens möchtest du in den Arm genommen werden!<<

Bastian lief grinsend an Chris vorbei und umarmte ihn. Er war eigentlich nur aufgestanden um kurz aufs Klo zu gehen, aber jetzt amüsierte er sich köstlich. Steif stand Chris da, während seine linke Augenbraue auf und ab zuckte. Er hasste es wirklich von fremden Menschen berührt zu werden – schon alleine wegen seiner Keimphobie und auch wenn Bastian kein Fremder war, auf seine Nähe konnte er mehr als verzichten, vor allem weil er wusste, dass er ihn damit nur auf die Nerven gehen wollte.

>>Ich gebe dir zwei Sekunden um mich loszulassen, sonst brech ich dir den Arm, das schwöre ich bei allem was mir heilig ist!<<

Bastian ließ wirklich los und versuchte sein Lachen zu unterdrücken.

>>Sorry, aber du solltest wirklich mal ein bisschen lockerer werden.<<

>>Und du solltest dir endlich Manieren zulegen!<<

Ohne sich auf noch weitere Diskussionen einzulassen, verließ Chris die Wohnung. Bastian blieb kopfschüttelnd zurück. O`Shay war wirklich ein Kapitel für sich. Eigentlich konnte er ihn nicht ausstehen, aber die Tatsache, dass er Sam scheinbar liebte, machte es leichter. Er hatte sich damals wirklich ins Zeug gelegt, als sie dachte er hätte sie betrogen und auch auf die Sache zwischen ihm und Sam hatte Chris keinen der Beiden jemals angesprochen. Vielleicht verdrängte er es einfach nur, aber allein die Tatsache, dass er Sam keinerlei Vorwürfe machte, war ihm anzurechnen.

Während Bastian weiterhin versuchte, sich Chris sympathisch zu reden, wurde es immer heller.

Den Tag verbrachten er und Sam auf der Uni. In der Mittagspause sah sich Bastian nach einer Arbeit um und wurde auch schnell fündig. Das Institut für Wirtschaftsmathematik suchte Assistenten für einen Professor.

>>Und wie willst du die Stelle bekommen?<<, wollte Sam wissen, der Bastian gerade von seinen Karriereplänen erzählt hatte. Sie schlenderten zusammen über das Unigelände, da sie beide Stehzeit zwischen zwei Vorlesungen hatten.

>>Naja, ich schreib auf die Matheklausur eine Eins, dann werden die mich mehr oder weniger nehmen müssen.<<

Sam schüttelte den Kopf.

>>Ich dachte das wäre eine Killerprüfung?<<

>>Ist es auch, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen!<<

>>Und deine Maßnahme ist eine Eins zu schreiben?<<

>>Genau!<<

Sam traute Bastian locker zu gut abzuschneiden. Er war klug, das wusste sie, nur leider war er auch der faulste Mensch den sie kannte.

Während die Beiden weiter übers Gelände spazierten, stutzte Sam mit einem Mal. Bastian bemerkte ihr plötzliches Unbehagen schnell und stieß sie mehr oder weniger unauffällig in die Seite.

>>Was?<<, flüsterte er und schaute sich um.

Sam wandte ihren Blick auf den Boden und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

>>Was?!<<, wollte Bastian wieder – diesmal lauter wissen.

>>Shh..<<, gab Sam zurück und blickte verstohlen nach vorne. Als Nicoles Blick ihren traf, schien die Zeit für einen Moment verrückt zu spielen. Es dauerte ewig bis die Braunhaarige endlich an ihr vorbei gegangen war. Sam hatte sich des Öfteren ausgemalt, ihr zu begegnen, aber jetzt da es soweit war, wäre sie am liebsten im Erdboden versunken. Eigentlich wollte sie sauer sein, ihr mindestens genauso böse Blicke wie Gedanken schicken, aber irgendwie fühlte sie sich in der Gegenwart der Schönen noch immer genauso unwohl wie damals im Museum. Nicoles Blick war abwesend, als würde sie über etwas nachdenken. Sie suchte zwar den Augenkontakt mit Sam, entschied sich dann aber scheinbar doch anders und ging weiter, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

>>Was ist denn los?!<<

Bastian hielt es vor Neugier kaum noch aus und begann sich hektisch umzusehen.

>>Nicole...<<, flüsterte Sam, als könne sie sie noch immer hören.

>>Was? Wo?<<

>>Das Mädchen das gerade vorbei gegangen ist.<<

>>Die Dunkelhaarige? Die ist aber wirklich nicht von schlechten Eltern!<<

Sam strafte Bastian sofort mit vernichtenden Blicken.

>>Entschuldige, du bist natürlich auch hübsch, dir würd ich auch nachschauen<<, meinte er und grinste. Sam konnte nicht anders, als auch zu grinsen. Die Sache mit Nicole war gegessen. Es war egal ob sie sich gelegentlich über den Weg liefen oder nicht, Chris hatte ihr bewiesen, dass er nur sie wollte und das allein zählte.

>>Und wer ist jetzt heißer?<<, wollte Sam zwinkernd wissen, während sie ein Lachen unterdrückend vor Bastian herlief. Der Braunhaarige überlegte gespielt gequält ehe er antwortete.

>>Ich würde sagen du, ich steh mehr auf Blondinen.<<

>>Schleimer!<<

>>Wieso? Bist du nicht meiner Meinung?<<

>>Naja, ich würd Nicole nicht von der Bettkante schubsen!<<, scherzte Sam und zog eine Augenbraue lasziv nach oben.

>>Danke für dieses Bild, jetzt kann ich mich fünf Stunden unter die Dusche stellen!<<

Lachend gingen die Beiden weiter. Sams Unsicherheit verschwand sofort. Es tat gut sich einfach darüber lustig zu machen, wenn sie das schon früher gemacht hätte, wäre ihr so einiges leichter gefallen.

 

Bastian kam als erster zuhause an. Sein Seminar war ausgefallen und da er sowieso für seine Klausur lernen musste, kam ihn dieser Umstand sehr gelegen. Eine halbe Stunde schaffte er es auch wirklich sich zu konzentrieren, dann hatte er keine Lust mehr. Nachdem er sich über die weiße Katze, die er heute zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte, amüsiert hatte, versuchte er sich am Herd. Eigentlich kochte er gerne, nur leider schlecht. Die Katze beobachtete ihn mit großen, hungrigen Augen und auch wenn sie wirklich mehr als wohl genährt aussah, konnte er ihren bettelnden Blicken nicht widerstehen. Artemis und Bastian gönnten sich ihr Abendessen, bis das Leuten seines Handys ihn unerwartet unterbrach.

 

Als Chris die Wohnungstür öffnete, schwante ihn bereits böses. Die gesamte Wohnung roch nach Fisch und schon im Vorzimmer stolperte er über Bastians Schuhe.

Um nicht sofort einem Herzinfarkt zu erliegen, atmete er erst mal dreimal durch, bevor er ins Wohnzimmer trat – der Fischgeruch machte seine Atemübung ungeahnt schwierig.

Chris' schlimmster Verdacht bestätigte sich in der Küche. Irgendjemand hatte Fisch gekocht, in seiner Wohnung und er ahnte wer dieser Jemand war. Wenn es ein Gericht auf dieser Welt gab, das Chris wirklich aus tiefsten Herzen verabscheute, war es Fisch. Der Geruch, der Geschmack, allein der Gedanke ließ ihn Frösteln. Angewidert stellte er die Pfanne in die Spülmaschine und öffnete das Fenster. Um den Rest der Verwüstung, würde er sich später kümmern, zuerst musste er seine Wut verbalisieren.

Er lief durch die ganze Wohnung, eher er Bastian schließlich am Balkon vorfand. Er hatte eine Zigarette in der Hand, ein Knie an den Körper gezogen und sein Gesicht in der abgestützten Armbeuge vergraben.

>>Bist du noch ganz bei Trost?!<<

Chris fing intuitiv an laut zu werden, bis ihn das Bild, das er sah etwas stutzen ließ. Langsam blickte Bastian zu ihm auf. Seine Augen waren schmal, lichtempfindlich, sein Blick abweisend. Er hielt auffällig kurzen Augenkontakt und das obwohl er eigentlich nicht dazu neigte schnell nachzugeben.

>>Was?! Was?! Hab ich vergessen die Badehandtücher nach Süden auszurichten?!<<

Zu Chris Überraschung klang Bastian gereizter als er selbst.

>>Nein, aber die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld und du hast Fisch gekocht, Fisch! Ich hasse Fisch!<<

>>Ich zwing dich doch nicht ihn zu essen, oder?!<<

Bastian wollte noch etwas hinzufügen, sich verteidigen, aber entgegen seiner eigentlichen Natur blieb er stumm, schüttelte lediglich den Kopf und stand auf.

Er drängte sich an Chris vorbei und verschwand durch die Haustür. Perplex stand der Blonde da und wusste nicht so recht ob er eher wütend oder verwirrt war. Was sollte dieses Schauspiel? Eigentlich rechnete er damit verarscht, angemotzt oder gegen seinen Willen umarmt zu werden, Flucht war keine Reaktion die er von Bastian gewohnt war. Im Aschenbecher lagen gut fünf Zigaretten, die nichts gutes zu verheißen hatten. Laut Sam rauchte Bastian nur wenn er sturzbetrunken oder zu Tode betrübt war, wobei sie letzteres nur als Vermutung geäußert hatte, da sie Bastian zu selten betrübt erlebt hatte. Im Grunde brauchte es Chris aber nicht zu interessieren. Er schaffte Ordnung in der Küche, im Wohnzimmer und im Flur. Mit dem Fischgeruch verschwand auch die Gleichgültigkeit. Was war mit Bastian los, dass er sich nicht einmal auf einen Streit mit ihm einlassen wollte? Es musste etwas schlimmes sein. Er versuchte Sam zu erreichen, ohne Erfolg. Sie hatte bis kurz nach neun Vorlesung. Als er das Handy beiseite legte, lächelte er voll Unverständnis. Seit wann interessierte ihn Bastians Gemütszustand? Seit wann interessierte er sich überhaupt für die Gefühle Anderer? Er hatte sich nie in die Angelegenheiten Anderer eingemischt. Im Grunde war er nicht sonderlich gerne unter Menschen. Bis auf Sev und Matthias hatte Chris niemanden, der ihn wirklich kannte und eigentlich hatte er das immer als angenehm empfunden, zumal sich somit auch niemand in sein Leben einmischte. Er war ein Einzelgänger wie er im Buche stand – beliebt aber unnahbar. Wenn er ganz ehrlich mit sich war, waren ihn die meisten seiner Mitmenschen zu wider – zumindest um eine wirkliche Beziehung zu ihnen aufzubauen. Das Alles war zumindest früher so, denn jetzt überkam ihn anscheinend reges Interesse an Bastians Verbleib, wieso? Vielleicht machte er sich Sam zu liebe Sorgen. Seit er ihr begegnet war, war sowieso vieles anders geworden. Ihr konnte er sich anvertrauen, bei ihr fühlte er sich wohl, angekommen. Hatte sie ihn so weich gemacht? Während Chris sich all diese Fragen stellte, trieben ihn seine Beine ungefragt hinaus.

In der Tiefgarage angekommen fiel ihm zuerst auf, dass Bastians Porsche weg war. Er musste irgendwo hingefahren sein. Es machte keinen Sinn ihm nachzufahren, er konnte überall sein.

Gerade als Chris die Ausweglosigkeit akzeptiert hatte, startete er seinen Wagen. Er wusste nicht was für ein Teufel ihn gerade ritt, ihm war nur bewusst, dass er vor etwas über einem Jahr niemals auf so irrwitzige Ideen gekommen wäre. Chris lenkte seinen Wagen hinaus, bog die nächste links ab und fuhr die Parkstraße entlang. Es war verrückt zu glauben er würde Bastian noch einholen, zumal er ja nicht einmal den hauch einer Ahnung hatte wo er hingefahren war. Seufzend wendete Chris, setzte den Blinker und stieg dann viel zu hart auf die Bremse. Der Mercedes hielt abrupt und fuhr dann weiter. Chris lenkte ihn zum nächsten Parkplatz und stieg aus. Er hatte Bastian tatsächlich gefunden. Er saß auf einer Parkbank keine fünfhundert Meter von zuhause entfernt. Wie viel Glück konnte man eigentlich haben? Damals als er Sam gesucht hatte, hatte sein Vorhaben ihn beinahe den ganzen Tag gekostet und wenn er Bastian suchte, saß der natürlich förmlich vor der Haustüre.

Der Braunhaarige hatte die Ellbogen auf den Knien abgestützt und verdeckte mit den Händen sein Gesicht. Chris machte murrend auf dem Absatz kehrt und raufte sich die Haare. Nachdem er ein paarmal im Kreis gelaufen war, beruhigte er sich. Anscheinend hatte Sam ihn wirklich weich gemacht, das musste er einfach akzeptieren. Er war jetzt vermutlich einer dieser Menschen, die nicht anders konnten, als seelischen Beistand zu leisten, wenn sie gebraucht wurden. Er verabscheute sich zwar dafür und es widersprach seiner gesamten Lebensphilosophie, aber so sehr er es auch versuchte, wehren konnte er sich gegen den neuartigen Drang Mitgefühl zu zeigen nicht.

Chris platzierte sich kommentarlos auf der Parkbank neben Bastian und verschränkte die Arme vor der Brust.

>>Wieso sitzt du hier und heulst?<<

Bastian erhob sich langsam aus seiner gebückten Haltung. Seine Augen waren leicht gerötet, aber sein Blick war wie versteinert.

>>Ich heule nicht!! Was willst du hier?!<<

>>Keine Ahnung, anscheinend bin ich verrückt geworden, oder sentimental – was für mich ungefähr das Selbe bedeutet.<<

Ohne etwas zu erwidern stand Bastian auf und ging davon.

>>Hey komm schon! Was ist denn los? Wieso läufst du weg wenn ich dir eine perfekte Vorlage liefere mich zu verarschen?!<<

Chris lief ihm hinterher und hatte ihn schnell eingeholt. Eigentlich wollte er seine penetrante Nervtaktik weiter verfolgen – die hatte er sich schließlich von Bastian abgeschaut, aber die folgende Aufforderung, ließ ihn stutzen.

>>Verschwinde!<<

Seine Stimme klang zitternd, weinte er etwa tatsächlich? Damit hatte Chris nicht gerechnet. Er wollte sich gerade eingestehen, dass es keinen Sinn hatte mit Bastian zu reden, als dieser plötzlich scheinbar blind die Straße überqueren wollte. Ohne weiter darüber nachzudenken, packte er Bastian am Arm und riss ihn zurück. Es folgten Reifenquietschen und ein Hubkonzert.

>>Willst du dich umbringen du Idiot?!! Du kannst doch nicht einfach über die Straße laufen ohne hinzusehen!!<<

Scheinbar reflexartig riss sich Bastian los.

>>Was redest du da für Mist?! Außerdem kann es dir doch scheißegal sein, ob ich ins nächste Auto laufe, oder?<<

>>Ist es aber nicht!<<

>>Wieso?!

>>Keine Ahnung!<<

Die vorbeigehenden Passanten hielten respektvollen Abstand zu den Beiden, zumal sie sich lautstark anschrien.

>>Nur Weil du jetzt nicht mehr reicher Junge spielen kannst, heulst du hier herum?!<<

>>Ich heule nicht! Und ich will mich nicht umbringen! Du hast ja keine Ahnung wie das ist wenn...<<

Bastian stockte.

>>Was?!<<

>>...wenn einem alles weggenommen wird und sich deine Eltern einen Scheißdreck für dich interessieren!<<

Bastian wurde so laut, dass er heißer wurde.

Chris trat eine Schritt zurück, fuhr sich durchs Haar und begann zu lachen.

>>Du denkst ich weiß nicht wie es ist, wenn man seiner Familie scheißegal ist? Du hast ja keine Ahnung!<<

Bastian brachte Chris' Lachen kurz aus der Fassung. Er wusste eigentlich nichts über seine Familie, auch Sam hatte nie etwas erwähnt, nur dass sie selbst anscheinend so gut wie gar nicht im Bilde war.

>>Aber bei mir war es nicht immer so! Es kommt mir vor als würde alles erst jetzt über mir zusammenbrechen!<<

Eigentlich hatte er keineswegs vor weiter mit Chris zu diskutieren, aber er konnte nicht anders. Er hatte einen Punkt erreicht, bei dem einfach alles wie von selbst aus ihm heraussprudelte.

>>Meine Eltern sind irgendwo im Ausland und halten es anscheinend nur für notwendig mich anzurufen um mir mitzuteilen, dass ich irgendetwas zu unterschreiben habe! Kein Schwein interessiert sich dafür ob es mir gut geht, ob ich ein Dach über den Kopf habe, oder was aus mir wird, das Einzige das sie interessiert ist ihre Firma!<<

Bastian brüllte noch immer, diesmal schwang aber soviel Verzweiflung in seiner rauen Stimme mit, dass es Chris kalt den Rücken runter lief. Er hatte ihn noch nie so gesehen, nie gedacht, dass er ihn mal so erleben würde. Bastian war – auch wenn er nervte und kindischer nicht sein konnte – der optimistische Mensch, den er kannte.

>>Zurück nachhause kann ich nicht, meine Wohnung ist weg und mein Auto auch! Du weißt doch anscheinend immer was zu tun ist, O´Shay – dann sag mir was ich machen soll... <<

>>Sie haben dir deinen Porsche weggenommen?<<

Bastian nickte. Jetzt verstand Chris warum er so mitgenommen war. Es erschien vielleicht lächerlich, aber das Einzige an dem Bastian wirklich hing und das ihm aus seinem alten Leben noch geblieben war, war sein Auto und jetzt war es weg und er konnte die immer-fröhliche Fassade die er einstudiert hatte nicht mehr aufrecht erhalten.

>>Komm erst mal mit nachhause, dann sehen wir weiter.<<

Bastian schüttelte den Kopf.

>>Das ist doch lächerlich! Du hasst mich mindestens genauso wie ich dich! Wir können nicht zusammen wohnen und so tun als wären wir auf einmal die besten Freunde! Ich weiß, Sam hat es gut gemeint, aber du willst mich doch so schnell wie möglich loswerden, sei ehrlich!<<

>>Natürlich will ich dich loswerden, aber nicht weil ich dich hasse! Zugegen, ich mag dich nicht besonders, aber wahrscheinlich auch nur weil du mal weiß Gott was mit meiner Freundin machen wolltest und ständig am Reden bist ohne vorher nachzudenken!<<

Bastian konnte nicht anders, als sich zu einem Grinsen bewegen zu lassen.

>>Und du bist ein eingebildeter Kontrollfreak, aber du hast recht, ich hasse dich auch nicht.<<

Chris setzte ein hämisches Grinsen auf und trat ein paar Schritte näher. Bastian wich perplex zurück.

>>Hey, was wird das denn?<<

>>Gibs zu, jetzt willst du umarmt werden!<<

Murrend stieß er den lachenden Chris mit der Schulter weg. Er hatte eigentlich keine Lust jetzt auch noch verarscht zu werden, aber zugegebenermaßen hatte Chris diesmal wirklich Humor bewiesen.

>>Wieso bist du eigentlich hier O'Shay?<<

>>Hab ich doch schon gesagt, weil ich neuerdings verrückt bin!<<

>>Ah, das erklärt einiges.<<

>>Ja.<<

 

Wieder zurück in der Wohnung stritten sich Bastian und Chris endlich ausgiebig über den Fisch, das Chaos in der Küche und die Zigaretten im Aschenbecher. Es fühlte sich richtig gut an. Natürlich mochten sich die Beiden noch immer nicht, aber sie akzeptierten sich – ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein riesen Schritt für Bastian und Chris.

 

Sam kam gegen neun Uhr nachhause. Schon als sie die Wohnung betrat, hatte sie das merkwürdig Gefühl irgendetwas verpasst zu haben. Bastian saß – oder besser lehnte – auf der Couch vor dem Fernseher und hatte die Augen geschlossen. Anscheinend war er eingeschlafen. Leise schlich Sam in die Küche. Chris saß am Esstisch und aß sein Müsli.

>>Hey.<<

>>Hey, wie war die Vorlesung?<<

>>Ganz okay. Wie war dein Tag?<<

>>Hmm...emotional verwirrend.<<

>>Wieso?<<

>>Naja, anscheinend hast du mich in einen Menschenfreund verwandelt.<<

Chris stand auf und nahm Sam in den Arm.

>>Wie soll ich denn das verstehen?<<

Er fuhr ihr sanft den Rücken entlang und küsste ihr Schlüsselbein.

>>Gar nicht, ich tus auch nicht.<<

>>O~K~A~Y.<<

Sam verstand zwar kein Wort, aber Chris' Küsse raubten ihr sowieso jeden rationalen Gedanken.

Er ließ seine Hände unter ihre Bluse gleiten und verweilte dort eine Weile bis er sie an der Hüfte hochhob und auf die Küchenzeile setzte. Er drängte sich so nah wie möglich an sie und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie gar nicht wirklich mitbekam, wie er die Knöpfe ihrer Bluse öffnete. Erst als sie einen kalten Luftzug am Oberkörper verspürte und Chris sich an ihrem BH zu schaffen machte, stutzte Sam.

>>Hey, warte mal!<<

>>Wieso, ich dachte du stehst drauf, wenn ich....<<

>>Ja, ja! Aber doch nicht hier, Bastian schläft draußen im Wohnzimmer. Wieso eigentlich? Es ist doch erst kurz nach neun.<<

>>Naja, der Tag hat ihn glaub ich ganz schön mitgenommen. Er hat erfahren, dass seine Eltern sich nicht für ihn interessieren, er musste seinen Porsche verkaufen, hat geheult, wollte sich vor ein Auto werfen, wäre fast ausgezogen und das verwüsten meiner Küche hat ihn auch einiges an Energie gekostet!<<

>>Was?!<<

>>Ja, ich war auch geschockt! Er hat tatsächlich Fisch gekocht, in meiner Küche!<<.

>>Was war denn bitte los?!<<

>>Ich weiß nichts genaueres, ich bin zwar jetzt sozial interessiert, aber ich bin nicht zum Talk Show Moderator mutiert. Als ich nachhause gekommen bin, war er seltsam drauf, niedergeschlagen. Ich wollte ihn wegen der Sache in der Küche einen Vortrag halten, aber er ist abgehauen. Dank deinem Einfluss, bin ich ihm nach und hab ihn im Park aufgegabelt. Anscheinend haben seine Eltern angerufen um ihn mitzuteilen, dass er seinen Porsche hergeben muss. Er hat endlich mal seine hyperaktive, dauergrinsende Fassade abgelegt – ich schätze es hat ihn alles einfach ein wenig überfordert.<<

>>Und du hast ihm geholfen sich zu beruhigen?<<

Sam lächelte obwohl sie sich eigentlich Sorgen um Bastian machte. Sie wusste schon lange, dass Chris im Grunde seines Wesens nicht der distanzierte Einzelgänger war, den er so lange gespielt hatte.

>>Sieh mich nicht so an!<<

>>Danke!<<

>>Glaub nicht, dass ich ihn deshalb länger als nötig hier behalte, aber solange kein Platz im Wohnheim frei geworden ist, kann er von mir aus bleiben!<<

Gerade als Sam sich nochmal bedanken wollte, trat ein gähnender Bastian durch den Türrahmen. Er fuhr sich durchs etwas zerzauste Haar und musterte dann Chris und Sam.

>>Aha, ich darf keinen Fisch in der Küche kochen weil du das eklig findest, aber du poppst dort rum wo wir essen!<<

Gespielt theatralisch schüttelte Bastian den Kopf, ging an Chris und Sam vorbei, holte sich ein Glas Wasser und verschwand wieder.

Sam wurde rot und drückte Chris von sich weg.

>>Hey, ich bin heute diesem hyperaktiven Irren nachgelaufen und hab Seelentröster gespielt! Jetzt will ich Sex!<<

>>Später schenk ich dir die umwerfendste Nacht deines Lebens, aber zuerst muss ich mit Bastian reden.<<

>>Nagut, aber ich nehm dich beim Wort!<<

Sam ließ einen seufzenden Chris zurück und ging ins Wohnzimmer. Bastian lehnte noch immer auf der Couch vor dem Fernseher.

>>Hey, alles klar?<<

Sam versuchte nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, zumal sie nicht einschätzen konnte, wie Bastian reagierte wenn er emotional unter Stress stand.

>>Ehm, ja aber könntest du bitte deine Bluse zuknöpfen, das lenkt mich doch ein wenig ab.<<

Bastian deutete auf Sams Busen und zauberte ein kräftiges Rot auf ihre Wangen. Schnell drehte sie sich weg und ordnete ihre Kleidung.

>>Entschuldige bitte!<<

>>Schon okay.<<

>>Und geht es dir gut?<<

>>Was hat er dir denn erzählt?<<

>>Dass du geheult hast und dich vor ein Auto werfen wolltest, aber ich glaube nicht, dass du wirklich selbstmordgefährdet bist<<, scherzte Sam und setzte sich neben Bastian.

>>Ich hab aber auch nicht geheult!<<

>>Ja, ja. Was war eigentlich los?<<

>>Nichts....ich war ein bisschen....naja überfordert.<<

>>Deinen Porsche kannst du dir irgendwann zurückkaufen und eine Wohnung hast du auch bald. Es kommen bessere Zeiten, versprochen.<<

>>Ich weiß...<<

Bastian starrte weiter auf den Fernseher.

>>Du weißt dass ich immer da bin, oder?<<

Sam lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Es fühlte sich gut an, sie gab ihm tatsächlich Halt, das tat sie schon immer.

>>Ja, danke....<<

 

 

 

Kapitel 5

Workaholic

 

Es war Wochenende und der Parkplatz des China Restaurants war wie immer komplett überfüllt. Seufzend lenkte Chris den silbernen Mercedes in die letzte freie Lücke. Eigentlich mochte er keine mit Glutamat verseuchten Nudeln, aber was die Restaurantauswahl betraf, wurde er jede Woche aufs Neue überstimmt. Sam und Bastian liebten chinesisches Essen und auch Pia und Matthias hatten eine Vorliebe für pampigen Reis. Die Fünf trafen sich jeden Samstag hier und aßen zusammen zu Mittag. Trotz der Tatsache, dass sie nun in der selben Stadt lebten, hatten sie auffällig wenig Zeit füreinander. Ein Phänomen, das sie konsequent durch ihre wöchentliche Verabredung zum Essen durchbrechen wollten.

>>Na, auch schon hier?<<, fragte Pia übertrieben sarkastisch und deutete auf die imaginäre Uhr um ihr Handgelenk.

>>Entschuldigt bitte, wir wären schon früher hier gewesen, aber ich musste mich umziehen, damit sich die Zwangsneurose dieses Spinners legt!<<

Genervt rollte Bastian mit den Augen und deutete auf Chris. >>Wieso, was war denn los?<<, fragte Matthias, während Sam wissend seufzte und sich dann kommentarlos setzte. Sie hatte sich mittlerweile an die täglichen Zankereien ihrer Mitbewohner gewöhnt und konnte über die meisten Reibereien nur noch schmunzeln.

>>Er zieht einfach ungefragt meine Sachen an!<<, erklärte Chris mit geschlossenen Zähnen, während die Ader an seinem Hals wieder anfing zu pulsieren.

>>O mein Gott, reg dich ab! Ich hab ein T-Shirt von dir angezogen und nicht deine Unterwäsche! Außerdem hab ich gedacht, es gehört mir.<<

>>Da war eine irische Flagge drauf!<<, entgegnete Chris, scheinbar nicht zum ersten Mal an diesem Tag, lautstark.

>>Bist du dir sicher? Ich dachte das wär die italienische, nur ein wenig ausgewaschen...<<

>>Ja, ich bin mir sicher, ich bin doch kein Italiener!<<

Pia und Matthias amüsierten sich köstlich über das Wortgefecht.

Bastian wohnte jetzt schon drei Wochen bei Sam und Chris und mittlerweile mischte sich Alltag unter die Streitigkeiten. Selbst Chris und Bastian hätten sich eingestehen müssen, dass sie sich besser verstanden als je zuvor, wären sie nicht zu beschäftigt damit gewesen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Es hatte sich eine Streitkultur entwickelt, die ihresgleichen suchte. Bastian nervte Chris mit seiner Unordnung, seinem ständigen Junk Food Verzehr und seiner Vorliebe dafür, ihn mit sinnlosen Dialogen auf die Palme zu bringen. Im Gegenzug regte sich Bastian über den Kontrollzwang und den Reinlichkeitswahn dem Chris verfallen war, auf. Alles in Allem ergänzten sich die Beiden herrlich.

>>Und, wie läufts in der Arbeit?<<, wollte Matthias wissen und lenkte vorerst Chris' Aufmerksamkeit von Bastian auf sich. Es war ein offenes Geheimnis, dass Chris zur Zeit mehr arbeitete als je zuvor. Er war beinahe mit dem Studium fertig und hatte eigentlich genug Zeit, aber laut Sam übertrieb er es gewaltig. Er schlief kaum mehr als vier Stunden die Nacht und fuhr auch am Wochenende oft ins Auktionshaus. Sam hatte zuerst vermutet, er würde versuchen Bastian aus dem Weg zu gehen, aber mittlerweile wusste sie, dass er nicht freiwillig so viel Zeit mit dem Arbeiten verbrachte. Das Auktionshaus schien ihn mit Aufgaben förmlich zuzuschütten und das seit knapp zwei Wochen.

>>Gut, es ist viel zu tun, aber das legt sich wieder.<<

>>Hoffentlich...<<, nuschelte Sam dazwischen und trank einen Schluck von Pias Cola. In letzter Zeit, hatte sie nicht viel von Chris gehabt.

 

Nach dem Essen trennten sich die Wege der Fünf. Chris und Matthias gingen ins Fitnesscenter, während Pia, Sam und Bastian die nächste Konditorei aufsuchten.

>>Du fährst wie eine alte Frau!<<, motzte Bastian genervt vom Rücksitz aus und entlockte Pia damit ein wütendes Grummeln. Sam unterdrückte ein Lachen, sie wusste wie sauer Pia werden konnte, wenn es um ihre Fahrkünste ging – leider fuhr sie wirklich schlecht.

>>Ich korrigiere, du fährst wie eine alte, blinde Frau!<<, schimpfte er weiter, nachdem der silberne Opel in der Kurve über den Randstein des Gehweges gepoltert war.

>>Wieso fährt die überhaupt? Hatten wir nicht eine Abmachung was Pia und das Autofahren betraf?<<, wollte Bastian an Sam gewandt wissen, die sich mittlerweile in den Sitz gekrallt hatte.

>>Weil ich die Einzige von euch Pfeifen bin, die ein Auto hat! Und jetzt ruhe auf den billigen Plätzen!<<, nahm Pia die Antwort vorweg und bedachte den vorbeifahrenden LKW mit ein paar Kraftausdrücken.

 

______________________________________________________

 

>>Und, bei dir alles klar?<<, wollte Matthias wissen, während er die Geschwindigkeit seines Laufbands regulierte. Er wusste, dass er mit Chris nur offen reden konnte, wenn sie allein waren. Vor Sam hätte er niemals zugegeben, das irgendetwas nicht stimmte, egal in welcher Hinsicht.

>>Ja, abgesehen davon dass ich mit Donald Duck zusammen lebe und die Arbeit kein Ende nehmen will.<<

>>Wieso hast du denn auf einmal so viel zu tun?<<

>>Ich weiß nicht, das Auktionshaus hat einen neuen, großen Kunden aufgetan und ich bin so eng in dieses Projekt involviert, dass ich kaum mit der Arbeit hinterher komme.<<

>>Das klingt, als würde es dich wundern, dass sie dir soviel zutrauen.<<

>>Naja, es ist nicht üblich jemanden so viel Verantwortung zu übertragen, der nicht mindestens fünf Doktortitel und hundert Jahre Berufspraxis hat.<<

>>Du warst eben schon immer ein Überflieger!<<

>>Das ist es nicht. Es kommt mir vor, als ob mich irgendjemand puschen würde.<<

Matthias stutzte. Er konnte Chris nicht wirklich folgen.

>>Wie meinst du das?<<

Der Blonde seufzte. Er war sich selbst nicht sicher, ob seine Vermutung nicht vollkommen idiotisch war.

>>Es kommt mir so vor, als hätte irgendjemand ein gutes Wort für mich eingelegt, damit ich....ach, was weiß ich!<<

>>Vielleicht einer deiner ehemaligen Professoren?<<

>>Vielleicht...<<

>>Du klingst irgendwie so skeptisch, freu dich doch, wenn dir jemand hilft, wer auch immer!<<

Chris schüttelte den Kopf und legte sich sein Handtuch um den Nacken.

>>Mir hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand geholfen, wieso jetzt?<<

>>Hör endlich mal auf, alles zu hinterfrage! Freu dich einfach, dass du beruflich so schnell voran kommst. Aber übertreibs nicht, sonst hast du gar kein Privatleben mehr.<<

>>Ja, ich weiß, ich will Sam auch nicht vernachlässigen...Ich soll Ende der Woche für zwei Tage in die Schweiz, um zu helfen die Kunstsammlung dieses großen Kunden zu schätzen, aber danach schalt ich einen Gang zurück.<<

>>Das hört sich vernünftig an.<<

Matthias wurde mittlerweile seine Luft knapp. Dass Chris die bessere Kondition hatte, war kein Geheimnis, aber dass der Blonde noch immer aussah, als würde er einen Spaziergang machen, obwohl er schon seit gut einer halben Stunde joggte, war in Matthias Augen einfach nur unfair.

>>Und wie läufts sonst?<<, jabste Matthias und wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn.

>>Er nervt, selbst wenn er nur atmet!<<, entgegnete Chris und ging Recht in der Annahme, dass Matthias sofort wusste, von wem die Rede war.

>>Ach was, das bildest du dir ein.<<

>>Er hat mein T-Shirt angezogen und er kocht ständig Fisch! Er isst ihn nicht mal selbst gerne, er weiß nur, dass ich ihn hasse!<<

Matthias lachte und erntete dafür verwunderte Blicke.

>>Was?<<

>>Naja, ich hätte nicht gedacht dass du dich so schnell an Bastian gewöhnen würdest, aber ist ja auch kein Wunder...<<

>>Was soll denn das heißen?! Ich hab dir doch gerade erklärt, wie sehr er mir auf die Nerven geht! Red ich versehentlich Gälisch, oder was?<<

>>Ach komm schon! Du merkst doch selber, dass eure Zankereien mittlerweile eher aus der Routine heraus entstehen.<<

>>Du hast echt zu viel Pflaumenwein getrunken!<<

Matthias lachte wieder, ließ es in Anbetracht der aufkommenden Luftknappheit aber gleich wieder sein.

>>Du fängst an ihn zu mögen, auch wenn du dir das nie eingestehen würdest!<<

Chris wurde ein wenig wütend und lief unbewusst immer schneller.

>>Unterstellst du mir tatsächlich gerade, dass ich mich mit einem Typen anfreunde, dessen Handyklingelton die Titelmelodie von Two and a half Men ist?<<

>>Ja und weißt du warum du ihn plötzlich sympathisch findest?<<

Chris blieb eine Antwort schuldig. Er wollte sich nicht über solche idiotischen Thesen unterhalten.

>>Weil du, nachdem du die Sache vom letzten Jahr verdaut hast, endlich begreift, dass Bastian das genaue Ebenbild von Sam ist. Sie stehen auf die gleichen Dinge, lachen über die selben Witze und haben sogar ein und die selbe Art zu sprechen! Abgesehen davon, dass Bastian ein Kerl ist, gibt es keinen Unterschied zwischen den Beiden und das wird dir langsam bewusst!<<

>>Du solltest betrunken echt nicht trainieren, Matthias!<<

 

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>>Lass mich probieren!<<, flehte Sam und zerrte an Bastians Hand, die sich gerade die Gabel mit dem Schokokuchen in den Mund steckte.

>>Nein! Du hattest selber eine, das heißt du weißt längst wie er schmeckt und das bedeutet du willst nicht probieren, sondern nur meinen Kuchen wegfuttern!<<

>>Ach komm schon Basti, nur ein Stückchen!<<

>>Bestell dir doch noch einen!<<

>>Ich kann doch nicht zwei Schokolodenkuchen futtern!<<

>>Stimmt, sonst wirst du super fett und ich kann mir dann dein Geheule anhören, weil du neben O'Schlank und fit kacke aussiehst.<<

>>Du bist der unverschämteste Mensch, der mir je begegnet ist<<, entgegnete Sam trocken und wendete sich beleidigt Pia zu.

>>Hast du dich schon für eine Farbe entschieden?<<

>>Ja, gelb, das wirkt hell und freundlich und lenkt ein wenig von diesem grauenhaften Holzboden ab.<<

Pia hatte es sich in letzter Zeit zur Aufgabe gemacht, Matthias Wohnung vorzeigbar zu gestalten, ein Vorhaben, das schwieriger nicht sein hätte können.

>>Was sagt eigentlich Matthias dazu, dass du all seine Möbel rausschmeißen willst?<<

>>Keine Ahnung, hab ihn nicht gefragt.<<

Pia grinste und rührte in ihrem Fruchtbecher herum.

>>Wie läufts bei dir und Chris?<<

>>Gut<<, nuschelte Sam und vermied jeglichen Augenkontakt.

Bastian seufzte, während er sich das letzte Stück Kuchen in den Mund steckte.

>>Gut, wenn sie sich mal sehen<<, ergänzte er und schenkte Sam wissende Blicke. Natürlich hatte er mitbekommen, dass Chris so gut wie nie zuhause war und er immer weniger Zeit für Sam hatte. Eigentlich hätte ihn dieser Umstand wütend gemacht, weil er nicht wollte dass sie unglücklich war, aber leider musste er sich eingestehen, dass Chris nichts dafür konnte. Bastian merkte, wie sehr auch der Blonde unter dem „Sam-Entzug“ litt, zumal auch seine Beleidigungen ihm gegenüber immer unkreativer wurden – er wirkte ausgelaugt.

>>Er hat in letzter Zeit viel zu tun, oder?<<

>>Ja, diese Woche fährt er zwei Tage in die Schweiz<<, erzählte Sam und konnte sich einen traurigen Unterton einfach nicht verkneifen.

>>Das wird schon wieder....ich meine er wird doch nicht immer so viel arbeiten.<<

>>Hoffentlich...<<

Während Sam seufzte, stand Bastian auf und kam wenig später mit einem neuen Stück Schokoladenkuchen wieder.

>>Hier<<, meinte er und hielt Sam den Teller unter die Nase.

>>Und falls du fett wirst, verstecken wir dich einfach solange vor Chris, bis du wieder schlank bist, was nicht schwierig sein dürfte, da er sowieso nie da ist.<<

Sich dem Galgenhumor hingebend, lachte Sam und genoss ihren Kuchen.

 

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>>Findest du mich eigentlich hübsch?<<, wollte das hellblonde Mädchen mit den schulterlangen Haaren wissen und rekelte sich lasziv vor den großen, antiken Spiegel.

>>Du stellst dumme Fragen<<, stellte Elay seufzend fest und ließ seinen Blick weiterhin auf den Seiten des Buches in seiner Hand ruhen.

>>...und es überrascht mich leider keineswegs<<, fügte er noch hinzu, leiser als zuvor, aber genauso genervt.

>>Was?<<

>>Nichts.<<

Ohne weiter nachzufragen, ging sie auf ihn zu und setzte sich auf seinen Schoß.

>>Mir ist langweilig!<<

Eigentlich hätte er große Lust gehabt, sie einfach rauszuschmeißen, aber leider konnte er es sich nicht leisten, seinen Besuch zu verstimmen. Es hatte lange genug gedauert, wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Leise murrend legte er das Buch zur Seite.

>>Was willst du denn machen?<<

Sie fuhr mit der Fingerspitze langsam die Konturen seines Oberkörpers nach und legte dann ihr Lippen auf seinen Hals. Ohne auch nur annähernd auf ihre Annäherungsversuche zu reagieren, stand er auf und hätte das Mädchen dabei beinahe auf den Boden fallen lassen.

Er hatte keine Lust schon wieder mit ihr zu schlafen, zumal sie mittlerweile mehr als langweilig für ihn geworden war. Sie war genau der Typ Mädchen, die er verabscheute, dumm, keine Manieren, arrogant und aufgrund ihrer familiären Verhältnisse privilegierter als die Meisten – was nichts anderes hieß als eingebildeter als die Meisten. Leider war es eben diese Privilegierung, die ihn daran hinderte, sie einfach rauszuschmeißen.

>>Hey! Ich dachte du findest mich hübsch!<<

>>Entschuldige bitte, aber ich würde lieber lesen.<<

>>Du und deine Bücher! Du warst schon immer ein Bücherwurm!<<

Kichernd legte sie sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein.

Es kostete ihn Überwindung nichts zu erwidern, was sie beleidigt hätte.

>>Kommst du am Wochenende mit zu meinem Tennismatch?<<, wollte das Mädchen wissen, während sie durch die Kanäle zappte.

>>Nein.<<

Sie stutze und setzte ein finsteres Gesicht auf.

>>Wieso?!<<

Er konnte ihr schlecht erklären, dass er sie am Wochenende bereits nicht mehr benötigen würde, da er lediglich bis zum Ende der Woche Kontakt mir ihr halten musste.

>>Am Wochenende hab ich zu tun.<<

>>Was denn?<<

>>Familienangelegenheiten.<<

>>Mit deinem Bruder?<<

>>Ja.<<

>>Ich finde er sollte sich bei uns bedanken! Schließlich hat er es dir und mir zu verdanken, dass mein Vater einen Teil seiner Kunstsammlung dem Auktionshaus verkauft, indem er arbeitet<<, meinte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Elay nickte und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

>>Ja, er sollte sich bedanken....<<

>>Hättest du mich nicht gebeten, dass ich meinen Vater darum bitte, hätte er niemals die Gelegenheit bekommen, sich so schnell nach oben zu arbeiten!<<

>>Ich weiß...das war übrigens sehr nett von dir.<<

>>Ich habs für dich getan<<, säuselte sie und machte Elay schöne Augen.

>>Eins versteh ich aber nicht...wieso sollte mein Vater darauf bestehen, dass dein Bruder bei der Schätzung dabei ist? Ich meine jetzt muss er extra zu unserem Anwesen in der Schweiz fahren.<<

>>Weil ich finde, dass Christian es verdient hat mal wieder raus zu kommen – Weg von zuhause.<<

Verständnislose Blicke musterten ihn, als er aufstand und auf sie zuging.

Eigentlich konnte er froh sein, dass sie hier war. Er kannte sie aus seiner Schulzeit und war damals ein paar Wochen mit ihr zusammen gewesen. Aus dieser Zeit wusste er auch noch, dass ihr Vater ein großer Kunstfan war und ständig mit den verschiedensten Werken handelte. Noch nie hatte sich einer seiner scheinbar sinnlosen Kontakten als nützlicher erwiesen.

Er hatte in den letzten Tagen viel Zeit mit diesem Mädchen verbrach, obwohl er in Gedanken ständig bei einer Anderen war.

Mit einem Lächeln auf den Lippen hob er sie schließlich hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Er war ihr wirklich etwas schuldig und nachdem ihn die Vorfreude auf das Ende dieser Woche übermannt hatte, hatte er auch Lust seine Schuld zu begleichen. Hübsch war sie schließlich wirklich und irgendwie sah sie ihr auch ähnlich.

 

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