KÜSS MICH JETZT

INHALT

Kapitel 1

Jedes Ende ist ein Anfang

Kapitel 2

Feierlaune

Kapitel 3

Vorfreude

Kapitel 4

Ein Traum in Weiß

Kapitel 5

Schön, schöner, Nicole

Kapitel 6

Happy Birthday Bastian

Kapitel 7

Katerstimmung

Kapitel 8

Schockzustand

Kapitel 9

Tausendmal berührt

Kapitel 10

Wie Hund und Katz

Kapitel 11

Freundschaft und Liebe

Kapitel 12

E wie Ende P wie Party

 

 

 

Kapitel 1

Jedes Ende ist ein Anfang

 

 

Dicke Regentropfen prasselten unaufhaltsam auf die Windschutzscheibe ein, während im Radio BJ Thomas passenderweise die Selbigen besang. Die Straßen waren überschwemmt und machten das Autofahren zu einer reinen Tortur. Konzentriert versuchte Matthias den Wasserschleier, der sich aufgrund eines überforderten Scheibenwischers gebildet hatte, wegzustarren, um den weiteren Straßenverlauf zumindest erahnen zu können.
Obwohl sich der silberne Opel gerade mal mit 30 km/h über die Landstraße bewegte und der braunhaarige Fahrer vorsichtiger nicht sein konnte, zog Pia bei jeder Kurve scharf die Luft ein. Sam hatte ihre Freundin auf den Rücksitz verbannt, da ihr selbst auf der Rückbank immer übel wurde. Eine denkbar schlechte Entscheidung in Anbetracht der Tatsache, dass Pia sich nun penetranter Weise durch die Mitte nach vorne gebeugt hatte und die Straße mindestens genauso konzentriert musterte wie Matthias. Glücklicherweise, hatte sie wegen dem Regen aufgehört, ständig von hinten an Matthias Hals und Haaren herumzufummeln und dabei quietschende Geräusche von sich zu geben – dank des Wetterumschwungs, war sie nun nur noch passiv nervend.
Die Drei waren schon seit über zwei Stunden unterwegs und näherten sich nur langsam, der von Sam so lang herbeigesehnten Zivilisation. Die letzten zwei Wochen in Bauernhausen waren eine Mischung aus
Science Fiction und wirklich schlechter Seifenoper. Die Gartenzwerge vermehrten sich auf mysteriöse Weise und Pia und Matthias versuchten ständig, den jeweils Anderen, noch eine Spur dämlicher anzugrinsen als sie es sowieso schon taten. Natürlich hatte Pia versucht, Sam so gut es ging nicht das Gefühl zu geben, das dritte Rad am Wagen zu sein, doch ihre Bemühungen scheiterten stets an zwei schokoladenbraunen Augen und der Tatsache, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne begrenzter war, als die eines Achtjährigen mit ADS-Syndrom.

Sam war froh, dass es nun endlich in Richtung Heimat ging.
Matthias hatte sich bereit erklärt, die beiden Mädchen nachhause zu fahren. Natürlich hatte Pia ihn dazu

breitgeschlagen, um den Abschied - der irgendwann

unweigerlich bevorstand - noch ein wenig

hinauszuzögern.


Der plötzliche Platzregen verflüchtigte sich allmählich und Pia konnte sich endlich wieder entspannen und sich abermals Matthias' Nacken widmen. Der Braunhaarige schnurrte wie eine Katze und genoss sichtlich jede Berührung. Sam versuchte das schnulzige Schauspiel so gut es ging zu ignorieren und schaute zum zwanzigsten Mal an diesem Tag auf ihr Handy.

>>Hast du eine SMS von Chris?<<

Pias Stimme ließ Sam kurz aufschrecken und sich sogleich auch ein wenig ertappt fühlen. Seit Chris nachhause gefahren war, um seinem Ferienjob im Museum nachzugehen, hatten sie nur noch telefonisch Kontakt. Er meldete sich jeden Abend und auch meistens morgens vor der Arbeit, nur heute hatte der Blonde noch nichts von sich hören lassen, was in Sam eine unerwünschte Zwangsneurose auszulösen schien, die sie dazu nötigte, alle fünf Minuten auf ihr Handy zu starren.
>>Nein, hab ich nicht<<, antwortete Sam kurz und knapp und hoffte, dass sich das Thema damit auch erledigt hatte.
>>Hat er sich heute denn schon gemeldet?<<, hakte Pia nach und lehnte sich abermals penetrant nach vorne.
>>Nein.<<

Die Braunhaarige stutzte.

>>Aber gestern Abend habt ihr doch telefoniert, oder?<<
>>Ja.<<
Sam hatte Chris gestern noch erzählt, wie sehr sie sich auf zuhause freuen würde. Eigentlich hätte es ihr nichts ausgemacht noch ein paar Tage länger mit Matthias und Pia herumzuhängen und auch ihr Vater und Sophie erwiesen sich in letzter Zeit als eine durchaus erträgliche Gesellschaft, aber die Tatsache, dass Chris ihr versprochen hatte, sie übers Wochenende zu sich zu holen, wenn sie wieder zuhause war, ließ eine baldige Heimfahrt mehr als attraktiv erscheinen. Pia hatte Sam von Chris' Versprechen nichts erzählt. Sie neigte zu sehr dazu, Sam als eine schmachtende, vor Sehnsucht zergehende Romantikerin darzustellen und mit dieser Rolle, wollte sie sich beim besten Willen nicht identifizieren. Dass sie Chris wirklich furchtbar vermisste und am liebsten schon vor einer Woche abgereist wäre, musste sie schließlich niemanden wissen lassen. Auch wenn sie nun die Freundin von Mr. Zahnpastalächeln war, wollte sie einfach nicht in so kurzer Zeit ein Klischee bedienen, dass ihr schon immer zu wider war. Sie konnte ihre Zuneigung auch anders zeigen, als mit quietschenden Geräuschen und perfektioniertem Kuhblick – das war einfach nicht ihr Ding, sondern das von Pia, und das war gut so.
>>Er meldet sich schon noch, hat sicher verschlafen und hatte keine Zeit mehr vor der Arbeit anzurufen<<, kam Matthias seiner Freundin zuvor, die schon mindestens fünfzehn hollywoodreife Gründe für Chris' nicht

getätigten Anruf parat hatte.

>>Ich hab auch nichts Gegenteiliges behauptet<<, gab Sam so gleichgültig wie möglich zur Antwort und richtete ihren Blick auf die vielen vorbeiziehenden Häuser bis ihr das Ein oder Andere schließlich bekannt vorkam.
>>Die Nächste musst du links abbiegen<<, wies Pia Matthias den Weg zu Sam nachhause und zeigte dabei in nur allzu klischeehafter Frauenmanier nach rechts. Grinsend manövrierte der Braunhaarige den Wagen in eine gepflegte Wohnsiedlung mit einem kleinen Park in der Mitte und brachte ihn schließlich vor einer der großen, gläsernen Haustüren zum stehen.
Gespielt verspannt, quälte sich Sam aus dem Auto und stolperte in Richtung Kofferraum, der ihr sogleich den Zugang verwehrte.

>>Hey Matze, dein Auto verweigert sich mir auf eine sehr penetrante Weise!<<

Sam hatte in den letzten Tagen herausgefunden wie sehr Matthias es hasste Matze gerufen zu werden. Eine sehr effektive Methode die Aufmerksamkeit des Braunhaarigen auf sich zu lenken, auch wenn Pia sich, wie jetzt gerade, an ihm zu schaffen machte.
>>Ich komm gleich<<, erwiderte er, während er sich quälend langsam von Pias Lippen löste.
>>Ja, ja, dann mach mal und hilf mir dann den Kofferraum aufzubekommen<<, murrte Sam und verschränkte genervt die Arme hinter dem Kopf.

>>Sehr witzig!<<

Mit einem Ruck öffnete Matthias den Kofferraum und schulterte Sams Tasche.

>>Soll ich dir beim hinauftrage helfen?<<
>>Nein danke, geht schon. Fahrt ihr nur weiter zu Pia und macht dort das, was ihr am Besten könnt.<<
>>Fällt nur mir das auf, oder ist Sammy heute leicht genervt?<<, wollte Matthias wissen und rächte sich auch sogleich für den Kosenamen von vorhin.
>>Ist doch klar, Chris hat sich schließlich noch nicht gemeldet<<, erklärte Pia und klopfte Sam dabei tröstend auf die Schulter.

>>Danke Frau Kallwas!<<

>>Ach komm schon, jetzt schläfst du dich mal richtig aus und heute Abend machen wir mal wieder ein wenig die Stadt unsicher!<<

>>Ich glaube nicht, dass ich heute Abend Lust auf so was habe, aber du und Matthias machen die Stadt bestimmt unsicher genug.<<

>>Stell dich nicht so an, das wird bestimmt ganz toll!<<
>>Dann macht Fotos.<<

>>Überlegs dir, wir sind um halb neun mit Hannes verabredet.<<
Pia hatte sich bereits gestern telefonisch erkundigt, wo heute Abend die Post abging. Sie wollte Matthias unbedingt die Stadt zeigen, oder besser gesagt sie wollte der Stadt Matthias zeigen. Die Braunhaarige neigte dazu, ihre Anhängsel gerne vorzuführen und da die Sache mit Matthias und ihr ernster zu sein schien, als Sam zu Beginn vermutete, musste das Schaulaufen natürlich gut organisiert werden.

>>Ich überleg´s mir<<, lenkte Sam schließlich ein. Auch wenn Pia oft sehr überschwänglich war, es war schön zu wissen, dass es jemanden gab, der einen ständig und überall dabei haben wollte, obwohl man den ganzen Tag eigentlich nur vor sich hin grummelte.
>>Na dann bis später<<, flötete Pia und umarmte ihre Freundin zum Abschied.

>>Macht´s gut und danke nochmal fürs mitnehmen.<<
>>Immer gerne<<, erklärte Matthias und winkte kurz zum Abschied, ehe er den silbernen Opel wieder auf die Hauptstraße manövrierte.

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit blieb Sam alleine zurück. Sie atmete tief durch und erfreute sich ausgiebig an der Tatsache, dass die Wiese hier ganz ohne Gartenzwerge auskam.

 

Mühsam schleppte sich Sam samt Gepäck hinauf in den fünften Stock. Der Lift hatte mal wieder seinen Geist aufgegeben und machte das Erreichen der Dachgeschosswohnung zur reinsten Tortur. Oben angekommen wurde sie bereits erwartet. Ihre Mutter öffnete ihr die Tür und begrüßte sie überschwänglich wie gewohnt.

>>Hallo Sam! Wie war die Fahrt? Hattest du eine schöne Zeit? War der Junge dort unten Pias neuer Freund?<<, sprudelte es aus der Mittvierzigerin heraus während Sam ihr Gepäck in die erstbeste Ecke des Vorzimmers beförderte. Es war beeindruckend wie ihre Mutter es zustande brachte, vom Balkon im fünften Stock, ohne Brille, jedes noch so kleinste Detail zu erspähen, während sie beim Lesen beinahe mit der Nase in der Buchmitte stecken blieb.

>>Hey Mama! Die Fahrt war beängstigend, der Urlaub ebenso und ja, das war Pias neuer Freund, er hat uns nachhause gefahren.<<

>>Was heißt hier beängstigend, ich dachte du hättest dich richtig gut amüsiert, sagt zumindest dein Vater.<<
Sam wich augenblicklich die Farbe aus dem Gesicht, ihr Vater war also eine fiese Petzte, aber das konnte sie schließlich auch sein.

>>Ja, er hat Recht. Eigentlich wars ganz ok. Seine neue Freundin war etwas gewöhnungsbedürftig aber ansonsten.<<
>>Sophie, richtig? Sie arbeitet doch in seiner Firma, oder?<<
Verdammt, Sams Vater verpetzte nicht nur seine Tochter, sondern anscheinend auch gleich sich selbst mit.
>>Ja, sie ist seltsam – steht auf Gartenzwerge und so Zeugs – aber sie ist eigentlich ganz in Ordnung.<<
>>Weißt du, es freut mich, dass dein Vater endlich wieder jemanden gefunden hat. Ich verstehe sowieso nicht, wie er seit der Scheidung für sich selbst gesorgt hat – er kennt ja nicht mal den Unterschied zwischen Spülmaschine und Waschmaschine.<<

Sam musste grinsen, alles was nicht mit Wirtschaft oder Finanzwesen zu tun hatte, war für ihren Vater ein unüberwindbares Hindernis, da hatte ihre Mutter Recht. Obwohl er ein ziemlich kluger Mann war, stellte die Bedienung eines einfachen Bügeleisens ihn vor ein Schier unlösbares Rätsel und wenn man ihn nach der Zubereitungsweise von Spagetti fragte, sah er einen an, als hätte man ihm die Gretchenfrage gestellt.
>>Außerdem hat er mir von deinen nächtlichen Ausflügen erzählt.<<

Sams Mutter musterte ihre Tochter streng, ehe sie sich von ihr ab- und der Kaffeemaschine zuwandte.
>>Achja, was hat er denn erzählt<<, fragte Sam gespielt unschuldig nach, um nichts vorwegzunehmen - vielleicht bluffte ihre Mutter ja nur.

>>Ach Sam, du weißt doch, dass du nicht so einfach mitten in der Nacht weggehen kannst ohne Bescheid zu sagen!<<
>>Ich hab Bescheid gesagt!<<, verteidigte sich Sam, worauf ihrer Mutter sie mit wissenden Blicken strafte.
>>Zumindest meistens...<<, gab sie kleinlaut zu.
>>Dein Vater ist viel zu inkonsequent was dich angeht<<, seufzte die brünette Frau und nippte an ihrem Kaffee. Es dauerte noch ungefähr eine Minute, bis Sams Mutter ihren strengen Blick in eine durchdringend neugierigen verwandelt hatte – soviel zum Thema Inkonsequenz.
>>Willst du mir jetzt freiwillig alles erzählen, oder muss ich weiterhin deinem Vater alles aus der Nase ziehen?<<
>>Es ist halb so spannend,<< spielte Sam die Sache herunter. Ihre Mutter und Pia hatten eines gemeinsam – ihr Hang zu theatralischen Übertreibungen die von einer Überdosis Arztromanen und Telenovelas rührten.
>>Und wie nennt sich das „halb so spannende“ Objekt deiner Begierde?<<

>>Chris.<<

>>Wie alt?

>>23.<<
>>Und ist er intelligent, hübsch?<<

>>Nein, er ist dumm wie ein Esel und dreimal so hässlich<<, seufzte Sam und grinste ein süffisantes Lächeln.
>>Wäre diese Trotzphase nicht schon vor zwei Jahren angebracht gewesen du wirst schließlich bald 18.<<
>>Und was willst du mir damit sagen?<<
>>Naja, es war schließlich abzusehen, dass du bald mal einen festen Freund mit nachhause bringst, du brauchst also keine Angst zu haben, dass ich dir einen Anstandswauwau mit ins Kino schicke, wenn du mir etwas über ihn erzählst.<<

>>Was soll das denn jetzt?!<< plusterte sich Sam auf.
>>Hast du etwa Angst dass ich übrig bleibe! Ich hatte schon Freunde vor Chris!<<

>>Ach und wen, wenn ich fragen darf.<<

Sam stutzte. Hielt sie ihre Mutter tatsächlich für ein spätpubertierendes Mauerblümchen, dass erst mit knapp achtzehn das erste mal Händchen hält?

>>Naja, da waren Patrick und Alex und dieser eine Typ der ständig eine Flasche Wasser mit sich rumgeschleppt hat – wie hieß der noch gleich...<<

>>Und hast du jemals einen von denen länger getroffen als zwei Wochen?<<

>>Klar!<<
>>Und wen genau? Deine erste große Liebe – der Junge mit der Wasserflasche?<<

Sam wusste genau, auf was ihre Mutter hinaus wollte. Es stimmte, dass sie sich nie wirklich mit dem Thema Beziehung auseinandergesetzt hatte. Eigentlich war sie die letzten Jahre damit beschäftigt gewesen, diesem Thema so gut es ging aus dem Weg zu gehen.
>>Na toll, das hebt meine Stimmung jetzt ungemein, danke Mama.<<

>>Das war ja kein Vorwurf Liebes. Das zeigt doch nur, dass du bis jetzt noch nicht bereit warst dich auf eine tiefere emotionale Bindung mit jemanden einzulassen und einfach nichts überstürzt hast.<<

>>Das ist dann jene Eigenschaft die sie bei der Supernany immer als „verhaltensindividuell“ bezeichnen – was so viel heißt wie irre!<<

Sams Mutter seufzte und tätschelte ihrer Tochter über die Wange.

>>Ach Sammy, du siehst das viel zu verbissen. Anstatt dich darüber zu freuen, dass du endlich mal jemanden gefunden hast, den du interessant findest, regst du dich lieber darüber auf, dass es so lange gedauert hat.<<
Sam verschränkte die Arme vor der Brust und grummelte wütend vor sich hin. Sie überlegte wie es sich vermeiden lassen würde, dass Chris ihrer Mutter jemals begegnen würde, um ihm Anekdoten alla „du bist ja ein süßer erster Freund“ oder sonstiges zu ersparen. Dieser Gedanke trieb ihr schon jetzt die Schamesröte ins Gesicht.
>>Ja, ja! Könne wir das Thema jetzt bitte sein lassen? Schließlich hat sich doch endlich einer gefunden der sich erbarmt hat!<<

>>Sagen wir lieber, du hast endlich einen gefunden, den du erlaubt hast, sich zu erbarmen<<, korrigierte Sams

Mutter belustigt ihre Tochter.

>>Schließlich ist dieser Chris nicht der erste der sich für dich interessiert hat. Nimm nur mal Bastian...<<
In diesem Moment braute sich über Sams Kopf eine schwarze cumbulus nimbus zusammen, die eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt hätte.

>>...der arme Kerl läuft dir doch schon so lange hinterher und du hast es immer ignoriert, weil er eben nicht der Richtige für dich war.<<

Sams Synapsen spielten verrückt. Eine Mischung aus Wut und Ärger über ihre eigene Dummheit machten sich in ihr breit.

>>O mein Gott! Kriegt denn jeder Außenstehende mehr von meinem Privatleben mit als ich selbst?! Und überhaupt! Wieso wisst ihr das alle schon so lange und kein Mensch kommt auf die Idee es mir zu sagen!<<
>>Solche Dinge musst du eben selbst herausfinden, es nützt nichts wenn Andere es dir sagen.<<

Sam gestikulierte ihre folgenden Worte aufgebracht mit. >>Das ist ja wie: „Hey, Sams Kopf steht in Flammen, aber sagt es ihr nicht, da muss sie schon ganz von alleine dahinter kommen!“ Wenn mein Kopf verdammt nochmal brennt, dann will ich das doch erfahren!<<
Sams Mutter lachte laut auf.

>>Keine Angst, wenn dein Kopf in Flammen steht, merkst du es garantiert selber.<<

>>Das war mehr sinnbildlich gemeint<<, murrte Sam und beruhigte sich allmählich wieder. Sie wollte jetzt nicht an die Sache mit Bastian denken und schon gar nicht mit ihrer Mutter darüber reden.

>>Er studiert Kunstgeschichte<<, warf Sam nach einigen Sekunden des Schweigens ein, um einerseits das Thema zu wechseln und andererseits die Neugier ihrer Mutter endlich zu befriedigen.

>>Und was will er mal werden?<<

>>Keine Ahnung, ein Kunstgeschichtlicher

wahrscheinlich. Er arbeitet den Rest des Sommers in

einem Museum.<<

>>Großartig. Und wohnt er noch zuhause oder in einer WG?<<
>>Nein, er wohnt alleine.<<

Ein sanfter Schauer durchdrang Sam als sie ergänzte.
>>Schon seit er 16 ist. Seine Mutter ist gestorben und er hat kein sonderlich gutes Verhältnis zu seinem Vater – glaub ich.<<

>>O, dass tut mir leid...<<

>>Ich glaube er kommt ganz gut damit klar.<<

>>Na dann...<<

Das kurze Summen von Sams Handy unterbrach das Gespräch vorerst. Die Blonde bemühte sich, nicht allzu auffällig gespannt, die eingegangene Kurznachricht zu lesen. Ihre von Neugier geprägte Miene verflüchtigte sich jedoch schnell.


Hey Sammy

Du musst heute Abend unbedingt mitkommen! Hat sich

Chris endlich bei dir gemeldet ???

xoxo pia


Abgesehen davon, dass Sam es hasste, wenn Pia SMS im Paris Hilton Stil verfasste, hatte sie absolut keine Lust, ständig daran erinnert zu werden, dass Chris sich heute noch nicht gemeldet hatte – das war ihrer

Verdrängungstaktik mehr als hinderlich.

>>Chris?<<, wollte ihre Mutter wissen und hatte dabei ein fröhliches Grinsen im Gesicht.

>>Nein, Pia<<, antwortete Sam und tippte dabei schnell ein doppeltes „NEIN“ zurück.

>>Führt sie ihren neuen Freund wieder herum?<<
>>Dir entgeht wirklich gar nichts Mama<<, stellte Sam amüsiert fest und fragte sich im Stillen ob alle, oder nur ihre Eltern die Fähigkeit hatten, jede noch so kleine Belanglosigkeit aus dem Leben ihrer Kinder sofort zu erfahren und zu verwerten.

Sam erzählte ihrer sowieso allwissenden Mutter noch von Sev und Matthias und gab ihr noch sämtliche – natürlich mutterfreundlichen – Informationen die sie bis jetzt über Chris gesammelt hatte. Es war beinahe sechzehn Uhr als Sam endlich alle Neuigkeiten losgeworden war und sich fürs erste auf ihr Zimmer verabschiedete.
Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl für Sam, endlich wieder in ihren eigenen vier Wänden zu sein. Sie war schon öfter für eine Zeit verreist gewesen. Das letzte Mal vor drei Monaten, als sie dank einer Sprachreise nach England, kulinarische Alpträume durchleben musste, doch noch nie hatte ihr Zimmer dermaßen einladend auf sie gewirkt. Routiniert ging ihr erster Gang in Richtung Stereoanlage, die so silbern zu glänzen schien wie noch nie zuvor.

Müde von der Fahrt und ausgelaugt von der Unterhaltung mir ihrer Mutter, ließ sich Sam auf ihr Bett fallen, während die Veronicas ihre Revolution besangen.

 

 

Kapitel 2

Feierlaune

 

Das schrille Läuten ihres Handys riss Sam unsanft aus dem Schlaf, den sie scheinbar verfallen war. Verdattert und fluchend drückete sie den eingehenden Anruf weg und drehte sich schlaftrunken auf die andere Seite. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie sich – nun vollends wach – wieder ihrem Handy zuwandte.

Das Erste, was Sam feststelle war, dass es bereits nach zwanzig Uhr war, das Zweite, dass sie immer noch keine Nachricht von Chris hatte und das Dritte, dass der Anruf, den sie gerade eben weggedrückt hatte, von Pia war. Ein seltsames Gefühl – eine Mischung aus Bauchschmerzen und stacheligem Klos im Hals – überkam sie. Es war bereits nach zwanzig Uhr und Chris hatte sich seit über 24 Stunden nicht gemeldet. Normalerweise, rief er spätestens um neunzehn Uhr, wenn er zuhause ankam, an und hing dann mindestens eine Stunde mit Sam am Telefon – heute nichts. Ihre Gedanken begannen, Amok zu laufen und ihr Kopf, sich seltsame Eventualitäten – was Chris' Gründe für seinen nicht getätigten Anruf betraf – auszudenken. Er hatte es vergessen; was soviel bedeuten würde wie, er hätte sie vergessen – dieser Gedanke wurde so schnell er gekommen war wieder verworfen. Er hatte sein Handy im Museum liegen lassen – plausibel. Die Gartenzwerge hatten sich organisiert und ihn verschleppt – nicht sonderlich plausibel, dafür beängstigend.
Ehe Sam sich in noch weitere Möglichkeiten verstrickte und dem Wahnsinn - den Beziehungen scheinbar mit sich brachten - verfiel, rief sie Pia zurück, die sich auch gleich nach dem zweiten Piepsen meldete.

Noch bevor Pia zu Wort kam, sprach Sam eine wirklich ernst gemeinte Warnung aus.

>>Wage es nicht mich zu fragen, ob Chris angerufen hat!<<
>>O~k~e~y<<, gab Pia zurück und biss sich auf die

Zunge.
Sam wusste, dass es wahrscheinlich nicht gerade eine ihrer brillantesten Ideen war, die folgende Frage zu stellen, aber alles erschien ihr im Moment besser, als die ganze Nacht wach zu liegen und sich auszumalen, wie Chris von maskierten Gartenzwergen verschleppt wurde.
>>Kann ich doch nachkommen?<<

>>Klar doch! Wir sind gerade erst angekommen! Unsere halbe Klasse ist da und Matthias kommt richtig gut an und...<<
>>Erzähl mir das vor Ort. Ich bin in einer Stunde da!<<
>>Okay!<<
Ohne groß weiter darüber nachzudenken, machte sich Sam ab unter die Dusche. Vor dem Kleiderschrank brauchte sie nicht länger als zehn Minuten – was anscheinend daran lag, dass sie diesmal niemanden mit ihrem Outfit beeindrucken wollte. Bewaffnet mit ihrer Handtasche, machte sich Sam – nachdem sie ihrer Mutter Bescheid gesagt hatte – auf den Weg zur nahe gelegenen Bushaltestelle.

Kurz vor einundzwanzig Uhr betrat Sam ihr Stammlokal. Bedingt durch die Sommerferien, war die eigentlich relativ geräumige Lokalität an diesem Mittwoch voll gestopfter als an manch einem Samstag.

Sam drängte sich durch den schmalen Eingangsbereich und versuchte Pia und Matthias ausfindig zu machen. Fündig wurde sie schließlich inmitten der Menschentraube bestehend aus ihren - meist weiblichen – Klassenkameraden, die Pia um sich und ihr schönes Anhängsel gescharrt hatte.

>>Hey<<, verkündete Sam ihre Anwesenheit und setzte sich auf den freien Barhocker neben Pia. Die Ansammlung von schmachtenden Mädchen löste sich augenblicklich wieder auf, was Sam zu einem triumphierenden Lächeln bewegte. Ihr Ruf, als Verfechterin der Anti-Blödes-Anhimmeln-Einheit kurz ABH, eilte ihr scheinbar voraus.

>>Na Sam, hat Pia dich doch noch weich gekriegt?<<, wollte Matthias belustigt wissen und nippte an seinem verdächtig klarem Getränk.

>>Ja, außerdem tut es dir gut, dich auch mal mit jemandem zu umgeben, der dich nicht ansieht als wärst du der Prinz aus Cinderella<<, erklärte Sam während sie dem Kellner ihre Bestellung gestikulierte.

>>Und Sammy, bist du in Feierlaune?<<, wollte Pia wissen, die sich an diesem Abend mehr als zurecht gemacht hatte. Ihre braunen Haare waren akribisch genau geglättet, das schulterfreie violette Sommerkleidchen harmonierte mit sämtlichen Accessoires die sie trug und, dass an Matthias' Hand ein dunkelviolettes Lederarmband hing, erschien mehr gewollt als zufällig.

>>Keine Ahnung ob ich in Feierlaune bin, aber ich tu mal so, damit du aufhörst mich so beängstigend fröhlich anzustarren.<<
Sam war zwar wirklich nicht danach, sich einer ausgedehnten Partynacht hinzugeben, aber die laute Musik und die vielen bekannten Gesichter um sie herum, ließen sie eine bestimmte Tatsache verdrängen, die sie um jeden Preis verdrängen wollte. Diesem Plan im Hinterkopf behaltend, prostete Sam erst mal mit Pia und Matthias an.


Das Lokal wurde im Laufe des Abends immer voller. Sam hatte sich nach ungefähr einer Stunde Bitten und Flehen – und ungefähr drei weißen Mischungen – von Pia dazu hinreisen lassen, sich auf der Tanzfläche zu blamieren. Während Pia fröhlich und leicht angesäuselt ihre Hüften kreisen ließ und dazu lautstark den Text von Infinity mitpiepste, suchte Sam nach irgendeiner Entschuldigung die Tanzfläche zu verlassen.

>>Ich geh mal auf´s Klo<<, schrie Sam der zappelten Pia ins Ohr.

>>WAS?<<
>>AUF´S KLO!<<

>>NÖ DANKE, ICH MUSS NICHT.<<

Kopfschüttelnd und mit einer abwertenden Gäste, wandte sich Sam ab und bahnte sich ihren Weg in Richtung Toilette. Genervt lehnte sie sich an die weißen Fließen, als sie feststellte, dass wohl nicht nur das Lokal, sondern auch die Toiletten ziemlich überfüllt waren. Während Sam wartete bis etwas frei wurde, konnte sie einen unglaublich geistreichen Dialog zwischen Nicole Ricci und Paris Hilton lauschen.

Die beiden Blonden hatten sich vor den Spiegeln breit gemacht und dem Anschein nach, vor ihrem Disco Besuch eine Douglas Filiale überfallen, denn neben dem Waschbecken türmten sich Make-up, Eyeliner, Wimperntusche und sogar ein Glätteisen.

>>Ich seh heute so scheiße aus...<<, lallte die eine, während sie anscheinend versuchte sich ihre Haare mit dem Glätteisen in Brand zu setzen.

>>Nein, ich seh scheiße aus!<<, widersprach die Andere und stopfte sich wütend mehr und mehr Watte in ihr Dekolletee. .
>>Du hast wenigstens einen Arsch<<, protestierte die mit dem Glätteisen.

>>Stopf doch Watte rein!<<, schlug die Andere vor und hielt ihr die angebrochene Packung vor die Nase.
Leider blieb Sam der Rest des Gesprächs und der Anblick – einer sich Watte in die Hose steckenden Blondine – verwehrt, da eine der Kabinen endlich frei wurde.


Es dauerte eine Weile bis sich Sam ihren Weg zurück in Richtung Tanzfläche bahnte, wo sich Pia und Matthias ein gar nicht mal zu verachtendes Vorspiel lieferten. Um die Beiden nicht zu stören, aber vor allem um nicht noch mal die Tanzfläche betreten zu müssen, setzte sich Sam wieder an die Bar.

Sich äußert gerissen selbst täuschend, holte sie ihr Handy aus der Tasche um zu sehen wie spät es war. Noch kein Anruf von Chris und es war fünf nach Elf. Wütend und enttäuscht bestellte sie sich noch eine weiße Mischung und versuchte alle Gedanken, die sich um den Blonden mit den blauen Augen drehten abzuschalten. Sie beobachtet Pia und Matthias und versuchte einzuschätzen wie lange es noch dauern würde, bis die Beiden sich endgültig aufgefressen hatten. Der DJ spielte gerade Memory’s als Sam vergebens in ihrer Tasche nach einem Feuerzeug suchte.

>>Na, wieder back from nowhere?<<, vernahm Sam plötzlich eine dermaßen bekannte Stimme, dass selbst der Laute Bass sie nicht daran hindern konnte, denjenigen, der sich gerade vor sie hingestellt hatte zu erkennen.
>>Klar und ich hab Brangelina mitgebracht<<, antwortete Sam, zeigte auf Pia und Matthias und ließ sich dann von Bastian Feuer geben.

>>Na da haben sich ja Zwei gefunden. Wie lange gibst du den Beiden? Zwei Wochen?<<, wollte der Braunhaarige wissen und lehnte sich mit dem Rücken zur Bar.
>>Nein, ich glaube die sind echt ziemlich verschossen ineinander – sagen wir zwei Monate.<<

Sam verdrängte, dass sie eigentlich dachte, Pia und Matthias würden bestimmt eine längerfristige wenn nicht sehr lange Beziehung führen, sie verdrängte schließlich auch, dass Chris nicht anrief und ebenso, dass sie hier mit Bastian plauderte, obwohl ihr letztes Gespräch in einem seltsamen Kuss gipfelte, der Sam mehr als verwirrte. Verdrängung war einfach das Zauberwort des Abends, das alles um soviel leichter zu machen schien.

>>Du siehst ja nicht gerade fröhlich aus. Vermisst du die Landluft?<<, scherzte Bastian und gab beim Kellner eine Bestellung auf.

>>Ja, vor allem die Gartenzwerge. Vielleicht stell ich mir einen ins Zimmer damit ich mich nicht immer so einsam fühle<<, gab Sam sarkastisch zur Antwort und bereute es im nächsten Moment schon wieder.

>>Willst du heute bei mir schlafen, dann musst du dir nicht aus Einsamkeit einen Gartenzwerg ins Zimmer stellen.<<
Sam grinste gequält und versuchte dabei so unberührt wie nur möglich auszusehen. Bastian und sie machten oft solche Scherze, früher – vor dieser Sache. Einige Wochen zuvor, hätte Sam ihn wahrscheinlich mit auf die Tanzfläche gezerrt und zugesehen, wie ihre Mitschülerinnen ihn blöde anhimmelten, sich aber dann doch nicht in seine Nähe trauten, weil Sam dabei war, aber jetzt erschien ihr das irgendwie unangebracht.
>>Mann, du ziehst ja ein Gesicht wie vor der Matheklausur. Hier, ich geb dir Einen aus.<< Bastian streckte Sam einen Tequila entgegen und prostete ihr zwinkernd zu.

Ohne lange zu überlegen, kippte Sam das teuflische Getränk hinunter. Egal wie angespannt die Situation zwischen ihr und Bastian auch war, irgendwie schaffte er es, ihr das Gefühl zu geben, dass dieser Kuss nie stattgefunden hatte. Lässig wie gewohnt lehnte er an der Bar, nickte mit dem Kopf leicht zur Musik und schenkte dem ein oder anderen Mädchen das vorbei ging ein schiefes Lächeln. Er war wirklich ein hübscher Vertreter seiner Art – groß und schlank mit schokoladenbraunen Haaren und tiefbraunen Augen, die mit dichten Wimpern umrandet waren. Durch das enge, schlichte T-Shirt das er trug, zeichneten sich die Konturen seiner Bauchmuskeln verführerisch ab und rundeten das Gesamtkunstwerk Bastian perfekt ab.

All diese Dinge wusste Sam, doch sie waren ihr noch nie wirklich ins Auge gesprungen – bis jetzt.
Panisch riss sie die Augen auf, als sie sich der Tatsache bewusst wurde, dass er schon irgendwie sexy war. Ihr Mund verzog sich und ließ ihren Gesichtsausdruck ziemlich lächerlich erscheinen – was auch Bastian nicht verborgen blieb.

>>Sag mal, hast du gerade einen Schlaganfall?<<
Beinahe hätte sich Sam an ihrer eigenen Zunge verschluckt.
>>Keine Ahnung<<, antwortete die Blonde und wendete ihren Blick von Bastian ab. Irgendwo zwischen Schulende und blümchenverzierten Tapeten, hatten ihr Verstand scheinbar aufgehört rational zu arbeiten. Sam maßregelte sich selbst und dachte an Chris, den Chris, der so ein wunderschönes Lächeln hatte, den Chris, der nicht anrief, den Chris, der ihren Verstand mit einem einzigen Kuss auf Standby schalten konnte und den Chris, der ihr Spitznamen wie „Prinzessin“ verpasste. Egal an welchen dieser vier Chris' sie auch dachte, es half ihr den Schlaganfallblick abzulegen.

>>Irgendwie bist du heute seltsam, Sammy<<, stellte Bastian fest und löcherte Sam mit einem durchdringend fragenden Blick. Die tiefbraunen Augen strahlten in diesem Moment soviel Vertrautheit und Wärme aus, das der Alkohol den Sam intus hatte, beinahe gar nicht nachhelfen musste, das folgende auszusprechen.
>>Chris ruft nicht an.<<

Bastian stutzte merklich, verzog leicht den Mund und lächelte dann mitfühlend.

>>Wie lange schon nicht?<<

>>Seit gestern Abend.<<

>>Hattet ihr Streit?<<

>>Nicht dass ich wüsste, aber anscheinend krieg ich sowieso nichts mit, auch wenn mein Kopf in Flammen steht.<<
>>Und du kriegst jetzt die Krise, weil er sich mal 24 Stunden nicht meldet?<<

Sam nickte wie ein Wackeldackel.

>>Und lässt du dich jetzt in Pia umtaufen oder nennst du dich Pia die Zweite?<<

Wütend funkelte sie Bastian an.

>>Ich bin kein bisschen wie Pia! Ich finde es nur merkwürdig...<<, ergänzte Sam bedrückt und klammerte sich an ihrem Glas fest.

>>Keine Angst, Mr. Aufgeblasen ruft schon an und wenn nicht, finden wir einen neuen Idioten für dich<<, scherzte Bastian legte seinen Arm um Sam und drückte sie kurz. Es fühlte sich gut an, warm, vertraut und doch irgendwie anders.
>>Soll ich dich auf andere Gedanken bringen?<<, wollte er wissen und ließ wieder von Sam ab.

Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Inneren auf.
>>NEIN!<<, rief sie und trat einen Schritt zurück. Bastian lachte auf und machte eine abwertende Gäste.

>>Keine Angst. Ich wollte dir nicht meine Zunge in den Hals stecken, sondern dich nur fragen ob du Samstagabend zu meiner Geburtstagsfeier kommst. Ich hab einige Leute von der Schule eingeladen und Brangelina kommen auch.<<

Sam schämte sich für die Vermutung, die sie zuerst hatte und lief in Anbetracht der Tatsache, dass Bastian ihren Gedanken wohl mitbekommen hatte, purpurrot an. Sie musste wirklich schleunigst damit aufhören sich aufzuführen wie eine Irre.

>>Klar komm ich. Muss ich dir was schenken?<<
>>Natürlich! Einzig allein am Preis deines Geschenkes kann ich doch erkennen, wie groß deine Freundschaft ist – wie sollte ich das sonst herauskriegen?<<

Sam lachte und wollte sich gerade etwas neues zu trinken bestellen, als ihre Tasche plötzlich ein Eigenleben entwickelte. Es dauerte einige Sekunden bis Sam registrierte, warum das zusammengenähte Leder wie verrückt vibrierte.

>>Entschuldige mich!<<, rief sie Bastian noch zu ehe sie sich hastig den Weg nach draußen bahnte. Vor dem Lokal kramte Sam hektisch ihr Handy aus der Handtasche. Ohne noch einmal Luft zu holen, nahm sie den Anruf entgegen.
>>Hallo?!<<
>>Hallo Prinzessin<<, tönte es am anderen Ende beinahe Engelsgleich. Sam rankte nach Luft und versuchte so ruhig und gelassen wie nur möglich zu klingen – sie saß zwar in den letzten Stunden auf glühenden Kohlen, doch eher würde sie die Kohlen essen, als Chris in ihre Qualen einzuweihen.

>>Hey, alles klar bei dir?<<, fragte Sam gespielt cool auch wenn sie am liebsten schreiend nach der Begründung des späten Anrufs verlangt hätte.

>>Ehm, ja<<, kam es leicht verwirrt vom anderen Ende.

>>Super, wie war die Arbeit?<<, erkundigte sich Sam und klang dabei ungewollt gereizt.

>>Nicht so berauschend.<<

>>Wieso? Haben sie dir die Bilder vor der Nase weggeklaut?<<

Chris lachte ein gequältes Lachen.

>>Nö, aber einen ganzen Haufen Geld. Sag mal wo steckst du eigentlich, es ist so laut im Hintergrund.<<

>>Ach, ich hab mich von Pia dazu breitschlagen lassen heute Abend auszugehen. Was ist mit dem ganzen Haufen Geld passiert?<<

Am anderen Ende war es kurz still, eher Chris seufzend zu berichten begann.

>>Naja, wir hatten ein mächtiges Problem mit unserer Kassa – zweitausend Euro Abgang, und keine Idee wieso.<<

>>Ich dachte du machst dort die Führungen. Gibs zu, in Wirklichkeit sitzt du am Eingang - als riesiger Bilderrahmen verkleidet – und verkaufst Tickets.<<

Chris lachte – diesmal herzhaft.

>>Nein, aber der Junge der wirklich für die Kassa verantwortlich ist – und im Übrigen nicht als übergroßer Bilderrahmen herumrennt – hat fast einen Nervenzusammenbruch bekommen und da hab ich ihm geholfen die ganzen Belege noch mal durchzugehen. Eigentlich war es nur ein Fehler in der Buchhaltung, aber es hat ewig gedauert bis wir ihn gefunden hatten.<<

Sam musste ihr Gehirn zwingen trotz der Wörter Buchhaltung und Belege nicht in den Schlafmodus umzuschalten, doch die endlose Freude darüber, das Chris angerufen hatte und einen wirklich triftigen – wen auch langweilig intellektuellen - Grund hatte nicht anzurufen, verhalf ihr hellwach zu bleiben.

>>Es tut mir Leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe, aber heute Morgen hab ich verschlafen und hätte mich beinahe mit meinem Auto auf einen Kampf gegen eine Betonsäule eingelassen – die sind verdammt aggressiv zu dieser Jahreszeit. Nach der Arbeit wollte ich dich auch gleich anrufen, aber der heulende BWL-Student an der Kassa hat mich dann aufgehalten.<<

>>Schon in Ordnung, kein Problem<<, gab Sam gelassen zur Antwort, während ihre Gefühle in ihrem Inneren einen Freudentanz, aufgrund der nachvollziehbaren und gar nicht gruseligen Begründung, aufführten.

>>Wirklich?<<, wollte Chris wissen.

>>Wirklich!<<,

>>Wenn du dich solange nicht gemeldet hättest, wär ich wahrscheinlich ausgetickt und hätte mich mit Gummibärchen und Wodka angefüllt.<<

>>Was soll ich sagen, ich bin eben cooler als du<<, stellte Sam heuchelnd aber lächelnd fest während sie sich in Gedanken den Plan mit den Gummibärchen und dem Wodka fürs nächste Mal notierte.

>>Wo bist du noch mal?<<

>>Mit Pia und Matthias in der Stadt.<<

>>Und wie geht’s den Beiden?<<

>>Liefern sich mittelschwer angetrunken auf der Tanzfläche ein Vorspiel.<<

>>War ja klar. Und was machst du in der Zwischenzeit?<<

>>Es sind noch ein paar andere Leute hier die ich kenne.<<

Sam war diese Frage mehr als unangenehm, warum auch immer. Sie hatte eigentlich keinerlei Anlass Chris irgendetwas zu verschweigen, aber sie erzählte trotzdem nichts von Bastian – was ihr Gewissen dazu brachte sich selbst zu geißeln.

>>Aha…und was machst du morgen Abend?<<

>>Keine Ahnung, auf alle Fälle Pia und ihre Vorschläge ignorieren.<<

>>Und könntest du dir vorstellen, das in meinem Auto zu tun?<<

Sam stutzte. War es der Alkohol der sie daran hinderte zu verstehen auf was Chris hinauswollte? Jedenfalls war es der Alkohol, der sie zum folgenden – wenig eloquenten Fragewort bewegte.

>>Hä?<<

>>Naja, wenn du nichts dagegen hast, würd ich dich gern morgen nach der Arbeit abholen. Du könntest übers Wochenende bei mir bleiben, Sonntag Vormittag muss ich zwar arbeiten aber …<<

>>Ja!<<, quietschte Sam und lief im nächsten Moment rot an. Sie musste unbedingt aufhören, sich wie ein hyperaktives Kleinkind zu benehmen.

Chris lachte am anderen Ende.

>>Also kann ich dich morgen so gegen sieben abholen?<<

>>Sicher, danke für die Einladung.<< bedankte sich Sam mit beherrschter Stimme.

>>Du musst mir nicht danken, das ist reiner Eigennutzen. Irgendwie muss ich dich schließlich von diesem Idioten mit dem Porsche wegbekommen, wenn du das ganze Wochenende mit ihm abhängst muss ich mir so schnulzige Lieder wie „I will always love you“ anhören und ich bin doch ein Mann – das wär mehr als peinlich.<<

Sam lachte etwas hysterisch in Anbetracht der Tatsache, dass Chris genau wusste mit wem sie heute Abend geplaudert hatte.

>>Keine Angst, ich werd dir bestimmt keinen Anlass geben deine Männlichkeit durch irgendwelche Schnulzen einzubüßen.<<

>>Das dachte ich mir schon. Also geht das mit dem Wochenende klar?<<

>>Ja, soll ich irgendwas mitbringen? Bettwäsche oder so?<<

>>Ja, am besten einen Schlafsack, Dosengerichte und dein eigenes Klopapier – du fährst nämlich in ein dritte Welt Land<<, scherzte Chris.

>>Sehr witzig, also brauch ich nichts?<<

>>Du musst nur dich mitbringen, Prinzessin – und vielleicht einen Satz frische Unterwäsche und deine Zahnbürste – das wär sonst nämlich irgendwie widerlich.<<

>>Geht klar.<<

>>Na dann lass ich dich mal weiter Party machen – oder wie ihr jungen Leute das heutzutage nennt.<<

>>Keine Ahnung wie sich das nennt was ich mache, aber Party bestimmt nicht. Ich werd mich sowieso bald ins nächste Taxi setzten und nachhause fahren. Ich sag vorher nur kurz Pia bescheid.<<

>>Schreibst du ne SMS wenn du zuhause bist?<<

>>Klar.<<

>>Na dann sehen wir uns morgen, wenn ich dich abhole.<<

>>Wenn der Typ an der Kassa nicht schon wieder einen Nervenzusammenbruch erleidet.<<

>>Selbst wenn das Museum morgen plötzlich in eine mittelalterliche Parallelwelt gezogen wird, steh ich punkt sieben Uhr vor deiner Tür – möglicherweise in einer Ritterrüstung aber ich werde da sein.<<

>>Na dann bis morgen Sir Chris.<<

>>Bis morgen Prinzessin.<<

Ein erleichterndes seufzen entkam Sam, als sie das Handy zurück in die Handtasche steckte. Jetzt, wo sie ihre Verdrängungstaktik nicht mehr benötigte, konnte sie den Schlaganfallblick endgültig ablegen. Mit einer Überdosis Chris im Hirn betrat Sam wieder das Lokal. Bastian stand noch immer an der Bar, nur das nun eine kleine Blondine versuchte ihn mit ihrem Ausschnitt zu hypnotisieren.

>>Na, war das Mr. Schön?<<, wollte der Braunhaarige wissen und fiel dem Mädchen, das vor ihm stand anscheinend gerade mitten ins Wort, da sie kurz darauf einen wütenden Abgang machte.

>>Ja. Hast du Pia gesehen?<<

>>Nicht mehr seit sie beinahe mit der Nase auf die Tanzfläche geknallt wäre<<, antwortete Bastian und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sam stimmte mit ein und wollte sich gerade auf die Suche nach Pia machen, als Pia sie zuerst fand.

Torkelnd kam sie auf Sam zugestürmt – Sam schwante böses.

>>Sääm!<<, lallte Pia und hielt sich am Arm ihrer Freundin fest. Wenn Pia betrunken war, klang ihre Stimme so sehr nach Minni Mouse, dass man ständig befürchtete, Donald und Mickey würden gleich um die Ecke kommen.

Wenn die quiekende Stimme kein Indiz für Pias übermäßigen Alkoholgenuss gewesen wäre, hätte Sam spätestens der folgende Satz, stark an Pias Nüchternheit zweifeln lassen.

>>Pastian is daaa!<<, teilte sie – so aufgeregt wie Betrunkene eben sein können – mit.

Sam zog die Augenbraun hoch und deutete nach links.

>>Ja, ich weiß. Er steht genau neben mir.<<

Bastian winkte Pia veranschaulichend zu und zauberte damit einen extrem verwirrten Ausdruck auf ihr Gesicht.

Pias Informationsstand befand sich scheinbar noch in der Kreidezeit.

Kopfschüttelnd griff sich Sam die verwirrte Pia und platzierte sie auf dem Barhocker zwischen ihr und Bastian.

>>Passt du mal kurz auf die Winzerkönigin auf. Ich geh und such Matthias, der soll sie nachhause bringen<<, murrte Sam und ließ Pia bei Bastian zurück.

Es dauerte nicht lange, bis sie Matthias inmitten vieler bekannter Gesichter ausgemacht hatte. Beherzt packte sie den Braunhaarigen am Arm und zog ihn hinter sich her.

>>Du solltest echt besser auf deine Freundin aufpassen! Was hat die denn bitte alles getrunken?<<

>>Nicht übermäßig viel, zuletzt zwei Aperol...<<

>>Aperol verträgt sie nicht, aber sie trinkt ihn gerne.<<

>>Sorry, das wusste ich nicht, sie wollte nur kurz nach dir suchen und weg war sie.<<

Pia sprang Matthias überschwänglich entgegen und wäre beinahe wieder auf den Boden geknallt, hätte Bastian sie nicht am Arm erwischt.

>>Bring sie nachhause und pass auf, dass sie nicht wieder abhaut<<, meinte Sam und wendete sich Pia zu.

>>Hey Pia, Matthias bringt dich nachhause, wir reden dann morgen früh, wenn du den Alkohol verfluchen wirst.<<

>>Ok Sammy<<, sprach Pia einsichtig und ließ sich widerstandslos von Matthias abtransportieren.

Bastian und Sam blieben zurück, machten sich aber kurze Zeit später auch auf den Weg zum nächsten Taxistand.

>>Und, hatte er eine gute Ausrede parat?<<, wollte Bastian wissen, klang dabei aber eher desinteressiert.

>>Ja, eine verdammt gute, buchhalterische Ausrede.<<

>>Und jetzt schwebst du wieder auf Wolke sieben?<<

>>Wenn du es so nennen willst.<<

>>Das ist schön<<, stellte Bastian fest.

Es war nicht zu fassen, dass Sam es nicht fertig brachte, ihren besten Freund auch so zu behandeln und das obwohl er sich die größte Mühe zu geben schien.

>>Bastian?<<

>>Samira?<<, äffte der Braunhaarige den ernsten Tonfall von Sam nach die plötzlich kurz stehen geblieben war.

>>Tut mir leid, wenn ich mich dir gegenüber seltsam verhalte, aber ich verspreche dir, irgendwann krieg ich das alles auf die Reihe und dann wird wieder alles…einfacher.<<

>>Wenn du meinst. <<

>>Ich hoffe es zumindest…<<

Bastian hielt ihr die Tür des Taxis auf, das sie gerade erreicht hatten.

>>Mach dir keinen Kopf Sam<<, versicherte er, schlug mit einem schiefen Lächeln auf dem Gesicht die Autotür zu und verschwand in der Nacht.

 

Zuhause angekommen, bemühte sich Sam ihre Mutter nicht zu wecken und verschwand schnell in ihrem Zimmer. Während sie sich fertig fürs Bett machte, wechselte ihre Stimmung von überschwänglicher Vorfreude bis hin zu beißenden Schuldgefühlen. Irgendwie musste sie es schaffen Bastian und Chris unter einen Hut zu kriegen auch wenn es noch so schwierig war. In Anbetracht der späten Stunde verwarf Sam diesen schwierigen Plan aber vorerst und legte sich ins Bett. Schlaftrunken tippte sie noch die versprochene SMS an Chris in ihr Handy – auch wenn es verlockend gewesen wäre ihn ein wenig zappeln zu lassen.

 

Bin jetzt zuhause und todmüde.

Pia hat einen Totalabsturz erlitten.

Freu mich auf morgen,

schlaf gut und träum schön,

Sam

 

Gähnend drückte Sam auf senden und wollte gerade das Handy ans Kopfende ihres Bettes legen, als ein Piepston sie stutzen ließ. Wenn das Chris war, konnte er aber verdammt schnell in die Tasten hauen.

 

Der Abend war schön, auch wenn dir das Trübsalblasen so gar nicht steht ;) Bitte mach dir keine Gedanken über uns, ich bin glücklich wenn du es auch bist - auch wenn dein Freund ein arroganter Vollpfosten ist

Schlaf gut und träum schön,

Küsschen Basti

 

Sam grinste. Es war schön zu wissen, dass Bastian nicht sauer auf sie war oder sich von ihr irgendwie komisch behandelt fühlte – das war zumindest ein Anfang.

 

Hey Bastian,

ich werd versuchen mir keine Gedanken zu machen. Danke, dass du immer da bist, auch wenn ich mich merkwürdig verhalte. Schlaf auch gut (und er ist kein Vollpfosten, du kennst ihn eben nicht!! :))

 

Ein letztes mal in dieser Nacht, gab Sams Handy ein Piepsen von sich.

 

Freu mich, wenn ich dich dann morgen endlich bei mir hab,

Kuss Chris

PS: Zahnbürste nicht vergessen!

 

Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen gab Sam schließlich dem starken Drang nach Schlaf endlich nach.

 

 

Kapitel 3

Vorfreude

 

Sie träumte einen seltsamen Traum. Sie saß wieder im Taxi, diesmal mit Bastian der seinen Arm um sie gelegt hatte. Sam seufzte, sie wusste, Chris hatte nicht angerufen – oder doch? Jedenfalls stimmte sie der Gedanke an ihn traurig. Irgendetwas war schief gelaufen und jetzt saß sie mit Bastian im Taxi.

Sie sah aus dem Fenster und versuchte irgendetwas zu erkennen – vergebens. Im nächsten Moment waren sie auch schon in Bastians Zimmer, das eigentlich aussah als wären sie wieder in Bauernhausen gelandet. Die blümchenverzierten Tapeten, die kitschige Einrichtung, alles erinnerte an das Landhaus.

Sam spürte, wie sie von hinten von Bastian in den Arm genommen und am Hals geküsst wurde. Es fühlte sich so gut an, und er roch einfach himmlisch. Seine Hände waren weich aber bestimmend und der Rest des Traumes war eindeutig nicht mehr Jugendfrei.

 

Sam wachte schweißgebadet gegen halb zwölf Uhr mittags auf. Sie verfluchte sich dafür, dass sie anscheinend ein Traumflittchen war und stieg erstmal unter die Dusche. Das warme Wasser schwemmte auch die Schuldgefühle ein wenig weg und schaffte Platz für das Kribbeln im Bauch, das sich immer dann breit machte, wenn sie sich auf irgendetwas besonders freute.

Sam ließ sich im Bad ungewöhnlich viel Zeit, ebenso vor dem Kleiderschrank. Aus irgendeinem rätselhaften Grund, bestand ihr gesamtes Arsenal an Klamotten aus Jeans und T-Shirts mit dubiosen Aufdrucken. Nichts schien auch nur annähernd angemessen für den heutigen Abend.

Frustriert musste sich Sam eingestehe, dass es wohl oder übel an der Zeit war, den Kleiderschrank ihrer Mutter zu plündern. Dieser war mehr als prall gefüllt und ließ wirklich keine modetechnischen Wünsche offen. Sam hätte ihre Mutter in diesem Moment für ihren guten Geschmack knutschen können.

Sie entschied sich – entgegen ihrer eigentlichen Gewohnheiten – für ein dunkelblaues Kleid, das hinten beim Hals zusammengebunden wurde und genau der Farbe ihrer Augen entsprach. Es endete ein Stück über den Knien und war einfach wie für Sam gemacht.

Begeistert von ihrem neu errungenen Modebewusstsein, packte sie noch zwei andere Sommerkleidchen mit in den Koffer. In Kombination mit ihren Jeans, den Hotpants und dem einzigen Rock den sie besaß, war sie für jede kleidungstechnische Eventualität gewappnet.

Als ihr Koffer gepackt war und sie sich oft genug versichert hatte, dass sie genügend Unterwäsche dabei hatte, genehmigte sie sich erstmal etwas zu essen. Ihre Mutter war im Büro, hatte aber wie immer etwas zu essen für ihre Tochter im Kühlschrank hinterlassen.

Während sich Sam die aufgewärmten Nudeln zu Gemüte führte, beschloss sie, schnell mal bei Pia anzurufen, um sich zu erkundigen, wie es ihr nach dieser feucht fröhlichen Nacht ergangen war.

Es dauerte eine Weile, bis Pia den Anruf entgegennahm.

>>Hey Sam.<<

>>Hey Pia, alles klar bei euch?<<

>>Geht so und bei dir?<<, murrte sie und hörte sich dabei ziemlich verkatert an.

>>Chris holt mich heute ab.<<

>>WAS?! Das ist ja super! Wann hat er sich gemeldet? Wieso hat er sich so lange nicht gemeldet?<<

In Pia schienen die Lebensgeister wieder zu erwachen.

>>Er hat gestern noch angerufen, kurz bevor Mattias dich nachhause gebracht hat. Die hatten im Museum irgendeinen Fehler in der Buchhaltung – langweiliger Mist eben – und das hat ihn solange aufgehalten.<<

>>Und jetzt holt er dich übers Wochenende zu sich, das ist ja soo romantisch! Weißt du schon, was ihr machen werdet?<<

>>Keine Ahnung, aber ich freu mich trotzdem<<, gab Sam grinsend zu und stopfte sie noch ein paar Nudeln in den Mund während Pia eine unnötige Liste von Dingen aufstellte, die Sam und Chris am Wochenende machen könnten.

Nach einem schier endlosen Gespräch über Pärchenaktivitäten und Matthias’ Vorliebe für Sex unter der Dusche beendete Sam schließlich das Gespräch.

Es war viertel vor drei als sie endgültig alle Formalitäten für ihr Wochenende bei Chris erledigt hatte. Ihr Koffer stand gepackt im Vorzimmer und sie selbst sah richtig gut aus – auf eine sehr mädchenhaft ungewohnte Art. Jetzt musste Sam nur noch irgendwie die restlichen vier Stunden mit sinnlosen Aktivitäten füllen, damit sie nicht ständig von Spiegel zu Spiegel rennen musste um sich selbst zu bemängeln.

Sie entschied sich für die gebräuchlichste Methode Zeit totzuschlagen – fernsehen. Leider hatte Sam nicht bedacht, dass Nachmittags die gesamte Fernsehwelt von verhaltensindividuellen Menschen bestimmt wurde, die sinnfrei durchs Leben torkelten und dabei von einem äußerst sadistisch veranlagten Kamerateam begleitet wurden – kurz Aso-TV.

Die Stunden wollten und wollten nicht vergehen, aber irgendwann mussten sie sich schließlich doch geschlagen geben und den Gesetzen der Physik folge leisten.

Es war kurz vor dreiviertel sieben und Sam stand vor dem Aquarium im Wohnzimmer und zählte die Fische um sich davon abzuhalten im Flur auf und ab zu rennen wie ein kleines Mädchen das auf den Eismann wartete.

Pia hatte in der Zwischenzeit achtzehn Mal geschrieben. Sie philosophierte via SMS darüber, warum Sam in Chris so verschossen war – wobei zehn der achtzehn SMS eigentlich von Matthias’ Hintern handelten.

Die Klingel ließ Sam´s Herz kurz aufhüpfen. Beinahe lautlos rannte sie zur Tür. Es war eine gefühlte Ewigkeit her, seit sie Chris zum letzten Mal gesehen hatte. Sie konnte es kaum erwarten wieder in diese unglaublich blauen Augen zu schauen und auch das Zahnpastalächeln hatte sie mehr als vermisst. Langsam öffnete sie die Haustür und blickte in das fröhliche Gesicht ihrer Mutter.

>>Ah, du bist´s<<, bemerkte Sam leicht enttäuscht und ließ ihre Mutter herein.

>>Hallo Schatz, gut du bist noch da…und du trägst mein Kleid<<, stellte die brünette Frau fest und machte dabei große Augen.

>>Du siehst fabelhaft aus Sammy! Das Verliebt sein tut nicht nur dir, sonder auch deinen Kleidungsstil richtig gut. Ich habe schon befürchtet, die Jeans seien an deinen Hintern festgewachsen<<, scherzte Sams Mutter und machte sich auf den Weg in die Küche um Kaffee aufzusetzen.

>>Sehr witzig Mama, ich hab mir übrigens noch zwei Kleider von dir ausgeliehen.<<

>>Schon in Ordnung. Wann kommt Chris denn um dich abzuholen?<<

>>Gegen sieben.<<

>>Findet er denn hierher?<<

>>Ja, ich hab ihm die Adresse fürs Navi geschickt.<<

In dem Moment, als Sam ihren letzten Satz beendet hatte, klingelte es wieder.

Sam wollte gerade Richtung Tür laufen, als sie noch einmal auf dem Absatz kehrt machte.

>>Hey Mama, bitte keine peinlichen Geschichten über mich oder den Jungen mit der Wasserflasche! Und erwähn Bastian bloß nicht!<<

>>Keine Sorge, ich bin der Inbegriff der Coolness!<<, versicherte ihre Mutter lachend und linste ihrer Tochter neugierig auf den Flur nach.

Diesmal fackelte Sam nicht lange und öffnete schwungvoll die Tür. Im Rahmen lehnte ein lächelnder Chris, dessen Augen tiefer und blauer aussahen, als jemals zuvor. Er trug ein dunkelblaues, enges T-Shirt und hellblaue Jeans und wirkte fast so, als würde er jeden Moment ein Fläschchen Parfum aus der Tasche ziehen, um dafür Werbung zu machen.

>>Pünktlich auf die Minute, aber du trägst keine Ritterrüstung – das enttäuscht mich irgendwie<<, bemerkte Sam und strahlte dabei über beide Ohren.

>>Ich hab mir gedacht, ich heb mir die Ritterrüstung für heute Abend auf<<, scherzte Chris und formte seine wunderschönen Lippen zu einem Lächeln. Noch während Sam ihren mittlerweile perfektionierten Kuh-Blick zum Besten gab, drückte Chris ihr einen sanften Kuss auf den Mund. Er roch so verführerisch gut, dass Sam einfach nicht aufhören konnte zu grinsen. Wenn sie in diesem Moment nur ansatzweise dazu in der Lage gewesen wäre, rational zu denken, hätte sie sich eingestehen müssen, dass das mädchenhafte Anhimmeln von schönen Jungs, nichts weiter war als eine natürliche Reaktion – vergleichbar mit dem Schlucken nach dem Kauen, aber zum Glück hatte sich ihr Verstand bereits hinter vielen rosa Wölkchen versteckt.

>>Na Prinzessin, bist du abreisefertig?<<

>>Ja, schon alles gepackt.<<

Chris stand noch immer im Türrahmen und beobachtete Sam neugierig.

>>Willst du mich reinlassen, oder hast du da drinnen irgendwas verbotenes versteckt?<<

>>Oh, ja klar. Komm rein!<<

Sam machte einen Schritt zur Seite und Chris somit den Weg in die Wohnung frei.

>>Willst du einen Kaffee? Ich glaub meine Mutter hat gerade einen aufgesetzt.<<

>>Nein danke, so spät trink ich keinen Kaffee mehr. Deine Mutter ist da?<<

>>Ja.<<

>>Und sollten wir dann nicht mal „Hallo“ sagen?<<

>>Nö, hab ich schon gemacht<<, meinte Sam nervös und verwarf ihren Plan von gestern, dass ihre Mutter und Chris sich niemals treffen sollten.

>>Vielleicht sollte ich mich vorstellen, schließlich nehm ich ihre Tochter übers Wochenende mit, da ist ein „Guten Tag“ glaub ich nicht zuviel verlangt.<<

>>Nagut, aber glaub ihr nichts, sie ist ein wenig senil.<<

Quälend langsam, trottete Sam in die Küche und Chris hinterher.

>>Hey Mama, das ist Chris. Chris, das ist meine Mama.<<

Grinsend streckte Sams Mutter ihre Hand zum Gruß aus und zwinkerte ihrer Tochter dabei dermaßen auffällig zu, dass diese sich sofort reflexartig abwandte um den Anschein zu erwecken, dass das bestätigende Augenzwinkern nicht ihr galt, sonder als auffälliger psychotischer Schub abgetan werden konnte.

>>Christian O´Shay, freut mich Sie kennen zu lernen<<, stellte sich Chris vor und ließ zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit seine schneeweißen Zähne aufblitzen. Sams Mutter konnte nicht anders, als sich sofort von diesem Gesicht beeindrucken zu lassen – zum Einen, weil Chris’ Lächeln wirklich bezaubernd war, und zum Anderen weil in Chris’ anscheinend ein richtig guter Schleimer steckte.

>>Freut mich auch dich kennen zu lernen, Christian. Sammy hat schon viel von dir erzählt.<<

Ein weiteres Zwinkern in Richtung ihrer Tochter ging mit dem Ende des Satzes einher. Sam beschloss, das Zwinkern diesmal nicht zu ignorieren.

>>Du hast da anscheinend was im Auge, Mama!<<

Quälende Minuten vergingen, in denen Chris erklärte warum sein Nachname so ausländisch klang, und was ihn an Kunstgeschichte so faszinierte. Als das Gespräch gerade drohte, in Richtung Fachblabla über Da Vinci, Van Gogh und anderen toten Männern die Sam in diesem Augenblick herzlich wenig interessierten, abzudriften, beschloss sie, einzuschreiten.

>>Wir sollten jetzt fahren, der Verkehr am Freitag Abend ist immer der totale Horror.<<

>>Fahrt aber vorsichtig! Und vergiss nicht anzurufen, ich will wissen wo du dich so herumtreibst – vor allem wenn du mein Kleid anhast!<<, scherzte Sams Mutter und drückte ihrer Tochter zum Abschied ein Küsschen auf die Wange.

 

Erst als Sam und Chris draußen am Parkplatz standen, konnte die Blonde wieder richtig entspannen und sich wieder ganz der Freude über ihre Gesellschaft hingeben.

>>Deine Mutter ist nett<<, stellte Chris fest während er den Arm um Sam legte und sie ein weniger näher zu sich zog.

>>Naja, du kannst ja auch schlecht sagen; hey, deine Mutter ist furchteinflößend, aber ich mag dich trotzdem.<<

Der Blonde lachte und blieb mit Sam vor der Beifahrertür seines Autos stehen. Geschickt nahm er seine Hand von ihrer Schulter, legte sie auf ihren Rücken und zog sie in seine Arme.

>>Du siehst wirklich unglaublich toll aus<<, hauchte er in Sams Ohr und verweilte mit seinem Mund eine Weile dort. Augenblicklich bildete sich Gänsehaut auf ihren Armen.

>>Ich hab dich vermisst, Prinzessin<<, flüsterte er noch ehe er Sam küsste. Der Kuss war leidenschaftlich und weckte schöne Erinnerungen an Heu und Stroh.

Quälend langsam lösten sich die Beiden zuerst von ihren Lippen und dann aus der Umarmung.

Lächelnd öffnete Chris, Sam die Beifahrertür.

>>May I?<<, frage er in einem dialektbehafteten Englisch und machte eine einladende Geste, der Sam sogleich Folge leistete.

Das Kribbeln im Bauch, blieb ihr die ganze Fahrt über erhalten und ging mit einer rosigen Gesichtsfarbe einher die Sams porzellanartige Züge noch feiner erscheinen ließen.

Aus dem Augenwinkel beobachtete Chris das Mädchen. Sie schien perfekt. Alles an Sam wirkte auf ihn anziehend; ihr Gesicht, ihr Körper, die Art wie sie sich gab, wie sie Sprach und wie sie einfach nur still da saß. In der Zeit in der sie sich nicht gesehen hatten, hatte er oft draußen auf seiner Terrasse gesessen und sich im Stillen gefragt, ob er schon jemals so für ein Mädchen empfunden hatte. Die Antwort war schnell gefunden, denn egal mit wie vielen Frauen er in den letzten Jahren auch zusammen war, es war in keiner Weise mit dem Gefühl zu vergleichen, das Sam in ihm auslöste. Wenn er ehrlich war, hielt er nie besonders viel von Frauen, zumindest von denen mit denen er zusammen war. Sie waren ein Zeitvertreib, ein Hobby – wenn man es so nennen wollte – das schon lange seinen Reiz verloren hatte. Natürlich hatte Chris keinen besonders guten Ruf was Frauen betraf – zu Recht wahrscheinlich, aber in Anbetracht der Frauen mit denen er zusammen war, war das auch kein Wunder. Sie waren arrogant, selbstverliebt, heuchlerisch und vor allem intrigant. Keine von ihnen kannte Chris jemals wirklich. Sie jagten alle einfach einem schönen Gesicht nach, das für sie nichts weiter war als eine Errungenschaft die sie anderen vor der Nase wegschnappen konnten. Sam war anders, das wusste Chris so sicher, wie sonst nichts auf der Welt. Auf sie wirkte sein Aussehen eher warnend und führte dazu, dass sie erstmal eine Blockade um sich herum aufbaute – so wie er es eigentlich stets zu tun pflegte. Chris erinnerte sich gerne daran, als er Sam zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war so schön, dass er jede Wette eingegangen wäre, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Knall hatte.

Sam hatte ihn dann binnen kürzester Zeit vom Gegenteil überzeugt. Sie war weder selbstverliebt noch intrigant, sonder einfach nur liebenswert und dabei herrlich sarkastisch und selbstironisch. Chris war ihr so schnell verfallen, dass es ihn manchmal sogar wütend machte. Der Streit den die Beiden in Sams Zimmer hatten, das Kartenspiel in der Scheune, der erste Kuss, das erste Kotzen, das erste Mal zwischen Heu und Stroh, der Streit wegen diesem penetranten Idioten mit dem Porsche, die wundervolle Nacht bei ihm und der unangenehme Abschied. Egal an welches Ereignis mit ihr, er auch dachte, es war jedes Mal mit so großen Emotionen verbunden, wie nur wenige Dinge sonst in seinem Leben.

Die angenehme Stimme von Sam holte Chris schließlich aus seinen Gedanken zurück in die Realität.

>>Ich versteh ja nicht viel von Autos, aber das orange Lämpchen das so penetrant leuchtet und aussieht wie ein Zapfhahn ist doch ein sicheres Zeichen dafür, dass wir tanken müssen, oder?<<

Chris nickte energisch und lachte dann.

>>Du lenkst mich so sehr ab, dass ich nicht mal mehr farbige Warnlichter im Armaturenbrett wahrnehme.<<

Sam stutze und musterte Chris verwirrt.

>>Ich hab doch gar nichts gesagt.<<

>>Nein, aber ablenken tust du mich trotzdem, selbst wenn du nicht da bist<<, erklärte der Blonde während er den Wagen Richtung Tankstelle lenkte.

>>Ist das gut?<<, wollte Sam wissen und klang dabei ein wenig unsicher.

>>Für mein Auto nicht, aber für mich schon<<, erklärte Chris und zwinkerte Sam noch zu ehe er den Wagen in Richtung Tankstelle verließ.

 

Sie waren knappe eineinhalb Stunden unterwegs, bis sie in einer neonhellen Tiefgarage hielten.

>>Ich bin wirklich neugierig auf deine Wohnung<<, gab Sam zu, während sie Chris in den Lift folgte.

 

 

 

Kapitel 4

Ein Traum in Weiß

 

Sam hatte sich in den letzten Wochen oft ausgemalt, wie Chris’ Wohnung aussah, doch anscheinend hatte sie seinen Einrichtungsstil vollkommen falsch eingeschätzt. Sie rechnete mit vielen Bildern, farbigen Wänden und ein wenig Chaos – schließlich hatte Chris niemanden, der hinter ihm her räumte. Seine Wohnung war groß, weitläufig und in den Farben weiß, silber und blau gehalten. Alles wirkte sehr steril und sauber. Über der weißen Couch im Wohnzimmer thronte eine riesige Leinwand mit Farbklecksen in dunklen Blautönen die perfekt mit den Vorhängen harmonierten. Alles wirkte stimmig und hatte einen Touch von super modernem Krankenhaus, das von einem Kunst liebenden Innenarchitekten eingerichtet wurde.

>>Matthias hatte doch recht,<< lachte Sam und begutachtete neugierig die spiegelnd weißen Möbel.

>>Mit was hatte er recht?<<, wollte Chris wissen und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

>>Du bist anscheinend wirklich ein Hygienejunkie!<<

Chris schnaubte gespielt beleidigt während er Sams Koffer in einen anderen Raum – bei dem es sich anscheinend um das Schlafzimmer handelten – brachte.

Grinsend begutachtete sie das Wohnzimmer und die große Küche – natürlich in weiß. Obwohl alles außergewöhnlich steril wirkte, fühlte sich Sam nicht unwohl, Chris war schließlich ein Mann und die hielten bekanntlich nicht viel von Kitsch oder bunten Schnickschnack.

>>Na, gefällt´s dir oder willst du lieber in ein Hotel?<<, fragte Chris, der sich scheinbar von hinten angeschlichen hatte, spöttisch. Lächelnd legte er die Arme um sie und drückte ihr einen sanften Kuss auf den Nacken. Sam hätte auch sofort wieder Gänsehaut bekommen, wäre nicht in diesem Moment eine schneeweiße Katze durch die Balkontüre hereinspaziert. Sie konnte nicht anders als in schallendes Gelächter auszubrechen. Die Katze und Chris starrten beide, eine sich vor Lachen den Bauch haltende Sam an.

>>Was ist an meiner Katze denn bitte so komisch?<<, wollte der Blonde wissen und zeigte auf das weiße Kätzchen, dass sich – nun gänzlich unbeeindruckt – vor der Couch zusammengerollt hatte.

>>Hast du denn keine Angst, dass du die hier drin verlierst?<<, lachte Sam und klopfte Chris auf die Schulter.

>>Sei ehrlich, du hast dich doch bestimmt schon mal versehentlich auf das Ding draufgesetzt, oder bist hineingelaufen – die sieht man ja hier drin gar nicht! Das ist ja wie ein Suchbild in einer Rätselzeitschrift; finde die weiße Katze im weißen Raum vor dem weißen Schrank.<<

Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder eingekriegt hatte. Innerlich musste auch Chris breit grinsen. Diese Sticheleien erinnerten ihn an die ersten Tage mit Sam und daran erinnerte er sich nur allzu gerne.

>>Nein, ich hab mich noch nie versehentlich auf meine Katze gesetzt oder bin hineingelaufen<<, erklärte er und hob das kleine Tier auf den Arm.

>>Entschuldige, war nur ein Scherz<<, tat Sam ihr Gelächter ab und kraulte die Katze, die sowieso schon wie eine winzige Motorsäge schnurrte, hinterm Ohr.

>>Wie heißt sie denn?<<

>>Artemis.<<

>>Schöner Name. Hast du Artemis passend zur Einrichtung ausgesucht?<<

>>Nein, aber dich<<, lachte Chris und zeigte zuerst auf Sams Kleid und dann auf das Bild über der Couch – der selbe Blauton.

>>Sehr witzig!<<

>>Soll ich dir zeigen, wozu du noch perfekt passen würdest?<<

Ohne Sam Zeit zu lassen, um ein verwirrtes Gesicht zu machen, versiegelte er ihre Lippen mit einem Kuss und hob sie dabei ohne jegliche Anstrengung hoch.

Sam war so in den leidenschaftlichen Kuss vertieft, dass sie gar nicht richtig mitbekam, wohin sie Chris da eigentlich trug. Erst als sie unter sich die weiche Bettdecke spürte und Chris für einen kurzen Moment von ihr abließ, konnte sie sich umsehen. Das Schlafzimmer war groß und überraschenderweise weiß. In der Mitte stand ein riesiges Bett mit blauen Bezügen auf dem Sam nun lag. Alles roch einfach unbeschreiblich gut, eben so, wie auch Chris immer roch.

>>Danke, dass du da bist<<, hauchte er und beugte sich über Sam. Nach und nach, bedeckte er ihren gesamten Hals mit sanften Küssen, bis er an einer Stelle verweilte.

>>Danke, dass ich kommen durfte.<<

Süffisant grinsend, ließ er seine blauen Augen aufblitzen.

>>Ich tu was ich kann…<<

 

*********

 

Es war bereits stockdunkel draußen, als Sam sich im Badezimmerspiegel betrachtete. Sie trug eines von Chris’ Hemden – in weiß natürlich und strahlte übers ganze Gesicht. Ihr Leben schien ihr noch nie so perfekt wie in diesem Moment. Sie war verliebt, glücklich und draußen wartete der unglaublichste Mann der Welt auf sie. Noch einmal betrachtete sie sich, begutachtete etwas kritisch die kleinen, runden blauen Flecken, die Chris an ihren Hals hinterlassen hatte und ordnete ihre langen blonden Haare, ehe sie das Badezimmer wieder verließ. Zurück im Schlafzimmer, wurde sie auch schon erwartet.

>>Du siehst toll aus!<<

>>Ja, jetzt kann ich mich perfekt in deiner Wohnung tarnen, wie Artemis.<<, scherzte Sam und legte sich wieder ins Bett.

Chris wirkte ein wenig geschafft.

>>Müde?<<

>>Nein<<, log der Blonde obwohl er schwer daran tat die Augen offen zu behalten.

>>Dann hast du aber ein ernsthaftes medizinisches Problem mit deinen Augenlieder, die fallen nämlich dauernd ungefragt zu.<<

Chris lächelte zufrieden und nahm Sam in den Arm.

Es war kein Wunder, dass er geschafft war, schließlich war er schon seit sechs Uhr morgens auf den Beinen und im Museum war mehr als viel zu tun, aber das wollte er Sam nicht wissen lassen. Er wollte dieses Wochenende für sie so perfekt wie möglich gestalten und da waren Dinge wie über die Arbeit meckern oder über Schlafmangel jammern eher kontraproduktiv.

>>Ich bin auch müde<<, gestand Sam, als sie Chris’ ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen lauschte.

>>Schade, ich bin nämlich noch topfit<<, murmelte er Schlaftrunken.

Es dauerte nicht lange, bis Beide die Müdigkeit übermannte. Auch Artemis, lag zusammengerollt wie ein haariges Würmchen vor dem Bett und schnaubte leise vor sich hin.

 

Es war einer dieser typisch penetranten 9 Uhr morgens Sonnenstrahlen, der Sam aus dem Schlaf leuchtete. Eigentlich hatte sie im ersten Moment rein gar keine Lust aus dem weichen, warmen Bett aufzustehen, aber als sie realisierte, dass sie sich scheinbar alleine an den Vorzügen dieser unverschämt bequemen Schlafgelegenheit erfreute, änderte sich ihre Meinung abrupt. Noch etwas unsicher auf den Beinen tapste Sam aus dem Schlafzimmer. Durch die Badezimmertür konnte sie deutlich Wasserprasseln hören – Chris war anscheinend gerade unter der Dusche. Gähnend ließ sich Sam auf die weiße Couch im Wohnzimmer fallen, die zugegebener Maßen bequemer war, als sie aussah. Artemis gesellte sich in eleganter Katzenmanier zu ihr und musterte das Blonde Mädchen mit halb geschlossenen Augen.

>>Na Katze, alles klar?<<

Nach einer kurzen, aber gründlichen Musterung, hatte Artemis anscheinend sein Urteil gefällt und machte es sich auf Sam´s Schoß bequem. Diese begann sofort, den weißen Kater zu kraulen und wurde durch das rhythmische Schnurren wieder ganz schläfrig.

>>Na Prinzessin, gut geschlafen?<<, vernahm Sam mit einem Mal Chris’ Stimme die sie blitzartig aufschrecken ließ. Die blauen Augen, die sie anstrahlten, zauberten ihr ein Lächeln auf die Lippen und die Tatsache, das Chris nur mit einer Boxershorts bekleidet vor ihr stand, vertrieb endgültig jegliches Gefühl von Müdigkeit.

>>Wie lange bist du schon wach?<<, wollte sie wissen und beäugte jede noch so feine Kontur an Chris’ Körper mit Genuss.

>>Eine Weile<<, antwortete er grinsend und fuhr sich durchs nasse Haar.

>>Und was heißt eine Weile?<<

>>Naja, ich konnte nicht mehr schlafen, da wollte ich Frühstück holen, aber es war doch noch ziemlich früh und dann war ich eine Runde Laufen und hab die besten Croissants mitgebracht, die du außerhalb Frankreichs zu kaufen bekommst und dann war ich duschen.<<

>>O mein Gott, du bist einer dieser seltsamen Morgenmenschen, die um sechs Uhr morgens Dinge tun, die niemand auf dieser Welt um sechs Uhr morgens tun sollte .<<

>>Genau und du hast geschlafen wie ein Stein.<<

>>Aber jetzt bin ich wach!<<, verkündete Sam energisch und hätte beinahe vor lauter Überschwänglichkeit Artemis von ihrem Schoß gestoßen.

>>Ungewöhnlich, dass er dich mag<<, stellte Chris fest und deutete auf die weiße Katze die es sich nun wieder auf Sam bequem gemacht hatte.

>>Wieso?<<

>>Ich habe nur noch nie erlebt, dass er jemanden gegenüber so zutraulich ist – außer mir. Aber anscheinend will er mich zum ersten Mal in meiner Wahl bestätigen<<, stellte der Blonde grinsend fest und setzte sich zu Sam und Artemis auf die Couch.

>>Und? Was willst du heute machen?<<

>>Keine Ahnung, ich kenn mich hier in der Gegend nicht sonderlich gut aus<<, gab Sam zu.

>>Also gehörst du heute ganz mir?<<

>>Klar, und solange es nichts illegales ist, mach ich auch alles mit.<<

>>Gut, dann streich ich Autodiebstahl vorerst von der Liste und darf dich mit dem Rest überraschen.<<

In Sam machte sich wieder Vorfreude breit, egal was Chris und sie heute auch machen würden, es würde ihr gefallen. Selbst wenn er ihr vorschlagen würde, den ganzen Tag GZSZ Wiederholungen anzusehen, hätte sie freudestrahlend zugestimmt – Liebe schaffte es also tatsächlich, die unerträglichsten und banalsten Dinge, ungewöhnlich unterhaltsam und spannend erscheinen zu lassen.

Beim Frühstück ließ sich Chris nicht die geringste Information über die Pläne für den Tag entlocken, sodass Sam eine halbe Stunde später hilflos am Boden des Schlafzimmers über ihren Koffer kauerte und überlegte, was sie anziehen sollte. Artemis war ihr gefolgt und beäugte sie skeptisch von der Seite.

Total verzweifelt über ihre Unfähigkeit modische Entscheidungen zu treffen, hielt Sam in der einen Hand ihre Jeans Hotpants mit einem schwarzen T-Shirt und in der anderen Hand das pastellfarbene Sommerkleid ihrer Mutter.

>>Und jetzt?<<, murrte Sam und schenkte Artemis fragende Blicke. Die Katze verstand ihre Frage scheinbar als Aufforderung und marschierte zielstrebig in Richtung Jeans-T-Shirt-Look.

>>Wenn du das sagst!<<, piepste Sam fröhlich und schlüpfte in das Outfit, indem sie sich sowieso wohler gefühlt hätte. Nachdem sie im Bad die Entscheidung getroffen hatte, die Haare heute mal offen zu lassen und etwas Make-up aufgelegt hatte, war sie startklar – für was auch immer.

Chris hatte sich in der Zwischenzeit am Esstisch in die Zeitung vertieft und bemerkte Sams Anwesenheit erst, als sie schon eine Weile im Türrahmen stand.

Schnell legte er die Zeitung beiseite und widmete seine ganze Aufmerksamkeit, dem wunderschönen Mädchen, das vor ihm stand. Sam verstand die bohrenden Blicke anscheinend falsch und zog die Augenbrauen erschrocken nach oben.

>>Verdammt, ich wusste, ich hätte nicht die Katze meine Klamotten aussuchen lassen sollen…ich zieh mich schnell um!<<

Noch bevor Sam einen weiteren Schritt machen konnte, hatte sie Chris auch schon am Arm gepackt und zu sich gezogen.

>>Du siehst unglaublich toll aus, wage es ja nicht irgendwas an dir zu verändern!<<

Die ehrlich gesprochenen Worte, trieben Sam die Schamesröte ins Gesicht.

>>Und, bist du bereit für meine Stadttour?<<

>>Willst du mir wirklich nicht verraten wo´s hingeht?<<

>>Nein!<<

Beherzt zog Chris Sam mit in den Flur, schnappte sich noch seine Sonnenbrille und verschwand mit ihr nach draußen.

 

 

Kapitel 5

Schön, schöner, Nicole

 

 

Die Sonne strahlte und ein angenehmer Wind machte die Tour durch die Stadt zum reinsten Vergnügen.

Chris kannte wirklich ein paar schöne Plätzchen und war anscheinend der geborene Fremdenführer. Es gab kein einziges, historisch anmutendes Gebäude, zu dem der Blonde nicht etwas Geschichtliches zu berichten wusste. Eigentlich war Sam kein sonderlich großer Fan von solchen Touren, da sie sie doch zu sehr an Unterricht und Schule erinnerten, aber Chris schaffte es irgendwie, seine Faszination in Sachen historische Begebenheiten, schlichtweg auf sie zu übertragen. Alles was er erzählte wirkte spannend und das obwohl er mit Jahreszahlen nur so um sich warf. Eigentlich war er der perfekte Lehrer, jemand dem man gerne zuhörte obwohl er versuchte, einem das Hirn mit intellektuellem Krimskram zu füllen.

>>Ich rede heute endlos, nicht?<<, bemerkte der Blonde als er gerade einen Satz über die Vorzüge des Renaissancebaustils zu Ende gebracht hatte.

>>Überhaupt nicht! Naja…vielleicht schon, aber du machst mich dabei klüger<<, erklärte Sam und schenkte Chris ein Lächeln.

>>Und weil du mir so brav zugehört hast, kauf ich dir jetzt ein Eis!<<

>>Gott sei Dank, mein Kopf raucht schon. Wer hätte gedacht, dass Mr. Zahnpastalächeln so verdammt klug ist? Ich nicht!<<, neckte sie Chris, während sie ihn Richtung Eissalon zerrte.

Nach gefühlten drei Litern Schokoeis, kapitulierte Sam.

Sie hatte sich dermaßen vollgefressen, dass es ihr fast schon peinlich war.

>>Und wohin jetzt?<<, versuchte Sam ihr Eisgelage so gut es ging zu vertuschen.

>>Eine Station hab ich noch<<, erklärte Chris und strahlte dabei bis über beide Ohren.

Da der Blonde wieder mal nicht verraten wollte, wohin es ging, folgte ihm Sam widerstandslos.

Vor einem riesigen Gebäude, das von einer wunderschönen Parkanlage umschlossen wurde, hielten sie an.

>>Et voilá!<<, sprach Chris und deutete auf das schlossartige Gebäude.

>>Was ist das? Dein Elternhaus?<<, wollte Sam wissen und malte sich gerade aus, wie gut sich Chris als sexy Prinz machen würde.

>>Nein, ich arbeite hier – das ist das Museum.<<

>>Klasse! Können wir rein gehen?<<

>>Nein, wir müssen leider hier draußen stehen bleiben, da die mich nur rein lassen, wenn ich für sie arbeite<<, scherzte Chris trocken und schlenderte mit Sam in Richtung Eingang.

An der Kassa wurde der Blonde auch sofort herzlich begrüßt.

>>Hey Chris! Hast du heute nicht deinen freien Tag?<<, wollte der schlaksiger, groß gewachsene Junge an der Kasse wissen. Sam erinnerte sich, an das Telefonat mit Chris’ und identifizierte den Jungen, als denjenigen, der wohl den ein oder anderen Euro verschusselt hatte.

>>Ja, ich hab heut frei. Das hier ist sozusagen Vergnügen.<<

>>Du kannst dich wirklich nicht von deinen Bilder trennen, oder? Ist das Sam?<<, wollte der Schlaksige wissen und grinste dabei breit.

>>Ja<<, antwortete Chris und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

>>Freut mich dich kennen zu lernen! Chris erzählt echt dauern von dir! Ich würde fast behaupten, er redet mehr von dir als von seinen Bildern und das will schon was heißen!<<

Überschwänglich gestikulierte der Junge seine Worte mit. Es war kein Wunder, dass er Probleme damit hatte, sein Geld zusammenzuhalten wenn er sich beim Reden schon ständig überschlug.

>>Ja, ja, Max! Lässt du uns gratis rein, oder sitzt dir der Chef schon wieder im Nacken?<<, wollte Chris wissen, dessen Wangen zum ersten Mal eine leichte Röte zierte.

>>Schon ok, geht rein. Viel Spaß!<<

>>Danke!<<, rief Sam ihm noch zu, ehe sie von Chris auch schon weiter in die große Halle geführt wurde. Das Gebäude war wirklich beeindruckend. Eine riesige Treppe führte Hinauf in den ersten Stock, wo alles noch ein Stück pompöser wirkte als im Erdgeschoss.

>>Ich weiß, es ist langweilig, aber ich hab mir gedacht, dich interessiert vielleicht wo ich arbeite.<<

>>Klar interessiert mich das und es ist nicht langweilig – Matheklausuren sind langweilig, aber das hier ist beeindruckend.<<

Gemütlich schlenderten Sam und Chris durch die großen Räume. Der Blonde bemühte sich sichtlich, sie nicht mit irgendwelchen Informationen über Künstler und Techniken zuzutexten und beschränkte sich darauf, einfach Sam´s Reaktionen auf die Kunstwerke zu beobachten. Diese war noch immer damit beschäftigt, wie ein Honigkuchenpferd in sich hinein zu grinsen und sich über die Tatsache zu freuen, das Chris anscheinend viel und gerne mit anderen über sie sprach. Die Zweifel die sie noch vor kurzen um die Beständigkeit ihrer Beziehung hatte, schienen in diesem Moment so weit Weg, als würden sie so schnell nicht wiederkommen. Sam blieb gerade vor einem ziemlich großen Bild stehen, um so zu tun, als würde sie versuchen irgendetwas Hochtrabendes darin zu erkennen, als eine glockenhelle Stimme an ihr Ohr drang und sie ruckartig dazu zwang, in Richtung der Geräuschquelle zu blicken.

>>Hey Chris.<<

Ein groß gewachsenes Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren kam direkt auf sie zu. Sie war wohl Anfang zwanzig und trug ein dunkelgraues Kostüm sowie ein Namensschild, das sie für Sam sogleich als Mitarbeiterin erkennbar machte.

>>Hey Nicole<<, erwiderte Chris den Gruß ungewöhnlich kühl und legte den Arm um Sam, die eigenartiger Weise nicht aufhören konnte, das Braunhaarige Mädchen zu betrachten. Ohne jede Vorwarnung schlug Sam das Herz mit einem Mal bis zum Hals – irgendetwas an dieser Situation war merkwürdig, Chris wirkte versteift, sein Blick war plötzlich kühl und fremd.

>>Na, bist du sogar an deinem freien Tag hier?<<

>>Was soll ich sagen, ich bin eben gern hier.<<

>>Ich weiß, ich hab dich ja damals selbst kaum von hier weg bekommen.<<

Chris erwiderte nichts, sein Blick haftete an dem Bild vor dem er stand. Sam fühlte sich seltsam. Eine Mischung aus Nervosität und Drang nach weiteren Information machte sich in ihr breit.

>>Willst du mir deine Freundin nicht vorstellen?<<, sprach das Braunhaarige Mädchen und schenkte Sam ein engelsgleiches Lächeln. Ihre Zähne waren mindestens genauso weiß wie die von Chris und auch der Rest von ihr schien beängstigend perfekt. Die großen Rehaugen, die nun wieder auf Chris ruhten, lösten in Sam einen undefinierbaren Drang nach körperlicher Gewalt aus.

>>Das ist Sam, ich hab dir von ihr erzählt<<, murrte Chris unbeeindruckt von den wunderschönen Augen und schenkte Sam ein sanftes Lächeln. Allein diese Geste besänftigte ihren Herzschlag für einen kurzen Moment.

>>Hallo Sam, ich bin Nici<<, stellte sich die Schöne vor und reichte die Hand zum Gruß.

Sam lächelte gequält.

>>Hy.<<

>>Nicole studiert auch Kunstgeschichte<<, erkläre Chris mehr gezwungen als gewollt und festigte unbewusst den Griff um Sam.

>>Eigentlich studiere ich ja in Barcelona, aber über den Sommer, arbeite ich hier<<, erklärte Nicole und löste dabei in Sams Kopf einen Flashback aus. Sie erinnerte sich daran, als sie mit Chris in seinem Ferienhaus auf der Couch saß und er ihr über seine letzte Beziehung erzählt hatte. Seine Ex-Freundin war nach Barcelona gezogen um dort zu studieren, jene Ex-Freundin die nun so penetrant Schön vor ihr stand, jene Ex- Freundin mit der er nur Schluss gemacht hatte, eben weil sie nach Barcelona gezogen war.

Die Zweifel die vor wenigen Minuten noch so weit weg waren, hatten sich anscheinend in den nächsten Düsenjet gesetzt um möglichst schnell wieder hier zu sein.

Sam malte sich gerade aus, wie der schlaksige Max verzweifelt die Kassenbelege durchforstete, während Chris und Nicole hinter irgendeiner monströsen Säule knutschten. Der Gedanke ließ ihr augenblicklich die Farbe aus dem Gesicht weichen.

>>Komm, wir gehen, ich hab einen Tisch für uns beim Italiener reservieren lassen<<, sprach Chris sanft und drückte Sam noch ein Stück fester. Hätte er nicht so fest zugedrückt, hätte sie gar nicht realisiert, dass sie gemeint war und nicht etwa Nicole.

>>Du und dein Italien-Fetisch!<<, kicherte Nici und machte eine abfällige Geste. Ihr Lachen war glockenhell und wirkte trotzdem merkwürdig.

>>Macht euch einen schönen Abend, wir sehen uns dann morgen bei der Arbeit Chris. War nett dich kennen zu lernen, Sam!<<, mit einem James-Bond-Girl reifen Abgang, verschwand sie im nächsten Gang und lies nur noch den blumigen Duft ihres Parfums zurück. Wie angewurzelt stand Sam da und starrte ihr nach. Chris hatte irgendetwas von einem Italiener gesagt, aber der Rest der Information wurde von Rehaugen und endlos langen Beinen überlagert.

>>Kommst du?<<, drängte Chris, löste dabei aber keinerlei Reaktion aus.

>>Sam?<<

>>Ja?<<, antwortete sie tonlos ohne zu wissen, was sie eigentlich gesagt hatte, da sie immer noch damit beschäftigt war, sich vorzustellen, wie Chris und Nici es hinter einer übergroßen Statue trieben.

>>Essen? Italiener?<<, versuchte es Chris mit einfach zu verwertenden Wörtern und klang dabei etwas verzweifelt.

>>Ja.<<

>>Alles klar mit dir?<<

>>Ja.<<

>>Du siehst blass aus.<<

>>Ja.<<

Etwas hilflos, führte er die wortkarge Sam nach draußen. Er hatte noch immer seinen Arm um sie gelegt und dachte nicht im Traum daran los zu lassen.

Auf dem Weg zum Restaurant gab Sam immer wieder seltsame Geräusche von sich. Jedes Mal, wenn sie dachte, ihr Hirn wäre nun endlich bereit eine der vielen Fragen zu stellen, die es sich zurechtgelegt hatte, machte ihr, ihre Stimme einen Strich durch die Rechnung. Sie wollte ja sprechen, aber irgendwie gefiel ihr die hysterisch anmutende Tonlage in ihrer Stimme nicht, sodass sie jedes Mal nach dem ersten Piepsen abbrach.

Seufzend öffnete Chris ihr die Eingangstür des Restaurants und führte sie durch den großen Innenraum hinaus auf den Balkon. Dort wartete auch schon ein liebevoll gedeckter Tisch auf dem zwei wunderschöne weiße Kerzen brannten. Es war alles sehr romantisch, wenn man in der Lage gewesen wäre, die Situation bewusst wahrzunehmen.

>>Das ist der beste Italiener der Stadt, die Pasta ist der Wahnsinn. Du kannst natürlich auch eine Pizza essen, aber die sind riesig. Wenn du willst, können wir uns eine teilen.<<

Chris gab sich die größte Mühe Sams Aufmerksamkeit wiederzuerlangen – ohne Erfolg. Anscheinend musste er härtere Geschütze auffahren.

>>Meinst du, ich sollte mir die Zähne bleichen lassen?<<

Sam sah ihn verwirrt an.

>>Ja, dann kannst du dich auf eine Klippe stellen und mit einem einzigen Lächeln, Schiffe vor den Felsen warnen.<<

Ungewollt grinste Sam im nächsten Moment und entlockte Chris damit ein erleichterndes Seufzen.

Anscheinend war sie endlich wieder aufnahmefähig und das musste er ausnutzen.

>>Nicole und ich waren mal zusammen<<, erklärte er ruhig und fixierte Sam dabei förmlich mit den Augen.

>>Ach, hätte ich mir nicht gedacht, ich dachte ihr seid nur gute Freude gewesen.<<

>>Wir waren nie Freunde!<<, meinte Chris bestimmend und schüttelte dabei den Kopf.

>>Sie ist eine intrigante Kuh, Verzeihung, aber ich wüsste nicht wie ich es anders beschreiben sollte.<<

>>Genau, und weil du sie so abstoßend findest, warst du auch mit ihr zusammen und hast nur mit ihr Schluss gemacht, weil sie nach Barcelona gezogen ist. Schön, dass sie wieder da ist…<<

>>Ich war nie auch nur ansatzweise in sie verliebt! Das weiß ich jetzt. Ich hab sie auf der Uni kennen gelernt, zu einer Zeit in der ich mich gerade furchtbar gelangweilt habe und die feste Überzeugung hatte, eine Freundin würde daran etwas ändern – aber so war´s nicht.<<

>>Und wieso ist sie wieder da?<<

>>Keine Ahnung, ich persönlich denke ja, Spanien hat ein Gesetz erlassen, das es ihr verbietet noch mal einzureisen.<<

>>Ist doch auch egal…<<, seufzte Sam und musste sich eingestehen, dass es keinen Sinn hatte über Nicole zu sprechen. Sie konnte nichts weiter machen, als Chris vertrauen und das obwohl seine Ex-Freundin aussah wie die zum Leben erweckte Kleopatra.

>>Ich will nicht, das du dir irgendwelche Sorgen machst, die vollkommen unbegründet sind.<<

>>Ja.<<

>>Jetzt fang bitte nicht schon wieder mit diesem tonlosen „Ja“ an<<, seufzte Chris und beugte sich zu Sam hinüber. Bestimmend, nahm er ihr Gesicht in beide Hände.

>>Jemals etwas mit Nicole anzufangen, war einer der größten Fehler meines Lebens. Sie war zickig, selbstverliebt, menschenfeindlich und arroganter als Mariah Carey! Eigentlich trifft das auf alle meine Ex-Freundinnen zu und glaub mir, ich will keine von denen jemals wieder sehen! Ich bin zwar gezwungen mit Nicole zu arbeiten, aber ich bin nicht gezwungen mich darüber zu freuen, oder so zu tun, als wäre sie mir auch nur ansatzweise sympathisch und glaub mir, das weiß sie! Das sie heute so unverschämt war und uns auf die Nerven gegangen ist, liegt einzig und allein daran, dass sie darauf abfährt Ärger zu machen. Das Einzige was ich wirklich will, ist mir dir zusammen zu sein, Sam. Ich hab dreiundzwanzig Jahre gebraucht es zu schnallen, aber jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt wenn man jemanden um keinen Preis der Welt verlieren möchte. Zwing mich bitte nicht, noch mehr schnulzige Wahrheiten los zu lassen, da geht ja meine ganze Männlichkeit flöten und ehe du dich versiehst sing ich in einer Boy Band und benutze Wörter wie „metrosexuell“ und „hot“, willst du das?<<

Sam lachte auf.

>>Nein, das will ich nicht.<<

Chris schaffte es jedes Mal aufs Neue, jeden noch so großen Zweifel zu zerstreuen. Egal wie abgedroschen seine Worte auch im Mund von jemand Anderen geklungen hätten, bei ihm wirkten sie ehrlich und direkt.

Mit einem Kuss besiegelte er seine Worte und erweckte in Sam dieses wunderschöne Gefühl von geflügelten Insekten im Bauch wieder, das sie im Museum verloren hatte.

>>Jetzt will ich Pizza!<<, erklärte Sam, die nun endlich die angenehme Atmosphäre genießen konnte.

>>Willst du teilen?<<

>>Niemals!<<

Chris lachte und winkte den Kellner an den Tisch.

Das Essen schmeckte wirklich köstlich und dank dem Wein, den Chris bestellt hatte, fühlte sich Sam nicht nur satt und zufrieden, sondern auch leicht beschwipst.

 

Es dämmerte bereits, als die Beiden das Restaurant wieder verließen. Glücklich schmiegte sich die Blonde an Chris’ Arm und spazierte mit ihm durch den Stadtpark.

Eigentlich war das Wort „perfekt“ bereits zu genüge in ihren Gedanken ausgeschöpft worden, aber es gab einfach keine treffendere Beschreibung für Chris.

>>Und? Auf was hast du jetzt Lust?<<, wollte der Blonde wissen und drückte Sam einen kleinen Kuss auf die Schläfe.

>>Keine Ahnung, ist dein Programm schon vorbei?<<

>>Ja, ich glaub ich hab dich heute genug herumgeschleift.<<

Sam wollt gerade etwas erwidern, als ihr Handy plötzlich einen Anrufer verkündete.

>>Hey Pia<<

>>Hey Sam! Wo steckst du?<<

Etwas verwirrt, dachte Sam über Pias Frage nach. Entweder war ihre Freundin verdammt vergesslich oder sie hatte wieder mal zu oft am Aperol genippt.

>>Sag mal, hast du getrunken?<<

>>Ehm, nein.<<

>>Und wieso fragst du dann wo ich bin, ich bin bei Chris, das weißt du doch!<<

>>Ach Sam! Sag nicht, dass du´s vergessen hast!<<

>>Was vergessen?<<

>>Bastian!<<

>>Bastian?<<

Der Name den Sam gerade ausgesprochen hatte ließ Chris kurzzeitig das Gesicht verziehen.

>>Ja, der hat doch heute seine Geburtstagsparty! Und ich dachte du hättest letzten Donnerstag zugesagt, dass du kommst! Hast du etwa abgesagt?<<

Der zweite Flashback an diesem Tag überkam Sam. Sie sah sich mit Bastian an der Bar stehen und ihn versprechen, dass sie am Samstag kommen würde. Natürlich war das ganze bevor Chris angerufen hatte und bevor sie wusste, dass sie das Wochenende bei ihm verbringen würde.

>>Ehm, ich glaub das hab ich echt vergessen…<<, gestand Sam kleinlaut und wurde auch prompt wieder von ihrem Gewissen gegeißelt. Nicht genug, dass sie elefantengroße Komplexe wegen Nicole hatte, jetzt musste sie auch noch ihrem besten Freund, der anscheinend in sie verliebt war – oder auch nicht – an seinem Geburtstag absagen.

>>Scheiße, was mach ich denn jetzt?<<, fragte Sam verzweifelt und erwartete auch tatsächlich eine hilfreiche Antwort von Pia.

>>Und wenn du sagst, dass du krank bist?<<

>>Ja klar! Bastian ist ja auch total dämlich, der glaubt das bestimmt!<<, meinte Sam sarkastisch und gestikulierte wild in der Gegend herum.

Chris beobachtete sie neugierig und versuchte aus den Gesprächsfetzen die ihm zur Verfügung standen, schlau zu werden.

>>Und wenn du doch kommst?<<, warf Pia fragend ein.

>>Wie meinst du das?<<

>>Naja, du könntest dich doch kurz blicken lassen, nimm Chris einfach mit.<<

Pias Worte hallten in Sams Gedanken wieder. Ihren Freund einfach mitnehmen, auf die Geburtstagsfeier ihres besten Freundes – klang erstmal nach einer guten, logischen Lösung. Als sie aber die Wörter Freund und bester Freund durch Chris und Bastian ersetzte und dazu die unbekannte Variable addierte – die für alles stand was schief gehen konnte – ergab die Rechnung nicht nur wenig Sinn sondern pures Chaos.

>>Das kann ich doch nicht machen!<<

>>Wieso?<<

Verlegen blickte Sam in Richtung Chris, der sowieso schon tausend Fragezeichen im Gesicht hatte.

>>Naja, du weißt schon…<<

>>Was weiß ich?<<

>>Naja, warum das nicht geht!<<

>>Nein, weiß ich nicht.<<

>>Du machst mich Wahnsinnig Pia!<<

>>Wieso?<<

>>Na eben deshalb!<<

>>Ich finde, das ist die einzige Lösung die dir einen ewig schmollenden Bastian erspart. Und schließlich ist Matthias auch da, Chris hätte also auch jemanden den er kennt.<<

Sam musste sich eingestehen, dass wenn sie Matthias in die Rechnung mit einbezog, die Chaosvariable tatsächlich verringert wurde, doch egal wie viele Freunde von Chris auch da waren, es blieb ein unkalkulierbares Restrisiko.

>>Das geht nicht…<<, seufzte Sam letztendlich.

>>Hmm und was sagst du Bastian?<<

>>Keine Ahnung, ich lass mir was einfallen und ruf ihn dann gleich an.<<

>>Nagut, aber lass dir was Tolles einfallen, sonst kannst du das Kapitel Bastian wohl für die nächste Zeit abhacken. <<

>>Ich weiß…<<

>>Na dann, ciao.<<

>>Ciao…<<

Stöhnend legte Sam auf und verstaute das Handy wieder in ihrer Handtasche. Ihre Miene wirkte traurig und sogar ein wenig verzweifelt. Nachdenklich blickte sie ins Leere.

>>Alles in Ordnung?<<, wollte Chris wissen, den Sams Gemütszustand so gar nicht gefallen wollte. Eigentlich kannte er sie nur fröhlich, sarkastisch, oder seit heute auch im leicht apathischen Schockzustand, die Trauermiene war ihm neu.

>>Ja, alles klar! Ich hab nur was vergessen, was ich eigentlich nicht vergessen hätte sollen, aber was soll man machen – ich bin schließlich auch nur ein Mensch<<, erklärte Sam gespielt fröhlich.

>>Und was hast du vergessen?<<

>>Ach, nur eine Geburtstagsfeier zu der ich eingeladen war.<<

>>Heute?<<

>>Ja. Ich hab zugesagt bevor ich wusste, dass ich übers Wochenende hier bin und irgendwie hab ich vergessen abzusagen.<<

>>Und willst du da hin?<<

>>Nein. Ich meine ja, schon aber…nein.<<

>>Nein, ja, schon, aber nein? Darf ich mir was aussuchen oder machen wir jetzt Lückentext?<<

>>Ich hab einfach nur ein schlechtes Gewissen, dass ich so kurzfristig absagen muss, nichts weiter!<<

>>Und wieso sagst du ab?<<

>>Naja, weil ich eben hier bin, mit dir, und nicht da.<<

>>Wir können hin fahren wenn du möchtest.<<

Sam stutzte.

>>Das musst du nicht machen.<<

>>Ich weiß, aber ich hab mir fest vorgenommen dich am Wochenende ausschließlich glücklich zu sehen, und da ich heute schon einmal versagt hab, kann ich mir einen weiteren Fehlschlag nicht leiste.<<

Chris grinste süffisant und legte seinen Arm wieder um Sam.

>>Aber ich bin glücklich, auch wenn wir da nicht hinfahren.<<

>>Hör mal, wenn du schon lügen musst, dann bitte etwas glaubwürdiger, du ziehst ja ein Gesicht wie damals, wenn wir an den Gartenzwergen vorbei gekommen sind.<<

Sam fühlte sich sogleich ertappt. Es war ihr wirklich mehr als unangenehm Bastian abzusagen und das konnte man ihr anscheinend auch ansehen. Einzig und allein, die Tatsache, dass Chris offensichtlich nicht wusste, zu wessen Geburtstagsparty ihn Sam da schleppen wollte, hielt sie davon ab seinen Vorschlag anzunehmen.

>>Ich will da wirklich nicht hin und ich bin mir sicher, du auch nicht!<<

>>Wieso? Ich wollte schon immer mal auf die Geburtstagsfeier eines Typen der auf meine Freundin scharf ist.<<

Anscheinend wusste Chris ganz genau, um wessen Feier es sich handelte.

>>Das stimmt doch gar nicht<<, murrte Sam und nahm dabei einen ziemlich bockigen Tonfall an.

>>Keine Angst, ich bin dir nicht böse, nur weil du da hin willst. Ihr seid schließlich befreundet und ich würde auch nicht die Geburtstagsfeier von Matthias oder Sev verpassen wollen. Du kannst schließlich nichts dafür, dass dieser spätpubertäre Irre gerade rollig ist.<<

Sam musste lachen. Chris kam anscheinend tausendmal besser mit solchen Dingen klar als sie – zumindest ging er ganz anders damit um.

>>Danke<<, hauchte sie und gab ihre Verweigerungstaktik endlich auf.

>>Kein Problem, ich würde schließlich fast alles für dich tun.<<

>>Nur fast?<<

>>Naja, ich würde keinen Dreier mit dem Idioten und dir machen.<<

>>Feigling!<<

Grinsend lief Sam ein Stück nach vorne und schenkte Chris ein freches Zwinkern.

Auch wenn es wahrscheinlich albern war, hatte sie in diesem Moment ein gutes Gefühl was den restlichen Verlauf des Abends betraf. Die Freude darüber, Chris endlich auch in ihren Freundeskreis eingliedern zu können, überwucherte sämtliche warnenden Stimmen in ihrem Inneren, die laut Dinge wie „NEIN!“ oder „WIESO?!“ riefen.

Fröhlich wählte Sam Pias Nummer um ihr mitzuteilen, dass sie doch kommen würde, während Chris sie lächelnd beobachtete. Es war schön zu sehen wie glücklich sie war und es kostete ihn nicht mehr, als einen Abend mit dem Menschen, mit dem er eigentlich niemals einen Abend verbringen wollte – ein Preis den er gerne bereit war zu zahlen. Vielleicht konnte er Bastian mit seinem Kommen ja auch endlich klar machen, dass er derjenige war, der an Sams Seite gehörte und kein Anderer.

>>Komm Prinzessin, ab nachhause und dann rein ins Auto – sonst verpassen wir noch den Teil der Feier, bei dem ich mir nichts sehnlicher wünsche, als mich sternhagelvoll laufen zu lassen und mir dann klar wird, dass ich das nicht kann, weil ich noch fahren muss – und das wäre wirklich schade.<<

Lachend legte er den Arm um Sam und genoss einfach die Tatsache, dass sie bei ihm war, egal wo sie heute noch hinfahren würden.

 

 

Kapitel 6

Happy Birthday Bastian

 

 

Zuhause angekommen, wurde erstmal Artemis versorgt und sich umgezogen. Chris brauchte ungewöhnlich lange im Bad was Sam genügend Zeit verschaffte, sich Gedanken über etwaige Komplikationen zu machen. Immer wieder dachte sie an das letzte Treffen zwischen Bastian und Chris, das Chaos, das dadurch entstanden war und an den Kuss. Irgendwie hatte sie es geschafft, den Kuss zwischen ihr und Bastian völlig zu verdrängen. Gerade als Sam dabei war panisch zu werden, kam Chris aus dem Badezimmer und das bevor ihr wirklich bewusst wurde, dass sie gerade im Begriff war ihren Freund auf die Party von jemanden zu schleifen, der sie geküsst hatte und von dem scheinbar jeder außer ihr selbst wusste, dass er in sie verliebt war.

>>Ready when you are<<, verkündete Chris und fuhr sich durchs frisch gegelte Haar. Er trug ein schwarzes kurzärmeliges Hemd, das in Kombination mit den Jeans sportlich aber doch irgendwie herausgeputzt wirkte. Um den Hals trug er ein schmales Lederband und an seinem Handgelenk prangte eine verdächtig teuer aussehende Uhr.

>>Willst du da wirklich hin?<<, fragte Sam zögerlich und richtete die Frage wohl eher an sich selbst.

>>Nein aber du<<, erinnerte Chris sie während er sie in den Arm nahm. Er roch so unbeschreiblich gut, dass Sam am liebsten ewig so da gestanden wäre. Quälend langsam löste sie sich und folgte Chris schließlich hinunter in die Tiefgarage.

Die eineinhalb Stunden Fahrt, boten genügend Zeit sich den weiteren Verlauf des Abends akribisch genau auszumalen sowie für das ein oder andere Gespräch.

>>Wo ist diese Party eigentlich?<<, wollte Chris wissen während er den Sportwagen auf die Autobahn lenkte.

>>Bei ihm zuhause. Er feiert dort jedes Jahr.<<

>>Und was sagen seine Eltern dazu?<<

>>Die sind um diese Zeit immer geschäftlich in China – sein Vater hat dort eine Firma, die er über die Sommermonate betreut.<<

>>Und warum fliegt er nicht mit?<<

Chris hätte Bastian über den Sommer wirklich gerne auf der anderen Seite der Welt gewusst, vor allem dann, wenn er Sam wieder nachhause bringen musste und er nicht dabei sein konnte, wenn sie sich wieder mit ihm traf.

>>Keine Ahnung. Aber eigentlich sind seine Partys immer richtig klasse, jedes Jahr passiert irgendwas skandalöses über das man Wochen später noch spricht.<<

>>Zum Beispiel?<<

>>Naja, vor drei Jahren, wollten wir Marshmallows rösten und haben das Gartenhaus abgefackelt. Vor zwei Jahren kam wer auf die glorreiche Idee eine Geisterbeschwörung zu veranstalten, Pia hatte dermaßen Schiss, dass sie Bastian versehentlich ein blaues Auge geschlagen hat, als der sie erschrecken wollte.<<

Sam musste unweigerlich grinsen, als sie an diese Ereignisse zurückdachte, doch das Grinsen sollte ihr sofort vergehen.

>>Und letztes Jahr?<<, wollte Chris wissen und löste dabei bei ihr – zum zweiten und wahrscheinlich nicht letzten mal an diesem Tag - einen leichten Schockzustand aus.

Sie hätte sich dafür Ohrfeigen können, dass sie ausgerechnet von diesen dämlichen Geschichten anfangen musste. Anscheinend war auf ihr Erinnerungsvermögen in letzter Zeit auch kein Verlass mehr, denn ihr fiel erst jetzt wieder ein, was letztes Jahr bei Bastians Party der größte Skandal war.

>>Ehm, letztes Jahr? Keine Ahnung, irgendwie war da nichts…<<, stammelte Sam und versuchte sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Sie konnte Chris schließlich schlecht erzählen, dass sie letztes Jahr bei Bastians Party mit eben diesem im Wohnzimmer geknutscht hatte. Damals musste sie ihre ersten wirklich bösen Erfahrungen mit Alkohol machen und konnte sich am nächsten Tag beim besten Willen nicht mehr erklären, was für ein Teufel sie da geritten hatte. Am Morgen darauf, folgte auch prompt die Entschuldigung an Bastian. Sie hatte ihm klar gemacht, dass es nur am Alkohol lag und nichts weiter dahinter steckte. Er hatte das akzeptiert und eigentlich wurde seit dem kein Wort mehr darüber verloren.

Chris bemerkte Sams plötzliches Unbehagen zwar, sagte aber nichts weiter dazu, da er dachte, sie würde sich lediglich Gedanken darüber machen, ob er heute mit Bastian auskommen würde.

>>Mach dir keine Sorgen<<, meinte Chris und fuhr mit der Hand über Sams Oberschenkel.

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie nicht aufhören konnte, über die beiden Küsse mit Bastian nachzudenken. Es war ihr unangenehm und auch wenn ein Teil von ihr es vielleicht genossen hatte, liebte sie Chris und hätte in diesem Moment alles dafür gegeben, das Getane ungeschehen zu machen.

Sie hätte es ihm gerne erzählt, ihm versichert, dass sie nur ihn liebte, aber sie konnte Chris einfach nichts von diesen Küssen erzählen, zumal sie sich nicht sicher war, wie er darauf reagieren würde. Ihr Gewissen von nun an ignorierend, versuchte sie sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Während sie Chris’ Streicheleinheiten genoss, visualisierte sie den Rest des Abends in Gedanken und kam zu dem einfachen Schluss, dass egal was auch passieren würde, sie in einigen Stunden wieder neben Chris einschlafen würde. Eine Vorstellung die ihr ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zauberte.

 

Sie kamen schneller an, als Chris lieb war. Ihr erster Halt war ein 24-stunden Supermarkt, in dem sich Sam erstmal auf die Suche nach einem geeigneten Geschenk machte. Etwas orientierungslos irrte sie durch die Gänge und hielt schließlich vor den Spirituosen an. Mit einer Flasche Captain Morgan unterm Arm, ging es dann einmal quer durch den Laden. Sam wirkte ein wenig verzweifelt, als sie endlich das Regal mit den Geschenken gefunden hatte. Unsicher ließ sie ihre Blicke von einem Teddybär zum anderen schweifen und schenkte Chris von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick. Er konnte Sams Unbehagen förmlich spüren, die Angst sie könnte etwas aussuchen, dass ihn eifersüchtig oder stutzig machen würde. Natürlich sah er es nicht gern, dass seine Freundin einem anderen Geschenke machte, aber zu einer Geburtstagsparty ohne Geschenk erscheinen, war auch nicht gerade die feine Englische – egal um wen es sich handelte.

>>Ich find den toll<<, meinte Chris schließlich und deutete auf einen Bären mit überdimensionierten Knopfaugen.

>>Der hat die gleichen doofen, leeren Augen wie der rollige Idiot<<, fügte er noch hinzu und entlockte Sam damit ein Grinsen, dass aber sogleich in ein Seufzen überging.

>>Bitte versprich mir, dass du das Wort „rollig“ nicht auf der Party verwendest.<<

>>Keine Angst, ich werd mich schon benehmen<<, versprach Chris und schenkte Sam ein Lächeln, dem man selbst dann geglaubt hätte, wenn ihm ein Satz wie; „Schweine können definitiv fliegen!“ vorausgegangen wäre.

Glücklich über die Tatsache, dass nun auch Sam glücklich schien verließ er mit ihr den Laden.

Ihren Anweisungen folgend, fuhr er weiter, bis sie an einem großen Einfamilienhaus am hintersten Ende der Stadt angekommen waren.

>>Wow, der wohnt ja wirklich am Arsch der Welt!<<, stellte Chris patzig fest und das obwohl im Fäkalausdrücke sonst eigentlich zuwider waren.

Sam fühlte sich ein wenig schuldig. Sie wusste, dass Chris nur ihr zu liebe hier her gefahren war.

>>Wenn du es dir anders überlegt hast, können wir noch immer die Flucht ergreifen.<<

>>Ein O´Shay ergreift niemals die Flucht, wir ziehen uns nur manchmal elegant zurück<<, erklärte Chris grinsend und küsste Sam.

>>Mach dir keine Gedanken. Ich mach doch nur Scherze. Es macht mir wirklich nichts aus, mit dir hier zu sein!<<, erklärte er ernst, wissend, dass er Sam somit das schlechte Gewissen, das sie sich machte, nehmen konnte.

Sie machte ihn selbst so glücklich, dass er schlichtweg beinahe alles in Kauf genommen hätte, um auch sie glücklich zu sehen.

Ein leises, >>Danke<<, hauchend stieg Sam mit ihm aus und machte sich auf den Weg in Richtung Eingangstür. Auf der Straße parkten bereits gut neun Autos, unter anderem ein silberner Opel, den Chris sogleich als Matthias’ identifizierte. Erleichterung machte sich in ihm breit und half ihm dabei, sein Lächeln, dass er extra für Sam einstudiert hatte, beizubehalten.

Je näher sie dem Haus kamen, desto deutlicher war der Tumult im Inneren zu vernehmen.

>>Ready when you are<<, zitierte Sam Chris und erntete von diesem ein bestätigendes Nicken. Energisch klopfte sie, an die schwere weiße Tür und machte im nächsten Moment ein quietschendes Geräusch, das Chris kurz aufschrecken ließ. Verwirrt beobachtete er Sam, bis er feststellte, dass das Quietschen nicht etwa ihm, sondern der schwarzen Dogge galt, die gerade seelenruhig auf sie zuschlenderte.

>>Rocky!<<, rief Sam und streckte Chris die Flasche Captain und den Teddybären mit der roten Schleife entgegen, um die Hände für das pferdegroße Ungetüm freizuhaben. Fröhlich lief sie der Dogge ein Stück entgegen und ließ Chris ohne weiter darüber nachzudenken einfach alleine vor der Tür stehen.

Dieser hätte sich wahrscheinlich köstlich über das Schauspiel, das Sam ihm mit dem schwarzen, sich am Boden rollenden Monster bot, amüsiert, wäre nicht im nächsten Moment die Haustür geöffnet worden.

Da stand Chris nun – scheinbar alleine - mit einem Teddybären inklusiver roter Schleife und einer Flasche Alkohol in der Hand, vor der Tür und blickte in das perplexe Gesicht von Bastian. Es dauerte einige Sekunden bis die erste Schockstarre überwunden war und Bastian aufgehörte hatte die Augenbrauen beängstigend hoch und dabei die Mundwinkel leicht angeekelt nach unten zu ziehen. Chris war sich der überaus unangenehmen und peinlichen Situation in der er sich gerade befand, wohl bewusst, brachte in Anbetracht des alles überwuchernden Wunsches, möglichst schnell - inklusive Teddybär - im Erdboden zu versinken, im ersten Moment aber kein Wort heraus.

Bastian fing sich als erster wieder, musterte den Blonden skeptisch, schüttelte den Kopf, nahm ihm kommentarlos die Flasche Captain ab und knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

Vollkommen überrumpelt drehte sich Chris mechanisch in Richtung Sam, die noch immer geistesabwesend damit beschäftigt war, der Dogge gut zuzureden und scheinbar nichts, vom peinlichsten Moment in seinem Leben mitbekommen hatte.

>>Sam!<<, rief er monoton, aber laut.

>>Könntest du eventuell mal herkommen!?<<

Fröhlich schlenderte die Blonde zu ihm zurück.

>>Die haben die Musik wieder mal so laut aufgedreht, dass kein Mensch das Klopfen hört!<<, stellte Sam fest und hämmerte abermals energisch gegen die Tür. Sie hatte schließlich von dem absurden Schauspiel von vorhin nichts mitbekommen.

Chris brachte lediglich ein leicht wütendes, aber leises >>Aber!<< zustande, ehe zum zweiten mal geöffnet wurde.

Grinsend stand Bastian wieder in der Tür und machte diesmal eine einladende Geste. Unterschwellig wütend, funkelte Chris den Braunhaarigen, der nun ein breites Lächeln aufgesetzt hatte, an. Zugegebenermaßen, hatte er ihn vorhin an der Tür ziemlich kalt erwischt, aber nachdem er sich die Tatsache vor Augen geführt hatte, dass er es war, der Sam heute wieder mit nachhause nehmen würde, entspannte sich Chris augenblicklich. Es war unnötig sich provoziert zu fühlen, zumal er wusste, dass er schon längst gewonnen hatte.

>>Alles Gute zum Geburtstag, Basti!<<, verkündete Sam, als sie im Inneren des großen Hauses angekommen waren. Sie zwinkerte und zog die Augenbrauen frech nach oben, so wie sie es sonst auch immer tat, aber irgendetwas an ihrer Körpersprache verriet, dass sich Unbehagen in die sonst so routinierte Lässigkeit mischte.

Beherzt nahm Bastian sie in den Arm und drückte ihr einen zwar freundschaftlichen aber herrlich provokanten Kuss auf den Mund. Chris versuchte ruhig zu bleiben und sich wieder und wieder vor Augen zu führen, warum er hier war, aber es war schwer. Der Drang Bastian von Sam loszureißen um danach der leisen aber durchdringenden Stimme in seinem Inneren nachzugeben, die irgendetwas von „roher körperlicher Gewalt“ murmelte, war groß und wirkte ziemlich verlockend.

>>Hey Bastian, is ja schön, dass du dich freust, aber würdest du mich eventuell irgendwann wieder loslassen, oder trägst du mich heute von A nach B – ich müsste nämlich mal aufs Klo<<, meinte Sam trocken und grinste Bastian dabei so herrlich ironisch an, dass Chris sich ein Lachen nicht verkneifen konnte.

>>Sorry<<, meinte der Braunhaarige lächelnd und ließ wieder von ihr ab. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis Chris wieder den Arm um Sam gelegt hatte und ihr somit über die Terrasse hinaus in den Garten folgte.

>>Wollt ihr was trinken?<<, erkundigte sich Bastian gastfreundlich und ließ seinen Blick an Sam haften.

>>Bier!<<, verkündete sie energisch und sah sich neugierig um.

>>Und du?<<

>>Eine Cola, wenn´s geht, ich muss noch fahren.<<

>>Kommt sofort!<<, erklärte Bastian und machte auf dem Absatz kehrt.

Sam beschloss erstmal eine Begrüßungsrunde zu drehen um auch gleich Ausschau nach Matthias und Pia halten zu können. Noch hatte sie Brangelina nirgends entdeckt. Brav stellte sie Chris ihren anderen Klassenkollegen sowie einigen von Bastians Freunden vor, die jedes Mal die gleiche Reaktion zeigten; ein breites wissendes Grinsen. Müde, von den wissenden Blicken beschloss Sam sich – solange bis Brangelina gefunden waren – zu Hannes und seiner Freundin zu gesellen. Hannes hatte die durchaus sympathische Eigenschaft, dass ihm bei Neuigkeiten meistens der Durchblick fehlte und er immer der letzte war, bei dem Tratsch ankam.

>>Und wie lang seit ihr schon zusammen?<<, wollte Chris wissen, der durchaus dankbar war, das Sam anscheinend auch normale Freunde hatte, die nicht den augenscheinlichen Drang hatten, sie sich ständig - vorzugsweise nackt mit einer Schleife um die Hüfte - vorzustellen.

>>Wir sind schon zwei Jahre zusammen!<<, berichtete Hannes stolz und erntete dafür, liebevolle Blicke von seiner Freundin. Sam hatte die Beiden schon des Öfteren zusammen beim Ausgehen getroffen. Sie kannte Hannes’ kleine etwas pummelige Freundin mit den hübschen, großen Augen, von der er auch ständig in der Schule sprach, aber ihr war noch nie aufgefallen wie gut die Beiden eigentlich zusammenpassten.

>>Und ihr? Sam hat in der Schule gar nichts von dir erzählt – aber sie ist sowieso nicht die Geschwätzigste<<, stellte Hannes fest und grinste Sam entgegen. Er hatte Recht, sie erzählte nie wirklich viel über sich, aber bis jetzt gab es da ja auch nicht viel Interessantes zu berichten.

>>Wir sind erst seit etwa einem Monat zusammen<<, erklärte Sam und erschreckte sich ein wenig über ihre eigenen Worte. Es kam ihr vor, als würde sie Chris schon ewig kennen und nicht etwa erst seit einem Monat.

>>Oh, das wusste ich nicht, ihr seid aber ein sehr hübsches Paar!<<, meinte Hannes und kratzte sich verlegen am Kopf.

>>Kein Problem! Dafür, dass du so was eben nicht weißt mag ich dich<<, erklärte Sam und boxte Hannes grinsend in die Seite.

>>Das versteh ich jetzt nicht<<

>>Musst du auch nicht, das macht dich nur noch sympathischer<<, lachte Sam und musterte Chris, der die Anspielung scheinbar auch verstanden hatte und in ihr Lachen einstimmte.

Sam wollte gerade den harmlosen Smalltalk fortsetzten, als Bastian mit den versprochenen Getränken um die Ecke kam.

>>Dein Bier, Sam.<<

>>Danke.<<

>>Deine Milch.<<

Chris blickte verwirrt in das lächelnde Gesicht von Bastian, der ihm ein Glas Milch vor die Nase hielt.

>>Milch?<<, fragte der Blonde nach.

>>Ja, hast du nicht Milch gesagt? Also ich hab Milch verstanden.<<

Sam blickte abwechselnd in das immer wütender anmutende Gesicht von Chris und in das süffisant grinsende von Bastian.

>>Wieso zur Hölle, sollte er denn eine Milch wollen?!<<, mischte sie sich schließlich ein und löcherte Bastian mit fragenden Blicken.

>>Was weiß ich, vielleicht trinkt er die gerne. Willst du sie jetzt oder nicht? Ich kann dir auch noch ein bisschen Kakao reintuen wenn du möchtest.<<

>>Ich geb dir gleich Kakao…<<, murmelte Chris vor sich hin und ignorierte Bastians Frage einfach.

>>Tut mir leid, ich hab dich falsch verstanden, ich hol dir sofort was Anderes, was möchtest du?<<

>>C~O~L~A<<, meinte Chris langsam und überbetont, als würde er mit einem geistig etwas zurückgebliebenen Kind sprechen.

>>O~K~A~Y<<, erwiderte Bastian und machte wieder auf dem Absatz kehrt.

Hannes und seine Freundin lachten gezwungen, denn auch wenn die Beiden meistens eine lange Leitung hatten, diese teils komödiantische teils patzige Einlage, blieb nicht mal ihnen verborgen. Sam machte noch eine entschuldigende Geste in Richtung der Beiden, ehe sie sich mit Chris ein paar Schritte abwandte.

>>Ich weiß echt nicht, was mit ihm los ist wenn du dabei bist, ansonsten ist er echt immer total nett…<<, murmelte sie.

>>Ach ja, ich hätte da so meine Vermutungen warum er so ist<<, meinte Chris und schenkte ihr im nächsten Moment ein Lächeln. Er wollte Sam nicht die Schuld für etwas geben, auf das sie keinen Einfluss hatte.

>>Mach dir keine Gedanken, Prinzessin!<<, sprach er und küsste Sam leidenschaftlicher als eigentlich in der Öffentlichkeit angebracht war.

>>Auseinander, oder heiraten!<<, unterbrach eine bekannte Stimme den Kuss. Quälend langsam ließ Chris von Sam ab, die gerade dabei war alles um sich herum auszublenden. Chris’ Lippen formten sich sogleich zu einem breiten Lächeln, als er Matthias auf sie zukommen sah.

>>Das sagt ja genau der Richtige!<<, erwiderte Chris und reichte seinem Freund die Hand zum Gruß.

>>Seid ihr jetzt erst gekommen?<<, wollte Sam wissen und hielt Ausschau nach Pia.

>>Ehm, nein wir sind schon länger hier<<, antwortete Matthias und wirkte dabei verdächtig verlegen. Den Grund für seine Verlegenheit, legte Pia mit ihrem Erscheinen auch sogleich offen. Ihre Haare waren zerzaust und ihr Kleid sah etwas verdreht aus.

>>Auto oder Keller?<<, wollte Sam trocken wissen und erntete dafür strafende Blicke von der gerade dazu gestoßenen Pia.

>>Versteh schon, Auto. Im Keller sind ja auch zu viele Spinnen.<<

Während Chris über Sams Spekulationen lachte, trieb es Matthias und Pia die Schamesröte ins Gesicht.

>>Auf alle Fälle klasse, dass ihr hier seid!<<, versuchte Pia das Thema abzulenken.

>>Ich hätte nicht gedacht, dass ihr kommt<<, fügte Matthias hinzu und musterte Chris.

>>Ich hab mir doch noch nie eine gute Party entgehen lassen!<<

>>Schon klar.<<

Sam atmete erleichtert durch, als sie merkte, dass Chris sich schlagartig wohler fühlte. Selbst als Bastian wieder auftauchte wirkte er deutlich entspannter.

>>Na, ihr auch wieder da?<<, meinte Bastian und musterte Pia und Matthias wissend.

>>Ja, ja, jeder weiß es und jeder durfte einen blöden Spruch dazu loslassen, können wir jetzt endlich das Thema wechseln?<<, fauchte Pia, der erst jetzt auffiel, dass sie ihr Kleid irgendwie falsch wieder angezogen hatte.

>>Dein Cola<<, sagte Bastian und streckte Chris diesmal wirklich ein Glas Cola vor die Nase.

>>Tut mir leid, das mit der Milch, ich bin manchmal echt schusselig.<<

>>Schon okay.<<

>>Ihr entschuldigt mich kurz?<<, sprach der Gastgeber und verschwand wieder im Haus.

>>Milch?<<, fragte Matthias während er Pia dabei half ihr Kleid zurechtzurücken.

>>Frag nicht!<<

>>Okay.<<

Skeptisch beäugte der Blonde das Glas, das ihm Bastian gerade gegeben hatte und stellte es ohne einen Schluck zu nehmen, hinter sich auf den Tisch.

>>Stimmt was nicht?<<, wollte Sam wissen während sie versuchte Pias Haare wieder zu ordnen.

>>Du glaubst doch nicht echt, dass ich das trinke, oder?<<

>>Wieso nicht? Diesmal hast du doch Cola bekommen.<<

>>Ja, aber der hat doch da mindestens reingespuckt.<<

>>Bestimmt nicht!<<, murrte Sam und nahm selbst einen Schluck.

>>Siehst du, ich lebe noch!<<, demonstrierte sie und verzog sogleich angewidert den Mund.

>>Was ist?!<<, wollten alle Drei beinahe gleichzeitig wissen.

>>Reingefallen!<<, lachte sie und nahm noch einen kräftigen Schluck.

>>Traust du dich jetzt es zu trinken?<<

>>Erst wenn du in zwanzig Minuten noch immer hier stehst und dich nicht auf der Toilette eingeschlossen hast<<, erwiderte Chris und nahm einen Schluck von Sams Bier.

Die Stimmung auf der Party war ausgelassen. Im Garten – wo sich die Meisten aufhielten – hatten sich Grüppchen gebildet. Die Leute aus der Schule saßen rund um den großen Tisch, der gleich neben dem Griller stand und die Jungs aus Bastians Fußballverein hatten sich um Rocky versammelt, der gerade dabei war eine kleine Lacke von dem Bier aufzuschlecken, dass jemand zuvor versehentlich verschüttet hatte. Bastians Partys fingen meistens so an und endeten damit, dass jemand heulend oder knutschend draußen im Gras lag. Anscheinend, war es noch zu früh um einzuschätzen, in welche Richtung es diesmal gehen würde.

Sam, Chris, Matthias und Pia hatten es sich auf den Gartenmöbeln unter dem Pavillon gemütlich gemacht und beobachteten das ausgelassene Treiben.

Pia entpuppte sich als Moderatorin und erklärte Chris und Matthias ausführlich, wer alles hier war und wen sie aus welchem Grund nicht mochte.

>>Die hatte mal was mit meinem Ex-Freund! Seitdem rede ich nicht mehr mit ihr!<<, fauchte sie während sie auf ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren zeigte.

>>Du verwechselt da was. Du hattest was mit ihrem Freund, deshalb redet sie nicht mehr mit dir<<, meinte Sam und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

>>Das stimmt doch gar nicht!<<

Während Pia heftig dementierte, musterte Sam Chris. Er wirkte entspannt und strahlte wieder diese unantastbare Lässigkeit aus, die ihn so besonders machte. Vielleicht lag es an der Anwesenheit von Matthias, aber irgendwie fühlte es sich ähnlich an, wie vor wenigen Wochen, als sie in der Scheune gesessen hatten und sich Sams Welt mit einem Mal ein Stück weit veränderte. Es waren schöne Erinnerungen, aus denen Sam plötzlich von einer piepsigen Stimme gerissen wurde.

>>Kommst du mal mit aufs Klo?<<

>>Wieso?<<

>>Ich will nicht alleine gehen!<<

>>Dann nimm Matthias mit!<<

Der Braunhaarige schüttelt energisch den Kopf.

>>Ich brauch noch mindestens zwanzig Minuten bevor ich wieder fähig bin irgendwohin ´“mitzugehen“.<<

>>Du schwächelst doch nicht etwa jetzt schon, oder?<<, scherzte Chris und klopfte seinem Freund auf die Schulter.

>>Ach komm schon Sam! Außerdem kannst du dann Chris auch gleich was zu trinken mitbringen, das nicht möglicherweise mit Abführmittel oder Viagra verseucht ist.<<

>>Viagra trau ich ihm nicht zu, das wäre für ihn eher kontraproduktiv<<, meinte Chris zwinkernd.

Seufzend erhob sich Sam und gab Pias Bitten nach.

>>Wir sind gleich wieder da!<<, prophezeite die Braunhaarige und stolzierte mit Sam ins Haus.

>>Und alles klar bei euch?<<, wollte Matthias wissen, der nun mit Chris alleine zurückgeblieben war.

>>Mehr als das, sie ist toll…<<, antwortete der Blonde.

>>Hätte ich nicht gedacht, dass ich es noch erleben darf, dass du dich verliebst.<<

>>Ich auch nicht.<<

>>Und wie kommst du mit Bastian klar?<<

>>Keine Ahnung, ich würde ihn am liebsten kastrieren lassen, aber dagegen gibt es leider Gesetze<<, antwortete Chris und machte eine abwertende Geste.

Sam lehnte in der Zwischenzeit an der Wand im Flur und wartete auf Pia.

>>Dauert´s noch lange?<<

>>Nein, ich schmink mich nur noch schnell nach.<<

Seufzend stieß sie sich von der Wand ab und trottete in Richtung Küche – Pia würde sowieso noch Stunden brauchen.

Vor dem Kühlschrank, hatten sich Jenni, Xenia und Vanessa eingefunden, die sich scheinbar vom Rest der Klasse abgeschottet hatten. Sam mochte die Drei, vor allem weil sie zu der seltenen Gattung Mädchen gehörten, die schon mal ein Buch von Innen gesehen hatten und sich auch über andere Dinge unterhalten konnten, außer die neueste H&M Star-Kollektion.

>>Na, alles klar?<<, wollte Sam wissen und griff sich die Colaflasche aus dem Kühlschrank.

>>Sicher und bei dir?<<, fragte Xenia, die gerade dabei war, irgendetwas White Russin mäßiges zu mixen.

Noch bevor Sam etwas erwidern konnte, wurde sie durch Bastians dazukommen unterbrochen.

>>Ah, die vier schönsten Mädchen der ganzen Stadt!<<

>>Schleimer!<<, stellte Vanessa fest und grinste den Braunhaarigen an.

Jenni hatte ihren Blick etwas abgewandt und ignorierte Bastian weitgehend. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Hellblonde mit den schulterlangen Haaren und den großen, schönen Augen in Bastian verliebt war. Leider besaß sie das selbe, unterentwickelte Talent wie Sam, wenn es um das zeigen von Gefühlen ging und hielt sich deshalb in der Gegenwart des Braunhaarigen meistens im Hintergrund.

>>Sam, kannst du mir mal helfen, die restlichen Getränke aus dem Keller zu holen?<<, wollte Bastian wissen, während er Xenia half, die White Russin mädchenfreundlich zu mischen.

>>Ich?<<, fragte Sam nach und hätte sich beinahe an ihrer eigenen Zunge verschluckt.

>>Nein, ich habe die Topfpflanze da drüben auch Sam genannt und frag mich gerade, wie viele Flaschen Bier sie wohl alleine tragen könnte.<<

Im ersten Moment suchte Sam verkrampft nach einer Ausrede um Bastians Bitte nicht nachkommen zu müssen, aber bei genauerer Betrachtung, gab es eigentlich keinen Grund dafür. Es war eigentlich die perfekte Gelegenheit, Bastian mal gründlich die Meinung zu seinem seltsamen Benehmen zu geigen und ihm klar zu machen, dass er eindeutig netter zu Chris sein musste.

>>Na gut, aber du schleppst das Bier!<<, willigte sie schließlich ein und folgte Bastian in Richtung Keller.

 

Der Weg durch das durchaus große Haus, kam ihr seltsam kurz vor. Ehr sie sich versah, hielt ihr Bastian die Kellertür auf. Kühle Luft traf ihr Gesicht, als sie die schmalen Stufen hinunterging. Sam versuchte den richtigen Anfang zu finden, um Bastian auf sein Verhalten aufmerksam zu machen, schließlich hatte er heute nicht nur Geburtstag sondern er war auch ihr bester Freund und daran wollte sie eigentlich nichts ändern. Sams Kopf arbeitete quälend langsam und füllte sich ständig ungefragt mit irgendwelchem Schwachsinn, anstatt ihr zu helfen die richtigen Worte zu finden. Stumm stand sie hinter Bastian, der gerade dabei war, zwei Kisten Bier übereinanderzustapelte.

>>Ich glaub, das reicht erstmal für die nächsten paar Stunden<<, stellte er fest und drehte sich um. Vor ihm stand Sam und starrte konzentriert ins Leere.

>>Ehm…Sam, alles klar? Du siehst aus als hättest du einen narkoleptischen Anfall.<<

Ruckartig löste sich Sam aus ihrer Starre und fühlte sich sogleich ertappt.

>>Ja! Alles klar! Gib her!<<

>>Was denn?<<

>>Na, ehm, das was du mir geben wolltest.<<

>>Die zwei Kisten Bier? Die lass ich dich sicher nicht schleppen. Eigentlich hab ich nur gesagt, dass das für die nächsten paar Stunden reichen wird.<<

Sams Wangen finden an zu glühe. In letzter Zeit häuften sich die Momente, in denen sie sich in Bastians Gegenwart merkwürdig fühlte, das musste aufhören.

>>Ich muss mit dir reden!<<, platzte es aus Sam heraus die anscheinend selbst überrascht von ihrer plötzlichen Überschwänglichkeit war.

>>Gut, dann rede<<, willigte Bastian ein und setzte sich auf die beiden Bierkisten.

Sam hoffte inständig, dass nun, da sie angefangen hatte, der Rest von ganz alleine kommen würde, aber so sehr sie es auch wollte, es funktionierte nicht.

>>Ehm...also entweder hab ich auf einmal einen Hörsturz, oder du sagst einfach nichts<<, bemerkte Bastian und grinste Sam entgegen. Die schokoladenbraunen Augen die sie so amüsiert musterten, waren nicht gerade förderlich. Immer wieder wollte Sam anfangen etwas zu sagen, entschied sich dann aber im letzten Moment doch anders und blieb stumm.

Bastian beobachtete das Schauspiel noch einige Sekunden ehe er aufstand und einige Schritte auf Sam zu machte. Seufzend stand er vor ihr, schloss kurz die Augen und begann dann, das eingekehrte Schweigen zu unterbrechen.

>>Du willst mir sagen, dass ich netter zu Mr. Aufgeblasen sein soll. Und du willst mir sagen, dass du Mr. Aufgeblasen liebst. Außerdem willst du mir sagen, dass ich ihn nicht ständig Mr. Aufgeblasen nennen soll<<, sprach er mit einer dermaßen ruhigen und beherrschten Stimme, dass jeder Synchronsprecher neidisch geworden wäre.

Sam nickte wie ein Wackeldackel in Anbetracht der wahren Worte und wollte gerade etwas sagen, als ihr Bastian zuvor kam.

>>Im Übrigen willst du mir sagen, dass wir nur befreundet sein sollten und ich mir keine Hoffnungen machen soll.<<

Noch immer war seine Stimme klar und beherrscht. Das Ende seines Satzes untermalte er mit einem sanften aber kühlen Lächeln.

>>War´s das im Großen und Ganzen, oder wolltest du noch einen Getränkewunsch äußern?<<

>>Nein das war´s.<<

Verdattert stand Sam da und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Sie neigte anscheinend dazu zu vergessen, dass Bastian sie schon über zehn Jahre kannte und genau zu wissen schien, was in ihrem Kopf vor sich ging – beängstigenderweise noch bevor sie selbst dahinter kam.

Schon wieder kehrte dieses unangenehme Schweigen ein, das Sam einfach nicht bereit war abermals zu ertragen. Schnell schnappte sie sich einen Karton mit Alkopops und ging Richtung Treppe, als sie plötzlich Bastians Hand am Operarm ergriff und zurückhielt.

>>Willst du gar nicht wissen, was ich dazu zu sagen habe?<<

Reflexartig drehte sie sich um und musterte Bastian. Er wirkte nachdenklicher als vorhin, nicht mehr so beherrscht und einstudiert. Beherzt nahm er Sam die Kiste wieder ab, stellte sie neben sich auf den Boden und kam einen Schritt näher. Unbewusst machte sie einen Schritt nach hinten und spürte die kalte Kellerwand im Rücken. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals als Bastian sich mit den Händen links und rechts von ihr an der Wand abstützte. Die kurze Distanz zwischen ihnen, die er scheinbar bewusst wahrte, verhinderte, dass Sams Kopf noch purpurroter anlief und ihr Verstand endgültig auf Wiedersehen sagte.

>>Ich hasse diesen Idioten. Ich hasse ihn weil ich weiß, dass er dir irgendwann wehtun wird.<<

>>Ich glaube nicht, das er das tun wird.<<

Sam versuchte ihre Stimme beherrscht klingen zu lassen. Bastians Sorgen waren für sie vollkommen unbegründet, sie wusste schließlich, dass Chris sie liebte und sie wusste auch um die Bemühungen die er sich machte, ihr das zu zeigen.

>>Du kennst ihn nicht. Du hast ihn erst zweimal gesehen und steckst ihn schon in eine Schublade.<<

>>Ich muss ihn nicht sonderlich gut kennen um zu sehen, dass er ein Arschloch ist. Wie viele Freundinnen hatte er schon? Zwanzig? Dreißig? Glaubst du wirklich der meint es ernst mit dir?<<

>>Ja.<<

Die kurze und überraschend schnelle Antwort von Sam ließ Bastian kurz zusammenzucken.

>>Ich will nur nicht, dass er dir wehtut.<<

>>Danke, aber das wird er bestimmt nicht.<<

Seufzend legte Bastian die Hand auf Sams Schulter.

>>Na dann glaub ich dir das vorerst, mir bleibt ja schließlich nichts anderes übrig.<<

Er wirkte ein wenig niedergeschlagen. Wieder fehlten Sam die richtigen Worte, also versuchte sie es zur Abwechslung mal mit den falschen.

>>Du bist ein toller Freund und ich will dich um keinen Preis der Welt verlieren, aber bitte versuch wenigstens dich mit Chris anzufreunden, er bedeutet mir zuviel als dass es mir egal wäre ob du ihn magst oder nicht. Ihr werdet also noch öfter miteinander zu tun haben und es ist mir wichtig, das ihr euch versteht.<<

>>Ich werds versuchen, beim nächsten Mal zumindest, wenn ich mich mental darauf vorbereitet habe<<, scherzte Bastian und trat einen Schritt zurück.

>>Danke Basti!<<

Sam schenkte Bastian ein Lächeln und drückte ihn einen kurzen Kuss auf die Wange, ehe sie sich wieder zum gehen abwandte.

>>Warte Sam!<<

Abrupt blieb sie stehen und musste sich nicht umdrehen um zu merken, dass Bastian unglaublich dicht hinter ihr stand. Langsam schlang er seine Arme um ihre Taille und legte sein Kinn auf ihre Schulter. Sam konnte jeden seiner Atemzüge an ihrem Hals spüren, war aber unfähig sich zu bewegen.

>>Was…<<

>>Eines will ich noch loswerden…<<

Beinahe wie ein Flüstern drangen die Worte an ihr Ohr.

>>Ich liebe dich, Sam.<<

Immer und immer wieder hallte Bastians Stimme in ihrem Kopf wieder. Diesmal blieben ihr nicht nur die Worte sondern auch die Luft weg. Sie befürchtete kurze Zeit, sie könnte gar nicht mehr einatmen, bis sie auf einmal auffällig laut nach Luft schnappte.

>>Du musst nichts sagen und ja, ich weiß, dass du ihn liebst, aber ich will auch, dass du weißt, dass ich immer da bin, wenn du mich brauchst. Ich werde dich in Zukunft auch in Ruhe lassen und dich nicht mehr bedrängen, versprochen. Du kannst jetzt wieder anfangen zu atmen.<<

Als wären Bastians Worte ein Befehl an ihre Lungen gewesen, wurde Sams Atmung wieder gleichmäßiger. Langsam ließ er von ihr ab und schnappte sich die beiden Bierkisten, die er gestapelt hatte.

>>Nimmst du den Karton bitte mit rauf?<<

Als hätten sie gerade nichts weiter als Smalltalk gemacht, lief Bastian die Treppen hinauf und hielt Sam die Tür auf.

Zum Glück aktivierte ihr Hirn in diesem Moment eine Art Schutzmechanismus, der dafür sorgte, dass die Worte die sie gerade vernommen hatte vorerst mit dem Befehl „geh und trag die Getränke rauf“ überlagert wurden.

Brav folgte sie diesem Befehl und trug die Getränke nach oben.

Bastian stellte die Kisten in der Küche ab, schenkte Sam ein Lächeln und verschwand wieder nach draußen in den Garten. Xenia, Jenni und Vanessa waren noch immer damit beschäftigt, Cocktails zu mixen. Verdattert stand Sam da und versuchte zu verhindern, das gerade Erlebte in Gedanken noch mal Revue passieren zu lassen.

>>Alles klar? Du siehst blass aus<<, stellte Vanessa fest und musterte Sam besorgt.

>>Waren etwa schon wieder Spinnen im Keller?<<, wollte Jenni wissen und verzog in Anbetracht des Gedankens, an die achtbeinigen Monster angeekelt das Gesicht.

>>Das müssen aber echt verdammt riesige Spinnen gewesen sein, so blass wie du aussiehst!<<, bemerkte Xenia und konnte regelrecht merken, wie Sam zuerst immer blasser und dann knallrot wurde.

>>Spinnen wären echt toll gewesen!<<, antwortete sie und verschwand leicht desorientiert nach draußen.

Die frische Luft tat wirklich gut. Das Atmen fiel mit einem Mal leichter und auch Sams Gesichtsfarbe wurde wieder annähernd normal. Ehe sie zurück zu Chris und den anderen Beiden ging, musste sie sich beruhigen. Seufzend lehnte sie an der Außenfassade und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Bastian hatte ihr seine Liebe gestanden, einfach so, aus heiterem Himmel und sie hatte eigentlich die ganze Zeit nur stumm dagestanden und genickt. Sie wollte gerade wütend auf sich selbst werden, als ihr klar wurde, dass das eindeutig der falsche Moment für masochistische Gedanken war. Sam musste gleich Chris gegenübertreten, den Chris den sie liebte, der, der extra für sie den weiten Weg hierher gefahren war, der, der keine Ahnung hatte was gerade im Keller passiert war. Eigentlich konnte sie nichts dafür, dass Bastian sie liebte und musste auch kein schlechtes Gewissen haben – sie hatte schließlich nichts getan, aber irgendetwas in ihr schrie förmlich vor Schuldgefühlen. Das Gefühl, das sie hatte, als Bastian sie umarmte, war dem Gefühl, das sie verspürte wenn Chris sie in den Arm nahm, gar nicht so unähnlich, aber auch wenn da etwas war, dass sie unweigerlich zu Bastian hinzog, liebte sie Chris. Hätte sie ihr Vater nicht gezwungen diesen Urlaub zu machen und hätte sie damals nicht nachts am See gesessen, würde sie jetzt wahrscheinlich noch immer mit Bastian im Keller sein, aber dem war nicht so. Sie war jetzt hier, mit Chris und dafür war sie dankbar. Seufzend stieß sich Sam von der Wand ab und ging selbstsicher in Richtung Pavillon.

>>Wo warst du denn solange?<<, wollte Pia wissen, die nun wieder mehr als adrett neben – oder besser auf – Matthias Platz genommen hatte.

Tiefblaue Augen ruhten auf Sam während sie sich setzte.

>>Ich hab Bastian nur schnell geholfen Getränke aus dem Keller zu holen.<<

>>Da war nicht zufällig ein Cola dabei?<<, wollt Chris wissen, dem sie ja zuvor versprochen hatte, ihn etwas zu trinken mitzunehmen. In Anbetracht der aufwühlenden Ereignisse im Keller, hatte sie das aber schlichtweg vergessen. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich unweigerlich als sie merkte, wie das schlechte Gewissen wieder aufkam.

>>Hab ich vergessen, aber ich hol dir gleich eines!<<

Noch bevor Sam aufstehen konnte, hielt sie Chris am Arm zurück.

>>Schon gut, ich hol mir selbst was, bleib hier.<<

Die letzten beiden Worte sprach er so intensiv aus, dass sie Sam leichte Gänsehaut auf die Arme zauberten. Er wirkte so wissend, als ob er genau mitbekommen hätte, was vor wenigen Minuten vorgefallen war. Natürlich konnte er nicht wirklich etwas wissen, aber Chris hatte anscheinend eine ausgeprägte Feinfühligkeit für solche Situationen. Lächelnd drückte er Sam einen Kuss auf die Wange und stand auf.

Stumm starrte sie ihm hinterher, selbst als er bereits im Haus verschwunden war.

>>Erde an Sam, bitte kommen!<<

Pia wackelte penetrant mit der Hand vor dem Gesicht der Blonden herum.

>>Was ist denn?!<<

>>Du siehst komisch aus, ist Bastian im Keller über dich hergefallen, oder was ist passiert?<<

>>Ja genau, wir haben es auf den eiskalten Steinboden getrieben – deshalb sehe ich so komisch aus, was glaubst du denn?!<<, antwortete Sam sarkastisch und verdrehte genervt die Augen. Pias Neugier meldete sich ständig in den ungünstigsten Momenten. Sie wollte erstmal niemanden von Bastians Liebesgeständnis erzählen, es hätte die Situation nur noch komplizierter gemacht und gebracht, hätte es auch niemanden etwas.

>>Schon gut, war doch nur ein Scherz…<<, verkündete Pia kleinlaut und nippte an ihrem Getränk.

 

Chris trat durch die Terrassentür in die Küche. Suchend ließ er seinen Blick schweifen und bemerkte sofort sechs glänzende Augenpaare die ihn musterten.

>>Hey<<, begrüßte er die drei Mädchen hinter der Küchenzeile und schenkte ihnen ein typischen O´Shay Lächeln.

Verzaubert von seiner Erscheinung grüßten die Drei zurück und beobachteten den schönen Blonden dabei, wie er sich eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank holte.

>>Wisst ihr zufällig wo Bastian ist?<<, wollte Chris wissen und ließ seine Frage so unschuldig wie möglich klingen.

>>Ich glaub, der ist bei den Jungs vom Verein<<, erklärte Xenia und deutete nach draußen.

>>Danke dir.<<

Grinsend verabschiedete er sich und ging wieder nach draußen, aber anstatt zurück zum Pavillon zu gehen, folgte er Xenias Anweisungen und verschwand auf die andere Seite des Gartens. Schnell machter er Bastian inmitten von ein paar anderen Jungs aus, die sich gerade hitzig über irgendeine gemeinsame Ex-Freundin unterhielten. Bastian war der erste der Chris’ Dazukommen bemerkte und wirkte im ersten Moment sichtlich überrascht.

>>Na, Geburtstagskind, alles klar?<<

Die Anderen bemerkten Chris kaum, da sie noch immer aufgeregt debattierten.

>>Immer! Und, gefällt dir meine Party?<<

Ein triumphierendes Grinsen begleitete Bastians Frage.

>>Ist ganz nett. Sag mal, ist das dort drüben ein Poolhaus?<<, wollte der Blonde wissen und deutete auf das kleine Holzhaus auf der der anderen Seite des Gartens. Verwirrt musterte Bastian ihn ehe er spöttisch die Augenbrauen nach oben zog.

>>Du meinst das Haus neben dem Pool? Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, es ist eine überdimensionierte Hundehütte?<<

>>Schließt ihr das ab?<<

>>Nein, wieso?<<

>>Egal, genieß deinen Tag, wir sehen uns dann später.<<

So schnell er gekommen war, so schnell verschwand Chris wieder uns ließ einen verwirrten Bastian zurück. Der Braunhaarige konnte sich vorerst keinen Reim aus Chris’ Frage machen und wurde sogleich von dem unguten Gefühl beschlichen, irgendwas verpasst zu haben.

 

Überraschend fröhlich gesellte sich Chris wieder zurück in den Pavillon. Liebevoll legte er den Arm um Sam und streichelte ihren Oberarm entlang.

Pia war wieder damit beschäftigt den Rest der Partybelegschaft zu analysieren und verbreitete damit eine durch und durch heitere Stimmung. Für Sam waren diese lästernden Ausführungen von Pia Balsam für die Seele. Es half ihr die Sache im Keller zu verdrängen und Chris’ Anwesenheit schlichtweg zu genießen. Sie genoss die Streicheleinheiten die sie erfuhr, die von Minute zu Minute intensiver zu werden schienen. Etwas errötet musterte sie Chris, den ihr leicht beschämter Blick nur ein Lächeln kostete. Matthias und Pia waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht wirklich mitbekamen, wie Chris Sam immer näher kam.

>>Was ist denn los mit dir?<<, flüsterte Sam, die sich wirklich beherrschen musste nicht sofort unter seinen Berührungen dahinzuschmelzen.

>>Kommst du kurz mit?<<

>>Wohin?<<

>>Lass dich überraschen.<<

Beherzt nahm er Sam an der Hand und entschuldigte sich bei Matthias und Pia. Die Beiden blickten zwar kurz auf, vertieften sich aber sofort wieder in ihr Gespräch.

Sanft aber bestimmend führte er Sam über die Wiese auf die andere Seite des Gartens.

>>Wohin gehen wir?<<

Chris antwortete nicht, bis sie vor dem Poolhaus angekommen waren, das etwas abgeschieden vom Rest des improvisierten Partygeländes lag.

>>Was wollen wir hier?<<

Beherzt drückte er Sam gegen die Holzwand und küsste sie leidenschaftlich. Kurz ließ er seine Hände auf ihren Hüften ruhen und begann dann sie langsam unter ihr T-Shirt zu schieben.

>>Wir können doch nicht! Ich meine….<<

Sam wollte eigentlich Einspruch erheben aber Chris war einfach ein unglaublich guter Küsser und nicht zuletzt Liebhaber.

>>Aber die sehen uns doch alle!<<, setzte Sam das letzten bisschen Widerstand das sie verspürte, verbal um.

>>Gleich nicht mehr.<<

Lächelnd öffnete Chris die Tür zum Poolhaus, zog Sam hinein und begann sofort wieder sie zu küssen.

So sehr sie sich auch innerlich dafür massakrieren hätte können, genau das Selbe zu tun, was Pia in diesem Moment auch getan hätte, sie konnte einfach nicht anders, als sich Chris vollkommen hinzugeben. Er roch unbeschreiblich gut und seine Hände waren einfach magisch. Sam vergaß sofort, alles um sich herum und überließ Chris schnell die Oberhand.

 

Wütend starrte Bastian ins Leere. Seinen Vereinskollegen hörte er schon lange nicht mehr zu, viel zu sehr nervte ihn, der seltsame Auftritt von Chris.

Kopfschüttelnd wendete er sich ab und machte sich auf die Suche. Was auch immer der Blonde mit seinem seltsamen Fragen bezwecken wollte, es würde ihn bestimmt nicht gefallen, soviel war sicher.

>>Habt ihr Sam und Chris gesehen?<<, wollte Bastian wissen, der Pia und Matthias schnell ausfindig gemacht hatte.

>>Keine Ahnung, die sind vorhin verschwunden<<, meinte Pia und schien erst jetzt richtig zu realisieren, das die Beiden wirklich weg waren.

>>Und wohin?<<

>>Haben sie glaub ich nicht gesagt.<<

Matthias grinste Bastian wissend entgegen und löste damit in diesem sofort einen penetranten Sinnesreiz, der sich verdächtig nach blinder Eifersucht anfühlte, aus.

Egal wie oft er auch in den letzten Wochen versucht hatte es zu leugnen, allein der Gedanke daran, Sam könnte mit einem Anderen zusammen sein, machte ihn wütend. Jetzt war klar, was Chris ihn mit dieser seltsamen Konversation eigentlich mitteilen wollte.

>>Wie lange sind sie schon weg?<<

>>Keine fünf Minuten, wieso?<<

Pia verstand Bastians plötzlich auftretendes Interesse an Chris’ und Sams Aufenthaltsort nicht.

>>Nur so!<<, schnaubte er und machte auf dem Absatz kehrt.

Ohne darüber nachzudenken, ob es klug war oder nicht, steuerte er das Poolhaus an. Es war schon schwer für ihn zu ertragen, dass er wusste, dass Chris sie überhaupt haben konnte, aber nicht bei ihm zuhause, auf seiner Geburtstagsfeier, zwanzig Minuten, nachdem er ihr seine Liebe gestanden hatte – das war zuviel.

 

Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, was ihn im Inneren des Poolhauses erwarten würde, vor dem er gerade Inne hielt, öffnete Bastian schwungvoll die Tür. Vor ihm stand Chris, der Sam an die Wand gedrückt hatte und seine Hände gerade an Stellen platzierte, für die ihn Bastian am liebsten in der Luft zerrissen hätte.

>>Was zum Teufel macht ihr denn da?!<<

Sam wäre fast das Herz stehen geblieben, als sie Bastian sah. Schnell drückte sie Chris von sich und freute sich im nächsten Moment darüber, dass sie zumindest noch vollständig bekleidet war.

>>Tut mir leid, ich...wir…und dann<<, stotterte Sam und hätte sich am liebsten selbst einen Schlag verpasst um sich auszuknocken.

>>Würdet ihr vielleicht die Freundlichkeit besitzen, nicht in meinem Poolhaus rumzupoppen?!<<

>>Tut mir leid, war mein Fehler, ich hab sie hierher geschleift, Sam kann nichts dafür<<, erklärte Chris in seiner gewohnt ruhigen und lockeren Art.

>>Schön wenn es so wäre, dass sie nichts dafür kann, dann könnte ich dich jetzt nämlich zusammenschlagen und sagen du wolltest sie vergewaltigen, aber da das leider nicht so ist, bitte ich euch jetzt BEIDE, nie wieder in mein Poolhaus zu gehen!<<

Bastian war so aufgebracht, dass Sam wirklich befürchtete, dass er jeden Moment auf Chris losgehen würde. In Wirklichkeit wusste sie, dass sie es war, die die ganze Wut verdient hatte. Auch wenn Bastian beteuert hatte, er würde akzeptieren, dass sie Chris liebte, merkte ein Blinder, dass er eigentlich so gut wie gar nicht damit zurecht kam.

>>Es tut mir Leid, ich verspreche dir, dass wir so was nie mehr hier machen werden<<, meinte Sam und ging an Bastian vorbei nach draußen. Chris folgte ihr, hielt aber kurz an.

>>Du kannst mit ihr zwar in den Keller „Bier holen“ gehen, aber letzten Endes bin ich es, mit dem sie überall sonst hingeht<<, murmelte Chris und grinste Bastian an.

Er wusste, welche Reaktion er damit bei ihm auslösen würde und er wusste auch, dass es nicht gerade die feine „irische“ Art war, aber wenn Bastian Psychospielchen spielen wollte, dann sollte er seinen Willen haben.

Chris war kein Mensch der schnell aufgab und schon gar keiner, der sich kampflos ergab.

Sam trottete peinlich berührt zurück zu Pia und Matthias und wagte nicht, sich umzudrehen. Sie konnte Bastian nicht in die Augen schauen, zumindest nicht, bis sie mindestens zwei Bier mehr intus hatte und in der Lage war, sich selbst einzureden, dass das Alles gar nicht der Wirklichkeit entsprach, sondern lediglich eine Ausgeburt ihrer viel zu blühenden Fantasie war.

>>Tut mir leid<<, hörte sie Chris hinter sich murmeln.

>>Schon gut, du kannst nichts dafür, ich bin der Idiot.<<

Die Worte von Sam trafen ihn härter als gedacht. Ihm war zwar klar, dass er und Bastian diesen Kampf auf Sams Rücken austrugen, aber er wollte keinesfalls, dass sie das mitbekam.

>>Mach dir keine Gedanken. Wir sind nicht das erste Paar, dass sich auf einer Party abseilt um kurz alleine zu sein.<<

>>Schon, aber….<<

>>Was aber?<<

Sam konnte Chris schlecht erzählen, dass Bastian ihr vorhin ein Liebesgeständnis gemacht hatte und sie deshalb ihr Gewissen plagte.

>>…ich will ein Bier!<<

Chris machte große Augen, als er Sams Satz noch mal wiederholte.

>>“Schon, aber ich will ein Bier?“ Das ist jetzt aber irgendwie total aus dem Zusammenhang gerissen, oder?<<

>>Klappe zu Affe tot<<, antwortete Sam um Chris’ Verwirrung perfekt zu machen und lief in Richtung Küche.

Mit einem neuen Bier bewaffnet gesellte sie sich kurze Zeit später wieder zurück in den Pavillon.

Nachdem sie erfolgreich verhindert hatte, dass Pia von Bastians „beinah“ Gefühlsausbrach erfuhr und Matthias endlich aufgehört hatte, mit Chris wissende Blicke auszutauschen, war sie auch schon bei ihrem zweiten Bier angelangt. Bastian hatte sich nicht wieder blicken lassen und wären heute nicht schon ein Liebesschwur, ein Stelldichein im Poolhaus und einhundert andere fiese Kleinigkeiten passiert, die Sams Kopf ganz wirr machten, wäre dieser Abend wirklich unterhaltsam gewesen.

Hannes und seine Freundin gesellten sich zu ihnen und hatten ein sehr amüsantes Trinkspiel im Gepäck. Chris und Matthias waren die einzigen die vollkommen nüchtern blieben, was sich im Laufe des Abends wirklich bemerkbar machte. Jedes Mal wenn Pia und Sam glaubten, sie hätten gerade den besten Witz der Welt erzählt, konnten sie zwei riesengroße Fragezeichen über Chris’ und Matthias’ Köpfen erkennen. Sam schaffte es seltsamerweise, ihr schlechtes Gewissen Chris und jetzt auch Bastian gegenüber beinahe auszublenden. Es half nichts, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen, wer was zu wem gesagt hatte, morgen war schließlich auch ein Tag und der war wunderbar geeignet um sich selbst innerlich zu geißeln.

>>Iich weiß nichd wieso, aber irgentwie dräht sich alles!<<, stellte Pia fest und lehnte den Kopf auf Matthias Schulter.

>>Pass auf, sonst hast du ganz schnell Kotze am Hals und das wär mehr als unappetitlich!<<, lachte Chris und zeigte warnend auf Pia, die noch immer mit dem Kopf an Matthias Hals lehnte.

>>Schon gut Süße, wir gehen jetzt mal ne Runde Luftschnappen und dann kommen wir wieder.<<

Behutsam stützte der Braunhaarige seine Freundin und führte sie Richtung Auto. Das Matthias sich bereits bei Chris und den Anderen verabschiedet hatte und anscheinend mit „Luft schnappen“ gemeint hatte, sie würden jetzt nachhause fahren, ging an Sam und wahrscheinlich auch an Pia vorüber.

>>Wann kommen die denn wieder?<<, wollte Sam wissen, die versuchte den alkoholisierten Unterton der sich ständig ungefragt unter ihre Sätze mischte zu unterlassen.

>>Heute bestimmt nicht mehr<<, antwortete Chris und fuhr ihr durchs Haar. Er war froh, dass Sams Aufmerksamkeit seit der Poolhaussache nur mehr ihm galt und sich Bastian seit gut zwei Stunden nicht mehr blicken lassen hatte.

>>Dann sollten wir auch fahren….<<, stellte Sam fest und ließ ihren Worten sogleich Taten folgen. Ruckartig stand sie auf und merkte in der nächsten Sekunde, dass Spontanität einfach nicht ihre Sache war. Alles begann sich mit einem Mal um sie herum zu drehen und ihr Gleichgewichtsinn hatte auch schon bessere Tage erlebt.

>>Pass auf Prinzessin, sonst knallst du noch auf den Tisch.<<

>>Ich geh mich nur schnell fahren, dann können wir verabschieden<<, erklärte Sam komplett überzeugt von dem Schwachsinn, den sie gerade gesagt hatte und löste damit sogleich bei Chris einen Lachanfall aus. Während der Blonde dabei war sich von Hannes und seiner Freundin zu verabschieden, war Sam bereits über alle Berge. Ihrem Linksdrall nachgebend, bahnte sie sich stolpernd den Weg ins Haus. Die Party war gerade im vollen Gange. Die meisten hatten sich im Wohnzimmer eingefunden und grölten etwas, das sich verdächtig nach „Superstar“ anhörte ins Mikrofon der Karaokeanlage. Sam war sich sicher, Bastian im Getümmel der singenden Möchtegern-Superstars schnell ausfindig machen zu können, ihre Suche blieb aber ohne Erfolg. Eigentlich hätte sie ohne große Probleme einfach mit Chris nachhause fahren können, keiner würde sich schließlich morgen daran erinnern, ob sie sich verabschiedet hatte oder nicht, aber die betrunkene Sam hatte sich vorgenommen, die vernünftige Sam zu ignorieren und sich zu verabschieden. Sie lief durch das gesamte Untergeschoss und schaute sogar zur Sicherheit noch mal im Keller nach – Bastian blieb verschwunden. Sie wollte gerade aufgeben und Chris suchen, als jemand von oben die Treppe hinunter kam.

>>Gefunden!<<, rief Sam grinsten als sie den Jemand nach kurzen beäugen als Bastian identifizierte.

>>Wen?<<

>>Dich!<<

>>Bist du betrunken?<<

>>Kann sein!<<

Gerade als Sam ihre unglaublich gut durchdachte und oscarreife Abschiedsrede beginnen wollte – die ihr eben erst eingefallen war – wurde sie durch das Dazukommen einer ihr bisher unbekannten Brünetten aus der Fassung gebracht. Das Mädchen kam, wie kurz zuvor auch Bastian – vom Obergeschoss und hatte ein wirklich merkwürdiges Grinsen im Gesicht, das Sam sogleich an das Gesicht erinnerte, das Pia immer machte, nachdem sie mit Matthias von irgendeinem „geheimen“ Ort kam.

Grinsend ging die Brünette vorbei und streifte dabei provokant Bastians Schulter.

Mit hochgezogener Augenbraue starrte Sam der Fremden nach und merkte nicht, dass sie dies in einer ziemlich offensichtlichen Weise tat.

>>Fallen dir jetzt gleich die Augen raus?<<, wollte Bastian wissen, der im Übrigen auch nicht mehr allzu nüchtern klang.

>>Was habt ihr denn da oben gemacht?<<

>>Sex.<<

>>Aha.<<

>>Probleme damit?<<

>>Nein.<<

>>Gut.<<

>>Ich wollte mich eigentlich nur verabscheiden!<<

Bastian lachte.

>>Du wolltest dich verabsch~e~i~d~e~n?<<, äffte er Sam nach und erntete dafür böse Blicke.

>>Dann geh ich eben einfach so!<<

Schmollend wendete sich Sam ab und wurde im nächsten Moment auch schon von Bastian zurückgehalten.

>>Du wolltest dich also verabschieden<<, hauchte er während er sie zu sich zog.

Sam stotterte irgendetwas daher und merkte wie ihr auf einmal furchtbar warm wurde. Bastian hatte sie so nah zu sich gezogen, dass sie seinen schnellen Herzschlag deutlich spüren konnte.

Verlegen blickte sie zu ihm auf.

>>Wir gehen jetzt<<, meinte sie und versuchte sich von Bastian wegzudrücken.

Sie merkte wie sein Blick unbeirrt auf ihr ruhte und sich seine Lippen zu einem leichten Lächeln formten. Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Inneren auf. >>Bleib noch ein bisschen<<, hörte sie Bastian flüstern, dessen Herz immer schneller und schneller zu schlagen schien. Seine braunen Augen funkelten bis sie plötzlich merkte, wie sich sein Blick schlagartig von einem leicht lasziven in einen durch und durch wütenden wandelte. Die Bier die Sam intus hatte, verhinderten, dass sie gleich verstand was los war und wer anscheinend gerade hinter ihr aufgetaucht war und Bastian die Laune vermiest hatte. Jedenfalls nutzte sie die günstige Gelegenheit um einen Schritt von Bastian zurückzuweichen und schlimmeres zu verhindern.

>>Ach, willst du wirklich, dass wir noch bleiben?<<

Die Stimme die sich gerade gemeldet hatte hörte sich mindestens genauso wütend an, wie Bastian aussah.

Etwas zu übereilt drehte sich Sam um und wäre beinahe über ihre eigenen Beine gestolpert. Chris hatte sich im Türrahmen aufgebaut und hatte etwas wirklich Bedrohliches an sich. Sein Blick war kalt und arrogant.

>>Wenn ich´s mir Recht überlege, ihr solltet wirklich gehen, es ist schon spät<<, meinte Bastian und erwiderte Chris’ Blick mit einem eingebildeten Grinsen.

Sam war in der Zwischenzeit damit beschäftigt einfach nur gerade auf den Beinen zu stehen und bekam nicht wirklich viel von dem verbalen und nonverbalen Schlagabtausch mit.

>>Komm Prinzessin, wir gehen<<, hörte sie Chris sagen und verlor im nächsten Moment den Boden unter den Füßen. Er hatte sie einfach hochgehoben und über die Schulter gelegt, was nicht nur Sam verwirrte sondern anscheinend auch ihren Magen. Ein Gefühl der Übelkeit breitete sich schlagartig in ihr aus und sie beflehte sich selbst nicht schon wieder in Chris’ Gegenwart zu Kotzen.

>>Lass sie in Zukunft in Ruhe du Vollidiot!<<, drohte der Blonde.

>>Aber du bist gut für sie, oder was?!<<

>>Besser als du. Ich popp keine Andere und versuch sie dann keine fünf Minuten später auszunutzen weil sie betrunken ist!<<, argumentierte Chris, der anscheinend auch mitbekommen hatte, was Bastian oben gemacht hatte.

>>Leck mich O’Shay!<<

>>Danke, du mich auch!<<

Mit diesen schmeichelnden Worten endete die Party und

Chris verfrachtete eine laut vor sich hin seufzende Sam ins Auto.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 7

Katerstimmung

 

 

Sam schlief die ganze Autofahrt über. Chris kam dieser Umstand wirklich entgegen, da er die ersten fünfzig Kilometer fluchend verbrachte. Er bekam Bastians dämliches Grinsen einfach nicht aus dem Kopf. Allein die Tatsache, dass Sam neben ihm saß, hinderte ihn daran umzudrehen und ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. Eigentlich war Chris niemand, der schnell gewalttätig wurde, im Grunde verabscheute er sich sogar für diesen Gedanken, aber für Bastian würde er nur allzu gerne eine Ausnahme machen.

Rechts von ihm schlief Sam in einer wirklich unbequem wirkenden Position mit dem Kopf auf dem Gurt. Sie gab ein leises Röcheln von sich und sah trotzdem unglaublich süß aus. Chris musste unweigerlich grinsen als er sie betrachtete.

 

Es war fast halb zwei, als er sein Auto in der Tiefgarage parkte und Sam sanft weckte.

>>Hey, aufwache, wir sind da.<<

>>Wo?<<, wollte die Blonde verdutzt wissen und bekam kaum die Augen auf.

>>Zuhause<<, antwortete Chris und half Sam beim Aussteigen. Er legte seinen Arm um ihre Schulter und führte sie hinauf in die Wohnung.

Paralysiert aber widerstandslos folgte Sam und murmelte nur ab und zu ein leises >>entschuldige<<.

Erschöpft ließ sie sich ins Bett fallen und wurde auch sofort wieder vom Schlaf übermannt. Der Alkohol, die Sache im Keller, die Sache im Poolhaus, die Sache mit der Milch und der seltsame Abschied, an den sie sich nur mehr bruchstückhaft Erinnern konnten, waren eindeutig zu viel. Auch Chris war ganz schön geschafft. Er verschwand noch schnell im Badezimmer und legte sich dann zu Sam ins Bett. Ihn erwarteten lediglich drei Stunden Schlaf, bis er wieder aufstehen und zur Arbeit gehen musste, aber egal wie müde er auch war und wie viele Nerven ihm der heutigen Abend gekostet hatte, der Anblick von Sam, wie sie neben ihm schlief, entschädigte ihn schlagartig für alles.

 

Es war noch dunkel draußen, als Sam von einem furchtbar lauten Krach geweckt wurde. Ehe sie auf das Geräusch reagieren konnte, lähmten sie erstmal ein hämmernder Schmerz in der Kopfgegend gepaart mit Übelkeit und einem leichten Schwindelgefühl. Stöhnend richtete sie sich auf und schwörte sich selbst dabei, nie wieder auch nur einen Tropfen Alkohol anzurühren. Abermals krachte es von irgendwoher und Sam zuckte zusammen. Sie blickte neben sich um Chris zu wecken, aber das Bett war leer. Wackelig auf den Beinen, trottete sie verwirrt aus dem Schlafzimmer um sich auf die Suche nach der Geräuschquelle und in erster Linie Chris zu machen. Beides fand sie schließlich in der Küche. Der Blonde stand fluchend vor der Kaffeemaschine, die scheinbar nicht ganz so wollte wie er und sich auch von roher Gewalt kein bisschen beeindruckt zeigte.

>>Was machst du da, es ist mitten in der Nacht<<, wollte Sam wissen und konnte sich ein Gähnen nicht verkneifen. Jede Faser ihres Körpers schrie nach Schlaf und die ein oder andere auch nach einer Aspirin.

Als Chris Sam bemerkte, ließ er sofort von der widerspenstigen Kaffeemaschine ab.

>>Hey Prinzessin, du solltest wieder ins Bett gehen, du siehst total fertig aus! Hab ich dich geweckt?<<

>>Ja, als du versucht hast die Kaffeemaschine zu verprügeln. Aber wieso bist du überhaupt wach?<<

>>Ich muss zur Arbeit<<, erwiderte der Blonde und zauberte Sam damit einen verdutzten Ausdruck aufs müde wirkende Gesicht.

>>Aber es ist doch noch nicht mal sechs Uhr.<<

>>Ja, ganz schön früh, aber was soll ich machen. Dafür bin ich um spätestens 13:00 Uhr wieder zuhause und dann haben wir noch den ganzen Nachmittag und Abend für uns, bevor ich dich wieder nachhause bringe.<<

Sam erinnerte sich, dass Chris ihr gesagt hatte, dass er Sonntag arbeiten müsste. Schlagartig bekam sie ein schlechtes Gewissen, dass sie ihn trotzdem gestern auf Bastians Party geschleift hatte und er nicht wirklich viel Schlaf abbekommen hatte. Mit dem Gedanken an die Party kam auch die Erinnerung und ein dumpfes, schmerzendes Gefühl in der Magengegend. Sam verbot sich sofort jeden weiteren Gedanken an gestern. Halb sechs Uhr morgens war keinesfalls die Zeit sich Schuldgefühlen oder Gewissensbissen hinzugeben – schon gar nicht mit so einem Kater.

>>Du siehst blass aus<<, stellte Chris besorgt fest und nahm Sam in den Arm. Er strahlte eine so unglaubliche Wärme aus, dass sie sich am liebsten sofort wieder neben ihm ins Bett gekuschelt hätte.

>>Geh wieder schlafen und dann gönn dir ein schönes Frühstück, dann geht es dir bestimmt bald besser. Überleg dir schon mal was du machen willst wenn ich wieder da bin – der heutige Tag gehört ganz dir.<<

>>Hm…am liebsten würde ich mit dir einfach hier bleiben, wir könnten uns einen Film ausleihen und einfach mal faul sein<<, schlug Sam vor.

>>Das klingt mehr als gut. Überleg dir welchen Film du sehen willst, ich fahr dann auf dem Weg nachhause bei der Videothek vorbei.<<

Mit einem innigen Kuss besiegelten die Beiden ihre Pläne. Sam blieb noch eine Weile wach, half Chris beim Kaffeekochen, sah ihm beim Anziehen zu und wunderte sich über diesen perfekt organisierten und geplanten morgendlichen Ablauf. Wenn Sam früh raus musste, war alles viel chaotischer. Meistens war sie froh, wenn sie innerhalb der ersten viertel Stunde in der Lage war, mit halbgeschlossenen Augen, das Badezimmer zu finden, aber Chris schien ein richtiger Morgenmensch zu sein. Er war gut drauf und auch den Schlafmangel, sah man ihm in keiner Weise an. Hätte Sam heute, nach nicht mal vier Stunden Schlaf, zur Schule gemusst, sie wäre den ganzen Tag unempfänglich für die Außenwelt gewesen.

>>Wir sehen uns dann spätestens um eins<<, versicherte Chris und lächelte Sam an. Er sah einfach umwerfend aus, auch wenn er eigentlich ein sportlicher Typ war, stand ihm das dunkelgraue Sakko, das er trug, fabelhaft.

Mit einem Kuss verabschiedete er sich schließlich, konnte sich aber nur quälend langsam von Sams Lippen lösen. Irgendetwas in ihm wollte sie nicht loslassen, auch wenn es nur für ein paar Stunden war. Wenn er gewusst hätte, welche furchtbaren Wendungen dieser Tag noch nehmen würde, hätte er tatsächlich nicht losgelassen und wäre gegangen, er hätte sich nicht verabschiedet und ihr zugelächelt, als sich die Lifttür schloss, er wäre geblieben und hätte sich somit viel Kummer und Ärger erspart – aber er wusste es nicht.

 

Sam legte sich gleich wieder ins Bett. Um zumindest nicht ganz alleine schlafen gehen zu müssen, schnappte sie sich Artemis, der ihr auch sogleich schnurrend seine Zustimmung gab. Die weiße Katze auf dem Bauch und einen Kater im Kopf, schlief sie schnell wieder ein.

Gegen elf Uhr Vormittags wurde Sam schließlich zum zweiten Mal an diesem Tag geweckt, diesmal von ihrem Handy. Pia klingelte sie aus dem Schlaf und wollte unbedingt wissen, was sie gestern Abend, nach ihrem unfreiwilligen Abgang, alles verpasst hatte.

>>Ich hab keine Ahnung was passiert ist…<<, gestand Sam mit beschlagener Stimme und rieb sich erstmal den Schlaf aus den Augen. Pia flötete gleich los und erzählte irgendetwas von Matthias, während Sam versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Die Erinnerung kam zuerst Bruchstückhaft und dann in einem Schwall. Bastians Liebesgeständnis, Chris’ Verführungsversuch im Poolhaus, alles wurde immer klarer und klarer.

>>Scheiße…<<, murmelte Sam und vergaß beinahe, das sie eigentlich gerade mit Pia telefonierte.

>>Was ist scheiße?<<

>>Ich.<<

>>Wieso?<<

Sam erzählte alles, so detailgetreu wie es ihr möglich war und spürte das ungute Gefühl in der Magengegend, das sie bereits heute Morgen heimgesucht hatte, wieder aufkommen.

>>Und er hat dir gesagt, dass er dich liebt?<<, fragte Pia zum zweiten Mal nach und klang dabei seltsam geerdet.

Eigentlich hatte Sam einen hysterischen Anfall oder ähnlich schlimmes von ihr erwartet, aber sie blieb ungewöhnlich ruhig.

>>Und was machst du jetzt?<<

>>Ich weiß nicht.<<

>>Liebst du ihn?<<

>>Wen?<<

>>Bastian.<<

>>Nein!<<

>>Bist du dir sicher?<<

>>Ja!<<

>>Das klingt aber nicht gerade überzeugt.<<

>>Was erwartest du? Ich kenne Bastian seit über zehn Jahren! Wir waren beinahe jeden Tag zusammen! Er hört die gleiche Musik, mag die gleichen Filme, lacht über die gleichen Witze und kennt mich besser als ich mich selbst. Natürlich mag ich ihn, sehr sogar!<< Sam war so aufgebracht, dass sie Artemis beinahe versehentlich aus dem Bett geschmissen hätte. Die Katze wahrte einen respektvollen Sicherheitsabstand ließ die Augen jedoch neugierig auf Sam ruhen.

>>Ich weiß nicht was ich machen soll! Ich liebe Chris und mute ihm zu, mich auf so seltsame Partys zu begleiten und jetzt lieg ich hier in seinem Bett und schlafe bis Mittag während er seit sechs Uhr morgens arbeitet – ich bin die mieseste Freundin der Welt. Außerdem tu ich Bastian ständig weh, indem ich ihn entweder anschweige, mich merkwürdig verhalte oder mit Chris in sein Poolhaus poppen gehe – ich bin nicht nur die schlechteste Freundin der Welt, sondern auch die schlechteste Freundin der Welt!<< Sam versuchte das Wort „Freundin“ jedes Mal anders zu betonen um Missverständnissen vorzubeugen.

>>Das stimmt nicht…<<, warf Pia ein und klang immer noch verdächtig ruhig.

>>Ich muss mich bei Chris irgendwie entschuldigen und bei Bastian auch.<<

>>Wieso? Weil sie Beide auf dich stehen?<<

>>Nein, weil ich mich so zaghaft verhalte obwohl ich weiß was ich will.<<

>>Ach echt? Weißt du was du willst? Und wieso schaffst du es dann nie Bastian das auch zu sagen?<<

>>Ich will ihm nicht weh tun.<<

>>Das klingt eher als würdest du dir nicht wehtun wollen. Bastian kann das schon ab, wenn du ihm erstmal klipp und klar gesagt hast wie du zu ihm stehst, braucht er nur ein wenig Zeit und dann wird das wieder, aber um dich mach ich mir Sorgen.<<

>>Du redest heute nur Mist.<<

Sam drückte Pia weg und warf das Handy auf die andere Seite des Bettes. Eigentlich wollte sie nur einen Rat, was ihre Entschuldigung betraf und keine psychologische Analyse ihres Verhaltens – und schon gar nicht, wenn diese so gar nicht zutraf. Sie liebte Chris, das wusste sie und sie mochte Bastian, als Freund. Natürlich wären die Umstände anders gewesen, hätte sie Chris nicht kennen und lieben gelernt, aber sie wollte sich jetzt nicht in Eventualitäten verlieren, sondern auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

Unter der Dusche verflüchtigte sich auch der letzte hartnäckige Rest des Katers und Sam fühlte sich wieder halbwegs wie ein Mensch. Während sie sich das letzte Stück Crossaint in den Mund steckte – das Chris anscheinend heute Morgen irgendwann zwischen Duschen und Anziehen aus dem Ärmel geschüttelt hatte, schrieb sie eine SMS an Pia. Sie wollte vorhin nicht einfach auflegen, aber irgendwie waren ihr Pias Worte ziemlich nahe gegangen.

 

Hey Pia,

sorry wegen vorhin, aber ich

war irgendwie schlecht drauf.

Sei mir nicht böse, es ist nur alles

irgendwie so kompliziert und dann

wieder auch nicht…ich werde mich

auf alle Fälle heute Abend bei Chris

entschuldigen – hab auch schon einen

Plan ^^

 

In der Hoffung, dass Pia Sams oft unkalkulierbare und meistens sinnlose Wutausbrüche bereits gewohnt war und ihr schnell vergeben würde, drückte sie auf „senden“. Manchmal hasste sie sich dafür ständig irrational zu reagieren, aber an diesem Morgen, fasste sie einfach den Vorsatz, in Zukunft über ihr Handeln nachzudenken. Dass Sam ihre emotionalen, irrationalen Handlungen heute noch zum Verhängnis werden würden, konnte sie ebenso wenig ahnen, wie Artemis, der sich nichts Böses ahnend auf ihren Schoß zusammengerollt hatte.

 

 

 

 

Kapitel 8

Schockzustand

 

 

Es war viertel vor eins, als Sam alles vorbereitete hatte. Um sich bei Chris für den gestrigen Abend zu bedanken und für all die Umstände zu entschuldigen, hatte sie beschlossen, ihn mit einem Mittagessen zu überraschen. Eigentlich wollte sie auch die Wohnung für ihn aufräumen, aber die einzige Unordnung die sie vorfand, waren ihre Klamotten auf dem Schlafzimmerboden.

Es hatte zwar eine gefühlte Ewigkeit gedauert, in der ihr fast unbekannten Gegend einen Supermarkt ausfindig zu machen, aber der Aufwand hatte sich wirklich gelohnt. In der ganzen Wohnung duftete es nach Spagetti – das einzige Gericht, das sie ohne die Hilfe ihrer Mutter und ohne gröbere Blessuren zubereiten konnte. Der Tisch war gedeckt und auf Chris’ noch leeren Teller, hatte sie ein Foto gelegt. Es zeigte ihn und sie zusammen in der Scheune beim Kartenspielen. Sev hatte das Foto geschossen, an dem Abend, als sie Chris zum ersten Mal geküsst hatte, an dem Abend als sie zum ersten mal den blauen Augen verfallen war und an dem Abend als, sie ihn beinahe vollgekotz hätte. Sam musste unweigerlich schmunzeln, als sie das Foto betrachtete. Seit Sev es ihr geschenkt hatte, trug sie es ständig bei sich. Auch wenn an diesem Abend schlichtweg alles schief gegangen war, was schief gehen konnte, war es auch der Anfang von etwas unbeschreiblichen. Sam hoffte inständig, dass Chris sich daran genauso erfreuen würde wie sie, vor allem da sie auf der Rückseite einige Zeilen für ihn geschrieben hatte.

Voller Vorfreude saß sie mit Artemis am Balkon und wartete darauf, endlich das erlösende Geräusch einer sich öffnenden Haustür zu hören.

Das Klingeln ihres Handys ließ Sam und die weiße Katze aufschrecken. Chris Name leuchtete am Display auf und sie erinnerte sich, dass er nach der Arbeit noch vor hatte, bei der Videothek vorbei zu fahren und sich nun wahrscheinlich erkundigen wollte, welchen Film er mitnehmen sollte.

>>Hey!<<, quietschte sie fröhlich ins Telefon und überlegte sich bereits, welches Genre wohl die beste Wahl für den heutigen Abend sein würde.

>>Hallo<<, erklang es am anderen Ende ungeahnt kühl.

>>Alles klar?<<, wollte Sam wissen, die Chris’ Tonfall mehr als überraschte.

>>Ja…ich…<<, stammelte er mit einem seltsamen Unterton und seufzte ehe er fortfuhr.

>>…ich schaffe es nicht bis eins, mir ist was dazwischengekommen.<<

>>Wann kommst du denn?<<

>>Ich weiß nicht, so gegen vier vielleicht.<<

Chris klang so unglaublich seltsam, dass Sam für ein paar Sekunden glaubte, sie würde mit einem Fremden sprechen. Sie konnte nicht genau sagen, was es war – Ärger, Genervtheit, Unbehagen – irgendetwas stimmte nicht.

>>Musst du länger arbeiten?<<

>>….ja....ich erklär dir alles wenn ich nachhause komme.<<

Nach diesem Satz folgte erstmal Schweigen.

>>Okay<<, antwortete Sam tonlos, weil sie nicht wusste, was sie sonst erwidern sollte.

>>Bis später.<<

>>Bis später.<<

Sie hielt noch mindestens eine Minute das Handy an ihr Ohr, lauschte dem Tüten, das keine Sekunde nach Chris’ Verabschiedung angefangen hatte und starrte dann ins Leere. Sam unterdrückte gekonnt den Klos der sich in ihrem Hals bildete und hielt sich ihren guten Vorsatz von heute Morgen vor Augen, nicht wieder irrational zu reagieren und sich in irgendetwas hineinzusteigern. Chris seltsames Verhalten konnte nichts mit ihr zu tun haben, schließlich war er heute Früh mehr als gut gelaunt und nett. Irgendetwas musste in den vergangenen Stunden vorgefallen sein, dass ihn zu schaffen machte, irgendetwas auf das Sam keinen Einfluss hatte und sie somit auch von jeglicher Schuld freisprach. Er hatte vielleicht einfach einen harten Arbeitstag weil wieder mal jemand Geld verloren hatte, oder möglicherweise ein verdammt teures Bild von der Wand geknallt war.

Lächelnd über ihre neu entdeckte Eigenschaft, rational zu denken ging sie zurück in die Küche um die Spagetti in den Kühlschrank zu stellen und das Geschirr abzuwaschen. Sie hätte das schmutzige Geschirr natürlich auch in die Spülmaschine räumen können, aber die Beschäftigung half ihr, sich weiterhin ihrer neu entdeckten Rationalität hinzugeben und nicht durchzudrehen. Nachdem sie fertig war fing sie an das Bett neu zu beziehen und sämtliche Pflanzen in der Wohnung zu gießen. Als dann eine Stunde später auch die sowieso schon staub und keimfreien Möbel poliert waren und Artemis zweimal gefüttert wurde, ließ sich Sam auf die Couch fallen. Egal wie sehr sie sich auch anstrengte ihre Putztherapie – die ihr half sich nicht wahnsinnig zu machen – fortzusetzen, in dieser keimfreien, absolut pervers genau geputzten Wohnung, gab es einfach nichts mehr zu tun.

Seufzend saß sie auf dem Sofa und starrte auf die weißen Wohnzimmerschränke. Immer und immer wieder hörte sie Chris’ seltsamen Tonfall in Gedanken widerhallen. Sam hasste sich dafür, nicht genauer nachgefragt zu haben und in Folge dessen, nun bis vier Uhr im Ungewissen zu verweilen. Sie hätte sich erkundigen sollen, warum genau er sich verspäten würde, aber Chris klang eindeutig nicht so, als würde er mit ihr darüber sprechen wollen. Wenn irgendetwas in der Arbeit schief gelaufen wäre, hätte er es ihr einfach erzählen können, aber er tat es nicht. Chris war sonst eigentlich immer sehr mitteilsam am Telefon. In der Zeit in der sie getrennt waren, hatten sie jeden Tag telefoniert und dabei kein noch so unwichtiges Tagesereignis ausgelassen. Er hatte niemals, auch nicht nur annähernd, einen solchen Tonfall wie heute angenommen. Der Klos in Sams Hals meldete sich wieder und sie beschloss Artemis ein drittes Mal an diesem Tag zu füttern.

Die weiße Katze schlang auch diese Portion schnurrend hinunter, konnte sich nach den mehr als üppigen Mahlzeiten aber kaum noch bewegen. Ohne weiteren Aufwand zu betreiben ließ sich der Kater neben der Futterschüssel nieder, rollte sich auf den Rücken und ließ die Pfoten in der Luft baumeln.

>>Alles klar Katze?<<, erkundigte sich Sam und stupste Artemis an. Dieser zeigte sich gänzlich unbeeindruckt und zwinkerte nur langsam mit den Augen.

Wieder setzte sich Sam auf die Couch und verlor sich diesmal in der Hoffnung, dass Chris vielleicht nur einen Scherz gemacht haben könnte und jeden Moment zu Tür hereinschneien würde. Natürlich blieb der Wunsch der Vater des Gedankens. Um zumindest nicht länger im Stillen zu sitzen und zu leiden, beschloss Sam die Stereoanlage aufzudrehen. Musik half ihr fast immer abzuschalten, oder Rückschläge und schlechte Erfahrungen besser zu verarbeiten. Auf der Suche nach ein paar CD´s stöberte sie in den Regalen und wurde auch schnell fündig. Sie entschied sich für Muse und drehte die Lautstärke nach oben. Sie hörte das ganze Album durch, zweimal und stellte schließlich „Supermassiv Black Hole“ auf repeat. Ihre Sorgen konnte Muse zwar nicht gänzlich weg singen, aber sie fühlte sich um einiges besser. Sie kam zu der einfachen Erkenntnis, dass egal was Chris auch in seine schlechte Laune versetzt hatte, es so schlimm nicht sein konnte. Um halb vier war Sam wieder voller Tatendrang und wärmte die Spagetti auf. Ihr blieb vielleicht nicht mehr so viel Zeit mit Chris, bis er sie wieder nachhause fuhr, aber die, die ihr blieb, würde sie ganz bestimmt so gut wie möglich nutzen. Das Klingeln der Haustür ließ Sam aufschrecken und beinahe die Schüssel mit den Nudeln fallenlassen. Schnell rannte sie zur Tür, wunderte sich aber bereits auf dem Weg dorthin, warum Chris an seiner eigenen Wohnungstür klingeln sollte. Neugierig öffnete sie die Tür und blickte in ein ihr zwar bekanntes, aber nicht gleich zuzuordnendes Gesicht.

>>Hey Sam<<, erklang es von dem schlaksigen, groß gewachsenen Jungen vor der Tür, dessen Stimme Sams Erinnerungsvermögen sogleich auf die Sprünge half. Max, der Junge der auch im Museum arbeitete stand vor der Tür und schenkte Sam ein breites Lächeln.

So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich einfach keinen Reim aus dem Auftauchen des schusseligen BWL-Studenten machen. Zum Glück ließ sie Max über die Beweggründe seines Kommens nicht lange im Unklaren.

>>Ich wollte eigentlich nur schnell Chris’ Handy vorbeibringen. Er hat es im Museum liegen lassen und ich komme auf dem Weg nachhause sowieso hier vorbei.<<

>>Chris ist noch nicht da, aber ich geb´s ihm sobald er kommt<<, versprach Sam und wunderte sich scheinbar genauso wie Max, dass der Blonde noch nicht zuhause war.

>>Ah, okay. Vielleicht ist er nach der Arbeit noch schnell einkaufen gefahren oder so<<, spekulierte er und kratzte sich verlegen am Kopf.

>>Ich hab ihn heute aber sowieso nur selten gesehen, keine Ahnung wann er nachhause ist, aber sein Handy war jedenfalls noch da.<<

>>Danke<<, antwortete Sam leise und nahm das silberne Handy entgegen.

>>Na dann, man sieht sich bestimmt mal wieder!<<

>>Ja.<<

Als die Tür wieder ins Schloss fiel, begann Sams Hirn auf Hochtouren zu laufen und der Frage nachzugehen, warum Chris’ Handy vor Chris zuhause ankam. Sie musste sich wirklich zusammenreißen ihrer neuen Philosophie zu folgen und sich nicht in irgendwelche blödsinnigen Spekulationen hineinzusteigern. Chris war einfach zur Videothek gefahren und hatte vorher sein Handy im Museum liegen lassen. Max hatte es entdeckt und war gleich losgefahren, um es ihm vorbeizubringen. Natürlich war er schneller da als Chris – der ja noch in der Videothek war. So und nur so musste es abgelaufen sein. Sam drehte die Anlage wieder lauter und verschwand auf den Balkon. Egal wie wahr alle EU-Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln auch waren, sie kam nicht drum herum, sich eine Zigarette anzuzünden. Das Piepsen von Chris’ Handy ließ Sam sich am Rauch verschlucken. Hustend dämpfte sie das noch nicht mal halb gerauchte Teufelsstäbchen aus und wandte sich vorsichtig dem Handy zu. Sie hatte sich vor langer Zeit geschworen niemals im Handy eines oder gar ihres Freundes herumzustöbern, aber Chris ultramodernes Smartphone, zeigte scheinbar den Absender einer neu eingegangenen SMS sofort auf dem Display an. Beim lesen des Namens, der dort stand, drehte sich Sam der Magen um. Schlagartig bildete sich ein Klos in ihrem Hals und machte ihr das Schlucken beinahe unmöglich.

Immer wieder las sie den Namen in der Hoffnung, er würde seinen Schrecken verlieren, wenn sie ihn nur oft genug las. Das seltsame Telefonat von heute Mittag, Chris’ Tonfall, die kühle in seiner Stimme und nun eine SMS von Nicole. Verschiedenste Emotionen prasselten auf Sam ein und die Ungewissheit war unerträglich. Egal was in dieser Nachricht auch stand, es konnte nur halb so schlimm sein, wie das beklemmende Gefühl das so unerträglich in Sam wütete. Sie glaubte sie sei auf alles gefasst – zumindest bis sie die SMS las.

 

 

 

 

 

POSTEINGANG

15:42 Uhr

Absender: Nicole

Nachricht:

Na du, schon zuhause?

Danke, dass du mir heute

die Arbeit versüßt hast ;)

Du bist und bleibst der

beste Lover auch wenn

du dich in letzter Zeit

an naiven, pubertären

Blondchen vergriffen hast,

aber nach der Sache in der

Garderobe verzeih ich dir

so gut wie alles ;)

Danke für deine SMS, war

eine deiner besten

spontanen Ideen!

Kisses Nici

 

Ohne dass sie es wahrnahm, fingen Sams Hände an zu zittern. Sie wollte die Nachricht noch mal lesen, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irgendwie verlesen hatte, aber sie konnte nicht. Der Schock in dem sie sich befand, half ihr intuitiv im Postausgang nach Chris’ SMS an Nicole zu suchen und nicht einfach heulend zusammenzubrechen.

 

 

 

 

 

POSTAUSGANG

13:26 Uhr

Empfänger: Nicole

Nachricht:

Hey ;)

Hast du Zeit auf einen

kurzen Abstecher in die

Gardarobe? Du siehst

heute einfach zu heiß aus,

ich will dich!

Kuss Chris

 

Erst jetzt gab Sam dem Drang nach zusammenzubrechen.

Das Handy knallte auf den Boden und Sam sackte daneben zusammen. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie wirklich hysterisch geworden, aber diesmal fiel ihr das Atmen so schwer, dass sie um die kostbare Luft ringen musste. Die Tränen schossen ihr über die Wangen und tropften unaufhaltsam auf den Boden – eine nach der anderen, bildeten sie einen kleinen See aus Tränen.

Sam hatte noch nie so bitterlich geweint, noch nie so gelitten wie in diesem Moment. Das Bild, das sie von Chris hatte, zerbröckelte binnen Sekunden. Jeder Liebesschwur den er ihr geleistet hatte, jeden Kuss den er ihr gegeben hatte, jedes mal wenn er sie berührt hatte – alles schien Teil einer großen Lüge zu sein, die Sam die ganze Zeit über nur zu gern glauben wollte. Minuten vergingen ehe sie in der Lage war, sich wieder aufzurichten. Ihre Brust tat unglaublich weh, ihr Kopf dröhnte und ihr Blick war so verschwommen, dass sie ihre Umgebung nicht wirklich wahrnehmen konnte. Sie stolperte über den Teppich im Wohnzimmer, landete auf dem harten Parkett und stand gleich wieder auf. Den Schmerz nahm sie nur dumpf wahr. Der erste klare Gedanke den Sam fassen konnte war, dass sie auf keinen Fall Chris begegnen wollte. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, nicht so, am besten nie wieder.

Ohne noch eine Sekunde zu zögern, lief sie zur Tür.

Während der Lift nach unten fuhr, sackte Sam wieder in die Knie. Einzig die Angst Chris noch mal zu begegne, ihm gegenüberstehen zu müssen, trieb sie an, sich wieder aufzurichten und sich nicht einfach ihrem Kummer hinzugeben.

Ohne wirklich zu wissen, wohin sie lief, rannte Sam die Straße hinunter. Hauptsache weg, Hauptsache weit weg ohne sich umzudrehen.

 

Sie lief so lange gerade aus, bis sie Chris’ Wohnhaus nicht mehr sehen konnte. Erst jetzt begann sie langsam, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie eigentlich nachhause kommen sollte. Diese organisatorische Frage, half ihr fürs Erste, wieder klar im Kopf zu werden. Sie ließ sich auf eine Parkbank nieder und kramte in ihrer Handtasche – die das einzige war, das sie mitgenommen hatte – nach ihrem Handy. Intuitiv wählte sie die Nummer, die ihr als erstes in den Sinn kam. Sie wusste welche Stimme sie jetzt aus diesem Strudel der Depression reißen würde, wer mit Sicherheit für sie da war, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht verdient hatte.

Es klingelte dreimal, ehe er sich meldete.

>>Sam?<<, wollte Bastian wissen, der anscheinend mehr als überrascht von ihrem Anruf war.

>>Ja.<< Ihre Stimme klang beschlagen und sie sprach so leise, als hätte sie Angst Chris könnte sie hier noch immer hören.

>>Du hörst dich seltsam an. Was ist los?<<

>>Könntest du mir einen Gefallen tun?<<

Sam ging nicht auf Bastians Frage ein, sie war noch nicht in der Lage, das Geschehene laut auszusprechen, zumal sie noch nicht mal in der Verfassung war, es in Gedanken Revue passieren zu lassen, ohne in Tränen auszubrechen.

>>Ehm ja, natürlich.<<

>>Könntest du mich….<<

Noch bevor Sam irgendetwas von „abholen“ erwähnt hatte, wurde sie von einem Piepsen unterbrochen. Der Blick auf das schwarze Display ihres Handys, veranlasste sie dazu, den Kopf sinken zu lassen und erstmal in dieser Position zu verweilen. Der Akku war leer. Bastian wusste von nichts und sonst konnte sie auch niemanden anrufen. Mühsam quälte sie sich wieder auf die Beine und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Es war vielleicht sowieso besser, wenn Bastian sie nicht abholen würde. Sie wusste nicht, ob sie all seinen Fragen standhalten würde, ob sie sich das Weinen verkneifen könnte oder ob sie überhaupt ein Wort herausbringen würde. Die Zugfahrt verschaffte ihr Zeit, Zeit die sie brauchte um sich erstmal selbst über einiges klar zu werden.

 

 

Es war zehn nach Vier, als Chris die Autotür zuknallte und endlich in den Lift stieg. Der Spiegel an der Rückwand in Verbindung mit dem Neonlicht zeigte nur allzu deutlich die Spuren auf, die dieser Tag hinterlassen hatte. Unter die sonst so strahlend blauen Augen, hatte sich ein dunkler Schatten gelegt, der den müden Gesichtsausdruck gut untermalte. Seufzend lehnte er sich gegen die Wand und war einfach nur dankbar, gleich wieder zuhause zu sein und Sam in die Arme schließen zu können. Er war ihr eine Erklärung schuldig, für seine Verspätung und den seltsamen Anruf von heute Mittag, das wusste er, aber er wollte Sam persönlich erzählen was los war. Es war einfach zu kompliziert um es in fünf Minuten am Telefon abzuhandeln, aber sie würde ihn sicher verstehen. Chris hatte wirklich das Gefühl, ihr alles erzählen zu können, sogar Dinge, die er in seinem ganzen Leben mit noch niemanden geteilt hatte. Es war schön zu wissen, dass zuhause jemand auf ihn wartete, den interessierte, ob es ihm gut ging, oder wie sein Tag verlaufen war. Auch wenn es Chris nicht wirklich gewohnt war, sein Gefühlsleben mit jemanden zu teilen, freute er sich, dass er heute zur Abwechslung mal nicht allein sein würde und jemand da war, der sich nicht nur für sein Äußeres interessierte, sondern ihn auch als Mensch schätze. Der Gedanke trieb ihm ein sanftes Lächeln ins Gesicht.

Die Lifttür öffnete sich und Chris schleppte sich in Richtung Haustür. Bevor er die Wohnung betrat, atmete er noch mal tief durch und fuhr sich durchs blonde Haar. Sam musste schließlich nicht gleich mitbekommen, wie geschafft er war - Sorgen wollte er ihr schließlich keine bereiten. Er war gerade dabei, seinen Schlüssel zu suchen, als er bemerkte, dass die Wohnungstür einen Spalt weit offen stand. Zuerst stutzte er, dann trat er ein.

>>Sam?<<

 

 

 

 

Sam lief keine fünf Minuten bis zum nahe gelegenen Bahnhof, trotzdem schmerzten ihre Beine und ihr Kopf dröhnte noch immer. Sie musste in diesem Augenblick schrecklich ausgesehen haben, verheult, die Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht und ihre Haltung war alles andere als vorbildlich, aber es war ihr egal. In diesem Moment war ihr alles egal. Sie hatte gerade noch genug Geld für den nächsten Schnellzug nachhause eingesteckt, der auch keine zehn Minuten auf sich warten ließ. Eigentlich hatte sie ziemliches Glück, so schnell nachhause zu kommen. Es hätte sogar länger gedauert, wenn sie jemand abgeholt hätte, aber auch das war egal. Es machte keinen Unterschied ob sie in eineinhalb Stunden zuhause war und dort weiter litt, oder noch vierundzwanzig hier festsaß. Regungslos saß sie im leeren Zugabteil während die Welt draußen an ihr vorbei zu ziehen schien. Den Kopf hatte sie an die Scheibe gelehnt, in der Hoffnung, dass er endlich aufhören würde so schmerzhaft zu dröhnen – vergebens. Krampfhaft versuchte sie sich zu verbieten über ihre Situation nachzudenken – vergebens. Sams Kopf schmerzte und die bittere Erkenntnis kam wieder und wieder. Sie war so dumm gewesen, hatte Chris jedes Wort geglaubt und tatsächlich gedacht, sie könnte eine ernsthafte Beziehung mit ihm führen. Sie wusste um seine Vergangenheit, zumindest teilweise. Sie wusste, dass er viele Freundinnen und wahrscheinlich unzählige Geliebte hatte, aber sie war der infantilen Vorstellung verfallen, für sie hätte er sich geändert. Als sie sich diesen Gedanken bewusst machte, verkrampfte sich ihr Magen. Sam empfand sich nie als sonderlich hübsch oder klug, sie war wahrscheinlich nicht mal nett oder interessant und hatte sich trotzdem eingebildet, jemand mit Chris’ Auftreten und Aussehen, hätte sich für sie geändert. Je länger sie darüber nachdachte, umso vorhersehbarer erschien ihr auf einmal Chris Betrug. Nicole war klüger, älter und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schöner, zumindest redete sich Sam das ein. Ihr Selbstbewusstsein war dermaßen am Boden, dass sie sich wünschte, sie könnte sich in nächster Zeit, einfach irgendwo verstecken. Sie wollte niemanden unter die Augen treten, nicht mal Pia oder ihrer Mutter. Sam redete sich ein, dass all das, was sie sich jetzt erst an den Kopf warf, den Anderen schon lange klar war. Alle wussten bestimmt, dass es so enden würde. Natürlich würde Chris sich nicht für sie ändern, allen war das wahrscheinlich klar gewesen nur ihr selbst nicht.

Der Schmerz und das Gefühl der Ohnmacht mischten sich mit Scham über ihre Blindheit.

 

 

 

 

Verwirrt und ein wenig besorgt trat Chris durch die offene Wohnungstür. Die Tatsache, dass Sam sich nicht auf sein Rufen meldete, machte ihn stutzig. Er ließ seine Schlüssel und das Jackett auf das kleine Sofa im Vorzimmer fallen und ging ins Wohnzimmer. Artemis kam ihm entgegen und maunzte vor sich hin. Er suchte in der Küche, im Bad, im Schlafzimmer, Sam war eindeutig nicht hier. Er brauchte ein paar Sekunden um seine Gedanken zu ordnen und eine banale Erklärung für die leere Wohnung zu finden. Sam war vielleicht Einkaufen, oder einfach Spazieren gegangen. Er hatte sie auch ziemlich lange vertröstet und irgendwie musste sie die Zeit ja schließlich totschlagen. Seufzend ging Chris wieder in die Küche um sich ein Glas Wasser zu holen. Seine Kehle brannte richtig, wie immer, wenn er einen so nervenaufreibenden Tag hinter sich gebracht hatte. Er nannte es scherzhaft den „O´Shay-Stress-Brand“, obwohl eigentlich an der Ursache nichts komisches zu finden war. Er betrat die Küche und bemerkte nun den gedeckten Tisch und die Nudeln auf der Anrichte. Anscheinend hatte Sam gekocht und das schon vor einer Weile, denn die Nudeln waren eiskalt. Schlagartig bekam Chris ein schlechtes Gewissen. Sie hatte bestimmt schon heute Mittag gekocht und er hatte sie einfach mit einer inhaltlich wagen und wahrscheinlich mehr als verwirrenden Begründung vertröstet. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er wahrscheinlich sogar behauptet hatte, er müsse länger arbeiten. Sein schlechtes Gewissen nahm schlagartig zu. Er hatte sie nicht nur stümperhaft vertröstet sondern auch noch angelogen. Chris hatte zwar nicht mit Absicht gelogen, sondern aus einem reinen Affekt heraus, aber er wünschte sich trotzdem, er hätte gleich die Wahrheit gesagt.

Sein Blick streifte über den gedeckten Tisch, dessen Anblick ihn wehmütig stimmte, bis er an dem Foto auf einen der beiden Teller hängen blieb. Anscheinend hatte Sam es für ihn hingelegt, denn auf der Rückseite hatte sie einige Zeilen hinterlassen.

 

Es tut mir leid, dass ich dir gestern so viel zugemutet habe. Ich weiß nicht warum du dich mit mir herumschlägst, aber du tust es und das macht mich glücklich. Ich weiß, dass ich nicht immer einfach bin, aber ich liebe dich und hoffe, dass das zumindest ein wenig von all dem aufwiegt, was du für mich bist.

Sam

 

Chris las die Zeilen dreimal. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als Sam in diesem Moment einfach zu küssen, in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, wie wichtig sie ihm war. Noch nie hatte er ein ähnlich starkes Bedürfnis verspürt, „ich liebe dich“ zu sagen. Seine Ungeduld wuchs von Sekunde zu Sekunde. Wenn Sam schon nicht hier war, wollte er wenigstens ihre Stimme hören und in Erfahrung bringen, wo sie war und wann sie kam. Nichts Böses ahnend, machte er sich auf die Suche nach seinem Handy.

 

 

 

 

Die Zugfahrt war eine nicht enden wollende Gefühlsachterbahnfahrt. Sam überkamen erst die Tränen und die Traurigkeit, dann wurde sie ganz Still und konnte sogar für ein paar Minuten rational über ihre Situation nachdenken, bis dann die Wut über ihre eigene Dummheit und über Chris’ Verhalten, alles rationale verbannte. Aus diesem Gefühlsteufelskreis gab es einfach kein Entkommen. Das Einzige, das alle drei Zustände gemein hatten war, dass sie unglaublich schmerzten.

Sam konnte nicht aufhören, sich auszumalen, wie Chris Nicole küsste und berührte. Die Vorstellung war fast unerträglich, zumal sie wusste, wie Chris sie selbst immer geküsst und berührt hatte und geglaubt hatte, sie wäre die Einzige, von der er sich wünschte, dass sie sich ihm so hingab. Chris hatte bestimmt im Stillen über ihre Naivität gelacht. Sam konnte sich zwar keinen Reim daraus machen, warum er gerade sie, jemand so unerfahrenen und komplizierten, ausgesucht hatte um seine Spielchen zu treiben, aber er würde schon seine Gründe gehabt haben. Vielleicht war sie gerade deshalb für ihn so interessant, weil sie noch unerfahren war und er sich einen Spaß daraus machen konnte, ihr etwas vorzuspielen. Er war wirklich ein fabelhafter Schauspieler, das musste sie sich eingestehen. Seine Worte klangen jedes Mal aufrichtig und sein Blick wich niemals, nicht für eine Sekunde, verlegen ab. Gerade diese Selbstsicherheit und seine Willensstärke, hatten Chris für Sam so unglaublich besonders gemacht. Er schien immer zu wissen was er wollte und war jemand, dem man nur allzu gerne die Kontrolle überließ, weil man wusste, dass er nichts falsch machen würde. Sam überkam mit einem mal unglaubliche Sehnsucht, Sehnsucht nach dem Chris, in den sie sich verliebt hatte und der ihr bis vor kurzem das Gefühl gab, für ihn das wichtigste auf der Welt zu sein. Für einen kurzen Augenblick erschien ihr alles wie ein Alptraum, aus dem sie jeden Moment aufwachen würde um festzustellen, dass sie immer noch in Chris’ Bett lag und er seinen Arm um ihre Taille gelegt hatte.

 

 

 

 

Chris suchte in seinem Jackett, seinem Auto, sogar im Kofferraum, aber sein Handy blieb verschwunden. Er wusste mit Sicherheit, dass er es heute Mittag noch bei sich hatte, im Museum, als er mit Sam telefonierte, aber ob er es mitgenommen hatte als er gefahren war, wusste er nicht mehr. Genervt von seiner eigenen Zerstreutheit, ging er wieder zurück in die Wohnung. Er wollte da sein, wenn Sam nachhause kam. Sie konnte nicht mehr allzu lange unterwegs sein, schließlich wusste sie, dass er um fünf zuhause sein würde und es war schon beinahe halb sechs.

Artemis maunzte noch immer vor sich hin und schien eine richtige Rede vortragen zu wollen.

>>Ja, ich weiß. Mich nervt es auch, dass sie nicht hier ist. Aber ich versprech dir, ich werd mir Mühe geben, dass sie bald immer hier sein wird<<, versprach Chris dem weißen Kater und hob ihn hoch. Er wollte sich auf den Balkon setzen und eine Zigarette rauchen. Eigentlich hatte er aufgehört, aber die Anstrengungen des heutigen Tages und die Ungeduld nötigten ihn förmlich dazu. In dem Moment, als er die Balkontüre öffnete, blieb sein Blick schlagartig auf etwas hängen, dass er schon gesucht hatte und von dem er sich nicht erklären konnte, wie es auf den Boden seines Balkons kam – sein Handy.

Schon als er sich bückte um es aufzuheben, machte sich ein furchtbar komisches Gefühl in ihm breit. Als er die Tastensperre entfernte und er den Text der SMS las, die noch geöffnet war, traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Wut, war die erste Emotion die er zuordnen konnte, blinde Wut, danach folgte Panik. Nun konnte er sich Sams Verschwinden erklären. Fluchend lief er ins Schlafzimmer – ihre Sachen waren noch da. Er versuchte Sam anzurufen, ungefähr zwanzig Mal, aber ihr Handy war ausgeschalten. Gehetzt lief er durch die Wohnung und suchte nach irgendeinem Anhaltspunkt, um wenigstens zu wissen, wann Sam gegangen war – nichts. Er wurde von Sekunde zu Sekunde wütender und verfluchte sich dafür, heute Morgen überhaupt die Wohnung verlassen zu haben. Er konnte sich zwar nicht erklären, wie sein Handy hierher kam, aber er wusste wer die SMS verfasst hatte. Während er nach unten zu seinem Auto lief, wählte er eine Nummer, die er eigentlich nie mehr wählen wollte, aber er musste seiner Wut Luft machen.

>>Ja?<<, erklang es am anderen Ende der Leitung in einem engelsgleichen Ton, der unschuldiger nicht hätte klingen können.

>>Du elendes, intrigantes Miststück!<<

Chris war so wütend, dass er froh war, Nicole nicht persönlich gegenüberstehen zu müssen. Er hatte noch nie eine Frau geschlagen und er hatte auch vor, es in Zukunft dabei zu belassen.

>>Wenn du es noch einmal wagst, dich in mein Leben einzumischen, oder Sam auch nur schief ansiehst, mach ich dich fertig! Du bist nicht die Einzige die Menschen beeinflussen kann und glaub mir, du willst nicht, dass ich dir zeige wie das wirklich geht! Wenn ich mit dir fertig bin, wird Spanien nicht weit weg genug sein um deinen Ruf zu retten! Noch mal warn ich dich nicht, also lass uns in Ruhe!<<

Er musste sich zusammenreißen, sein Handy nicht in die nächst beste Ecke zu pfeffern, als er einfach auflegte. Es interessierte ihn nicht was Nicole dazu zu sagen hatte, das einzige was jetzt wichtig war, war Sam zu finden. Sie musste ihn für das größte Arschloch der Welt halten. Zu allem Überfluss, sprachen auch noch alle Indizien gegen ihn. Er hatte sie mit einer lahmen Ausrede vertröstet, nachdem sie sich die größte Mühe gegeben hatte für ihn zu kochen und ihm zu schreiben, was sie für ihn empfand. Er konnte nicht wirklich einschätzen wie Sam reagiert hatte – mit Wut oder Trauer – er wusste nur, dass für ihn wahrscheinlich eine Welt zusammengebrochen wäre, hätte er das alles durchlebt.

Mit quietschenden Reifen manövrierte er sein Auto aus der Tiefgarage. Er wusste nicht wo er suchen sollte, aber er würde die ganze Stadt nach ihr absuchen, wenn es sein musste.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 9

Tausendmal berührt

 

 

Es war kurz vor sieben Uhr, als Sam regungslos vor einer weißen Haustür stand. Sie wollte nicht nachhause, dort hätte sie ihrer Mutter alles erklären müssen und dazu hatte sie weder die Kraft noch die Muße. Die lange Zugfahrt hatte ihr zwar Zeit verschafft, die sie brauchte um wieder halbwegs zu sich selbst zu finden, aber gut, fühlte sie sich noch lange nicht. Fünf Minuten stand Sam nun schon hier und versuchte sich zu sammeln. Sie würde nicht weinen, zu viele Tränen hatte sie heute schon vergossen und das obwohl sie eigentlich so gut wie nie heulte. Sie würde einfach stark sein, die Sam, die sie früher war, bevor sie Chris kennen gelernt hatte. Schnell ordnete sie noch ihre Haare, wischte sich den dunklen Rand, den ihre verronnene Wimperntusche unter ihren Augen hinterlassen hatte weg und betätigte die Klingel. Sie hatte schon oft hier geklingelt, aber noch nie war sie so nervös gewesen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Tür endlich öffnete.

>>Was willst du denn hier?<<

Verwirrt musterte Bastian Sam, die breit grinsend vor seiner Tür stand.

>>Ich hab mir gedacht, du gewährst mir für heute Asyl<<, scherzte Sam und lächelte. Sie hatte ihre Fäuste so fest geballt, dass sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen gruben, der Schmerz half ihr, sich zu maßregeln und Bastian nicht gleich heulend um den Hals zu fallen.

>>Ich hab versucht dich zurückzurufen, aber dein Handy war aus, ich hab mir schon Sorgen gemacht, Pia wusste auch nichts. Alles klar?<<

Besorgt beobachtete Bastian Sam und konnte sich einfach keinen Reim aus ihrem Besuch machen. Sie kam früher zwar öfter unangemeldet vorbei, aber in diesem Sommer noch nie.

>>Natürlich, du brauchst gar nicht wie ein Autobus zu gucken. Lass mich einfach rein und ich erklärs dir oder lass mich hier stehen und mein Auftreten bleibt geheimnisvoll.<<

Sam war selbst überrascht von ihrem selbstsicheren Auftreten. Soviel Stärke hätte sie sich nicht zugetraut, aber sie war froh darüber.

Bastian trat einen Schritt zur Seite und ließ sie ins Haus.

>>Irre ich mich, oder solltest du nicht bei Mr. Schön sein?<<

>>Mr. Schön ist Schnee von gestern. Hast du was zu trinken? Ich bin am verdursten!<<

>>Wie bitte?<<

>>Ob du was zu trinken hast.<<

>>Nein, das davor.<<

>>Ich bin am verdursten.<<

>>Nein, das davor!<<

>> Ach komm schon Basti, du hast doch nichts an den Ohren.<<

Bastian wusste nicht so recht wie ihm geschah. Er hatte bereits nach Sams Anruf ein ungutes Gefühl, aber mit so was hatte er nicht gerechnet.

>>Was hat er getan?! Wie bist du überhaupt er gekommen?<<

>>Gar nichts, ich hab schluss gemacht. Mit dem Zug.<<

>>Du bist mit dem Zug gefahren?<<

>>Na und?<<

>>Wieso hat er dich nicht heimgebracht?!<<

Wut machte sich in Bastian breit. Er hatte geahnt, dass er was Chris betraf Recht behalten würde, aber dass er Sam alleine mit dem Zug nachhause schicken würde, dass hätte er nicht mal ihm zugetraut.

>>Ich darf Wählen, Autofahren, Alkohol trinken, dann schaff ich es auch, alleine mit dem Zug zu fahren, reg dich ab.<<

Sam machte eine abwertende Handbewegung und hoffte insgeheim, dass er sich mit diesen spärlichen Informationen zufrieden geben würde.

>>Du hast schluss gemacht?<<

>>Darf ich jetzt endlich was zu trinken haben, oder willst du zusehen wie ich dehydriere?<<

Stumm stand Bastian da und verstand die Welt nicht mehr. Erst heute Nacht hatte er davon geträumt, dass Sam hier auftauchte, aber jetzt kam es ihm seltsam vor.

>>Zuerst erzählst du mir was passiert ist!<<

>>Chris hat es anscheinend für eine gute Idee gehalten, sich mit seiner schönen Ex-Freundinn zu vergnügen, was mir wiederum irgendwie gegen den Strich ging und jetzt bin ich hier. Mach kein Drama daraus, wenn ich ein Typ wär, hätt ich auch lieber mit ihr geschlafen als mit mir.<<

>>Was?! Wann?<<

>>Heute Mittag. Ich hab durch Zufall sein Handy in die Hände bekommen und die SMS gelesen, die er an sie geschrieben hat und sie an ihn.<<

>>Dieses dumme Arschloch hat dich tatsächlich betrogen?! Und du stehst hier und machst irgendwelche Witzchen? Bist du nicht wütend?<<

Die Wut, die Bastian bei Sam vermisste, verspürte er nur allzu deutlich. Nur zu gerne, würde er diesem selbstverliebten Idioten, das arrogante Lächeln aus dem Gesicht schlagen. Er versuchte sich zu beruhigen um mehr Details über die Situation zu erfahren, aber als er durchgeschnauft hatte, bemerkte er, dass Sams Gesicht fast weiß war.

>>Kann ich bitte endlich ein Glas Wasser haben?<<

>>Klar, entschuldige.<<

Sam trank das Glas mit einem Zug leer und seufzte.

>>Können wir das Verhör erstmal sein lassen? Deshalb bin ich eigentlich zu dir gekommen und nicht zu unserer Dramaqueen.<<

Bastian schwieg. Er wusste nicht so recht mit der Situation umzugehen. Einerseits wollte er schreien und Chris verfluchen, andererseits wollte er ruhig bleiben, Sam zuliebe. Sie sah fertig aus, geschafft und lächelte trotzdem.

>>Willst du dich ein bisschen hinlegen? Du siehst müde aus.<<

Sie wusste, dass sie keinen Schlaf finden würde, aber vielleicht half das Hinlegen zumindest gegen die furchtbaren Kopfschmerzen.

>>Gegen zwanzig Minuten Powernapping hätt ich nichts einzuwenden.<<

>>Komm, du kannst dich oben in mein Bett legen. Ich hab eine neue Matratze, darauf schläfst du wie auf einer Wolke!<<

Sam folgte ihm nach oben in sein Zimmer. Sie war schon öfter hier gewesen, aber noch nie hatte sie sich in Bastians Chaos so wohl gefühlt. Geschafft ließ sie sich auf das große Bett fallen und seufzte. Sie war so stark gewesen, in den letzten Minuten, aber die bittere Erinnerung würde sie schon bald wieder übermannen, das merkte sie. Zuletzt hatte sie sich in Chris’ Bett so wohl gefühlt, allein dieser Gedanke, ließ den Klos in ihrem Hals wieder größer werden.

>>Brauchst du noch irgendwas?<<, wollte Bastian wissen und musterte Sam besorgt, die sich mit beiden Händen den Kopf hielt. Seine Stimme vertrieb den Klos für einen kurzen Moment. Sie war so vertraut, Balsam für ihre Seele.

>>Kannst du bitte hier bleiben?<<

Sams Stimme klang bei weitem nicht mehr so stark wie vorhin. Sie wusste, sie würde wieder weinen wenn Bastian jetzt ging und der Schmerz würde unweigerlich wieder kommen.

Langsam trat er näher und fuhr ihr sanft über die Stirn.

>>Hast du Kopfschmerzen?<<

>>Ja.<<

>>Willst du eine Aspirin?<<

>>Nein, bleib einfach da.<<

Bastian zögerte einen Moment, bis er sah wie Sams Mundwinkel bebten. Sanft forderte er sie auf, sich auf die Seite zu drehen und legte sich hinter sie. Er legte seine Hand um ihre Taille und drückte sie an sich.

>>Es tut mir leid…was gestern auf deiner Party passiert ist.<<

>>Dir muss nichts leid tun, einzig deine Begleitung war ein Griff ins Klo, aber versuch zu schlafen.<<

Sam konnte nicht schlafen, aber Bastians Nähe vertrieb den Drang zu heulen und das furchtbare Gefühl in ihr und das alleine war viel wert. Sie tastete nach seiner Hand – sie war warm und ergriff sofort ihre.

Sams Hände waren eiskalt und ihre Atmung flach und unregelmäßig. Bastian versuchte so regungslos wie möglich neben ihr zu verweilen, aber es fiel ihm furchtbar schwer. Sie roch unglaublich gut, so gut, dass es ihn beinah den Verstand benebelte. Noch nie hatte er sie so nah bei sich gespürt, es war schwer einen klaren Kopf zu behalten und sich einzig und allein darauf zu beschränken, ihre Hand zu halten und zu wärmen.

>>Es tut mir leid, dass ich so dumm war…<<

>>Hör endlich auf dich zu entschuldigen…<<, flüsterte Bastian und merkte, wie sein Atem Gänsehaut auf Sams Arme zauberte.

>>…wenn dieser Idiot so dumm ist, ist er selbst schuld.<<

Jetzt war es Bastian, der seine Atmung im Zaum halten musste. Es war so schwer sich zu beherrschen, zumal er sich in diesem Moment nichts sehnlicher wünschte als Sam. Er legte seinen Kopf so, dass sein Gesicht direkt vor ihrem Nacken ruhte und beobachtet jedes Härchen, das sich im Rhythmus seines Atems hob und senkte. Unerwartet streckte Sam den Hals ein wenig durch und platzierte damit Bastians Lippen für einen winzigen Augenblick auf ihrem Nacken. Erschrocken wich er ein wenig zurück. Abermals streckte Sam den Hals. Bastian war sich nicht sicher, ob sie es mit Absicht tat, aber er war einfach nicht stark genug, um es nicht herauszufinden. Vorsichtig platzierte er seine Lippen abermals auf ihrem Nacken und wartete ihre Reaktion ab. Gänsehaut überzog wieder ihre Arme und er hätte schwören können, er hätte sie leise stöhnen gehört. Der größte Teil seines Blutes verließ schlagartig seinen Kopf und veranlasste ihn dazu noch ein wenig weiter zu gehen. Er küsste Sams Nacken, hinauf, bis hinter ihr Ohr, verweilte dort eine Weile und widmete sich dann ihrem Hals. Spätestens, als er zum ersten Mal sanft zubiss, war er sich sicher, sie leise stöhnen zu hören. Jetzt war es um ihn geschehen.

Sam spürte Bastians Lippen an ihrem Hals. Ihr Herz schlug ungefragt schneller und schneller. Es fühlte sich gut an, sie fühlte sich gut. Sie dachte an nichts anderes mehr, als seine Lippen auf ihrem Hals und seine Hand die über ihre Wange fuhr. Sams Kopf war leer, eine Leere die auch die Traurigkeit und den Kummer verschlang.

Bastian ließ von ihrem Hals ab und schenkte ihr einen warmen, aber lusterfüllten Blick ehe er sie küsste. Er fuhr kurz mit der Zungenspitze über ihre Unterlippe bis Sam den Kuss erwiderte. Er war leidenschaftlich und schmeckte süß. Bastian ließ sich sanft auf ihr nieder, er konnte schon lange keinen klaren Gedanken mehr fassen. Seine Hand fuhr langsam unter ihr T-Shirt und streichelte über ihre samtweiche Haut. Er wollte sie so sehr, dass er Angst hatte zu grob zu werden und maßregelte sich deshalb ständig selbst.

Wie in Zeitlupe ließ er von ihr ab, richtete sich auf und zog ihr und sich, die mehr als störenden T-Shirts aus. Seine Finger glitten von ihrem Schlüsselbein abwärts. Sam stöhnte wieder leise auf. Bastian konnte nicht länger warten. Er entledigte sich und Sam auch noch von dem letzten Rest ihrer Kleidung und ließ sich dann wieder auf ihr nieder. Ihr warmer, scheinbar makelloser Körper unter ihm, ihr hübsches Gesicht mit den mittlerweile eindeutig geröteten Wangen, alles an ihr schien perfekt.

>>Du bist wunderschön…<<, flüsterte er, als sie endlich – zumindest für diesen Augenblick – ganz ihm gehörte.

 

**************

 

Noch immer schwer atmend, lag Sam da. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was sie da eigentlich getan hatte. Ihre Gefühle spielten verrückt. Schlagartig verkrampfte sie sich neben Bastian was ihn veranlasste sofort von ihr abzulassen.

>>Alles okay, Sam? Es tut mir leid, ich hätte dich nicht…<<

>>Schon gut! Es war nicht deine Schuld sondern meine! Ich bin einfach ein Idiot!<<

Mit einem Ruck sprang Sam auf, und rannte aus dem Zimmer. Bastian lief ihr hinterher, aber eher er sie einholen konnte, hatte sie sich im Badezimmer eingeschlossen.

>>Sam? Es tut mir leid, ich hätte dich nicht bedrängen sollen. Alles in Ordnung?<<

>>Ja! Lass mir nur fünf Minuten.<<

Seufzend ging Bastian zurück in sein Zimmer. Er war wütend auf sich selbst als ihm bewusst wurde, dass er sich eindeutig den falschen Zeitpunkt, für dieses schöne Ereignis ausgesucht hatte.

 

 

 

 

Chris wusste nun wo Sam war. Pia hatte ihm erzählt, dass sie Bastian angerufen hatte. Näheres wusste sie zwar nicht, aber er war sich sicher, dass sie bei ihm war. Der Gedanke war beinahe unerträglich. Chris machte ihr zwar keinerlei Vorwürfe, schließlich dachte sie, er hätte sie mit Nicole betrogen und die Sache mit ihrer Beziehung war für Sam wahrscheinlich bereits gegessen, aber insgeheim hoffte er, dass er alles noch früh genug aus der Welt schafften konnte, bevor Bastian die Gelegenheit bekommen würde, ihr zu nahe zu kommen. Bei diesem Gedanken verfinsterte sich seine Miene schlagartig. Er wollte sich nicht vorstellen müssen, wie ein Anderer ihr nahe war und schon gar nicht dieser sowieso rollige Idiot. Chris hatte noch nie gerne geteilt und schon gar keine einzigartigen Dinge.

Viel zu schnell fuhr er über die Autobahn und versuchte angestrengt sich an den Weg zu Bastians Haus zu erinnern.

 

 

 

 

Sam war schon seit gut einer viertel Stunde im Badezimmer. Bastian lag in seinem Bett, beide Hände weit von sich gestreckt, stand immer wieder im Minutentakt auf, wollte in Richtung Bad laufen und legte sich dann doch wieder hin. Er hatte Sam heute schon einmal zu wenig Zeit zum nachdenken gegeben diesmal würde er sie in Ruhe lassen, solange bis sie einigermaßen mit sich selbst im Reinen war.

Sein Herz schlug noch immer ungeahnt schnell. Immer wieder rief er sich die vergangenen Minuten ins Gedächtnis. Jahrelang hatte er sich ausgemalt wie es wohl sein würde Sam so nah zu sein. Zu Beginn, tat er es als pubertäre Schwärmerei ab, welcher heranwachsende Junge hätte schließlich nicht irgendwelche Fantasien entwickelt, wenn seine beste Freundin so aussah wie Sam, aber mit der Zeit erkannte er, dass er mehr von ihr wollte als nur ihren Körper. Bastian hatte bis vor kurzem gedacht, sie sei noch nicht bereit für eine richtige Beziehung und deshalb stets darauf geachtet, nichts zu überstürzen. Er wollte ihr Zeit geben, Zeit um reif genug für etwas Ernstes zu werden, aber dann kam Chris. Er hatte es irgendwie geschafft, Sam von einem bockigen, sich hinter Sarkasmus versteckenden Mädchen in eines zu verwandeln, das viel reifer war, schöner und glücklicher als je zuvor. Dieser Gedanke schmerzte Bastian so sehr, dass er ihn am liebsten aus seinem Kopf verbannt hätte, aber es ging nicht. Ihm drängte sich unweigerlich die Frage auf, warum er nicht derjenige war, der all das aus ihr gemacht hatte – der sie so glücklich gemacht hatte. Diese Überlegung wäre beinahe unerträglich geworden, hätte Chris nicht einen gewaltigen Fehler begangen. So glücklich Mr. Schön Sam auch gemacht hatte, jetzt war sie am Boden zerstört und es war seine Schuld. Er hatte mit irgendeiner dahergelaufenen Schlampe, die nicht aus Zufall eine seiner Ex war, geschlafen und Sam das Herz gebrochen. Auch wenn Bastian der Gedanke zermürbte, dass er nicht derjenige war, der ihr Herz gewinnen konnte, war er sich darüber im klaren, dass er zumindest niemals derjenige gewesen wäre, der es gebrochen hätte.

 

Beinahe eine halbe Stunde verging, in der Bastian nichts von Sam sah oder hörte. Auch wenn er ihr ihre Ruhe gönnen wollte, jetzt machte er sich Sorgen. Er raffte sich auf und beschloss zumindest einmal nachzufragen ob alles in Ordnung war. Zögerlich klopfte er an die Badezimmertür.

>>Sam? Alles klar?<<

Er lauschte angestrengt, aber die Reaktion blieb aus.

Abermals klopfte er, diesmal lauter.

>>Sam?! Kann ich rein kommen?<<

Die Sorge übermannte ihn und veranlasste Bastian die Türschnalle nach unten zu drücken. Er wunderte sich zuerst, dass nicht abgeschlossen war, erkannte aber sogleich warum – Sam war nicht da.

Ihren Namen rufend lief er die Treppe hinunter. Er machte sich Schuldgefühle, dass er so lange gewartet hatte um nach ihr zu sehen, vielleicht war sie schon länger weg, nur wo? Bastian begann sich dafür zu hassen, was oben in seinem Bett passiert war. Mit Sicherheit war es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, der Sam letzten Endes dazu gebracht hatte einfach abzuhauen. Sie war eigentlich nur gekommen, weil sie sich bei ihm scheinbar wohl fühlte und ihm vertraute und nicht um noch mehr Chaos in ihre Gefühle zu bringen. Er wusste nicht so recht wo er anfangen sollte, aber er musste sie suchen und finden. Allzu weit konnte sie noch nicht gekommen sein, er würde sie bestimmt noch einholen können. Mit großen Schritten eilte er ins Vorzimmer. Routiniert griff er ohne wirklich hinzusehen ins Schlüsselkästchen um seinen Autoschlüssel zu schnappen – sein Griff ging ins Leere. Noch bevor er Gelegenheit hatte nachzudenken wo er seinen Schlüssel sonst platziert haben könnte, fiel sein Blick auf einen Zettel. Das voll geschriebene Stück Papier lag auf der Kommode und sollte ihn gleich verraten, wo sein Autoschlüssel war.

Es tut mir Leid, dass ich einfach so abgehauen bin, aber ich will allein sein. Mach dir bitte keine Sorgen um mich oder uns, du bist und bleibst mein bester Freund und bedeutest mir unglaublich viel. Es war meine Schuld was heute passiert ist, mach dir bitte keine Vorwürfe, es war schön, aber ich kann nicht klar denken. Morgen melde ich mich und dann reden wir, versprochen!

PS: Ich hab mir für heute dein Auto ausgeborgt, ich hoffe, dass macht dir nichts aus – ich fahre auch ganz vorsichtig!

Sam

 

Bastian las die Worte „du bist und bleibst mein bester Freund“ fünfmal. Seufzend schloss er die Augen und spürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend aufkommen. Vielleicht war es das, was er wirklich für Sam sein sollte, ein Freund, aber bevor er weiter darüber nachdenken konnte, wurde er von einer weiteren, furchtbaren Vorahnung übermannt.

>>Sag, dass du nicht mein Auto geklaut hast!<<, flehte Bastian im Selbstgespräch und lief hinaus in Richtung Garage. Nicht nur, dass Sam weg war, sie war auch tatsächlich mit Bastians Porsche unterwegs. Dem Porsche, den er vor einem Jahr von seinen Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, dem Porsche, den er dreimal in der Woche putze und polierte und mit dem er eigentlich in achtzig Jahren begraben werden wollte. „Bist du überhaupt schon mal Automatik gefahren?!“, jammerte er gequält vor sich hin, noch immer ein Selbstgespräch führend. Aufgescheucht rannte er im Kreis, sich selbst ständig gut zuredend. In erster Linie machte er sich zwar Sorgen um Sam, aber auch um sein Auto. Er konnte nicht aufhören sich auszumalen, wie Sam mit voller wucht, mit dem linken Fuß, im Glauben auf die nichtvorhandene Kupplung zu treten, auf die Bremse eindonnerte. Die Vorstellung bereitete ihn Kopfschmerzen. Ein lautes, dumpfes Motordröhnen ließ Bastian plötzlich aufhorchen. Erst dachte er, seinen Porsche zu hören aber dann identifizierte er den Sportwagen der gerade in seine Einfahrt einbog genau so schnell wie den Fahrer. In den ersten Sekunden war er verwirrt, konnte sich nicht erklären was um alles in der Welt ER hier zu suchen hatte, dann übermannte ihn blinde Wut.

Kapitel 10

Wie Hund und Katz

 

Chris stieg aus dem Auto aus und ging in Richtung Haustür. Die ganze Autofahrt über hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als Sam endlich zu sehen und ihr alles zu erklären. In der Hoffnung, seinen Wunsch jeden Moment wahr machen zu können, betätigte er die Klingel und nahm just in diesem Augenblick Bastian aus dem Augenwinkel wahr. Ohne die Miene zu verziehen, kam er auf ihn zu.

>>Ist sie hier!?<<, wollte Chris wissen und ignorierte Bastians finsteren Blick.

>>Das geht dich einen Scheißdreck an!<<, rief er und schlug einfach zu.

Bastian traf ihn genau unterm linken Auge. Chris verzog nur kurz, in Anbetracht des dumpfen Schmerzes, das Gesicht und fauchte Bastian dann an.

>>Ich will mich nicht mit dir schlagen, ich will nur mit Sam reden!<<

>>Ach ja und was willst du ihr sagen?! Dass du ein egoistisches Arschloch bist? Ich glaube, das hat sie schon ganz alleine herausgefunden!<<

Bastian redete sich immer mehr in Rage. Er wollte gerade wieder zuschlagen, diesmal reagierte Chris aber schneller und packte ihn am Arm. Unsanft drückte er ihn gegen die Mauer.

>>Ich hab keine Lust mich mit einem blöden Schuljungen zu schlagen! Du hast ja keine Ahnung, geh mir aus dem Weg!<<

Bastian wollte Chris gerade packen und zurückreißen, aber er sollte nur reingehen und Sam suchen, es würde ihm nichts nutzen.

>>Vielleicht findest du sie ja in meinem Schlafzimmer!<<, brüllte Bastian dem Blonden hinterher, der bereits im Haus verschwunden war.

>>Du meinst in deinem Kinderzimmer? Was macht sie da? Baut sie dir einen Lego Leuchtturm?<<, schrie Chris zurück und veranlasste, dass Bastian ihn wütend folgte. Chris würde schon sehen, was er davon hat.

In der Hoffnung Sam wirklich in Bastians Zimmer – dem einzigen Raum in dem er noch nicht gesucht hatte - zu finden, riss er die Tür auf. Bis jetzt hatte er die Möglichkeit, dass Bastian nicht ausschließlich Scherzte um ihn wütend zu machen, nicht wirklich in Betracht gezogen und so gut es ging verdrängt, was er sich schon im Auto ausgemalt hatte, doch der Anblick von Bastians zerwühltem Bett, ließ ihn an ein Szenario denken, an das er niemals denken wollte. Er wusste es zwar nicht genau, aber er würde es herausfinden. In dem Moment als Chris sich umdrehte, sah er auch schon Bastian grinsend im Türrahmen stehen, diesmal war aber er es, der seine Wut nicht unter Kontrolle brachte. Nachdem er zugeschlagen hatte, fühlte er sich jedoch keineswegs besser, nicht mal als er sah, dass Bastians Lippe blutete.

>>Was hast du mit ihr gemacht?!<<

>>Was hast du denn mit ihr gemacht!<<, schrie Bastian zurück und stieß Chris gegen die Wand.

>>Gar nichts! Das ist alles ein verdammt idiotisches Missverständnis!<<

>>Ach ja? Dann hast du also aus versehen, mit irgendeiner Schlampe geschlafen? Ja, das ist verständlich, ich wache auch dauernd auf und denke mir; verdammt, schon wieder aus versehen eine geknallt!<<

>>Nein! Ich hab niemanden geknallt! Nicole ist meine Ex-Freundin und sie hat ganz einfach einen Vollknall! Ihr Beide würdet euch übrigens bestimmt klasse verstehen! Sie wollte Sam einfach glauben machen, ich hätte mit ihr geschlafen, aber das stimmt nicht!<<

>>Eine noch dooferer Ausrede ist dir nicht eingefallen?!<<

>>Ich schwöre beim Grab meiner Mutter, dass ich Sam nicht betrogen habe!<<

Chris Stimme wirkte zwar noch wütend, hatte aber einen verdächtig flehenden Unterton angenommen, auch wenn sein Blick verriet, dass er Bastian noch immer am liebsten töten würde.

>>Was spielt es für eine Rolle ob ich dir glaube oder nicht?!<<, wollte Bastian wissen, den es in Anbetracht von Chris’ Überzeugungskraft, kalt den Rücken hinunter lief. Wieso war dieser arrogante Bastard so verdammt glaubwürdig?

>>Du weißt doch wo sie ist, oder? Lass mich nur kurz mit ihr reden! Wenn sie mich dann immer noch wegschickt gehört sie dir, aber erst nachdem ich ihr die Wahrheit erzählt habe!<<

Chris Worte hallten in Bastians Kopf wieder. „Dann gehört sie dir…“, klang genauso verlockend wie surreal und stand irgendwie in Konkurrenz mit Sams „du bist und bleibst mein bester Freund…“. Vielleicht war ihm tatsächlich nur dieses eine Mal vergönnt, in dem er Sam nah sein konnte.

>>Und was ist wirklich passiert?! Wenn du so von deiner Unschuld überzeugt bist, solltest du ein paar gute Fakten auf Lager haben!<<

Bastian hoffte immer noch, dass Chris irgendwie einknicken würde, aber er hatte ein so verflucht sicheres Auftreten, dass es schon wieder nervend war.

>>Ich hab mein Handy im Museum vergessen und Nicole hat diese dämlichen SMS geschrieben und es dann irgendwie geschafft, dass Sam sie ließt. Ich war zu dem Zeitpunkt in dem ich mit ihr hätte schlafen sollen, aber nicht mal in der Nähe des Museums! Wenn du willst zeig ich dir sogar die Aufnahme der Überwachungskamera aus der Tiefgarage, ich bin lange bevor ich mit ihr geschlafen haben sollte, weggefahren und jetzt sag mir wo Sam ist!<<

Bastians Magen verkrampfte sich schlagartig. Erst jetzt, wo er seine Wut einigermaßen im Griff hatte, wurde ihm wieder bewusst, dass Sam eigentlich noch immer verschwunden war und dass es im Grunde auch seine Schuld war. So gern er Chris auch die unverblümte Wahrheit über das, was in seinem Bett vorgefallen war um die Ohren geschmettert hätte, irgendetwas in ihm sagte Bastian, dass er das nicht durfte.

>>Sam war hier, aber jetzt ist sie weg!<<, rückte er mit der nicht mal halben Wahrheit heraus.

>>Und wo ist sie?!<<

>>Ich weiß nicht, aber sie kann noch nicht weit sein.<<

Ohne lange darüber nachzudenken, rannte Chris zu seinem Auto. Er hatte Sam zum zweiten Mal an diesem Tag verpasst, aber diesmal würde er sie finden.

>>Wo willst du sie denn suchen, du Spinner?!<<, wollte Bastian wissen, der neben Chris herlief.

>>Du sagst, sie ist noch nicht lange weg? Wie weit kann sie zu Fuß schon kommen? Ich hol sie schon ein.<<

Bastian beäugte Chris’ Mercedes skeptisch.

>>Das glaub ich nicht!<<

>>Wieso?!<<

>>Weil diese verrückte mein Auto geklaut hat!<<

>>Was?!<<

Chris wollte gerade einsteigen und stand in Gedanken schon am Gaspedal, als Bastian sich rempelnder Weise an ihm vorbei drängte und sich auf den Fahrersitz setzte.

>>Bist du jetzt komplett verrückt geworden! Raus aus meinem Auto!<<

>>Ich fahre mit!<<

>>Nur über meine Leiche!<<

>>Bring mich nicht auf blöde Gedanken! Ich will auch mit Sam reden! Außerdem weiß ich glaube ich wo sie hingefahren ist! Lass mich fünf Minuten mit ihr reden, wenn sie dann noch immer dich will, gehört sie dir…<<, erklärte Bastian ernst und nahm dabei gewollt den Tonfall an, den Chris hatte, als er Minuten zuvor beinahe das Selbe gesagt hatte.

Chris tat schwer daran es sich einzugestehen, aber im Grunde wusste er, dass sie zu zweit mehr Chancen hatten, Sam zu finden und vor allem mit ihr zu reden. Eigentlich wollte er nicht darüber nachdenken, aber es hatte bestimmt seine Gründe, dass Sam auch von hier abgehauen war und Bastian hatte anscheinend das Selbe Bedürfnis mit ihr zu reden wie er. Er hasste ihn zwar noch immer wie die Pest, aber Sam zuliebe war es vielleicht das Beste sie würde die Gelegenheit bekommen, endlich eine Entscheidung zu treffen – eine die sie glücklich machte. Auch wenn Chris sie noch so liebte, er hatte wahrscheinlich genauso wenig Lust wie Bastian weiterhin dauernd das Gefühl zu haben, Sam beziehungstechnisch mit jemand teilen zu müssen.

>>Na gut! Aber nur, weil ich absolut keine Lust auf einen Dreier mit dir hab und nie haben werde! Lass uns die Sache aus der Welt schaffen und jetzt, VERPISS DICH AUF DEN BEIFAHRERSITZ!<<

>>Ehm, in der Sache mit dem Dreier bin ich ganz deiner Meinung – mir wird ja schon bei der Vorstellung übel, aber ich fahre! Du fährst doch bestimmt wie ein alter Mann!<<

>>Ich lass doch kein Kind mein Auto fahren!<<

Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, packte Chris Bastian am Arm und riss ihn nach draußen.

>>Aua, weißt du, dass du ganz schön gewalttätig bist?!<<, meckerte der Braunhaarige raffte sich vom Boden auf und schaffte es gerade noch auf den Beifahrersitz, bevor Chris das Gaspedal ganz durchgedrückt hatte.

>>Ich und gewalttätig?! DU hast mir als erstes eine reingehauen!<<

>>Ja…<<, grinste Bastian, >>…und es schwillt schon an, ich hab echt einen ganz schönen Wumps drauf!<< Der Braunhaarige lächelte ein süffisantes Lächeln und erntete dafür unermesslich böse Blicke. Chris konnte sich nicht erinnern, wann ihm das letzte Mal jemand so auf die Nerven gegangen war.

>>Wohin?!<<, wollte der Blonde wissen und versuchte seine linke Augenbraue, die wütend auf und ab zuckte – jedes Mal wenn Bastian ihn so dämlich arrogant anschaute – unter Kontrolle zu bekommen.

>>Fahr einfach weiter gerade aus, ich klär den Rest.<<

Bastian kramte in seiner Hosentasche nach seinem Handy.

>>Du wirst Sam nicht erreichen, dass versuch ich schon die ganze Zeit<<, erklärte Chris genervt.

>>Ich bin ja auch nicht so vertrottelt wie du!<<

Bastian lauschte dem Piepsen am anderen Ende bis sich Pia meldete.

>>Wo würde Sam hinfahren, wenn sie ein Auto geklaut hätte?<<, wollte er sofort von ihr wissen ohne irgendetwas zu erklären.

>>Was? Ich dachte sie wär bei dir! Wieso hat sie ein Auto geklaut?!<<

>>Erklär ich dir alles später, aber ich will wissen wo sie hingefahren sein könnte!<<

>>Aber…!<<

>>Pia, nein! Ich erklärs dir später, wo würde sie hinfahren?<<

>>Hmm…<<, sie überlegte kurz und musste zuerst ihre naturgegebene Neugier unterdrücken um nachdenken zu können.

>>Ich weiß nicht genau, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sie nach……<<, als Pia den Ort aussprach ärgerte sich Bastian, dass er nicht selbst darauf gekommen war. Mit einem >>Danke<<, legte er auf und riss Chris dann das Lenkrad um. Der Mercedes wendete mit quietschenden Reifen.

>>Hast du einen Vollknall!!!<<, schrie Chris und konnte nicht anders als Bastian einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen.

>>Fass nie wieder mein Lenkrad an!<<

>>Aber du bist in die falsche Richtung gefahren!<<

>>DU hast doch gesagt, ich soll dort lang fahren!<<

>>Jetzt weiß ich aber wo wir hinmüssen!<<

Bastian erklärte Chris wo Sam vermutlich hingefahren war. Auch er war wenig überrascht über den Ort, obwohl er selbst wahrscheinlich nicht darauf gekommen wäre. Es stimmte ihn ein wenig wehmütig, aber bevor Chris dieser Wehmut verfallen konnte, meldete sich Bastian wieder zu Wort.

>>Du fährst echt wie ein alter Mann mit Hut! Außerdem riechts hier komisch! Was ist das?<<

>>Sei einfach still und beschränk dich aufs a~t~m~e~n!<<, befahl Chris und sprach vor lauter Wut bereits mit geschlossenen Zähnen. Ob Sam sauer sein würde, wenn er Bastian einfach bei voller Fahrt aus dem Wagen warf?

>>Fahr auf die Autobahn auf, dann sind wir schneller!<<, erklärte Bastian und ignorierte Chris’ Sprechverbot einfach.

>>Sind wir nicht! Wir fahren über die Bundesstraße, die Strecke ist kürzer!<<

>>Du bist echt dumm wie Toast, da wo ich herkomme, weiß jedes Kind, dass man schneller ist wenn man über die Autobahn fährt!<<

>>Und da wo ich herkomme, gibt es Anstalten für Menschen wie dich! Pech gehabt, anscheinend kriegen wir heute beide nicht was wir für üblich halten!<<

>>Bist du eigentlich immer so ätzend?<<

>>Nein, nur Mittwochs und natürlich wenn ich gezwungen bin das Gefasel von rolligen Vorpubertären zu ertragen!<<

>>Du wirst mir echt immer sympathischer!<<

>>Du mir auch!<<

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Sam saß am Seeufer und blickte wieder in diesen unglaublich schönen Sternenhimmel. Es war eine gute Idee wieder hierher zu fahren, denn auch wenn sie selbst die letzte war, die diesen Ort noch vor wenigen Wochen mit Adjektiven wie, wunderschön, oder entspannend beschrieben hätte, jetzt fühlte sie sich hier unglaublich wohl. Sam hatte zwar ein schlechtes Gewissen, Bastians Auto ungefragt „ausgeliehen“ zu haben, aber er würde es sicher verstehen. Morgen würde sie es ihm zurückbringen und sich endlich mit Bastian aussprechen. Er hatte eine Aussprache mehr als verdient, auch wenn sie sich noch nicht sicher war was sie zu ihm sagen sollte. Sie fühlte sich unweigerlich hingezogen zu ihm, mochte die Art wie er sie berührte und küsste, aber es war anders als bei Chris. Mit Bastian konnte sie über alles reden, über alles lachen, er kannte ihre Launen, durchschaute ihr Gefühlsleben und wusste einfach alles über sie, aber irgendetwas war anders. Natürlich fühlte sie sich auch körperlich zu Bastian hingezogen, sonst hätte sie all das was in seinem Bett passiert war nicht zugelassen, aber trotz dieser Erfahrung, dieser Nähe, vermisste sie bei Bastian etwas, was sie bei Chris hatte. Der Gedanke an ihn stimmte sie wieder traurig. Sam schaffte es zwar mittlerweile die Tränen zu unterdrücken, aber weh, tat es noch immer. Auch wenn das Kapitel O´Shay ein für alle mal erledigt war, liebte sie ihn noch, das konnte sie sich nun eingestehen. Wahrscheinlich würde sie ihn noch so lange lieben bis sie jemanden gefunden hatte, der ihr wieder genau das gab, was sie vermisste. Ob sie so jemanden jemals treffen würde, wusste sie nicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich jemanden wieder so zu öffnen wie sie es bei Chris getan hatte. Es war wohl oder übel an der Zeit, die Mauer aus Sarkasmus und Launen wieder zu errichten, solange bis jemand kam, der sie durchbrechen konnte – aber daran glaubte Sam im Grunde sowieso nicht.

Sie schloss die Augen und gab sich noch einmal der Erinnerung hin, der, in der sie noch der Vorstellung verfallen war, Chris würde sie auch lieben. Sie genoss sein wunderschönes Zahnpastalächeln, seine stahlblauen Augen, die immer so tief in die ihres Gegenübers zu blicken schienen und seine selbstsichere Art zu sprechen – all das was sie an Chris so liebte.

Beinahe hätten sie die Tränen doch wieder übermannt, hätte sie nicht ihren Blick schweifen lassen und etwas entdeckt, dass ihr wohl in jeder Lebenssituation Ablenkung verschafft hätte.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen raffte sich Sam auf und ging in Richtung des Gartenzwerges, der sie mit seinen großen, Kulleraugen anstarrte.

>>Na, du?<<, meinte sie und griff sich den Gartenzwerg an der roten Mütze. Noch immer hielt Sam den Keramikzwerg für die absurdeste, je von Menschenhand geschaffene Scheußlichkeit, aber es tat trotzdem irgendwie gut ihn bei sich zu wissen.

 

 

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>>Über die Autobahn wären wir tausendmal schneller gewesen!<<, motzte Bastian auf dem Beifahrersitz und begann aus Langeweile über die lange Fahrt, Chris’ Handschuhfach auszuräumen.

Er kramte einige CD´s heraus, Taschentücher, einen Eiskratzer und warf dann alles nach hinten auf die Rückbank.

>>Was zur Hölle machst du denn da?!!<<, unterbrach ihn Chris der gerade seinen Eiskratzer auf dem Flug nach hinten zusah.

>>Du hast da echt nur langweiliges Zeug drin!<<

>>Hör sofort auf mein Handschuhfach auszuräumen! Wie alt bist du denn?! Drei?!<<

>>HA!<<, rief Bastian mit einem Mal, der gerade mit der Hand im hintersten Winkel des Handschuhfaches steckte.

Mit einem bösen, wissenden Lächeln im Gesicht hielt er Chris das Kondom unter die Nase, das er gerade gefunden hatte.

>>Was? Findest du mich auf einmal doch sympathisch, oder warum hältst du mir das Ding unter die Nase?<<, scherzte Chris und zauberte damit den angewidertsten Gesichtsausdruck auf Bastians Gesicht, den er je gesehen hatte.

>>O mein Gott! Allein die Vorstellung bringt mich um! Aber ich hab kein Kondom in meinem Handschuhfach!<<

>>Du bist ja auch ein Kind. Außerdem ist das Ding da schon seit Jahren drin. Aber du kannst es gern haben, du wirst es brauchen, nachdem dich Sam endgültig abserviert hat!<<

Chris wartete auf eine bissige Antwort von Bastian – vergebens. Nachdem er das Handschuhfach wieder zugeknallt hatte lehnte er seinen Kopf auf die Genickstütze und blickte stur nach vorne.

Chris war dankbar für diesen kurzen Moment des Schweigens, aber irgendwie hatte er nicht mit so einer Reaktion gerechnet. Er hatte Bastian nicht als jemanden eingeschätzt der schnell aufgab und sich eigentlich darauf eingestellt, Sam nicht nur alles zu erklären sondern auch um sie zu kämpfen, aber anscheinend hatte Bastian nicht vor sich auf so etwas einzulassen.

>>Warum ist sie weggelaufen?<<, wollte Chris wissen, sich sehr wohl klar darüber, dass die Antwort auch die ein oder andere offene Frage über Bastians zerwühltes Bett enthalten würde.

>>Sie wollte allein sein, weil irgendein Arschloch, von dem sie eigentlich geglaubt hat, er würde sie lieben, sie betrogen hat! Was fragst du so dämlich!?<<

>>Zum hundertsten Mal, ich hab sie nicht betrogen! So gern du das auch hättest, aber so einen Fehler würde ich nie machen! Außerdem ist sie doch zuerst zu dir gekommen, warum hat sie dann dein Auto geklaut und wieso um Himmels Willen, hast du das nicht mitbekommen?<<

>>Einfach so! Nerv mich nicht O’Schwachkopf! Überleg dir lieber was du zu Sam sagst! Wenn sie noch einmal wegen dir heult, brech ich dir die Nase!<<

Abgesehen von der eigentlich verständlichen Androhung von Gewalt, klangen Bastians Worte beängstigend motivierend. Außerdem hatte er Chris jede noch so winzige Anspielung auf das was er und Sam getan hatten, als sie alleine waren, erspart.

>>Tut mir leid wegen vorhin, ich wollte dich nicht schlagen<<, entschuldigte sich Chris einsichtig und dankbar für Bastians Schweigen.

>>Entschuldigung angenommen, ach ja, mir tut es übrigens nicht Leid und wenn du zwecks Symmetrie auch einen blauen Ring ums andere Auge haben willst, brauchst du mich nur zu fragen!<<

Zuerst seufzte Chris und musste sich eingestehen, Bastian vielleicht schon wieder falsch eingeschätzt zu haben, dann, als auch die letzten paar CD´s aus dem Seitenfach, fliegender Weise, den Weg nach hinten fanden wurde er einfach wieder wütend.

>>Finger weg von meinen Sachen! Sonst bind ich dich mit dem Gurt am Sitz fest!<<

>>Trau dich doch, O’Schwachkopf!<<

 

Kapitel 11

Freundschaft und Liebe

 

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis die Beiden endlich an ihrem Ziel ankamen. Langsam lenkte Chris den Wagen an der schmalen Seestraße entlang bis Bastian ihn zum Anhalten aufforderte.

>>Lass das Auto hier stehen. Wenn Sam dich sieht haut sie vielleicht wieder ab und ich hab echt keine Lust, dass sie mein Auto als Fluchtfahrzeug verwendet!<<

Chris willigte ungern ein, aber Bastians Idee war von einer bestechenden Logik begleitet. Sam glaubte schließlich noch immer, er hätte sie wirklich mit Nicole betrogen.

Im Schutz der Dunkelheit liefen Chris und Bastian schweigend am See entlang, solange bis sie Sam schließlich fanden. Sie lag im Gras, einen Gartenzwerg neben sich gebettete und hatte die Augen geschlossen.

>>Lass mich zuerst mit ihr reden!<<, forderte Bastian.

>>Nein, ich warte schon den ganzen Tag! Ich will das jetzt endlich aus der Welt schaffen!<<

Chris’ Emotionen kochten in ihm hoch. Er wollte nichts sehnlicher, als endlich dieses intrigante Spielchen aufzuklären und Sam um Verzeihung bitten.

>>Erstmal bin ICH ihr bester Freund und sollte schon allein deshalb als erster mit ihr reden dürfen und außerdem will ich nicht, dass du sie mit deiner Anwesenheit einfach so überrumpelst! Lass mich mit ihr reden, dann tut sie sich auch leichter, dich zu verstehen!<<

Wieder klangen Bastians Worte verdächtig logisch. Chris hätte ihn schon beinahe vom nervenden Kind zum nervenden Teenager befördert, hätte ihn Bastian bei seinem Abgang nicht den Mittelfinger gezeigt.

Auch wenn Chris ihn hasste, in diesem Moment war er ihm wirklich dankbar für seine Hilfe – auch wenn er es bestimmt nicht für ihn tat, sondern für Sam.

 

Beinah geräuschlos steuerte Bastian auf sie zu. Er wollte sie nicht erschrecken und räusperte sich kurz aber laut genug, dass sie die Augen öffnete und in seine Richtung blickte.

>>Bastian?<<, fragt Sam, die eine Weile brauchte um ihren Gegenüber in der Dunkelheit zu erkennen.

>>Hast du dich tatsächlich mit den Gartenzwergen organisiert?<<, scherzte Bastian, um den überraschten Gesichtsausdruck von Sam ein wenig zu entschärfen und zeigte auf den Gartenzwerg.

>>Wie kommst du denn hierher? Woher wusstest du überhaupt…<<

>>Pia.<<

>>Du bist mit Pia hier?<<

>>Nein, dass nicht, aber sie hat mir gesagt, wo du bist. Man möchte es kaum glauben, aber die kleine liebestolle Irre kennt dich echt gut.<<

Sam raffte sich auf und wusste nicht so recht was sie sagen sollte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Bastian hier auftauchen würde.

>>Ich…es tut mir leid, dass ich…<<

>>Schon gut<<, winkte Bastian ab und schickte ein schnelles Stoßgebet in Richtung Himmel, dass den hoffentlich noch unversehrten Zustand seines Porsches zum Inhalt hatte.

>>Hör zu Sam. Was da vorhin in meinem Bett passiert ist tut mir leid – das heißt eigentlich tut es mir nicht leid, es war schön, mehr als das sogar, aber wir Zwei neigen echt zu einem ganz schön beschissenen Timing<<, ein sanftes Lächeln begleitete Bastians Ausführungen. Sam stand einfach nur da und wusste wieder mal nicht, was sie sagen sollte. Verlegen verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere und fühlte sich mehr als überfordert. Der Tag war lang, kostete viele Nerven und Tränen – klar zu denken fiel ihr schwer.

>>Es hat zwar eine Weile gedauert bis ichs geschnallt habe, aber so ungern ich es auch zugebe, Mr. Schön macht dich glücklicher als ich es kann – beziehungstechnisch. Wir machen uns glaube ich am besten als Freunde, darin haben wir zumindest mehr Routine<<, stellte Bastian fest, schmunzelte und ging einen Schritt auf Sam zu um sie in den Arm zu nehmen. Sie rührte sich die ersten Sekunden nicht, weil sie Bastians Worte in Gedanken nochmal ordnen musste.

>>Du willst, dass ich zu Chris zurückgehe, obwohl er mich betrogen hat – oder wie soll ich das verstehen? Willst du mich echt so unbedingt wieder loswerden?<<

Sam verstand die Welt mit einem Mal nicht mehr. Hatte Bastian tatsächlich das gesagt, was sie verstanden hatte?

Sie drückte ihn von sich.

>>Naja, unter Anbetracht der Umstände, ist das wahrscheinlich das Beste.<<

Noch immer sprach er in Rätseln.

>>Du liebst ihn doch, oder? Das hast du mir doch gestern auf meiner Party gesagt. Ich hab zwar auch gesagt, dass ich dich nicht mehr bedrängen werde und mich nicht daran gehalten, aber ich glaube zumindest, dass du ernst gemeint hast was du gesagt hast. O mein Gott, ich bin echt schlecht in solchen Ansprachen…<<

>>Es ist doch egal ob ich ihn liebe oder nicht! Er hat…<<

>>Das ist ja der Punkt<<, unterbrach Bastian Sam bevor sie sich wieder ihren Gefühlen hingeben konnte.

>>Was würdest du sagen, wenn ich dir sage, dass er dich gar nicht betrogen hat? Dann würdest du doch zu ihm zurückgehen, oder?<<

Sam wusste nicht was sie auf diese Frage antworten sollte. Es machte keinen Sinn sich so absurde Eventualitäten auszumalen, es tat einfach nur weh.

>>Würdest du dann zu ihm zurückgehen, wenn du wüsstest, dass er dich auch liebt, oder würdest du mit mir nachhause fahren?<<

>>Was ist denn auf einmal los mir dir? Bist du nur hierher gefahren um mich fertig zu machen?!<<

>>Das ist mein Ernst, aber du brauchst nicht zu antworten. Nicht nur Pia kennt dich gut, ich hab auch ein wenig Ahnung von dir Sam.<<

Auch wenn sie sich dagegen sträubte, nahm sie Bastian wieder in den Arm.

>>Er liebt dich anscheinend wirklich und glaub mir, ich hasse ihn trotzdem, aber es ist unwichtig was ich denke. Wichtig ist, dass du aufhörst so ein Gesicht zu ziehen und Gartenzwerge anzuhimmeln – das ist nämlich echt beängstigend! Wenn Chris dich dazu bringt, wieder glücklich zu sein, dann soll es mir recht sein, ich will die alte Sam wieder, ich will mit dir zuhause rum sitzen und Musik hören, ich will mich mit dir im Kino wieder über alle lustig machen, die bei SAW ständig zusammenzucken und ich will, dass wir wieder einmal im Monat so viele Burger in uns reinstopfen, bis uns spei übel ist und wir uns schwören, nie wieder zu MC Donalds zu fahren und da ich all das nur bekomme, wenn du glücklich bist und Chris dich glücklich macht, dann kann ich das akzeptieren. Ganz schön egoistisch, oder?<<

>>Und ich soll mich einfach so betrügen lassen und trotzdem glücklich sein?<<

>>Nein, aber das ist jetzt nicht mehr mein Part. Versprich mir einfach, dass du dich meldest sobald du wieder zuhause bist.<<

Bastian gab Sam einen kleinen, unschuldigen Kuss auf den Mund und ließ dann von ihr ab.

>>Hey, O´Schwachkopf! Tanz an, sonst überleg ichs mir doch noch anders!<<, brüllte Bastian plötzlich in die Dunkelheit.

Sam stand wie angewurzelt da und konnte nicht glauben, was sie sah. Bastian hatte tatsächlich Chris mitgebracht. Sie hatte eigentlich geglaubt ihn nie wieder zu sehen und jetzt erschien er einfach aus der Dunkelheit. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, fing sie wieder an zu heulen. Eine Mischung aus Wut und Demütigung machte sich in ihr breit und ließ sie nicht einmal bemerkte, dass Bastian in der Dunkelheit verschwand und sie mit Chris allein ließ.

>>Sam<<, erklang seine Stimme sanft und besorgt. Es dauerte nicht lange, bis er direkt vor ihr stand. Sein Blick war traurig und unter seine Augen hatte sich ein dunkler Schatten gelegt. Er hatte zwar nicht gehört, was Bastian zu Sam gesagt hatte, aber sie wirkte sichtlich geschockt als sie ihn sah.

>>Was willst du denn hier?!<<, schrie Sam und wunderte sich selbst darüber, überhaupt ein Wort herauszubringen. Am liebsten wäre sie einfach weggelaufen aber Chris ergriff ihre Hand und machte keine Anstalten loszulassen.

>>Es tut mir so leid was passiert ist, du musst dich furchtbar fühlen, aber bitte hör auf zu weinen.<<

Schluchzend versuchte Sam sich zu beruhigen, aber sie konnte nicht.

>>Ich hab dich nicht betrogen! Nicole hat mein Handy gefunden, als ich weg war. Sie hat diese SMS geschrieben, ich war nicht mal in der Nähe des Museums, nachdem ich dich angerufen hatte!<<

Kopfschüttelnd stand Sam da und lauschte den surreal wirkenden Worten von Chris. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Nicole wirklich dermaßen intrigant war.

>>Bitte Sam, glaub mir! Nicole wäre selbst wenn wir nicht zusammen wären, der letzte Mensch auf der Welt mit dem ich schlafen würde – da musst du dir größere Sorgen machen, dass ich mit Bastian durchbrenne, als mit ihr!<<

Erst jetzt zählte Sam eins und eins zusammen. Sie hatte Bastians Auto und er war trotzdem hier – er musste also mit Chris gekommen sein. Mit einem Mal ergaben auch Bastians seltsame Fragen und seine Ansprache Sinn. Er glaubte Chris anscheinend und das obwohl er ihn nicht mal mochte. Das nachdenken half, die Tränen zu trocknen und wieder einigermaßen klar im Kopf zu werden.

>>Glaubst du mir?<<, wollte Chris wissen und ließ seine schöne Stimme bewusst leise klingen.

>>Ich weiß nicht…<<, antwortete Sam ehrlich und konnte sich nicht vorstellen, dass dieser furchtbare Tag, all das was sie durchgemacht hatte, einzig und allein Nicoles Schuld war.

>>Was kann ich tun, dass du mir glaubst?<<

>>Warum bist du zu Mittag nicht nachhause gekommen? Du warst so seltsam am Telefon….<<

Seufzend schloss Chris die Augen und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt.

>>Wenn ich dir gleich die Wahrheit gesagt hätte, hättest du dich nicht so fertig machen müssen – ich bin wirklich ein Idiot…<<

Noch immer hielt Chris Sams Hand fest. Er würde sie nicht loslassen, solange bis er alles erklärt hatte.

>>Zu Mittag wollte ich eigentlich wie abgemacht nachhause kommen, aber dann hat mich mein Vater angerufen…<<, fing Chris an, das Geschehene zu erklären. Sam begann langsam aber sicher ihm Glauben zu schenken, auch wenn sie sich noch selbst maßregelte, sich nicht zu früh zu freuen.

>>…er wollte sich mit mir treffen. Normalerweise sehen wir uns nur einmal im Jahr am Tag nach Weihnachten, aber meine Großtante ist letzte Woche verstorben…<<

>>Das tut mir leid…<<, unterbrach Sam ihn. Sie erinnerte sich erst jetzt, an das schlechte Verhältnis, das Chris zu seinem Vater hatte. Im Grunde wusste sie nicht viel darüber, außer, dass sein Vater ihn irgendwie unbewusst für den Tod seiner Frau und somit Chris’ Mutter verantwortlich machte. Sam hatte nie wieder nachgefragt, vor allem weil sie der Meinung war, Chris müsse selbst entscheiden, ob und wann er ihr genaueres zu seiner Kindheit erzählte. Dass er jetzt auch seine Großtante verloren hatte, stimmte sie wieder traurig.

>>Schon gut, sie war fast neunzig Jahre alt und ist friedlich eingeschlafen, aber auf was ich eigentlich hinauswollte ist, dass mein Vater heute deshalb auf ein Treffen bestanden hat. Ich war also nicht im Museum, sondern in der Stadt in einem Cafe – du kannst meinen Vater fragen, glaub mir, der würde nicht freiwillig für mich lügen!<<

Sam war unendlich erleichtert und doch irgendwie bedrückt. Sie war tatsächlich auf Nicoles gemeines Spielchen reingefallen und einfach so weggelaufen ohne mit Chris zu sprechen. Sie hatte ihm und ihr damit unnötig viele Stunden des Leidens beschert.

>>Es tut mir leid, dass ich so dumm war und ihr geglaubt habe…<<, entschuldigte sich Sam und trat unsicher einen Schritt näher an Chris heran. Ohne zu zögern nahm er sie in den Arm. Es fühlte sich so unendlich gut an.

>>Entschuldige dich nicht, du kannst nichts dafür, ich hätte dir gleich sagen sollen, dass ich mich mit meinem Vater treffe, aber ich wollte dir das alles nicht am Telefon erklären. Außerdem hab ich wirklich nicht damit gerechnet dass Nicole so etwas tut. Ich wusste, dass sie ein intrigantes Miststück ist, aber dass sie soweit gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Es ist meine Schuld, ich war zu naiv, das sieht mir eigentlich gar nicht ähnlich aber glaub mir, ich werde dich nie wieder in so eine Situation bringen, das schwöre ich.<<

Sanft fuhr er Sam über den Rücken, bis sie wieder ruhig und gleichmäßig atmete. Eine Weile standen sie so da, bis Chris bemerkte, dass es zu Regnen begann. Die Regentropfen prasselten auf den See ein, der bis vor kurzem noch so friedlich und ruhig vor sich hin glitzerte und unterbrachen die eingekehrte Stille durch ihr Prasseln.

>>Komm mit ins Auto, sonst wirst du noch krank<<, forderte Chris Sam auf die ihm wortlos folgte. Es war schon beinahe halb zwölf, der Tag war lang und aufwühlend und jetzt wo sämtliche Anspannung mit einem Schlag von Sam abgefallen war, war sie so müde, dass die befürchtete jeden Moment wegzubrechen.

Als sie in Chris Auto saß, wäre sie auch beinahe eingeschlafen, hätte sie nicht diese furchtbar schöne Stimme wach gehalten.

>>Wo willst du hin?<<, fragte er zögerlich.

>>Wie meinst du das?<<

Quälend langsam kamen die Worte aus Chris’ Mund. Sam hatte zwar gezeigt, dass sie ihm glaubte, aber sie war so still, dass er nicht einschätzen konnte, wie sie nun fühlte.

>>Willst du mit zu mir oder soll ich dich…soll ich dich zu Bastian fahren?<<

Sam war mit einem Mal hellwach. Sie suchte in ihrer Gesäßtasche nach Bastians Autoschlüssel und glaubte kurz sie hätte ihn verloren, bis ihr einfiel, dass Bastian anscheinend schon länger weg war. Er hatte sich seinen Schlüssel wohl einfach zurückgeklaut. Während Sam über den Verbleib des Porsches nachdachte, hielt Chris das Schweigen kaum noch aus.

>>Du kannst mir ruhig sagen, dass du wieder zu ihm willst, aber sag es mir endlich, sonst werd ich noch wahnsinnig.<<

Erst jetzt erkannte Sam, dass sie Chris’ Frage eigentlich noch nicht beantwortet hatte und dass er wahrscheinlich sogar wusste, was mit Bastian vorgefallen war.

>>Ich weiß nicht…<<, gestand Sam zumal sie sich nun nicht mehr sicher war, ob Chris ihr die Sache mit Bastian verzeihen würde, oder wie viel er wusste.

>>Tu mir das nicht an Sam. Ich kann nicht ständig im Ungewissen darüber sein ob du ihn liebst oder mich, das hat er im übrigen auch nicht verdient – auch wenn er schwer gestört ist.<<

>>Ich liebe dich<<, antwortet Sam ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

>>Bist du dir da sicher?<<

>>Ja!<<

>>Dann fahr ich dich nicht zu Bastian?<<

>>Nein!<<

>>Nie wieder?<<

>>Das kann ich dir nicht versprechen, schließlich ist er mein bester Freund, aber ich schwöre, dass du dir niemals wieder Sorgen machen musst, dass ich für ihn mehr empfinde, das tu ich nicht – ich bin mir jetzt sicher.<<

>>Na immerhin<<, bemerkte Chris und lachte leise ehe er sich zu Sam rüberbeugte um ihr ins Ohr zu flüstern.

>>Dann gehörst du ab jetzt nur mir, Prinzessin?<<, hauchte er.

>>Willst du mich denn behalten?<<

Mit einem Kuss beantwortete Chris Sams Frage. Es war der schönste und intensivste Kuss, den sie jemals bekommen hatte. Auch wenn sie mit ihren Kräften am Ende war und heute soviel passiert war, dass man damit einen Roman hätte füllen können, entschädigte sie dieser Moment für alles. Chris’ sanfte Lippen auf ihren, er schmeckte so gut, nach Vanille und Pfefferminzkaugummi, sie wünschte sich, dass dieser Moment einfach nie enden würde, aber irgendwann tat er es natürlich.

>>Also fährst du wieder mit zu mir?<<

>>In dein weißes, keimfreies Hygienevernatiger-Schloss?<<, scherzte Sam und lachte zum ersten Mal an diesem Tag aus vollem Herzen.

In ihr Lachen einstimmend, startete Chris den Wagen und fuhr los. Er war erleichtert wie noch nie, wenngleich ihn dieser Tag mehr Kraft gekostet hatte als gedacht.

>>Über was wollte dein Vater eigentlich genau mit dir reden?<<

Sam versuchte die Müdigkeit so gut es ging zu verdrängen. Sie wollte jede Minute in der sie bei Chris war von nun an auskosten.

>>Er wollte, dass ich nach Irland fliege.<<

>>Für immer?<<

>>Nein<<, antwortete Chris lächelnd.

>>Glaubst du echt, ich würde dich nach all dem was heute passiert ist allein lassen?<<

Sam seufzte erleichtert.

>>Nein. Aber warum sollst du denn fliegen?<<

>>Wie schon erwähnt, ist meine Großtante verstorben. Sie hatte keine Kinder und hat unter Anderen mich als Erben ernannt. Ich soll nach Irland fliegen um das Erbe anzutreten und einige Dinge zu regeln.<<

>>Das klingt so, als würdest du das nicht wollen.<<

>>Nein, nicht wirklich, es wäre auch nicht nötig, schließlich bin ich nicht der einzige Erbe, aber mein Vater sitzt mir im Nacken.<<

>>Und können die anderen Erben das nicht regeln?<<

>>Der andere Erbe…<<, korrigierte Chris und nahm dabei unbewusst einen furchtbar ernsten Gesichtsausdruck an. Sam wollte eigentlich sofort nachfragen, aber Chris’ Miene hielt sie davon ab. Erst als sie sich wieder entspannte und er anscheinend selbst merke wie finster er dreinblickte, fragte Sam nach.

>>Wer ist denn der andere Erbe?<<

>>Mein Bruder.<<

Sam war verwirrt. Sie dachte eigentlich bis vor kurzem, Chris sei ein Einzelkind, aber als sie darüber nachdachte fiel ihr auf, dass sie eigentlich nie wirklich nachgefragt hatte. Nachdem sie wusste, dass seine Mutter tot war, nahm sie einfach an er sei ein Einzelkind, aber anscheinend hatte er einen älteren Bruder. Es war ihr richtig peinlich, erst jetzt davon zu erfahren.

>>Du hast einen Bruder? Das wusste ich gar nicht…<<

>>Ja, ich bin wahrscheinlich auch nicht der Mitteilsamste wenns um so was geht<<, gestand Chris lächelnd und räusperte sich.

>>Und hast du viel Kontakt zu deinem Bruder?<<

>>Nein, er ist vor Jahren zurück nach Irland gegangen, wir haben keinen Kontakt, unser Verhältnis ist nicht das Beste.<<

Sam wusste nicht so recht was sie erwidern sollte. Es war immer schwierig mit Chris über seine Familienverhältnisse zu sprechen, die scheinbar beträchtlich im Argen lagen.

>>Das heißt du und dein Bruder erbt beide?<<

>>Ja, aber ich hab kein Interesse daran, zumal ich nicht die Muße dazu habe, mich mit ihm auseinanderzusetzen.<<

>>Ich finde du solltest hinfliegen.<<

>>Wieso?<<

>>Ich glaube deine Großtante hätte sich gewünscht, dass du kommst.<<

Chris lächelte wieder milde. Es war furchtbar liebenswert wie Sam sich bemühte zu vermitteln, aber zur Zeit konnte er an nichts anderes denken, als an sie.

>>Erlaubt dir deine Mutter, dass du ein paar Tage länger bei mir bleibst? Du hast doch noch Schulferien, oder?<<, lenkte Chris das Thema in eine andere Richtung.

>>Ich muss noch anrufen, aber ich denke schon, aber musst du nicht arbeiten?<<

>>Nein, ich lass mich bis zum Ende der Ferien von einem Kommilitonen vertreten. Ich kann nicht mit diesem intriganten, magersüchtigen Monster arbeiten, sonst vergess ich mich am Ende noch.<<

Sam zog es bei dem Gedanken an Nicole noch immer den Magen zusammen. Sie war zwar auch kein Engel, aber sie würde nie auf die Idee kommen jemanden so fertig zu mache. Erleichterung machte sich in ihr breit, als ihr bewusst wurde, dass Chris nicht weiterhin täglich mit Nicole zu tun haben würde.

 

Die Fahrt verging ungeahnt schnell. Sam war glücklich Artemis wieder in den Arm nehmen zu können. Auch wenn der noch immer ziemlich träge und vollgefressene Kater sich nur ungern hochnehmen ließ, freute er sich Sam zu sehen.

Als sie sich in das große Bett fallen ließ, kam es ihr vor, als sei sie nie wirklich weg gewesen und dieser Tag einfach nur ein böser Alptraum.

Sam konnte es kaum erwarten, bis Chris sich neben sie legte und zwang sich wach zu bleiben. Als er endlich zu ihr ins Bett kam und seinen Arm um sie legte herrschte Schweigen. Es war kein unangenehmes Schweigen, keines das man brechen wollte, sondern eines, das man genoss. Ruhig lauschten die Beide der gleichmäßigen Atmung des jeweils Anderen.

>>Tut dein Auge noch weh?<<, fragte Sam und fuhr mit der Fingerkuppe sanft darüber.

>>Ich dachte schon, es wäre dir nicht aufgefallen<<, meinte Chris und schmunzelte milde.

>>Doch, schon als du am Seeufer aufgetaucht bist. Das war Bastian oder?<<

>>Ja.<<

>>Ich hätte nicht gedacht, dass er so einen Wumps draufhat.<<

>>Ist schon okay, schließlich dachte er, ich hätte dich betrogen – das Veilchen ist also aus dem Missverständnis heraus gerechtfertigt.<<

Wieder kehrte Stille ein. Sam hatte ihren Kopf auf Chris’ Oberkörper gelegt und genoss seine sanften Hände die langsam ihren Rücken auf und ab fuhren. Es war so surreal was heute passiert war, als hätte Sam einfach nur einen psychisch schwer verdaubarem Film gesehen und nun mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Dieser Gedanke gefiel ihr nach kurzem überlegen so gut, dass sie sich fest vornahm, das Geschehene auch so abzutun. Eine Fiktion, an die sie auch als solche zurückdenken würde.

>>Sam?<<

>>Ja?<<

>>Danke, dass du damals am See gesessen hast.<<

Die Blonde lachte leise. Wenn sie an ihr erstes Zusammentreffen dachte, sah sie sofort wieder Chris’ leuchtende blaue Augen vor sich, an denen sie sich bis heute noch nicht satt gesehen hatte.

>>Danke, dass du so hartnäckig warst<<, erwiderte Sam und sah Chris in Gedanken wieder in ihrem blümchenverziertem Zimmer hektisch auf und ab laufen. Nie mehr hatte sie ihn so unsicher erlebt, wie an diesem Tag.

>>Du hast mich ganz schön aus der Fassung gebracht<<, gab er zu, und hatte anscheinend das selbe Szenario im Kopf.

>>Wieso hast du dir das eigentlich angetan? Ich meine, du hättest so viele andere Mädchen haben können, die mit Sicherheit unkomplizierter…<<

Ehe Sam aussprechen konnte wurde sie auch schon von Chris unterbrochen, der einfach nicht bereit war, solche Worte aus dem Mund des Mädchens zu hören, die heute wegen ihm so viel ertragen musste und noch immer nicht aufhörte an sich selbst zu zweifeln.

>>Du hast ja keine Ahnung wie besonders du bist Sam. Ich habe schon mit so vielen Menschen zu tun gehabt, aber noch nie mit einem der so ein falsches Selbstbild hatte wie du. Du meinst ständig, du müsstest dankbar sein, dass ich bei dir bin und merkst gar nicht, dass ich derjenige bin der sich glücklich schätzen kann. Ich war immer ein Arschloch was den Umgang mit Frauen betraf, bin ein sturer Einzelfänger der sich am liebsten die Zeit totschlägt indem er Bücher wälzt oder sich mit Kunst beschäftigt, außerdem wasch ich mir mindestens zwanzig Mal am Tag die Hände denn ich bekomm eine Krise wenn ich die Hände fremder Leute schütteln muss, weil ich dann vor meinem geistigen Auge, Milliarden von kleiner fieser Bakterien sehe, die alle aussehen wie dieses einäugige Planktonteil aus dieser Kinderserie – das mit der Zwangsneurose hätten wir also auch abgehakt und du siehst mich trotzdem immer an, als wär ich perfekt. Wenn du mal die Augen aufmachen würdest, würdest du erkennen, dass du selbst es bist, die mich in deinen Augen so perfekt erscheinen lässt. Die berechtigender Frage wäre also eigentlich, warum hast du dir das eigentlich angetan?<<

Sam lauschte Chris’ Worten aufmerksam, schüttelte aber in Gedanken ständig den Kopf. Seine Ansprache änderte nichts an ihrer Bewunderung für ihn, auch wenn er noch so überzeugend war.

Sie wollte ihren Einspruch zu seinem Selbstbild gerade verbal Ausdruck verleihen, aber bevor sie etwas sagen konnte, zog sie Chris zu sich hoch und küsste sie.

>>Du bist außerdem noch wunderschön…<<, hauchte er und versiegelte wieder ihre Lippen, damit sie keine Gelegenheit hatte zu widersprechen.

>>Ich liebe dich<<, brachte sie gerade noch heraus, bevor ihre Lippen geschlossen wurden.

Als Sam ihren Plan, heute noch zu protestieren, endgültig aufgegeben hatte, ließ er wieder von ihr ab.

>>Ich liebe dich auch…<<

Lächelnd freute sie sich über diese Worte und hoffte, sie im laufe ihres Lebens noch öfter von ihm zu hören.

>>Glaubst du das mit und geht gut?<<, wollte Sam wissen.

>>Wir haben die Gartenzwerge überlebt, Eifersuchtstiraden, Intrigen und du läufst nicht davon wenn ich langweiligen Schwachsinn erzähle – ich glaube, der Rest wird ein Kinderspiel.<<

>>Du hast recht<<, stimmte Sam zu und lachte leise ehe sie fortfuhr. >>Zumindest wird uns bestimmt nicht langweilig.<<

 

 

Sie war so müde und glücklich, dass es nicht lange dauerte bis sie – den Kopf noch immer auf Chris Operkörper gebettete – einschlief.

Chris blieb noch eine Weile wach, sah Sam beim schlafen zu und legte seine Hände so um sie, dass er merken würde, wenn sie sich aus seinen Armen löste.

Es würde wirklich nicht langweilig werden mit den Beiden, aber wer würde auch Monotonie erwarten, wenn er an Sam und Chris dachte.

 

Kapitel 12

E wie Ende P wie Party

 

>>Eine Party?<<, fragte Sam nochmal nach, während sie ihre Bücher, mit brachialer Gewalt in ihren Rucksack steckte. Die Schule hatte wieder angefangen, ihr letztes Jahr und schon seit der ersten Woche war sie total entnervt.

Mit der Schulter drückte sie das Handy an ihr Ohr, damit sie beide Hände frei hatte, um ihre Bücher möglichst Platz sparend zusammenzufalten.

>>Und wo?<<, wollte Sam wissen und schulterte endlich den achttausend Kilo Rucksack. Alle Anderen hatten bereits 0,9 Sekunden nach dem Klingeln fluchtartig das Klassenzimmer verlassen, nur sie brauchte länger, da sie Pias Anruf entgegengenommen hatte. Sie hatten sich zwar erst zwei Stunde zuvor gesehen – als sie zusammen Mathe hatten - aber da Sam die glorreiche Idee hatte, in diesem Jahr einen Intensivkurs in Englisch als freies Wahlfach zu belegen, war Pia bereits zuhause und Sam hockte am Freitag Nachmittag noch immer in der Schule. Sie wollte diesen Kurs unbedingt machen, zumal sie sich vor Chris nicht blamieren wollte, sollte tatsächlich jemals der furchtbare Fall eintreten, dass sie gezwungen wäre, vor ihm ihre Englischkenntnisse zum Besten zu geben. Um zu verhindern, dass sie dann Dinge sagte wie; „my english is not really the yellow from the egg but it goes“ und dabei hysterisch lachte, belegte sie diesen Intensivkurs.

>>Weißt du was, ich komm jetzt sowieso bei dir vorbei, erzähl mir einfach alles wenn ich da bin!<<, schnaufte Sam und legte einfach auf. Sie hatte jetzt keine Zeit Pias Gequietsche über irgendeine Party zuzuhören, zumal sie damit beschäftigt war, dem Bus nachzulaufen der ihr gerade davonfuhr und dabei den Busfahrer wüst zu beschimpfen.

>>Du sadistischer Busmensch hast doch genau gesehen dass ich noch mitwollte! Fahr nur, ich kann die 20 Kilometer ja auch mit meinem unsichtbarem Hubschrauber fliegen!<<

Es dauerte eine Weile bis Sam wieder Luft bekam und aufgehört hatte zu fluchen. Warum musste Pia auch so verdammt weit weg wohnen? Sie wollte gerade ihren Plan verwerfen und doch nachhause fahren, als ihr einfiel, wie sie doch noch zu Pia gelangen könnte. Schnell lief sie wieder zur Schule zurück, hinunter in den Turnsaal. Schon von weitem konnte sie die Drillerpfeife und das Getrampel von Turnschuhen auf dem Holzboden hören. Die Geräusche jagten Sam einen kalten Schauer über den Rücken. Warum bis heute keiner ein Gesetz erlassen hatte, um Turnlehrer daran zu hindern Schüler zu foltern, indem sie sie zwangen fünfundvierzig Minuten sinnloser Weise ein Seil auf und ab zu klettern, war Sam ein Rätsel. Sie ließ ihren Rucksack auf den Boden fallen und sah den Jungs aus der Fußballmannschaft beim Trainieren zu. Das Hin- und Hergelaufe hatte etwas stumpfsinniges aber auch hypnotisches an sich und machte sie schläfrig. Einzig allein die vielen Flüche und das Geschrei hielt sie wach und bei Laune.

Es dauerte nicht lange, bis endlich abgepfiffen wurde und das Training vorbei war.

>>Hey! Du hast es dem Ball echt gezeigt, du hast andauern so fest hinein getreten – der steht bestimmt nicht mehr auf!<<, meinte Sam als Bastian auf sie zukam.

>>Ja, du hast echt Ahnung vom Fußball<<, lachte der Braunhaarige und zog sich das verschwitzte T-Shirt aus.

>>Hast du auf mich gewartet?<<

>>Nein, ich hatte noch diesen dämlichen Intensivkurs, dann hat mich der Busmensch verarscht und jetzt hab ich mir gedacht, du könntest mich vielleicht zu Pia fahren. Du bist doch mit dem Auto da, oder?<<

>>Ja, ich geh nur schnell duschen.<<

>>Mach das.<<

Bastian verschwand mit den Anderen in der Umkleidekabine. Seit dem Tag, an dem für Sam kurzzeitig die Welt zusammengebrochen war, verstand sie sich mit Bastian wieder so gut, als wäre nie etwas zwischen ihrer Freundschaft gestanden. Jetzt, wo die Sache endlich geklärt war, war alles wieder einfacher. Bastian hatte auch aufgehört Chris „Mr. Schön“ zu nennen, seit er ihn akzeptiert hatte, nannte er ihn einfach nur noch „ER“.

Nachdem Bastian fertig mit umziehen und duschen war, fuhren sie los.

>>Wieso kommst du eigentlich nicht mit zu Pia?<<, wollte Sam wissen, die eigentlich gewohnt war, Bastian an ihren wöchentlichen Videoabend dabeizuhaben.

>>Hab schon was vor.<<

>>Tust du jetzt auf geheimnisvoll?<<

>>Ich tu nicht geheimnisvoll, ich bin geheimnisvoll<<, erklärte Bastian zwinkernd und brachte Sam mit seiner Aussage zum lachen.

>>Ja genau Uri Geller!<<

Sam fragte nicht weiter nach, schließlich wusste sie insgeheim, was Bastian vorhatte.

 

Bei Pia angekommen, wurde sie auch bereits sehnlichste erwartet.

>>Wieso hat das denn so lange gedauert?<<

>>Weil Busfahrer Arschlöcher sind<<, erklärte Sam und ließ sich samt Rucksack auf Pias Bett fallen.

>>Wie bist du denn her gekommen?<<

>>Bastian hat mich gefahren.<<

>>Trifft der sich nicht mit seiner Freundin?<<

>>Ja, aber ich glaube erst am Abend, er hat nichts genaueres gesagt, weil er jetzt „geheimnisvoll“ ist.<<

>>Ja, sehr geheimnisvoll, wenn man ständig mit dunkelblauen Knutschflecken am Hals herumläuft! Ich bin neugierig, wann er endlich zugibt, dass er eine Freundin hat und sie uns vorstellt!<<

>>Wir kennen sie doch schon, die große Blonde mit den schulterlangen Haaren von seiner Party. Außerdem veranstalten nicht alle sofort ein Schaulaufen und öffentliche Vorspiele, wenn sie eine neue Beziehung anfangen, so wie du und Matthias es gemacht haben.<<

Bei dem Namen „Matthias“ veränderte sich Pias Gesichtsausdruck schlagartig.

>>Genau!<<, quietschte sie und hüpfte aufgeregt auf und ab.

>>Die Party!<<

>>Stimmt, du hast vorhin irgendetwas von einer Party gefaselt<<, erinnerte sich Sam während sie sich die Gummibärchen die auf Pias Bett verstreut lagen in den Mund stopfte.

>>Ja! Matthias lädt uns morgen zu sich ein! Sev und seine Freundin sind nämlich in der Stadt und da hat er sich gedacht er lädt auch noch gleich Chris und uns Beide ein! Das wird bestimmt ganz toll! Ich wollte sowieso übers Wochenende zu ihm fahren und du bist doch auch bei Chris, das passt also perfekt!<<

Pia hüpfte noch immer auf und ab und war sichtlich vergnügt über das bald bevorstehende Treffen.

Auch Sam gefiel der Gedanke. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, dass sie Chris, Matthias und Sev gemeinsam erlebt hatte.

Seit die Schule und die Uni wieder angefangen hatten, sah sie Chris nur mehr am Wochenende. Die Entfernung störte sie mehr als gedacht, zumal sie nicht einfach mal nachmittags zu ihm fahren konnte, wenn ihr danach war, dafür freute sie sich aber immer umso mehr auf Samstag Vormittag, wenn er sie abholte.

Pia kriegte sich den ganzen Freitag lang nicht mehr ein. Als sie aufgehört hatte zu hüpfen fing sie an zu quasseln und danach breit zu grinsen. Auch Sam ließ sich ein wenig von ihrer Vorfreude anstrecken, schließlich bekam man nicht jeden Samstag die Gelegenheit, endlich wieder mit Micky, Goofie und Donald zu feiern.

 

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Chris und Sam waren wieder mal zu spät dran, als sie endlich in Richtung Matthias’ Wohnung fuhren.

>>Du musst wirklich aufhören, ständig von Sex zu sprechen wenn wir wichtige Termine haben<<, meinte Chris und schenkte Sam sein berühmtes Zahnpastalächeln.

>>Ich hab einfach nur gefragt ob man meinen BH durch mein T-Shirt sehen kann, dann bist du über mich hergefallen!<<, protestierte Sam gespielt empört.

>>Eben, du redest ständig nur über Sex.<<

>>Letztes Mal hab ich dich nur gefragt ob es Schlag zu den Erdbeeren gibt, das hast du auch als Aufforderung verstanden!<<

>>Genau, so war das, langsam glaub ich du hast ein Problem, Sam.<<

Lachend parkte Chris das Auto in eine Parklücke, die Sam nicht mal mit einem Smart in Angriff genommen hätte.

Matthias hatte eine eigene kleine Wohnung in der Nähe der Uni. Als Sam und Chris klingelten, konnten sie schon die eindeutig heitere Stimmung durch die Tür hören. Pia öffnete und fiel Sam überschwänglich zur Begrüßung um den Hals.

>>Da seid ihr ja endlich!<<

>>Ja, ich kann nichts machen, ich wäre ja früher hier gewesen, aber Sam ist pervers.<<

Mit einem Elbogenschlag in die Seite bedankte sich Sam bei Chris für diesen peinlichen Scherz.

Pia grinste breit, auch wenn sie sonst eine lange Leitung hatte, gingen solche Witze – seien sie noch so subtil – nicht an ihr vorüber.

Matthias Wohnung sah genau so aus, wie Sam sie sich vorgestellt hatte. Nicht dass Pia ihr nicht sowieso schon jeden Kasten der hier stand bis ins kleinste Detail beschrieben hatte, aber auch ohne ihre Erzählungen, hätte Sam es sich so vorgestellt. Es war nicht unordentlich, nur sah einfach alles so aus, als sei es von jemanden eingerichtet worden, dem wirklich scheiß egal war, ob die Vorhänge zum Toilettendeckel passten, oder ob eine Waschmaschine, einfach nicht in den Flur gehörte. Auch sämtliche Pflanzen die unmotiviert irgendwo standen waren tot.

Das Einzige, was hier drin so gar nicht an Matthias erinnerte, waren all die Duftkerzen die überall verteilt waren und eindeutig Pias Handschrift trugen.

Sam musste grinsen, als sie sich vorstellte wie Chris reagieren würde, wenn sie auf die Idee käme in seiner Wohnung bunte, kitschige Duftkerzen aufzustellen – wahrscheinlich würde er hyperventilieren, aber Matthias konnte ein bisschen Hilfe bei der Gestaltung seiner Einrichtung wirklich gebrauchen.

Pia ging voraus ins Wohnzimmer wo auch schon Matthias, Sev und ein vorerst unbekanntes Mädchen auf der Couch saßen und gerade über irgendetwas lachten.

>>Hey ihr, auch schon da?<<, begrüßte sie Matthias.

Noch bevor Chris wieder die Gelegenheit bekam einen blöden Spruch loszulassen kam ihn Sam zu vor.

>>Hey, ja sorry, aber Chris kann Schlag nicht von Sex unterscheiden.<<

Die Runde lachte.

>>Das sieht dir ähnlich<<, meinte Sev und streckte Chris die Hand zum Gruß entgegen.

Auch das für Sam unbekannte Mädchen tat es ihm gleich.

>>Hey, Sam! Lange nicht gesehen!<<, begrüßte Sev sie und stellte auch seine Begleitung vor.

>>Das ist Maria, Maria, das ist Sam, Chris’ Freundin.<<

>>Sev hat tatsächlich nicht gelogen, dich gibt’s ja wirklich! Als er mir erzählt hat, dass Chris jetzt eine Freundin hat, in die er verliebt ist und die wirklich nett ist, hab ich gedacht er verarscht mich<<, meinte Maria lächelnd und gab Sam die Hand.

Sie war einen ganzen Kopf kleiner als Sam, hatte hellbraune Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte – alles in Allem unscheinbar aber ihr Lachen war schön.

>>Hey, ja mich gibt’s tatsächlich<<, antwortete Sam.

Irgendwie schien Maria obwohl sie wirklich nett war, optisch überhaupt nicht zu Sev zu passen. Er war fast eins neunzig groß und seine schwarzen Haare in Verbindung mit den grünen Augen, machten ihn markant. Als seine Freundin hatte sich Sam eher ein großes, langbeiniges Model vorgestellt, aber sie war wirklich froh, dass er sie eines besseren belehrt hatte.

>>Ich hol uns was zu trinken!<<, meinte Matthias und lief auch schon in Richtung Küche. Während sich Sam und die Anderen wieder auf die Couch setzten, folgte Chris Matthias in die Küche. Routiniert schnitt der Braunhaarige ein paar Limetten auf, während Chris Eis in die Gläser füllte.

>>Hast du denn genügen Platz, das du alle hier schlafen lassen kannst?<<, wollte der Blonde wissen.

>>Sicher, das geht schon. Die Couch im Wohnzimmer kann man ausziehen und ich hab noch so ein Luftmatratzen-Gästebett, dass man einfach auf den Boden legen kann.<<

>>Na dann mach mir mal auch einen deiner berühmten Cocktails, wenn ich nicht mehr nachhause fahren muss<<, meinte Chris grinsend.

>>Holst du mir mal den Rum? Der steht draußen am Balkon.<<

Der Blonde folgte der Bitte und öffnete nichts böses ahnend die Türe zum Balkon, der gleich an der Küche anschloss. Sekunden später blickte er sichtlich geschockt in ein ihm nur allzu bekanntes Gesicht.

>>Gehst du weg wenn ich dich lange genug ignoriere?<<, wollte Bastian wissen, der gerade sein Handy zurück in die Hosentasche steckte und Chris Blicke erwiderte.

Kommentarlos drehte sich der Blonde um, machte ein paar Schritte und wendete sich wieder Matthias zu.

>>Hast du den Rum?<<

>>Hast du ihn eingeladen?!<<

>>Den Rum, nein den hab ich gekauft.<<

>>Bastian!<<

>>Oh, ja. Pia hat mir erzählt, dass ihr jetzt richtig dicke Kumpels seid – bist du nicht letztens erst mit ihm in Urlaub gefahren?<<, fragte Matthias vorerst ernst, konnte sich dann aber das Lachen nicht mehr verkneifen.

>>Ja, wir sind abends zusammen am See spazieren gegangen, dann wurde er aber leider etwas zu aufdringlich, da musste ich ihm ein blaues Auge schlagen<<, mischte sich Bastian ins Gespräch ein, der gerade herein gekommen war. Chris, mit einem schiefen Lächeln im Gesicht, zuzwinkernd, ging er dann zurück ins Wohnzimmer.

Chris brauchte einige Sekunden um sich auszureden, Matthias einfach den ausgepressten Limettensaft in die Augen zu schütten.

>>Du hast nicht wirklich den Typen eingeladen, der auf meine Freundin scharf ist, oder? Was hab ich dir denn getan?!<<

>>Reg dich ab Chris. Das hat sich doch alles längst geklärt und du wirst dich wohl oder übel mit Bastian arrangieren müssen - Pia Sam und er sind seit über zehn Jahren befreundet. Wenn du Sam willst, musst du Bastian akzeptieren und ich hab mir gedacht, du fängst besser jetzt damit an – unter Zeugen, wo du ihn nicht so leicht töten kannst.<<

Chris musste sich eingestehen, dass Matthias’ Absichten nachvollziehbar waren, aber er hätte ihn ruhig früher darüber informieren können. Er hatte Bastian nicht mehr gesehen, seit er ihn damals beinahe bei voller Fahrt aus seinem Auto geschmissen hätte. Einmal hatte er zwar mit ihm telefoniert, aber nur weil er Sam anrufen wollte und Bastian einfach – in seiner gewohnt präpotenten Art – rangegangen war, um ihn zu sagen, dass Sam gerade im Badezimmer war und danach einfach aufgelegt hatte.

>>Pia hat erzählt, dass er eine Freundin hat und warst du es nicht der gesagt hat, dass du dankbar bist, dass er dir damals geholfen hat, als Sam abgehauen ist? Ihm noch immer übel zu nehmen, dass er mal in sie verliebt war, bringt nichts – was vorbei ist, ist vorbei, Sam gehört dir und der Preis den du dafür zahlen musst ist, dass du jetzt da reingehen musst und nett zu Bastian bist.<<

>>Bäh!<<, verbalisierte Chris seine nicht vorhandene Motivation und half Matthias bockig weiter Cocktails zu mixen.

>>Wusste Sam, dass er kommt?<<

>>Nein, ich habs nur Pia gesagt. Ich wollte nicht, dass ihr euch deswegen wieder unnötigen Stress macht. Leg endlich diesen Stierblick ab, ich musste ihn einladen, schließlich hat er mich auch zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen!<<

Als sie wieder zurück ins Wohnzimmer kamen, versuchte Chris sich seinen Ärger nicht anmerken zulassen. Sam sollte sich kein schlechtes Gewissen machen, nur weil Matthias eine Identitätskrise hatte und sich nun für eine Friedenstaube hielt.

>>Was ist das?<<, wollte Pia wissen und roch an dem Cocktail den Matthias ihr und allen Anderen vorgesetzt hatte.

>>Das ist mein – Limetten-Rum-Vodka-und Alkohol den ich sonst noch im Haus hatte-Spezial<<, erklärte Matthias und prostete den Anderen zu.

 

Der Limetten-Rum-Vodka-und Alkohol den Matthias sonst noch im Haus hatte-Spezial, erfüllte seinen Zweck – er hob die Stimmung ungemein und wenn man ihn so wie Chris und Bastian auch noch mit einem Bier runterspülte, ließ er einen auch die mieseste Gesellschaft plötzlich erträglich erscheinen.

>>

>>Hach, ich liebe das! Mit Freunden zusammensitzen, reden, lachen, nur der Alkohol könnte ein wenig schwächer sein<<, piepste Pia fröhlich und schaute in ihr Cocktailglas.
>>Was denn? Hast du Angst, dass du dich wieder ausziehst und quer durchs nächste Feld rennst? Das könnte in der Stadt ein wenig schwierig werden<<, meinte Bastian belustigt und erntete dafür, vor allem von Matthias, verwunderte Blicke.
>>Wer hat dich denn gefragt?!<<, fauchte Pia ein wenig hysterisch und – wie ihre roten Wangen verrieten – eindeutig peinlich berührt. Sam musste unweigerlich lachen, zumal sie die Geschichte kannte, auf die Bastian gerade angespielt hatte. Auch sie strafte Pia dafür mit bösen Blicken
>>Was? Du brauchst gar nicht so zu gucken, ich bin nicht diejenige, die Bastian quer durch den gesamten Acker jagen musste<<, meinte Sam.
Sie und Bastian kriegten sich vor Lachen kaum noch ein und steckten unweigerlich die Anderen mit an, obwohl die eigentlich noch nicht wirklich wussten, was sich damals zugetragen hatte.
>>Also wenn ich das richtig verstehe, hast du dich ausgezogen und bist durch ein Feld gerannt? Wieso macht man denn so was?<<, wollte Matthias grinsend wissen und ignorierte Pias finsteres und knallrotes Gesicht einfach.
>>Letzten November, waren wir mal Glühwein trinken und Pia und Sam haben bei mir übernachtet. Pia hat ein wenig zu tief ins Glas geschaut – eigentlich nicht zu tief, sondern einfach zu oft, jedenfalls ist sie um drei Uhr morgens in meinem Zimmer herum getorkelt und wollte partu nicht schlafen gehen. Irgendwann hat sie spontan entschlossen, dass es doch eine gute Idee wäre, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und dann einfach wegzulaufen.<<
Pia vergrub ihr Gesicht in den Händen, während die Anderen nicht aufhören konnten, über Bastians Geschichte zu lachen.
>>Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber WIESO macht man so was?<<, wollte Matthias grinsend wissen und stupste seine Freundin an.
>>Keine Ahnung! Mir war schlecht und ich wollte etwas Luft schnappen!<<, entgegnete Pia und quietschte dabei hysterischer als sonst.
>>Sei froh, dass Bastian dich eingefangen hat, sonst wär das am nächsten Morgen ein ganz schön peinliches Erwachen gewesen!<<, meinte Sam belustigt und lehnte ihren Kopf seufzend gegen Chris’ Schulter.
>>Ja, der Alkohol verleitet einen dazu die seltsamsten Dinge zu tun, nicht wahr, Matthias?<<, meinte Chris während er mit einer von Sams Haarsträhnen spielte. Anscheinend war nun die Zeit für peinliche Geschichten gekommen.
>>Was? Was hat er gemacht?<<, wollte Pia wissen und hoffte inständig, dass Chris’ Geschichte über Matthias mindestens genauso peinlich war wie die von Bastian über sie.
Sev und Maria grinsten bereits wissend, als Chris begann zu erzählen.
>>Naja, letztes Jahr, haben wir meinen Geburtstag gefeiert und waren in eine Irish Pub in der Nähe von Sevs und Marias Wohnung. Es war schon ziemlich spät, also haben wir dann dort übernachtet. Am nächsten Morgen war Matthias anscheinend noch immer betrunken, anders kann ich mir einfach nicht erklären warum er Marias Enthaarungscreme mit dem Duschgel verwechselt hat.<<
Die Runde brach wieder in schallendes Gelächter aus nur Matthias raffte sich peinlich berührt auf und holte die nächste Runde aus der Küche.
>>O mein Gott, hattest du dann eine Glatze?<<, wollte Pia wissen und rief ihrem Freund in die Küche nach.
>>Nein!<<, rief der Braunhaarige zurück.
>>Zumindest nicht am Kopf!<<, ergänzte Chris lachend.
>>Vielleicht wollte er einfach nur Profi Schwimmer werden, die enthaaren sich doch auch am ganzen Körper!<<, scherzte Sev und projizierte dabei unweigerlich ein Bild in die Kopfe der Anderen.
>>Dann ist er aber wirklich verdammt schnell geschwommen!<<, stellte Chris belustigt fest und nahm grinsend ein Bier von Matthias entgegen.
Nach ein paar Geschichten über Chris und die brennende Scheune vor einigen Jahren und Sams erste Fahrversuche in Bastians Auto, in denen sie ein, zweimal Gas und Bremse verwechselt hatte, tat das Lachen schon richtig weh. Es war wirklich toll, einen so ausgelassenen Abend mit Freunden zu verbringen – eben einer jener Momente an die man, trotz ihrer Banalität, Jahre später noch zurückdachte und einen dabei ein Gefühl von Zufriedenheit übermannte.

>>Willsd du nochwa trinken?<<, wollte Pia eine Stunde später angesäuselt von Sam wissen und grinste übers ganze Gesicht.
>>Ja, wir solltn nochwa trinken!<<, befand Sam die Idee spontan für gut, stand voll Tatendrang auf, stolperte über ihre eigenen Beine und landete genau zwischen Sev und Maria, die gerade in einem innigen Kuss versunken waren.
>>Ahh, hey, sorry!<<, entgegnete Sam bevor Chris sie hoch zog.
>>Du bist ja ganz schön betrungen!<<, stellte der Blonde fest und versuchte angestrengt Sam mit den sonst so blickfesten Augen zu fixieren. Wankend stand Sam da, stutzte einen Moment – ihr Hirn hatte einen narkoseartigen Zustand erreicht und arbeitete quälend langsam – ehe sie dann den Zeigefinger erhob und vor Chris’ Gesicht herumfuchtelte.
>>Du bisd betrunken!<<
>>Nein! Ich drinke niemals zuviiiel!<<, entgegnete Chris ernst und machte einen Ausfallschritt zur Seite. Sam hatte Chris noch nie betrunken erlebt. Eigentlich war er mitunter der vernünftigste Mensch den sie kannte, immer beherrscht, nie irrational oder zu impulsiv. Sam fand das eigentlich immer bewundernswert, aber der betrunkene Chris amüsierte sie auch ungemein.
>>Ha! Seid wann säufstn du denn?<<, wollte sie wissen und erntete dafür böse Blicke.
>>Ich säufe nicht, du säufst!<<
>>Ein Paradebeispiel an grammatikalischen Höchstleistungen!<<, meinte Matthias, der gerade vorbei kam und dem unglaublich geistreichen Dialog zwischen Chris und Sam gelauscht hatte. Anscheinend war der Braunhaarige die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen, den Anderen Alkohol einzuflößen und hatte sich selbst dabei aufs Sträflichste vernachlässigt.
>>Entschuldigst du mich kurz Sam? Ich stell Matthias nur schnell meinen Freund Wodka vor!<<, meinte Chris grinsend und führte den viel zu nüchternen Matthias in die Küche.
>>Ich hoffe der hat auch eine Freundin namens Cola, sonst kotz ich noch meine eigene Bude voll!<<
Grinsend sah Sam den Beiden nach. Sie hätte sich gerne noch länger mit dem betrunkenen Chris unterhalten, aber der hatte jetzt anscheinend eine wichtige Mission zu erfüllen.
>>Wo sint denn unsrä Getränke?<<, wollte Pia wissen und warf sich Sam von hinten an den Hals. Wäre sie nüchtern gewesen, hätte sie die federleichte Pia vielleicht halten können, aber so knallten beide lachend auf den Boden.
>>Ist es schon wieder soweit?<<, fragte Bastian und kniete sich neben Sam und Pia.
>>Ohhh Basti!<<, quietschte Pia und warf sich dem Braunhaarigen um den Hals.
>>Schön, dass du in Kuschelstimmung bist, aber du drückst mir deine Nägel in den Hals!<<
Vorsichtig löste sich Bastian aus der Umklammerung und ließ die beiden Mädchen, die in unmotiviertes, beängstigend lautes Lachen verfallen waren, erstmal zurück. Er wollte sich gerade noch ein Bier aus der Küche holen, als er vom Anblick eines sich Wodka in den Mund laufen lassenden Matthias abgelenkt wurde. Chris stand grinsend mit der Flasche in der Hand vor ihm und amüsierte sich über das angewiderte Gesicht seines Freundes.
>>Na, macht ihr hier Trinkspielchen oder irgendwas perverses von dem ich nichts wissen will?<<, fragte Bastian.
>>Willst du auch einen Schluck?<<, wollte Matthias wissen und hielt ihm ein Glas hin.
>>Schenkst du Alkohol jetzt auch an Kinder aus?<<, meinte Chris und grinste Bastian süffisant entgegen. Dieser ließ sich nicht lange bitten und prostete mit Matthias an.

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>>Weissdu was komisch is?<<, wollte Bastian an Matthias gewandt wissen und hatte seine Philosophenstimme angenommen. Er, Matthias und Chris hatten sich nach der Ein oder Anderen Runde Wodka Cola auf den Balkon gesellt und waren dabei ihre fünfte letzte Zigarette zu rauchen.
>>Ich dachde ich hasse ihn da!<<, fuhr er fort und zeigte auf Chris, der leichte Probleme hatte, den Kopf beim skeptisch dreinblicken nicht schwanken zu lassen.
>>aber jetz weiß ich, dass er gar nich der größte Arsch der Weld is! Hitler warn Arsch – er hier is nur unsympathischsch!<<, vollendete Bastian seine Ausführungen und nickte – seine eigenen Worte bestätigen – monoton mit dem Kopf.
Matthias wollte etwas erwidern, wurde aber vorerst von einem vorbei fliegenden Glühwürmchen in seinen Bann gezogen. Auch Chris und Bastian starrten gebannt auf das leuchtende Insekt bevor sie sich wieder ihrem betrunkenen Blabla hingeben konnten.
>>Jaaaaaa, ich weiß! Er wirgt unsympatsch….aber nur auf den ersten Schein!<<, erklärte Matthias und klopfte Chris auf die Schulter.
>>Ich wirke nicht usympatisch!<<, protestierte der Blonde.
>>Er hier is einfach beschrängt!<<, fügte er noch hinzu und deutete auf Bastian.
>>Oh, entschuldige Mr. Kunstdingens, dass ich nich den ganzen Tag durch ein Museum fliiiege und schwule Schwuchtelsachen mache – du bisd ja sooo intelle… intellektuuu…inelektuel!<<
>>Ich fliiiege nicht! Niemals!<<, protestierte Chris, so wütend wie Betrunkene eben sein können.
>>Nein, er fliegt nicht, er schwebt, aber auch nur an besonders intellektuellen Tagen!<<, meinte Sev, der sich gerade, unbemerkt von den Anderen, auf den Balkon gesellt hatte und bei weitem nüchterner klang, als der Rest.
>>Also Chris fliiiegt nich und Bastian is nich beschrängt!<<, stellte Matthias fest und beendete die mittlerweile sinnfreie Konversation fürs Erste.
>>Was machn die Mädels?<<, wollte Chris an Sev gewandt wissen, der sogleich begann den Kopf zu schütteln.
>>Das glaubt ihr mir sowieso nicht.<<
Torkelnd folgten Chris, Bastian und Matthias Sev zurück ins Wohnzimmer, wo sie erstmal im Türrahmen stehen blieben und versuchten aus dem Bild, das sich ihnen bot schlau zu werden. Sam, Pia und Maria saßen, oder lagen – es war nicht genau zu definieren – auf den Boden, hatten hochrote Gesichter und quiekten vor sich hin.
>>Was tun diedn da?<<, fragte Matthias leicht entsetzt.
>>Keine Ahnung, sie haben vor zehn Minuten damit angefangen und nicht mehr aufgehört<<, erklärte Sev schulterzuckend.
>>Und über was redn die?<<, wollte Chris wissen der, so angestrengt er auch lauschte, nicht verstehen konnte, was die Drei so amüsierte.
>>Die erklärn sich wie liiieb sie sich haben! Eigentlich sagn die nur „Iiiihh“, „jaaaa“ und „hnnnn“ aber das is Subtext!<<, analysierte Bastian gekonnte und löste damit ein bewunderndes Nicken bei seinen männlichen Artgenossen aus.
>>Subtext is ja schön und gut, aber ich sollte Maria echt mal ins Bett bringen, die hat mehr Alkohol intus als David Hasselhoff und ich hab wirklich Angst, dass sie gleich versucht, sich einen Burger ins Gesicht zu klatschen<<, meinte Sev halb im Scherz, halb besorgt. Eigentlich kannte er seine sonst ruhige und introvertierte Freundin nicht in so einem Zustand. Sam und Pia waren anscheinend ansteckend, was aber auch irgendwie amüsant war.
>>Oh weiser Bastian, duuuu der zwei von den drei Winzerköniginnen so gut kennd, mach was!<<, bat Matthias, der mittlerweile auch der Meinung war, dass zu Bett zu gehen wohl das Beste für die Sieben war.
Beherzt aber torkelnd schritt Bastian zur Tat, zog zuerst Maria auf die Beine und ignorierte Pias und Sams Proteste, in Form von wüsten Beschimpfungen die wieder in Subtext verpackt daherkamen, einfach.
Nachdem er Maria Sev übergeben hatte, machte er sich daran die härteste Nuss zu knacken. Pia hatte sich an Sam geklammert und machte keinerlei Anstalten loszulassen. Während sie irgendwas von wegen: „Isch will noch nich schlafn gehn“, murmelte, zog sie Bastian hoch, schulterte sie und übergab sie Matthias, der beinahe umgefallen wäre, weil Pia so zappelte.
Während Chris Matthias abstützte machte sich Bastian auf und zog auch Sam – die ziemlich desorientiert am Boden saß – auf und hob sie hoch. Grinsend sah er ihr dabei zu, wie sie ihn zuerst erschrocken musterte und dann müde mit den Augenliedern klimperte.
>>Dich behald ich selbst!<<, stellte Bastian grinsend fest und drehte sich mit Sam im Arm um.
>>Hey!<<, protestierte Chris, der eigentlich gewartet hatte, bis ihn seine Freundin ausgehändigt wird.
>>Schon gut! Reg dich ap, war nur Spaaaß!<<, entgegnete Bastian noch immer grinsend und hielt Sam, Chris entgegen.
>>Dann lass doch looooos!!<<, rief Chris und zerrte an Sam, die Bastian noch immer nicht losließ. Erst als die Blonde plötzlich wütend protestierte, ließen Beide erschrocken von ihr ab – gleichzeitig. Sam knallte unsanft auf den Boden und beschwerte sich sogleich lautstark.
>>Ihr habt sie doch nich mehr alle!<<
>>Schuldige, Prinzessin!<<, meinte Chris schließlich und half Sam wieder auf.
>>Ich hab echt keine Lusd mähr auf diesn Schwachsinn!<<, schimpfte Sam und torkelte in Richtung Couch.
>>Ihr seid sooo dämlich, alle Beide! Da lässd man euch ma fünf Sekundn allein und schon lässsst ihr mich…dings…ehm fallen!<<
Gleich nachdem Sam ihre relativ sinnfreie Ansprache beendete hatte, machte sie auch schon die Augen zu.
>>Na dann wünsch ich euch eine gute Nacht!<<, verkündete Sev amüsiert und machte sich mit Matthias und ihren Anhängseln auf den Weg ins Schlafzimmer. Die „Gästematratze“ hatte der Schwarzhaarige schon in weiser Voraussicht vor Matthias Bett ausgebreitet – das Schlafzimmer war der einzige Raum, der groß genug dafür war. Auch Bastian schlich nachdem er Sam doch noch hergegeben hatte aus dem Wohnzimmer. Chris fiel erst jetzt auf, dass er ganz schön einen in der Krone hatte. Eigentlich hielt er nicht viel von Alkohol, zumal er die Menschen dazu nötigte, die seltsamsten Dinge zu tun, aber heute Abend passte es einfach. Zufrieden und müde, zog er die Couch aus, sodass sie beinahe so groß wie ein Doppelbett war. Sam legte sich sofort quer darüber und röchelte leise vor sich hin. Behutsam drehte er sie so, dass er sich dazulegen konnte, zog sein T-Shirt aus – wäre dabei fast umgefallen – und ließ sich ins provisorische Bett fallen. Er legte seine Arme um Sam und zog sie an sich. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, das Licht auszumachen. Zum Glück kam gerade Bastian aus dem Badezimmer.
>>Hey, kannst du mal das Licht ausmachn?<<, bat Chris und rieb sich die blauen Augen.
>>Klar!<<, entgegnete Bastian widerstandslos und ließ seinen Worten Taten folgen.
Froh über die unkomplizierte Abwicklung des Lichtproblems schloss Chris die Augen und atmete den Duft von Sams Haaren ein. Er wäre auch ganz schnell dem Schlaf verfallen, hätte ihn nicht die Tatsache, dass sich jemand einfach auf die andere, freie Seite neben Sam gelegt hatte, wach gehalten.
>>Das is jetzt nich dein Ernst?!<<, meinte Chris ebenso monoton wie wütend.
>>Was?! Wo soll ich denn deiner Meinung nach schlafn?<<, maulte Bastian zurück und verschränkte bockig die Arme hinter dem Kopf.
>>Nich bei mir!<<
>>Genau genommen, schlaf ich auch neben Sam!<<
>>Da sollst du schon gar nicht schlafen!<<
>>Ach, schlaf doch einfach du betrunkenes Museumsdings!<<
>>Ich geb dir gleich Museumsdings, geh von Sam weg!<<
>>Ich hab schon tausendmal neben Sam geschlafen!<<
>>Willst du mich noch wütender machen?<<
>>Was denn? Hast du Angst, dass ich sie befummele, während du daneben liegst!<<
>>Ja!<<
>>Haltet endlich die Klappe!<<
Sam war von dem Geschreie von Chris und Bastian wach geworden und darüber anscheinend ziemlich sauer. Fluchend richtete sie sich auf, stieg über Chris und legte sich so weit wie möglich nach innen.
>>So! Jetzt könnt ihr euch von mir aus befummeln wie ihr wollt, solange ihr mich endlich schlafen lasst!<<
>>Aber…<<, wollte Bastian einwerfen, der nun unangenehm nah, neben Chris liegen musste.
>>Nichts aber! Klappe halten! Schlafen! Jetzt!<<
Auch Chris wollte protestieren, aber Sam schien wirklich nicht in der Stimmung für eine Debatte zu sein. Eng schmiegte sich der Blonde an sie und auch Bastian legte sich so weit von Chris weg, wie es das provisorische Bett zuließ.
>>Nimm deine Hand da weg!<<, flüsterte Chris drohend aber leise, da er mittlerweile doch ein wenig Respekt vor der schlafenden Sam hatte.
>>Wo soll ich denn damit hin? Soll ich sie mir abkauen?!<<
>>Das wär doch was!<<
>>Schlaf gut O´Schwachkopf, hab dich lieb!<<
>>O mein Gott…<<
Sam lauschte Bastian und Chris ungewollt noch bis sie endlich still waren. Insgeheim musste sie grinsen. Im Grunde – und das würden sich die Beiden auch bald eingestehen müssen – verstanden sie sich von Mal zu Mal besser. Es würde vielleicht seine Zeit dauern, aber irgendwann würden sich die Beiden zusammenraufe, da war sie sich sicher. Bis dahin konnte sie sich zumindest über ihre Kabbeleien amüsieren. In jedem Fall war Sam furchtbar dankbar für jeden von ihnen und hätte keinen der Beiden um keinen Preis der Welt hergegeben.

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